{"id":3612,"date":"2018-05-30T09:56:04","date_gmt":"2018-05-30T07:56:04","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3612"},"modified":"2018-05-30T09:58:11","modified_gmt":"2018-05-30T07:58:11","slug":"ueber-1968-als-globales-ereignis-die-chancen-und-das-versagen-der-linken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3612","title":{"rendered":"\u00dcber \u00bb1968\u00ab als globales Ereignis, die Chancen und das Versagen der Linken"},"content":{"rendered":"<p><em>Stefan Bollinger. <\/em>Geschichtsschreibung ist ein wunderlich Ding. Historische Ereignisse werden befragt in der Hoffnung, dort Antworten auf Gegenwartsprobleme zu finden, sich inspirieren zu lassen<!--more--> oder gewarnt zu werden. Bei historischen Bestandsaufnahmen sollte man sich allerdings auch immer die M\u00fche machen, den sch\u00f6nen Schein der Erinnerung zu entzaubern. Je nach politischer Konjunkturlage m\u00fcssen in der alten Bundesrepublik gef\u00fchlt Millionen junger Menschen auf der Stra\u00dfe gewesen sein unter Mao- oder Che-Bildern. Vielleicht haben sie aber doch eher die neuen Freiheiten einer offeneren Lebensweise genutzt? Im Osten soll es nicht nur Florian Havemann mit seinen Flugbl\u00e4ttern gewesen sein, der den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen verurteilte, sondern es soll unz\u00e4hlige gegeben haben, die durch den \u00bbPrager Fr\u00fchling\u00ab und sein gewaltsames Ende politisiert und traumatisiert wurden. Auch hier w\u00e4re N\u00fcchternheit hilfreich, ebenso aber auch das Augenmerk darauf, wann Ereignisse der Vergangenheit in einer politischen Gegenwartssituation \u2013 etwa im Herbst 1989 \u2013 tats\u00e4chlich neue Identit\u00e4ten stiften konnten.<\/p>\n<p><strong>Den Blick weiten<\/strong><\/p>\n<p>Je weiter die Ereignisse weg sind, umso besser, da k\u00f6nnen die Zeitzeugen nicht st\u00f6ren. Wir sind hier, um \u00fcber jene Ereignisse nachzudenken, die vor einem halben Jahrhundert die Westberliner, die Westdeutschen, die Westeurop\u00e4er bewegten \u2026<\/p>\n<p>Doch halt, f\u00e4ngt hier nicht schon der Irrtum an? War es nicht ein globales Ereignis, das sicher auch mit \u00bbKommune 1\u00ab, mit sexueller Revolution, mit \u00bbEnteignet Springer\u00ab zu tun hatte, aber ein doch recht bescheidener Teil eines viel globaleren Problems \u2013 oder gar mehrerer.<\/p>\n<p>Deutsche, westdeutsche Selbst\u00fcberhebung im Guten wie im Schlechten hilft da nicht unbedingt weiter. Auch wenn diese besondere Melange eines noch konservativ gepr\u00e4gten Westdeutschlands des Wirtschaftswunders, der Adenauer und Erhard mit ihrer unbew\u00e4ltigten Vergangenheit und ihrer Nibelungentreue zum neuen US-amerikanischen Verb\u00fcndeten kritische K\u00f6pfe aufbegehren lie\u00df.<\/p>\n<p>F\u00fchrt es nicht in die Irre, wenn wir die neuartigen Kampfformen, die Sit-ins, die Teach-ins, die Jugendlichkeit der Rebellion in den Fokus nehmen und die damaligen Jahre nur darauf abklopfen, wer alles \u00e4hnliche Kampf- und Aktionsformen verwandte?<\/p>\n<p>Und reden wir tats\u00e4chlich nur \u00fcber das Jahr 1968 und reduzieren es auf den Pariser Mai und das Rollen der sowjetischen Panzer gegen den \u00bbPrager Fr\u00fchling\u00ab, ohne recht zu wissen, ob das studentische Prager \u00bbMehr Licht!\u00ab wirklich identisch war mit den Ho-Ho-Ho-Chi-Minh-Rufen des Vietnam-Kongresses in Westberlin?<\/p>\n<p>Offenbar ist es hilfreich, den Blick zu weiten auf eine \u00bbChiffre 1968\u00ab, in der sicher das Ereignisjahr eine wichtige Rolle spielt, aber f\u00fcr einen Zeitraum von wohl zwei Jahrzehnten steht. In diesem Zeitraum verabschiedete sich die Welt von den Gewissheiten eines Jahrhunderts, von den Gewissheiten eines fordistisch organisierten Kapitalismus, von den Gewissheiten eines allein sowjetischen \u2013 und das hie\u00df stalinistisch gepr\u00e4gten \u2013 Staatssozialismus, von den klaren Frontstellungen der System- und Blockkonfrontation mit ihren politischen Akteuren in Ost und West.<\/p>\n<p>Die drei gro\u00dfen Ereignisse des Jahres 1968 fanden in Vietnam, in Paris und in Prag statt. Sie hatten ihren jeweils eigenen Charakter, ihre eigenen Herausforderungen. Ziele, Opfer, Niederlagen und Resultate reichen dennoch weit \u00fcber den Tag hinaus.<\/p>\n<p>Gemeinsam war ihnen \u2013 auch wenn das erst auf den zweiten Blick erkennbar wird: Die Welt trat zu Beginn des Jahrzehnts, nat\u00fcrlich mit Vorl\u00e4ufern, in eine Technologierevolution, oder, wie es im Ostblock mit Anleihe bei Desmond Bernal hie\u00df, in eine wissenschaftlich-technische Revolution ein. Ein Prager Wissenschaftlerteam um Radoslav Richta im Auftrage der regierenden kommunistischen Partei hat diese wissenschaftlich-technische Revolution mit ihren sozialen, \u00f6konomischen, auch individuellen Konsequenzen untersucht und Reformbedarf in Ost wie West ausgemacht, denn auch in Prag dachte man \u00fcber den Wenzelsplatz hinaus. Vor allem aber \u2013 diese wissenschaftlich-technische musste zugleich eine soziale Revolution sein.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Neue Technologien formen auf lange Sicht die Wirtschaft um, intelligenzintensives Arbeiten ver\u00e4ndert die Sozialstruktur, die waffentechnischen Konsequenzen der neuen Techniken bei Nuklear- und Raketenwaffen, Radar und elektronischer Rechenmaschine verschieben Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und machen bisherige Kriegsstrategien obsolet.<\/p>\n<p>Diese neuen Technologien, Produktivkr\u00e4fte, wie Marxisten sagen w\u00fcrden, und nicht nur Produktionsmittel, d.\u2009h. Technik, sondern die Hauptproduktivkraft Mensch einschlie\u00dfend, verlangen nach neuen Formen des Wirtschaftens, der politischen, vielleicht demokratischen Gestaltung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Sie m\u00fcssten den Menschen ver\u00e4ndern, sein Selbstbewusstsein, seine Gestaltungskraft, seinen Bedarf an Gemeinschaftlichkeit und seinen politisch-demokratischen Charakter, idealerweise als (Mit)Eigent\u00fcmer zumindest unter sozialistischen Vorzeichen.<\/p>\n<p>Mit der Tet-Offensive der s\u00fcdvietnamesischen FLN und nordvietnamesischer Truppen wurde erstmals deutlich: Auch eine Supermacht kann selbst gegen ein kleines, aber kampfentschlossenes, opferbereites Volk mit Unterst\u00fctzung potenterer Verb\u00fcndeter nicht gewinnen. Es sei denn, die USA sind bereit, zur Nuklearwaffe zu greifen. Das haben sie aus gutem, weil selbstm\u00f6rderischen Grund bereits in der Berlin-, wie der Kuba-Krise (1961, 1962) vermieden. Die ehemaligen Kolonialv\u00f6lker waren nun \u2013 sicher vor allem \u00f6konomisch eingeschr\u00e4nkt \u2013 in der Lage, eigene Wege zu gehen.<\/p>\n<p>Das imponierte vielen, die im Geiste der kubanischen, chinesischen und vietnamesischen Revolution diesen Aufbruch auch f\u00fcr sich nutzbar machen wollten. Bis dahin unterdr\u00fcckte, ausgebeutete V\u00f6lker verschafften sich auf der Weltb\u00fchne Geh\u00f6r, mit der Dynamik des Beginns von etwas Neuem, das sie Sozialismus nannten oder nationale Befreiungsrevolution. Dass der Blick von au\u00dfen, das neidvolle Aufsaugen des revolution\u00e4ren Elans, verhinderte, auch die Schattenseiten dieser Entwicklungen zur Kenntnis zu nehmen, wurde jedoch in der Folge problematisch.<\/p>\n<p><strong>Problematische Verallgemeinerungen<\/strong><\/p>\n<p>Noch gef\u00e4hrlicher wurde die Verallgemeinerung konkreter Kampferfahrungen unter anderen Bedingungen. Che Guevaras und R\u00e9gis Debrays \u00bbFokustheorie\u00ab mochte in China und Kuba funktionieren, im Kongo wie in Bolivien f\u00fchrte sie in den Abgrund. Die westlichen Wiederg\u00e4nger der Guerillas in Gestalt der Tupamaros, der Roten Brigaden, der Weathermen oder der RAF zeugten vom Hass der K\u00e4mpfenden auf den Imperialismus und von ihrer Opferbereitschaft. Dennoch: Ihr individueller Terror trug wesentlich gemeinsam mit der Infiltration der Gruppen durch Geheimdienste und Medienmanipulation zur Diskreditierung nicht nur westdeutscher 68er bei.<\/p>\n<p>Es bleibt: Vor allem waren der Opfermut und die ungebrochene Siegeszuversicht der Vietnamesen etwas, was selbst in den USA gegen die Politik ihrer Regierung aufr\u00fcttelte und den Krieg unf\u00fchrbar machte. Dank der Medien war zu sehen, dass der Krieg gegen die Vietnamesen nur mit Massakern wie dem in Son My, oder wie die Westler sagen: My Lay, zu gewinnen war. Also ein verbrecherischer Krieg. Die Strahlkraft des \u00bbAmerican way of life\u00ab wurde von Blut verdunkelt. Und dies zu Zeiten, da auch im westlichen Musterland von \u00bbDemocracy and Freedom\u00ab die unterdr\u00fcckten Sklaven hundert Jahre nach ihrer vermeintlichen Befreiung endlich gleichberechtigte Staatsb\u00fcrger sein wollten. Vielleicht m\u00fcssten auch die Entwicklungen in Chile, die 1970 zum Sieg der Unidad Popular f\u00fchrten, in diesem Kontext gesehen werden.<\/p>\n<p>Der Dekolonialisierungsprozess hatte seinen H\u00f6hepunkt erreicht. Die Verschiebungen erm\u00f6glichten auch in den abh\u00e4ngigen Gebieten der Welt politische Aufbr\u00fcche. Am spektakul\u00e4rsten waren wohl die Proteste im Umfeld der Olympischen Spiele 1968 in Mexico Stadt, die mit dem Massaker von Tlatelolco endeten, bei dem Scharfsch\u00fctzen bis zu 300 friedliche Demonstranten t\u00f6teten.<\/p>\n<p>Die neuen Technologien begannen langsam, aber sicher ihre wirtschaftliche Verbreitung, sie erforderten breitere Schulbildung, wissenschaftlichen Vorlauf, Forschung, viele Ingenieure und selbst\u00e4ndig denkende Akademiker. Die Studentenzahlen begannen zu explodieren, die Selbstrekrutierung aus der Akademikerschaft reichte nicht aus, Bildung wurde immer wichtiger.<\/p>\n<p>Nur, die westlichen Gesellschaften waren auf diese Entwicklung nicht vorbereitet. Georg Pichts Wort von der \u00bbBildungskatastrophe\u00ab<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> machte die Runde. Die Studenten (aber auch die Lehrlinge) hatten allen Grund, unzufrieden zu sein \u2013 mit ihrer Lebens- und Studiensituation in \u00fcberf\u00fcllten H\u00f6rs\u00e4len, mit unklaren, offenbar weniger exklusiven Berufsaussichten als ihre V\u00e4ter. Und sie besa\u00dfen ein Sensorium f\u00fcr die Konflikte der Gesellschaft. Menschen- und B\u00fcrgerrechte waren wichtig, wie sie sich schon in den antirassistischen und B\u00fcrgerrechtsforderungen ihrer US-Kommilitonen in Port Huron (1962) manifestierten.<\/p>\n<p>Die Ungerechtigkeiten der herrschenden Politik \u2013 tagt\u00e4glich \u00fcber die Fernsehschirme aus Vietnam her\u00fcberflimmernd \u2013 bewegten und forderten eigenen Protest heraus, auch in der alten BRD. Das galt f\u00fcr die permanente Weigerung, \u00fcber den Faschismus zu reden und die Nazim\u00f6rder zu bestrafen (sie wurden stattdessen pensioniert) sowie \u00fcberhaupt die Toleranz gegen\u00fcber den Neonazis \u2013 zumindest in der BRD. F\u00fcr viele waren dies Anst\u00f6\u00dfe f\u00fcr eine eigene kritische Aneignung linker Theorie und historischer Praxis, wenig vorbelastet von den alten Konflikten zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten. Sie waren gleichzeitig immer offen f\u00fcr linksradikale, anarchische, lebens- und aktionsbetonte Einsichten. Verbissenheit und Sektierertum waren allerdings auch nicht weit. Sie favorisierten einen Sozialismus der Phantasie, des Antietatismus, fern aller Dogmen, oftmals mit der Vorstellung, dass es nicht um die politische Macht oder um disziplinierte Organisation, etwa in den Parteien gehen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Vor allem wollten sie als die k\u00fcnftigen Eliten ernstgenommen werden, auch wenn sie das Wort nicht mochten. Nicht stockkonservative Politiker, hierarchische und patriarchale Strukturen sollten sie bremsen. Sie wollten \u2013 \u00fcbrigens auch im Osten \u2013 als Intellektuelle, als Spezialisten akzeptiert werden und gestalten.<\/p>\n<p>Allerdings erlebten sie nicht nur die herrschenden b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4fte als hemmend, sondern oft auch die Arbeiter. Die waren meist bodenst\u00e4ndiger, wussten, was sie erreicht hatten, und begriffen oft nicht, was die Studenten von ihnen wollten, zumal sie deren Soziologensprache nicht verstanden.<\/p>\n<p>Die Sternstunden waren gemeinsame K\u00e4mpfe gegen das herrschende System \u2013 namentlich im Mai 1968 Frankreich am Rand einer Revolution. Aber diese Sternstunden blieben die Ausnahme, egal, welche Taktiken und Konzepte die Studenten entwickelten. Sie standen mit ihren Flugbl\u00e4ttern vor den Werktoren, brachten sich selbst als \u00bbProletarier\u00ab am Flie\u00dfband ein, und besonders in Italien oder Frankreich halfen sie den Arbeitern bei ihren Versuchen der Selbstverwaltung. All das reichte jedoch nicht.<\/p>\n<p><strong>Nachfordistisches Wirtschaften<\/strong><\/p>\n<p>Die technologischen Ver\u00e4nderungen hatten und haben weit langfristigere Konsequenzen, als zun\u00e4chst abzusehen war. In den Industriestaaten stellte sich die Frage, ob weiter um St\u00fcckzahlen und Tonnen gerungen wird und die Arbeiter den Reichtum produzieren m\u00fcssen. Oder ob die neuen M\u00f6glichkeiten die Rolle der Arbeiter und der Arbeiterklasse schw\u00e4chen werden und sie von qualifizierteren Technikern, Ingenieuren, Akademikern verdr\u00e4ngt werden m\u00fcssen. Die Konsequenzen f\u00fcr die bisherigen starken Arbeiterbewegungen begannen sich langsam, aber sicher abzuzeichnen. Gleichzeitig stellte sich die Frage, inwieweit die Formen des Wirtschaftens Folgen f\u00fcr die internen Arbeitsbeziehungen haben, ob es ein Mehr an dezentralen, aber intelligenzintensiven Strukturen geben wird, ob aus der Selbst\u00e4ndigkeit der Arbeitskollektive auch betriebswirtschaftliche, betriebsorganisatorische und vielleicht gar demokratisch Anspr\u00fcche erwachsen.<\/p>\n<p>In den Ostblockstaaten begriffen die Wirtschaftsspezialisten, teilweise auch die Politiker, dass die Zeiten des extensiven Wirtschaftens vorbei waren. Nun m\u00fcssten Wirtschaftsreformen, egal, ob die N\u00d6S, N\u00d6M oder \u00bbPrager Fr\u00fchling\u00ab genannt wurden<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, greifen. Wirtschaftliche Intensivierung stand auf der Tagesordnung, und das hie\u00df Abschied von einer dirigistischen Planwirtschaft und hin zu einer mit \u00f6konomischen Hebeln, mit Gewinn und materieller Interessiertheit arbeitenden Wirtschaft. Die DDR und die CSSR waren als h\u00f6chstentwickelte Ostblockstaaten daf\u00fcr pr\u00e4destiniert.<\/p>\n<p>Aber Berlin und Prag gingen unterschiedliche Wege. Bald stand in der CSSR die Frage nach politischem Pluralismus auf der Tagesordnung \u2013 und damit die Machtfrage. Die Moskauer L\u00f6sung dieses Problems ist bekannt.<\/p>\n<p>Weniger genau wird allerdings auf die unmittelbaren Konsequenzen der Reformen geschaut. Sie hatten nur bedingt Erfolg \u2013 und das hat nicht allein seine Ursache in einer Verweigerungshaltung der Funktion\u00e4re. Auch die Arbeiter waren oft keineswegs begeistert, wenn nun ihre eigene Leistung oder Leistungszur\u00fcckhaltung zum ausschlaggebenden Ma\u00dfstab werden sollte. Wer konnte jetzt noch korrigieren, um soziale Belange zu ber\u00fccksichtigen und Konflikte zu vermeiden?<\/p>\n<p>Die Westl\u00f6sung musste anders aussehen und war nicht von solchen politischen Vorbehalten gepr\u00e4gt. Unternehmer und zunehmend Politiker setzten auf Milton Friedmans Neoliberalismus. Die neoliberale Umgestaltung hat ideologische wie politische Dimensionen, und sie kann auf eigentlich positive Effekte des 68er-Aufbruchs zur\u00fcckgreifen. Sie wird \u2013 am konsequentesten von Margaret Thatcher (ab 1979) und Ronald Reagan (ab 1981) im Folgejahrzehnt praktiziert \u2013 auch mit brachialer Gewalt gegen die traditionelle Arbeiterbewegung, gegen die Gewerkschaften durchgesetzt. Die Zerschlagung der britischen Bergarbeiterbewegung 1984\/85 war der Wendepunkt. Dieser Prozess dauerte \u2013 dann aber, mit dem Zusammenbruch des Ostblocks, konnte dieses System sich weltweit durchsetzen. Dank SPD und B\u00fcndnisgr\u00fcnen vollendete er sich in der Bundesrepublik 2004 in Gestalt von \u00bbHartz IV\u00ab.<\/p>\n<p>Heute kann man mit Interesse und ein wenig Kopfsch\u00fctteln jene Hinterzimmerdiskussion von Rudi Dutschke, Hans Magnus Enzensberger, Bernt Rabehl und Christian Semler lesen, die 1967\/68 dar\u00fcber nachdachten, Westberlin zu einer sozialistischen Insel nach dem Vorbild der Pariser Kommune zu revolutionieren. Enzensberger warf die Frage auf: \u00bbDie Hypothese von einem befreiten Berlin \u2013 weiter ist es ja nichts \u2013 diese Hypothese schleppt mit sich das Problem des Sozialismus in einem Land. F\u00fcr den Fall einer solchen Hypothese h\u00e4tte man hier in Berlin zu rechnen mit einer feindlichen Au\u00dfenwelt, die bis zur Blockade gehen wird, vom Westen her \u2013 vielleicht auch von Seiten der DDR. Ein komplizierender Faktor sind die Besatzungsm\u00e4chte. Das ist eine Situation, die sonst nirgends existiert. Allgemeinere Fragen sind: der Schutz nach au\u00dfen, und die Gegenma\u00dfnahmen des Klassenfeindes im Innern.\u00ab<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Realistischerweise fanden die Diskutanten daf\u00fcr keine L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Im Kontext von 1968 war f\u00fcr jeden Reform- und Ver\u00e4nderungsversuch die Existenz der Systemkonfrontation t\u00f6dlich. Den einen wurde empfohlen \u00bbGeht doch r\u00fcber\u00ab, und sie wurden als \u00bbHand Moskaus\u00ab denunziert. Genauso ging es jenen, die im Osten einen modernen, menschlicheren Sozialismus wollten, egal, ob in der Partei und ihren F\u00fchrungsgremien oder auf der Stra\u00dfe oder im H\u00f6rsaal. Auch hier war die Zuschreibung \u00bbF\u00fcnfte Kolonne\u00ab allgegenw\u00e4rtig und folgenreich.<\/p>\n<p>F\u00fcr den realen Sozialismus war dies bis zuletzt eine t\u00f6dliche, desorientierende Pr\u00e4gung, die dieses System schlie\u00dflich untergehen lie\u00df. Nun waren in der finalen Krise nicht mehr Reformen gefragt, sondern die \u00dcbernahme des perfekten kapitalistischen Modells, wie es scheinbar in der BRD oder in Skandinavien sozialstaatlich und \u00f6konomisch so gut florierte. Nur, das hatten die Massen im Osten \u00fcbersehen, dieses System war l\u00e4ngst auf dem neoliberalen Trip, der eine Verschmelzung von harter Deutscher Mark oder hartem Dollar mit den sozialen Errungenschaften des Ostens f\u00fcr alle Gesellschaftsangeh\u00f6rigen ausschloss.<\/p>\n<p>Auch dies geh\u00f6rt zu den verdr\u00e4ngten Wahrheiten: Die Gewaltl\u00f6sung war immer pr\u00e4sent hinter freiheitlich-demokratischer wie hinter realsozialistischer Fassade \u2013 egal, ob es sowjetische Panzer, die F\u00e4uste polnischer Bergarbeiter oder die Nationalgarde, die R\u00fcckversicherung de Gaulles im Mai 1968 bei seinen Truppen in Baden-Baden oder das Durchpeitschen der Notstandsgesetze war.<\/p>\n<p><strong>Dauerkonflikt<\/strong><\/p>\n<p>Bis heute imponiert die Konsequenz linksradikaler Kritik an den verb\u00fcrokratisierten, traditionellen Arbeiterorganisationen, die in den 1968er Diskussionen eine so gro\u00dfe Rolle spielen. So stellten die Cohn-Bendits in ihrer \u00bbGewaltkur gegen die Alterskrankheit des Kommunismus\u00ab fest: \u00bbDie Kritik an den Arbeiterorganisationen in Frankreich lie\u00df uns erkennen, dass nicht etwa deren F\u00fchrungen versagt, Fehler gemacht oder Verrat begangen haben, sondern dass sie an der Ausbeutung teilhaben, da sie dazu beitragen, die Arbeiter ins System zu integrieren.\u00ab<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Nach kurzen Ber\u00fchrungsversuchen blieb es letztlich bei einem Dauerkonflikt zwischen den neuen sozialen Bewegungen und der alten Arbeiterbewegung, die selbst gespalten war. Zugleich war es ein anderes Verst\u00e4ndnis von Sozialismus.<\/p>\n<p>Letztlich etablierten sich die neuen sozialen Bewegungen als soziale Bewegung der Intelligenz, der gebildeteren Schichten, der Studenten in vielen L\u00e4ndern als eigenst\u00e4ndige, auch parteipolitische Kraft. Mit der Umweltfrage, mit einer gro\u00dfen Aufgeschlossenheit f\u00fcr alternative Lebensweisen, f\u00fcr den Feminismus waren sie oft ein Gegenbild zu den verbissen um ihre (keineswegs immer umweltfreundlichen) Arbeitspl\u00e4tze und ihren sozialen Status ringenden alten Bewegungen. Deren Organisationsformen \u2013 selbst in den vermeintlich harmlosen gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Formen im Vergleich zu den strengen kommunistischen \u2013 waren f\u00fcr sich selbst verwirklichende, oft noch j\u00fcngere Studierte wenig attraktiv.<\/p>\n<p>Indes verschlossen die linken Parteien und Gewerkschaften zu lange die Augen vor dem gro\u00dfen sozialen Wandel, der ihre soziale Basis, die wohlorganisierte, schlagkr\u00e4ftige Arbeiterschaft langsam, aber sicher zerbr\u00f6seln lie\u00df.<\/p>\n<p>Unter dem Eindruck des 68er-Aufbruchs und der durch ihn ausgel\u00f6sten Diskussionen und innerparteilichen personellen Wandlungen konnten linke Parteien in den 1970er Jahren nochmals anziehend werden. Sei es das \u00bbMehr Demokratie wagen\u00ab von Willy Brandts Partei (1969), sei es der Versuch von Fran\u00e7ois Mitterrand und Georges Marchais, endlich den alten Volksfrontgedanken mit einem gemeinsamen Regierungsprogramm von Sozialisten und Kommunisten zu kr\u00f6nen (1981), sei es der Versuch westlicher kommunistischer Parteien von Spanien bis Japan, sich in Eurokommunismus und \u00e4hnlichen modernen Varianten des Abschieds von leninistischen Prinzipien zu erneuern.<\/p>\n<p>Heute stehen Linke vor dem Problem, dass sich ihre Parteien und gewerkschaftlichen Organisationen lange vom Klassenkampf und \u00fcberhaupt vom Klassenbegriff verabschiedet haben \u2013 mehr oder weniger. Das liegt nicht nur daran, dass die Klasse heterogener, segmentierter geworden ist und es schwierig ist, Gemeinsamkeiten zu finden, sich zu organisieren und zu k\u00e4mpfen. W\u00e4hrend manche der damals gegr\u00fcndeten Parteien wie die bundesdeutschen Gr\u00fcnen einen Wandel hin zu liberalen Organisationen durchgemacht haben, suchten Sozialdemokraten und die linkssozialistischen Nachfolger der kommunistischen Parteien ihr Gl\u00fcck in der \u00dcbernahme jener lebensweiseorientierten, moralisierenden Kapitalismuskritik der neuen sozialen Bewegungen.<\/p>\n<p>Eine wirkliche Anschlussm\u00f6glichkeit bei diesen Kr\u00e4ften haben sie dabei weniger gewonnen. Verloren haben sie \u00fcber weite Strecken den Blick f\u00fcr diejenigen, die nicht von sch\u00f6nen Ideen, sondern von Lohnarbeit leben. Versch\u00e4rfung des Arbeitstempos, Arbeitslosigkeit, Auspowerung, Konkurrenz am Arbeitsplatz, Egoismus, Fremdbestimmung, soziale Deklassierung, oder auch nur die berechtigte Angst davor lassen wenig Platz f\u00fcr gro\u00dfe Traumgespinste. Die Arbeiter wollen etwas Handfestes, und sie finden in den rechtskonservativen, nationalistischen, teilweise offen rassistischen Verteidigern der alten Werte und Anspr\u00fcche ihre vermeintlichen neuen Unterst\u00fctzer.<\/p>\n<p><strong>Idealer N\u00e4hrboden<\/strong><\/p>\n<p>Das Jahr 1968 steht unter diesen Vorzeichen in zweierlei Hinsicht f\u00fcr eine Niederlage der linken, sozialistischen Ziele. Zum einen hat der Realsozialismus 1968 mit der Niederwerfung des Prager Fr\u00fchlings \u2013 so verst\u00e4ndlich er zur Wahrung des Status quo sein mochte \u2013 die F\u00e4higkeit zu Selbstkritik und Selbstkorrektur, zur Weiterentwicklung zerst\u00f6rt. Zwanzig Jahre sp\u00e4ter war es offenkundig zu sp\u00e4t. Einschr\u00e4nkend muss allerdings auch daran erinnert werden, dass keiner wei\u00df, wie es 1968 in Prag ausgegangen w\u00e4re. Oder auch im Pariser Mai. Die Erfahrung von 1989\/91 ist hier in den osteurop\u00e4ischen Staaten wenig ermutigend.<\/p>\n<p>Aber die kommunistischen Parteien in Ost wie West haben aus Angst vor solchen Folgen lieber den Kopf in den Sand gesteckt und auf Weiterentwicklung in gro\u00dfen oder kleinen Schritten, als Elitenprojekt oder Massenbewegung, verzichtet \u2013 wenn wir von China und seinem Umfeld absehen.<\/p>\n<p>Zum anderen haben es die Linken der neuen sozialen Bewegungen wie auch die westeurop\u00e4ischen nichtkommunistischen Parteien nicht verstanden, was sie eigentlich bewegt hatten und was nicht. Sie konnten eine offenere, liberalere, tolerantere Lebensweise durchsetzen, konnten in Ma\u00dfen eine kritische Gesellschaftstheorie bef\u00f6rdern, konnten zumindest in der alten Bundesrepublik dar\u00fcber nachdenken, was es bedeutete, dass \u00bbOpa ein Nazi\u00ab war. Sie konnten zum \u00bbMarsch durch die Institutionen\u00ab antreten und hoffen, oben anzukommen. Das R\u00fctteln am Kanzleramtszaun trug aber in der Regel nur dazu bei, dass die einst Aufm\u00fcpfigen nun mehr oder minder eingebunden, etabliert waren.<\/p>\n<p>Herbert Marcuse hatte recht mit seiner These von der \u00bbrepressiven Toleranz\u00ab. Reden darf heute jeder \u00fcber (fast) alles, Gef\u00fchlen darf freier Lauf gelassenen werden, roter Stern und Che sind l\u00e4ngst kommerzialisiert. \u00dcber den Kapitalismus und Imperialismus soll aber niemand so genau und zu revolution\u00e4r nachdenken. \u00dcberhaupt: Die vermeintliche Selbstverwirklichung hat als Individualisierung und Vereinzelung den idealen N\u00e4hrboden f\u00fcr die neoliberale Zurichtung der Gesellschaft gebracht. Esoterik und Veganismus statt politisches Engagement und Ringen um politische und theoretische Konzepte, die Intelligenzler wie Arbeiter, Freelancer wie Prek\u00e4re mitnehmen.<\/p>\n<p>Gern schwelgen wir heute in den noch vorhandenen linken Milieus in der Erinnerung an die Festtage der Revolution, als scheinbar spontan Massen auf die Stra\u00dfe gingen, Parolen skandierten und ein neues, befreites Lebensgef\u00fchl verk\u00f6rperten. Das kann auch heute inspirieren, bleibt aber ohne den kritischen Blick auf damals und das, was daraus wurde, leer. 1968 war \u2013 vielleicht \u2013 eine andere Welt m\u00f6glich. Heute m\u00fcssen wir uns zum mindesten wieder dieser Aufgabe stellen, denn die Welt ist anders, ist schlechter geworden \u2013 und gef\u00e4hrdet wie nie.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/333047.auch-eine-niederlage.html\"><em>jungewelt.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. Mai 2018<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Radovan Richta und Kollektiv (Hg.): Richta-Report. Politische \u00d6konomie des 20. Jahrhunderts. Zivilisation am Scheideweg. Die Auswirkungen der technisch-wissenschaftlichen Revolution auf die Produktionsverh\u00e4ltnisse, Frankfurt am Main 1971.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Georg Picht: Die deutsche Bildungskatastrophe: Analyse und Dokumentation, Olten 1964.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Neues \u00d6konomisches System, ab 1963 in der DDR, Neuer \u00d6konomischer Mechanismus in Ungarn ab 1968, die tschechoslowakische Wirtschaftsreform seit 1966.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Rudi Dutschke, Bernd Rabehl, Christian Semler (mit Hans Magnus Enzensberger): Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die Zukunft, in:\u00a0<em>Kursbuch<\/em>\u00a0(1968), H. 14, S. 174<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Gabriel und Daniel Cohn-Bendit: Linksradikalismus \u2013 Gewaltkur gegen die Alterskrankheit des Kommunismus, Reinbek bei Hamburg 1968, S. 265.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan Bollinger. 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