{"id":3589,"date":"2018-05-25T13:15:30","date_gmt":"2018-05-25T11:15:30","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3589"},"modified":"2018-05-25T13:15:30","modified_gmt":"2018-05-25T11:15:30","slug":"sturm-in-der-staubglocke-neun-tage-streik-der-lehrerinnen-oklahomas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3589","title":{"rendered":"\u00bbSturm in der Staubglocke\u00ab \u2013 Neun Tage Streik der LehrerInnen Oklahomas"},"content":{"rendered":"<p><em>Samantha Winslow.<\/em> Direkt im Windschatten des Streiks in West Virginia haben die LehrerInnen Oklahomas im April ihren eigenen, neunt\u00e4gigen Streik gef\u00fchrt. Schon die blo\u00dfe Androhung einer Arbeitsniederlegung<!--more--> brachte den Gesetzgeber dazu, Lohnerh\u00f6hungen von durchschnittlich 6.000 US-Dollar pro Jahr zu beschlie\u00dfen. Aber die Lehrkr\u00e4fte forderten mehr, um Jahrzehnte der Einschnitte zu kompensieren.<\/p>\n<p>In Oklahoma allerdings kamen die Mitglieder \u2013 anders als in West Virginia \u2013 wieder in die Schulen zur\u00fcck, als die Gewerkschaftsf\u00fchrung des Bundesstaates sie dazu aufforderte, obwohl der Gesetzgeber sich nicht weiter bewegt hatte.<\/p>\n<p>LehrerInnen und Bildungs-Gewerkschaften hatten jahrelang Druck auf Abgeordnete gemacht, um die Finanzierung staatlicher Schulen zu verbessern, waren damit aber nicht weit gekommen. Inspiriert durch den Aufstand, der in diesem Fr\u00fchling West Virginia und andere Bundesstaaten erfasste, gr\u00fcndeten LehrerInnen in Oklahoma Facebook-Gruppen wie \u00bbLehrerstreik Oklahoma \u2013 Die Zeit ist reif!\u00ab und fingen an, f\u00fcr einen Streik in ihrem Bundesstaat zu werben. Die\u00a0<em>Oklahoma Education Association<\/em>, die gr\u00f6\u00dfte Gewerkschaft des Bundesstaates, setzte zun\u00e4chst eine Deadline f\u00fcr Ende April, aber auf Druck der LehrerInnen wurde ihr Streik um zwei Wochen auf den 2. April vorverlegt, um ihn an einheitlichen Pr\u00fcfungsterminen auszurichten. Oberschulr\u00e4te im ganzen Bundesstaat unterst\u00fctzten den Streik durch die Schlie\u00dfung von Schulen.<\/p>\n<p><strong>Ein trostloses Bild<\/strong><\/p>\n<p>Das Durchschnittsgehalt von LehrerInnen in Oklahoma liegt im Vergleich der 50 Bundesstaaten auf dem allerletzten Platz \u2013 und seit zehn Jahre haben sie keine Erh\u00f6hung mehr gesehen. Die staatlichen Ausgaben pro Sch\u00fclerIn sind nach Angaben des linksliberalen\u00a0<em>Center for Budget and Policy Priorities<\/em>\u00a0seit 2008 um 28 Prozent zur\u00fcckgegangen.<\/p>\n<p>Mit Fotos in den sozialen Medien und in der Presse deckten LehrerInnen die Konsequenzen der Unterfinanzierung auf: kaputte Tische und St\u00fchle oder zerfledderte Lehrb\u00fccher, in denen George W. Bush als aktueller Pr\u00e4sident angegeben wird. LehrerInnen verbreiteten ihre Geschichten dar\u00fcber, wie sie in zwei, drei oder sogar vier Jobs arbeiten, um ihre Rechnungen zu zahlen.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften forderten eine Lohnerh\u00f6hung von 10.000 Dollar f\u00fcr LehrerInnen und 5.000 Dollar f\u00fcr andere Besch\u00e4ftigte an Schulen. Au\u00dferdem verlangten sie 200 Millionen f\u00fcr einen \u00bbKlassenzimmerfonds\u00ab, aus dem mehr Personal, neue B\u00fccher und Geb\u00e4udeinstandsetzungen bezahlt werden sollten.<\/p>\n<p>Ein ganzes Jahrzehnt hindurch hat Okla\u00adhoma durch Steuersenkungen sch\u00e4tzungsweise 350 Millionen Dollar pro Jahr verloren. Zwanzig Prozent der Distrikte haben die Schulwoche auf vier Tage reduziert und schlie\u00dfen die Schulen am Freitag. In ganz Oklahoma behelfen die Schulen sich mit gr\u00f6\u00dferen Klassen, weniger Mitteln und weniger erfahrenen LehrerInnen, von denen viele nur notd\u00fcrftig ausgebildet sind und wenig bis gar keine Erfahrung im Klassenzimmer haben. \u00bbIm Moment k\u00f6nnen LehrerInnen kreative Unternehmungen mit ihren Klassen nur finanzieren, wenn sie es mit Crowdfunding im Internet versuchen. Unterrichtseinheiten im Labor sind nur m\u00f6glich, wenn die Lehrerin irgendwie Geld daf\u00fcr auftreibt\u00ab, sagt die Vorsitzende der Tulsa Classroom Teachers Association, Patti Ferguson-Palmer. Oklahoma sei unter Lehrkr\u00e4ften als \u00bbStaubglocke des Geistes\u00ab bekannt, so Ferguson-Palmer. \u00bbWir verlieren all die klugen K\u00f6pfe an andere Bundesstaaten\u00ab, sagt sie. \u00bbWir hatten hier mehr K\u00fcrzungen bei den staatlichen Schulen als irgendwo anders im ganzen Land.\u00ab<\/p>\n<p>Die Organisierung f\u00fcr den Ausstand hatte Z\u00fcge eines Erwachens, insbesondere f\u00fcr neuere LehrerInnen, die vor den zerst\u00f6rerischen K\u00fcrzungen noch nicht da waren. \u00bbJetzt wissen wir, dass wir mehr haben k\u00f6nnen\u00ab, meint Aaron Baker, Geschichtslehrer im Mid Del-Distrikt bei\u00a0 Oklahoma City. \u00bbWir haben eine ausreichende Personalausstattung verdient.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Capitol-Proteste<\/strong><\/p>\n<p>Im Vorfeld des Streiks am 2. April verabschiedete der Gesetzgeber einen Bildungsetat von 2,9 Milliarden Dollar, der durchschnittliche Lohnerh\u00f6hungen von 6.000 Dollar f\u00fcr LehrerInnen und 1.250 Dollar f\u00fcr andere Angestellte an den Schulen vorsah. Aber die LehrerInnen und ihre \u00fcberregionalen Gewerkschaften \u2013 die OEA als Ableger der\u00a0<em>National Education Association<\/em>\u00a0(NEA) repr\u00e4sentiert die meisten Distrikte, aber die LehrerInnen in Oklahoma City sind in der\u00a0<em>American Federation of Teachers<\/em>\u00a0(AFT) \u2013 hielten uneingeschr\u00e4nkt an ihren Forderungen fest.<\/p>\n<p>Neun Tage lang war die Mehrheit der Sch\u00fclerInnen Oklahomas nicht in der Schule. Jeden Tag protestierten tausende LehrerInnen vor dem Capitol und f\u00fcllten es\u00a0 von innen, um Abgeordnete dazu zu bringen, Steuern zu erh\u00f6hen und so ihre Forderungen zu finanzieren. Stephanie Price, Sprachtherapeutin aus dem Moore-Distrikt, war nahezu jeden Tag vorm Capitol. \u00bbDer Gemeinschaftssinn war wirklich beeindruckend\u00ab, sagt sie. \u00bbIch hatte Begegnungen mit Lehrern und Lehrerinnen von \u00fcberall, die von Angesicht zu Angesicht \u00fcber ihre gemeinsamen Interessen sprachen.\u00ab Die lokale Gliederung von Tulsa organisierte einen siebent\u00e4gigen Marsch in die Hauptstadt, an dem 700 Leute zumindest f\u00fcr Teile der 100-Meilen-Strecke teilnahmen.<\/p>\n<p>Die LehrerInnen hielten an den Zahlen fest, die ihnen bei Beginn des Arbeitskampfes versprochen worden waren. Nach neun Tagen allerdings waren sie noch nicht in der Lage gewesen, das republikanisch dominierte Parlament zur n\u00f6tigen 75-prozentigen Bef\u00fcrwortung der zus\u00e4tzlichen Steuererh\u00f6hungen zu bewegen. In dieser Situation gab die\u00a0<em>Oklahoma Education Association<\/em>\u00a0das Ende des Streiks bekannt, und dass es die n\u00e4chste Strategie der Gewerkschaft sei, neue Abgeordnete zu w\u00e4hlen, die der Finanzierung des Bildungssystems Priorit\u00e4t einr\u00e4umen.<\/p>\n<p><strong>Kandidatenschlange<\/strong><\/p>\n<p>Es ist nicht klar, ob eine Fortsetzung des Streiks die Abgeordneten dazu gebracht h\u00e4tte, die Forderungen der LehrerInnen zu finanzieren. Aber einige TeilnehmerInnen waren nicht gl\u00fccklich mit dem abrupten Ende des Streiks. \u00bbDie Mitglieder hatten den Eindruck, dass unsere Stimme nicht geh\u00f6rt wurde\u00ab, sagt Lori Burris, Vorsitzende des Mid Del-Locals der OEA. \u00bbWir wurden nicht gefragt. Das hat die Leute w\u00fctend gemacht.\u00ab<\/p>\n<p>Ein Silberstreif am Horizont Oklahomas ist, dass sich dieses Jahr eine Rekordzahl von 794 KandidatInnen um \u00c4mter im Bundesstaat und auf Bundesebene bewirbt, von denen 30 OEA-Mitglieder sind. W\u00e4hrend der Proteste bildeten sich lange Schlangen, in denen TeilnehmerInnen auf ihre Erfassung warteten, um gegen Abgeordnete anzutreten, die es gewohnt sind, ohne Konkurrenz ins Rennen zu gehen. \u00bbLeute, die ich nicht als F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten eingesch\u00e4tzt h\u00e4tte, und auch nicht als organisierungsbereit, sind aus ihren Sitzen aufgesprungen und sofort voll durchgestartet\u00ab, sagt Baker. \u00bbWir hatten auch Leute, die sich selbst kein bisschen als politisch bezeichnet h\u00e4tten, die jetzt Termine mit Abgeordneten machen, um mit ihnen zu diskutieren.\u00ab<\/p>\n<p><strong>N\u00e4chste Schritte<\/strong><\/p>\n<p>Welche Erfolge die LehrerInnen erzielen konnten, ist immer noch unklar. W\u00e4hrend der Gesetzgeber \u00fcberwiegend regressiv wirkende Verkaufssteuern \u2013 einschlie\u00dflich einer Zigaretten- und einer Kasinosteuer \u2013 eingef\u00fchrt hat, um die Erh\u00f6hungen zu zahlen, hat er auch der \u00d6l-und Gasindustrie einen beachtlichen Steuerbetrag (158 Millionen) auferlegt.<\/p>\n<p>Republikanische AktivistInnen sammeln bereits Unterschriften f\u00fcr eine Volksabstimmung, um diese Steuererh\u00f6hungen zu stoppen. Daf\u00fcr brauchen sie nur 40.000 Unterschriften.<\/p>\n<p>Unterdessen stehen die Lehrkr\u00e4fte Oklahomas, zur\u00fcck am Arbeitsplatz, vor der gleichen kniffligen Aufgabe wie die anderen LehrerInnen im ganzen Land: Wie erreicht man genug Macht und eine ausreichende Hebelwirkung, um die Parlamente dazu zu bringen, die politisch gewollte Unterfinanzierung im \u00f6ffentlichen Bildungssystem r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen? \u00bbUm Wirkung zu erzielen, musst Du Dir \u00fcber Deine Forderungen im Klaren sein, und Du musst deutlich machen, dass Du nicht weggehen wirst\u00ab, sagt Prince. \u00bbWir waren ihnen gegen\u00fcber nicht unbequem genug.\u00ab<\/p>\n<p>LehrerInnen sind in einem bislang nicht gekannten Ausma\u00df aktiviert worden, es stellt sich also die Frage, wie diese Energie zu kanalisieren ist. \u00bbWenn ich vor vier Monaten zu einer Mitgliederversammlung eingeladen habe, war ich froh, wenn 20 Leute gekommen sind\u00ab, sagt Burris. \u00bbJetzt g\u00e4be es nur noch Stehpl\u00e4tze, und alle h\u00e4tten was zu sagen.\u00ab<\/p>\n<p><strong><em>Samantha Winslow<\/em><\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><em>\u00dcbersetzung: Stefan Schoppengerd, aus Labor Notes, Online-Ausgabe vom 27. April 2018<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/usa\/arbeitskaempfe-usa\/schulstreik-usa\/sturm-der-staubglocke-neun-tage-streik-der-lehrerinnen-oklahomas\/\"><em>express.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 25. Mai 2018 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samantha Winslow. Direkt im Windschatten des Streiks in West Virginia haben die LehrerInnen Oklahomas im April ihren eigenen, neunt\u00e4gigen Streik gef\u00fchrt. 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