{"id":3601,"date":"2018-05-28T16:46:16","date_gmt":"2018-05-28T14:46:16","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3601"},"modified":"2018-05-28T16:46:34","modified_gmt":"2018-05-28T14:46:34","slug":"nach-den-sozialen-protestdemonstrationen-gegen-macron-wie-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3601","title":{"rendered":"Nach den sozialen Protestdemonstrationen gegen Macron: Wie weiter?"},"content":{"rendered":"<p><em>Bernard Schmid. <\/em>Aller Anfang ist schwer. Bei dieser Demonstration allerdings war es zun\u00e4chst vor allem schwer, zu bestimmen, wo sie genau anfing. An diesem Samstag Nachmittag (26.05.18) begann sie zun\u00e4chst,<!--more--> tr\u00f6pfchenweise einzutreffen, wenn man \u2013 wie der Verf. dieser Zeilen \u2013 irgendwo auf halbem Wege zwischen der Pariser\u00a0<em>place de la R\u00e9publique\u00a0<\/em>und der\u00a0<em>place de la Bastille<\/em>\u00a0Aufstellung bezog, um den Protestzug in G\u00e4nze sehen zu k\u00f6nnen. Letzterer war, offiziell um 14.30 Uhr (etwas Versp\u00e4tung ist immer drin), bei der Gare de l\u2019Est, also beim Pariser Ostbahnhof, losgelaufen. Da der Verfasser auf dem Weg zu seinem Beobachtungsort selbst zwischen 14.30 und 15 Uhr am Ostbahnhof vorbeizog, lie\u00df sich bereits ermessen, dass die Demonstration nicht g\u00e4nzlich klein ausfallen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Unorganisierte Demobl\u00f6cke, Individuen, kleine Gruppen fingen schon gegen 15.30 Uhr an, auf der H\u00f6he des Cirque d\u2019Hiver (Winterzirkus) genannten Geb\u00e4udes in der N\u00e4he der\u00a0<em>place de la R\u00e9publique<\/em>\u00a0vorzuziehen. Kurz vor 16 Uhr traf dann der, inzwischen bei vergleichbaren Demonstrationen \u201eunvermeidlich\u201c gewordene, schwarze Block mit einem Pulk von rund 500 schwarzvermummten Personen ein und suchte relativ offensiv Scharm\u00fctzel mit der in den Seitenstra\u00dfen positionierten Polizei. Diese hatte an dem Tag 1.400 Uniformierte mobilisiert und, im Vorfeld bereits \u00fcber die Medien angek\u00fcndigte, mehr oder minder umfangreiche Taschenkontrollen bei den Zug\u00e4ngen zur Demonstration vorgenommen, wie der Verf. auf dem Boulevard Magenta (welcher am Ostbahnhof vorbeif\u00fchrt) selbst erleben konnte. Der Pulk der Schwarzkittel zeigte dennoch Pr\u00e4senz. Einige Schaufenster wurden jedoch erst \u201estromabw\u00e4rts\u201c, kurz vor Eintreffen auf der\u00a0<em>place de la R\u00e9publique<\/em>, in Mitleidenschaft gezogen und noch nicht zu Anfang. Auf der H\u00f6he des Bastille-Platzes \u2013 dem Ort des Abschlusses der Demonstration \u2013 detonierten dann einige Zeit lang mehrfach Reizgasgranaten der Polizei.<\/p>\n<p>Ab circa 16 Uhr traf dann das Gros der \u00fcbrigen (nicht vermummten) Demonstration ein. Ihr Vorbeiziehen am Fixpunkt dauerte circa eine Stunde und vierzig Minuten. Der Boulevard (Beumarchais) war an dieser Stelle zwar relativ breit, dennoch liefen nie mehr als zwanzig Personen gleichzeitig auf der H\u00f6he eine Reihe vorbei, und die Demonstration wies einige L\u00f6cher auf bzw. blieb wegen davor sich abspielender Scharm\u00fctzel mehrfach stehen. Insofern l\u00e4sst sich die Teilnehmer\/innen\/zahl realistisch auf circa 40.000 beziffern. Am Abend sprach das franz\u00f6sische Innenministerium von \u201e21.000\u201c Teilnehmer\/inne\/n in Paris, der Gewerkschaftsdachverband CGT offiziell von \u201e80.000\u201c. Ein Medienkollektiv (<em>Occurrence<\/em>) bezifferte die Teilnehmerzahl seinerseits auf 31.700.<\/p>\n<p>Da die leicht gro\u00dfspurig als\u00a0<em>mar\u00e9\u00e9 populaire<\/em>\u00a0(ungef\u00e4hr<em>: \u201eVolksflut\u201c<\/em>\u00a0\u2013 Schei\u00df\u00fcbersetzung aber auch, nein nein, der deutsche \u201eVolks\u201cbegriff ist gl\u00fccklicherweise weit entfernt, \u201eVolkssturm\u201c, \u201eVolksunion\u201c und \u00e4hnlicher Dreck auch -, oder eher mit\u00a0<em>\u201eMenschenmeer aus den gesellschaftlichen Unterklassen\u201c<\/em>\u00a0zu \u00fcbersetzen) angek\u00fcndigte Protestmobilisierung fand jedoch nicht nur in Paris, sondern in ganz Frankreich statt. Auf das gesamte Frankreich bezogen, sprach die CGT am Samstag Abend von \u201e280.000\u201c Demonstrierenden, das franz\u00f6sische Innenministerium hingegen von \u201e93.315\u201c; das klingt, als habe es genau gerechnet. (Vgl.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.lefigaro.fr\/flash-actu\/2018\/05\/26\/97001-20180526FILWWW00146-maree-populaire-93315-manifestants-dans-toute-la-france.php\">\u201eMar\u00e9e populaire\u201c: 93.315 manifestants dans toute la France\u201c am 26. Mai 2018 in Le Figaro<\/a>). \u00a0Mangels eigener Anschauung aus anderen St\u00e4dten au\u00dferhalb von Paris m\u00f6chte der Autor dieser Zeilen dazu nicht genau Stellung beziehen. Aus manchen St\u00e4dten erstaunen die Unterschiede zu den Zahlenangaben dann doch, bezogen auf Marseille spricht die Polizei von \u201e4.500\u201c und die CGT offiziell von \u201e60.000\u201c Demonstrierenden, wobei die Realit\u00e4t wohl einem\/r Augenzeugen\/in ins Auge stechen d\u00fcrfte\u2026 Doch der Verfasser war nicht vor Ort in der Mittelmeermetropole\u2026<\/p>\n<p>Allerdings steht es dem Autor offen, in Anbetracht einer Gesamtmobilisierung von real wohl zwischen 100.000 und 200.000 bezogen auf das ganze Frankreich die Einsch\u00e4tzung zu treffen, dass es nicht um eine der st\u00e4rksten Protestmobilisierung der letzten Jahre handelt. Zuletzt wurde eine knappe Million an Teilnehmer\/inne\/n bei einer sozialen Protestmobilisierung (in ganz Frankreich) wohl am 31. M\u00e4rz 2016 beim Protest gegen das \u2013 im August 2016 dann in Kraft getretene \u2013 \u201eArbeitsgesetz\u201c unter Fran\u00e7ois Hollande erreicht. Und, ja, eine Million Demonstrant\/inn\/en auf einem Fleck hat es in Paris auch schon gegeben, zuletzt wohl am 27. Mai 2003, damals ging es um eine Renten\u201ereform\u201c unter der Regierung Raffarin ( der Verf. berichtete damals dar\u00fcber f\u00fcr Labournet.de ). Genau f\u00fcnfzehn Jahre ist\u2019s her.<\/p>\n<p>Die (b\u00fcrgerliche) Medienberichterstattung fokussierte sich, wie in den letzten Wochen \u00fcblich, einmal mehr ziemlich stark auf die Frage\u00a0<em>\u201eGewalt oder nicht?\u201c<\/em>, die \u2013 aus erheblich anderen Motiven \u2013 auch f\u00fcr Teile des linksradikalen und vor allem anarchistischen Spektrums seit M\u00e4rz 2016 ebenfalls die einzig interessante Frage im Zusammenhang mit Protestdemonstrationen darzustellen scheint. Am Abend wurden 43 vor\u00fcbergehend Festnahmen aus Paris vermeldet (vgl.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.lefigaro.fr\/flash-actu\/2018\/05\/26\/97001-20180526FILWWW00152-maree-populaire-43-interpellations-a-l-issue-de-la-manifestation-a-paris.php\">\u201eMar\u00e9e populaire\u201c: 43 interpellations \u00e0 l\u2019issue de la manifestation \u00e0 Paris\u201c am 26. Mai 2018 in Le Figaro\u00a0<\/a>) zum Teil \u201enur\u201c zur Personalienfeststellung, doch 26 Personen wurden auch in polizeilichen Gewahrsam genommen. Neun von ihnen befanden sich dort in der Nacht vom Sonntag zum Montag noch immer.<\/p>\n<p>Zu den unbestreitbaren Erfolgen im Zusammenhang mit dieser Protestmobilisierung z\u00e4hlt, dass einige durch Organisationen gezogene Grenzen und Blockadeelemente in ihrem Vorfeld fielen. Seit den sp\u00e4ten 1990er Jahren weigerte sich die Leitung des Gewerkschaftsdachverbands CGT i.d.R. standhaft, dann zu sozialen Protestdemonstrationen aufzurufen, wenn politische Organisationen zu ihnen die Initiative ergriffen hatten oder auch als (Mit-)Anmelder\/innen relativ stark im Vordergrund zu stehen schienen. Erstmals machte sich dies im Vorfeld der Demonstration in Paris gegen Massenentlassungen beim Automobilhersteller Michelin am 16. Oktober 1999 bemerkbar. Dazu hatte seinerseits die (damals im Kabinett von Lionel Jospin mitregierende, und als Bettvorleger der Regierungssozialdemokratie dienende) franz\u00f6sische KP unter ihrem damaligen Gartenzw.., pardon: Chef Robert Hue urspr\u00fcnglich aufgerufen. Die Idee zu der Demo als solche war verdienstvoll, auch wenn die Regierungspartei von Robert Hue dadurch wohl auch von ihrer Ohnmacht gegen\u00fcber der realen Macht des Kapitals in ihren Ministerien freundlich abzulenken versuchte. Doch die strikte Weigerung der CGT, zu der Mobilisierung mit aufzurufen, weil eine politische Kraft dazu die Initiative ergriffen hatte, schw\u00e4chte die Mobilisierung zu dieser Frage erheblich \u2013 statt zu versuchen, die Mobilisierung weiterzutreiben und dadurch der Kontrolle durch eine mitregierende Partei de facto zu entziehen.<\/p>\n<p>Seitdem blieb die CGT stets offiziell bei dieser Linie. Einerseits handelte es sich dabei von ihrer Seite her um ein St\u00fcck Emanzipation, denn bis zum franz\u00f6sischen KP-Parteitag im Dezember 1996 im Pariser Gesch\u00e4ftsviertel La D\u00e9fense geh\u00f6rte der jeweilige CGT-Generalsekret\u00e4r bis dahin stets automatisch dem KP-Parteivorstand an \u2013 und die Partei \u00fcbte bis zu diesem Zeitpunkt einen bestimmenden Einfluss auf ihre Gewerkschaftspolitik aus. (Ja, das ist heute vor\u00fcber.) Allerdings war die strikte Trennung, die die CGT ab diesem Zeitraum ausrief und auch im Hinblick auf die Pr\u00e4senz in sozialen Protestbewegungen mehr oder minder eingehalten wurde, in der Folgezeit auch ein Faktor der Schw\u00e4chung gesellschaftlicher Opposition.<\/p>\n<p>Dieses Mal war es nun jedoch anders: Sowohl politische Parteien, unter ihnen in medial beherrschender Stellung die linkssozialdemokratische und in Teilen linksnationalistische Wahlplattform\u00a0<em>La France insoumise<\/em>\u00a0(LFI; ungef\u00e4hr: \u201eDas aufs\u00e4ssige Frankreich\u201c) unter Jean-Luc M\u00e9lenchon, als auch die CGT sowie die beiden Gewerkschaftszusammenschl\u00fcsse Solidaires (linke Basisgewerkschaften) und FSU (Gewerkschaften im Bildungssektor) riefen nebeneinander als prominente Unterst\u00fctzer\/innen zur der samst\u00e4glichen Demo auf.<\/p>\n<p>Real war LFI an diesem 26. Mai 18 erheblich weniger optisch pr\u00e4sent, ja dominant als bei der letzten berufsgruppen\u00fcbergreifenden Protestdemo vom Samstag, den 05.05.18 in Paris (zu welcher damals allerdings frankreichweit und nicht nur regional durch die Partei mobilisiert worden war, ein Unterschied zum 26.05.18). Damals hatte LFI massiv Stellschilder \u00fcber die gesamte Demonstration verteilt. Dieses Mal war die gewerkschaftliche Komponente erheblich st\u00e4rker vertreten; ein Drittel bis die H\u00e4lfte des Protestzugs stellte allein die CGT mit ihren Kreisverb\u00e4nden im Pariser Raum.<\/p>\n<p>Doch wie geht es nun weiter, w\u00e4hrend an der Streikfront die Bahnbesch\u00e4ftigten weitgehend allein k\u00e4mpfen \u2013 und auch ihr Arbeitskampf nun erheblich abzubr\u00f6ckeln beginnt? Fortsetzung folgt alsbald. Unbedingt!<\/p>\n<p><em>Siehe dazu auch:\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/?p=132633\"><em>\u201eFlut der Unterklassen\u201c in beinahe 200 Orten quer durch Frankreich: Was war das?<\/em><\/a><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/frankreich\/gewerkschaften-frankreich\/wie-weiter-nach-der-volksflut-in-frankreich\/\">labournet.de&#8230;<\/a> vom 28. Mai 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernard Schmid. Aller Anfang ist schwer. Bei dieser Demonstration allerdings war es zun\u00e4chst vor allem schwer, zu bestimmen, wo sie genau anfing. 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