{"id":3617,"date":"2018-05-30T19:49:47","date_gmt":"2018-05-30T17:49:47","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3617"},"modified":"2018-05-30T19:49:47","modified_gmt":"2018-05-30T17:49:47","slug":"der-nahe-osten-vor-der-explosion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3617","title":{"rendered":"Der nahe Osten vor der Explosion?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das folgende Interview f\u00fchrte Yann C\u00e9zard am 9.\u00a0Februar 2018 mit Gilbert Achcar f\u00fcr l\u2019Anticapitaliste, la revue.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Yann C\u00e9zard: <em>Es ist viel von einer Art \u201eKalter Krieg\u201c zwischen Iran und Saudi-Arabien die Rede. Wie zeigt sich dies in der Praxis? <\/em><\/p>\n<p>Gilbert Achcar: Wenn man unter dem Kalten Krieg einen zugespitzten Antagonismus versteht, wo Saudi Arabien und der Iran im milit\u00e4risch-politischen Wettbewerb stehen und andere L\u00e4nder Stellvertreterkriege f\u00fchren lassen, ohne sich also direkt gegenseitig zu bekriegen, dann ist das der Fall. Das iranische Regime, das aus der \u201eislamischen Revolution\u201c von 1979 hervorgegangen ist, steht seit seiner Gr\u00fcndung dem saudischen K\u00f6nigreich feindlich gegen\u00fcber. Es handelt sich um politisch gegens\u00e4tzliche Regimes, obwohl beide unter den islamischen Fundamentalismus fallen. Das saudische K\u00f6nigreich ist mit den USA verbunden, w\u00e4hrend die Islamische Republik Iran aus dem Sturz einer Monarchie geboren wurde und zutiefst antiamerikanisch eingestellt ist. Was diesen Kalten Krieg seit geraumer Zeit anheizt, ist die US-gef\u00fchrte Invasion in den Irak im Jahr 2003, die die B\u00fcchse der Pandora ge\u00f6ffnet hat; dadurch konnte der Iran seinen Einfluss im Irak ausdehnen und nachfolgend konsolidieren und damit direkt in einem arabischen Land, das an das saudische K\u00f6nigreich grenzt, Fu\u00df fassen. Bis dahin war die libanesische Hisbollah die wichtigste St\u00fctze des Irans in der Region, aber dies hat die Saudis nicht sonderlich umgetrieben. Die Ausweitung des iranischen Einflusses im Irak hingegen raubt ihnen zunehmend den Schlaf, zumal der iranische Einfluss anl\u00e4sslich des sogenannten \u201eArabischen Fr\u00fchlings\u201c Auftrieb erfahren hat. Der Iran profitiert von der zweifachen Destabilisierung des arabischen Nahen Ostens, die erstens durch die US-Invasion im Irak und zweitens durch den \u201eArabischen Fr\u00fchling\u201c ein paar Jahre sp\u00e4ter entstanden ist. Nach der Intervention im Irak ist der Iran seit 2013 in Syrien pr\u00e4sent, sowohl indirekt mit regionalen Ablegern, als auch direkt mit eigenen Milit\u00e4rs. Sp\u00e4ter kam noch der Jemen hinzu, wo die Huthi von Teheran unterst\u00fctzt werden, auch wenn die milit\u00e4rische Einflussnahme dort im Vergleich zu Irak und Syrien \u00fcberschaubar ist. Nicht wenige westliche Kommentatoren halten dies blo\u00df f\u00fcr eine weitere Episode im uralten Antagonismus zwischen Schiiten und Sunniten.<\/p>\n<p><em>Was h\u00e4ltst Du von dieser \u201eAnalyse\u201c? <\/em><\/p>\n<p>Dies ist eine typisch \u201eorientalistische\u201c oder \u201eeurozentristische\u201c Sichtweise, und zwar im negativen Wortsinn, die einer Logik huldigt, wo alles und jedes auf angeblich ewig w\u00e4hrende Kulturen zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann. Das ergibt keinen Sinn: Der so genannte Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten spielte in der Regionalpolitik bis zur Invasion in den Irak und dem darauffolgenden B\u00fcrgerkrieg ab 2006, der Sunniten und Schiiten als Konfessionsparteien gegeneinander aufbrachte, keine wesentliche Rolle. Tatsache ist jedoch, dass die Saudis, deren offizielle Glaubenslehre zutiefst antischiitisch ist, seit der \u201eIslamischen Revolution\u201c im Iran konfessionelle Gr\u00fcnde vorgeschoben haben, um die iranische Revolution zu isolieren, wobei sie argumentierten, dass der Chomeinismus eine Spielart des Schiismus sei, der im Widerspruch zum Sunnismus st\u00fcnde. Die F\u00fchrer der Islamischen Republik haben ihrerseits nat\u00fcrlich ihre F\u00fchrungsposition in der schiitischen Glaubenswelt dazu benutzt, ihren Einfluss im arabischen Raum zu mehren. Nat\u00fcrlich galt ihre Intervention im Libanon in erster Linie der Gr\u00fcndung, Bewaffnung und Finanzierung der Hisbollah, aber im Allgemeinen war ihre erkl\u00e4rte offizielle Politik eher panislamisch als schiitisch gepr\u00e4gt. Dabei richteten sie sich eher an die islamische Welt im Ganzen und kn\u00fcpften enge Beziehungen zu der Muslimbruderschaft, die sunnitisch, aber genauso fundamentalistisch orientiert ist. Besonders angelegen war es ihnen, die Hamas, den pal\u00e4stinensischen Zweig der Muslimbruderschaft, als Pendant zur Hisbollah zu unterst\u00fctzen. An dieser panislamischen \u201eAu\u00dfenpolitik\u201c des Irans st\u00f6rten sich die Saudis, was zu einer Art \u00dcberbietungswettbewerb in Sachen Islamismus f\u00fchrte. Doch seit der Invasion des Irak und vor allem seit dem B\u00fcrgerkrieg in diesem Land ist es zu einer Eskalation des iranischen Konfessionalismus gekommen, der immer ausschlaggebender geworden ist. Teheran hat seinen Einfluss im Irak ausgebaut, indem er konfessionelle Aspekte in den Vordergrund r\u00fcckte, was seither zunehmend die Handlungsrichtschnur bestimmt. Das hat nat\u00fcrlich den Konflikt mit den Saudis erheblich angeheizt, die ihrerseits ihre Glaubensrichtung mit Feuer und Schwert zu verbreiten suchen. Dass eine konfessionelle Dynamik dort im Gange ist, l\u00e4sst sich nicht bestreiten, aber als Erkl\u00e4rung hierf\u00fcr anzuf\u00fchren, dass es nun mal Sunniten und Schiiten gibt, schafft keinerlei Klarheit, sondern ist eine Tautologie. Es ist vielmehr ein politischer Prozess, der dem Konflikt diesen konfessionellen Aspekt gegeben hat. Dies gilt f\u00fcr alle historischen Relikte wie dem Konfessionalismus oder dem Tribalismus: Sie sind keine ewig w\u00e4hrenden kulturellen Wesensmerkmale, sondern werden konserviert, wieder angefacht und politisch instrumentalisiert. Warum gibt es in Europa keine Kriege zwischen Katholiken und Protestanten mehr, abgesehen von dem Konflikt in Nordirland, wo es sie doch in Europa in der Vergangenheit gegeben hat, und zwar auf besonders blutr\u00fcnstige Weise? Wenn dieser konfessionelle Faktor momentan im Nahen Osten eine solche Rolle spielt, dann hat dies mit der politischen Geschichte zu tun und nicht mit kulturellen oder religi\u00f6sen Gr\u00fcnden. Die Ursache des Konflikts liegt nicht in den religi\u00f6sen Gegens\u00e4tzen, sondern in ganz profanen Interessenskonflikten.<\/p>\n<p><em>Worum geht es wirklich bei dem iranischen Expansionsstreben, das Saudis, \u00c4gypter, westliche Regierungen etc. beschw\u00f6ren? Nat\u00fcrlich hat der Iran die Umst\u00e4nde benutzt, um seinen Einfluss im Irak und in Syrien auszubauen, aber wie weit reicht dieser Einfluss tats\u00e4chlich und wie weit ist er eine tats\u00e4chliche Bedrohung f\u00fcr die Belange Saudi-Arabiens, Israels oder Amerikas?<\/em><\/p>\n<p>Die drei von dir genannten L\u00e4nder sind insofern betroffen, als der iranische Staat eine Politik betreibt, die ihnen gegen\u00fcber spinnefeind ist. Zugleich muss man aber auch darauf verweisen, dass der Expansionsdrang des iranischen Regimes ebenso eine Bedrohung f\u00fcr die Menschen in der Region darstellt. Die Konfessionsfrage auf die Spitze zu treiben, f\u00fchrt zu einer explosiven und \u00e4u\u00dferst gravierenden Lage f\u00fcr alle L\u00e4nder in der Region. Diese Expansionspolitik wird insbesondere von den Revolutionsw\u00e4chtern betrieben, die im Iran einen Staat innerhalb des Staates bilden: Sie kontrollieren einen gro\u00dfen Teil der Wirtschaft des Landes und sind aufgrund ihrer milit\u00e4risch-politischen St\u00e4rke der bewaffnete Arm des Expansionismus des Regimes. Sie sind es, die im Irak, in Syrien und im Libanon intervenieren, wo sie die auf konfessioneller Basis ausgew\u00e4hlten Truppen beaufsichtigen. Man kann bspw. nicht Mitglied der Hisbollah sein, ohne Schiit zu sein: Insofern ist die Hisbollah eine religi\u00f6se Organisation. All dies f\u00fchrt zu \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlichen Spaltungen der betroffenen Gesellschaften. Zweifelsohne sind die Saudis nicht viel besser, aber in diesem Fall hebt sich Teherans offensive Expansionspolitik vom Konservatismus der Saudis deutlich ab. Im Gegensatz zum Iran gr\u00fcnden sie keine bewaffneten lokalen Ableger. Selbst in Syrien haben sie Gruppen finanziert und unterst\u00fctzt, obwohl sie diese nicht vollst\u00e4ndig kontrollieren. Das saudische K\u00f6nigreich ist ultrakonservativ und f\u00fcrchtet die Destabilisierung der Region, was den Iran wiederum nicht abschreckt!<\/p>\n<p><em>Du meinst, dass die instabile Lage vorwiegend dem Iran n\u00fctzt und nicht Saudi-Arabien, das eher den Status quo bevorzugt?<\/em><\/p>\n<p>Nimm den Libanon als Beispiel: Die Saudis haben dort keine sunnitische Version der Hisbollah aufzubauen und durchzusetzen versucht, obwohl diese das Gewaltmonopol im Libanon innehat. Das saudische Regime ist in sozialer und kultureller Hinsicht sicherlich noch viel reaktion\u00e4rer als das iranische Regime, aber dieses ist sehr viel aggressiver und expansionistischer und spielt daher eine noch gef\u00e4hrlichere Rolle bei der Konfessionalisierung der Konflikte in der Region. Diese Konfessionalisierung war regelrechtes Gift f\u00fcr den revolution\u00e4ren Aufschwung des \u201eArabischen Fr\u00fchlings\u201c. Dass der trotz aller Versuche, die dortige Gesellschaft zu mobilisieren, nicht auf den Irak \u00fcberschwappen konnte, lag vor allem an eben dieser konfessionellen Spaltung. Dasselbe gilt f\u00fcr den Libanon. Auch das Regime in Syrien konnte den revolution\u00e4ren Aufschwung deswegen aufhalten und zur\u00fcckdr\u00e4ngen, weil es sich der konfessionellen Gegens\u00e4tze bediente. Diese spielten auch bei der letztlich ausschlaggebenden Unterst\u00fctzung durch den Iran eine zentrale Rolle, der schiitische Milizen aus dem Irak, dem Libanon und dem Iran selbst zu Hilfe sandte, wobei im Iran zumeist afghanische Fl\u00fcchtlinge daf\u00fcr (oft gewaltsam) rekrutiert wurden. Diese Milizen sind ganz wesentlich daf\u00fcr verantwortlich, dass sich das syrische Regime halten kann.<\/p>\n<p><em>Wie sch\u00e4tzt du die gegenw\u00e4rtigen Verh\u00e4ltnisse im Irak ein? <\/em><\/p>\n<p>Es w\u00e4re wohl \u00fcbertrieben, ihn als Vasall des Irans zu bezeichnen, aber immerhin ist er mit dem Iran eng verbunden, auch wenn er noch immer Unterst\u00fctzung seitens der USA erh\u00e4lt. Das ist in der Tat paradox. Zwischen den USA und dem Iran herrscht im Irak seit geraumer Zeit ein ambivalentes Verh\u00e4ltnis, das durch Konkurrenz einerseits und durch Kollaboration andererseits gepr\u00e4gt ist. Die US-Invasion wurde von Anfang an im Einvernehmen mit dem Iran durchgef\u00fchrt, weswegen sunnitische arabische Nationalisten wie die Baathisten den Iran auch regelm\u00e4\u00dfig beschuldigen, mit den USA unter einer Decke zu stecken, und sie sich selbst als Opfer einer iranisch-amerikanischen Verschw\u00f6rung sehen. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass, als die amerikanischen Truppen in den Irak einmarschierten, sie den vom Iran abh\u00e4ngigen Obersten Rat der Islamischen Revolution im Irak sowie die Dawa-Partei, eine mit dem Iran verb\u00fcndete schiitisch-konfessionelle Partei, quasi im Gep\u00e4ck hatten und sie sogar in die Regierung hievten! Inwieweit dies blo\u00df Dummheit seitens der Bush-Administration war, dar\u00fcber l\u00e4sst sich streiten, aber Dummheit war zweifelsfrei dabei. Die Mannschaft um Bush selbst hat ein Jahr nach der Invasion erkl\u00e4rt, von einem Abenteurer namens Dschalabi reingelegt worden zu sein. Dieser war ihr wichtigster Stichwortgeber bei dem Einmarsch in den Irak und wurde sp\u00e4ter beschuldigt, ein iranischer Doppelagent zu sein. Wie dem auch sei, letztlich haben sie den Iran im Irak an die Macht gebracht, notabene zu einer Zeit, als sie mit ihren Truppen noch vor Ort waren. Sie hievten Maliki an die Spitze der Regierung, obwohl gerade er es war, der den im Wiederaufbau befindlichen irakischen Staat deutlich n\u00e4her an den Iran r\u00fcckte. Als die USA den Irak 2011 verlie\u00dfen, stand das Land sehr viel mehr unter der Kuratel von Teheran als unter der von Washington. Und als der IS drei Jahre sp\u00e4ter im Irak seinen Durchbruch schaffte, machten die USA den R\u00fccktritt Malikis, also des Mannes, den sie selbst mit der Regierung betraut hatten, zur Bedingung f\u00fcr ihre erneute Intervention. Sie haben dann erreicht, dass er durch Abadi ersetzt wurde, der zwar neutral auftritt, aber nicht verhindern kann, dass vor Ort die direkt mit dem Iran in Verbindung stehenden Kr\u00e4fte genauso m\u00e4chtig sind wie die offizielle Armee, die ihrerseits vom Iran kontrolliert wird. Der Chef der iranischen Revolutionsgarden l\u00e4sst sich immer mal wieder in der gesamten Region blicken, inspiziert die Truppen und gibt Anweisungen, als w\u00e4re der Iran dort die Besatzungsmacht.<\/p>\n<p><em>Was h\u00e4ltst du von der politischen Linie der USA, wenn man von einer solchen \u00fcberhaupt sprechen kann angesichts des Chaos, das derzeit in der US-Regierung zu herrschen scheint? Betreiben sie eher eine Nachtrabpolitik gegen\u00fcber Saudi-Arabien oder verh\u00e4lt es sich umgekehrt? Verfolgen die USA heute eine koh\u00e4rente Strategie? <\/em><\/p>\n<p>So eine Kakophonie haben wir in Washington noch nie erlebt. Selbst zu Zeiten von Watergate gab es keine solche Kakophonie in der Au\u00dfenpolitik. Heute haben wir es mit Trump zu tun, dem eine bestimmte Politik vorschwebt, daneben mit dem State Department, der Armee und dem Pentagon, die in vielen Dingen ganz andere Positionen vertreten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Trump hatte Erdogan versprochen, die kurdischen Streitkr\u00e4fte in Syrien nicht mehr zu unterst\u00fctzen; das Pentagon hingegen erkl\u00e4rte einen Monat sp\u00e4ter das genaue Gegenteil. Trump setzte auf engere Beziehungen zu Moskau und eine darauf basierende Politik. So sollte etwa mit russischer Hilfe der Iran aus Syrien herausgedr\u00e4ngt werden, was dann aber nicht funktionierte. Letztlich gab es zu viele Hindernisse f\u00fcr seinen Schmusekurs gegen\u00fcber Putin. Zudem setzt das Pentagon seit 2014\/15 auf ein B\u00fcndnis mit den syrischen Kurden, den Volksverteidigungseinheiten (YPG), eine in seinen Augen ausgezeichnete Wahl\u00a0\u2013 sind sie doch hervorragende K\u00e4mpfer. Auf eine B\u00fcndnisstruktur unter Einschluss arabischer Streitkr\u00e4fte, die Demokratischen Kr\u00e4fte Syriens (engl. SDF), um nicht l\u00e4nger als ausschlie\u00dflich kurdische Kraft dazustehen. Den SDF war es dann auch zuzuschreiben, dass der Kampf gegen den IS auf syrischem Gebiet gewonnen wurde. Man sieht also, wie kompliziert die Lage dort ist und dass ein \u201eantiimperialistisches\u201c Lagerdenken (das zudem ausschlie\u00dflich antiamerikanisch, oft sogar pro-russisch ist), wie es sich in Syrien oder Libyen manifestiert hat, nicht vertretbar ist. Es gibt in der Tat Konstellationen, so ungew\u00f6hnlich sie sicherlich sind, in denen die USA, wie heute in Syrien, eine fortschrittliche Kraft in ihrem Kampf gegen einen reaktion\u00e4ren Feind unterst\u00fctzen. Die YPG sind unbestreitbar die fortschrittlichste Kraft in Syrien, vor allem in der Schl\u00fcsselfrage der Frauenemanzipation. Nat\u00fcrlich muss man auch ihre Grenzen sehen und es w\u00e4re weit gefehlt, zu glauben, dass die Pariser Kommune (1871) in den syrisch-kurdischen Zonen neu erfunden worden ist. Und dann zeigt sich, dass das Pentagon genau diese Leute zu unterst\u00fctzen beschlossen hat, was in den K\u00f6pfen der \u201eCampisten\u201c f\u00fcr Verwirrung gesorgt hat, so dass sie jetzt nicht gegen die amerikanische Intervention in Syrien auf die Stra\u00dfe gehen, da sie schwerlich gegen die Kr\u00e4fte demonstrieren k\u00f6nnen, die mit der PKK eng verbunden sind, einer Organisation, die sie seit vielen Jahren unterst\u00fctzen. Es liegt auf der Hand, dass wir den kurdischen Kr\u00e4ften nicht vorwerfen k\u00f6nnen, dass sie die Unterst\u00fctzung der USA akzeptiert haben, ohne die sie vom IS zerschlagen worden w\u00e4ren. Koban\u00ea h\u00e4tte nicht gerettet werden k\u00f6nnen ohne die amerikanische Luftwaffenunterst\u00fctzung und den Waffennachschub, den die USA den kurdischen Streitkr\u00e4ften, zum gro\u00dfen Unmut Ankaras, per Fallschirm zukommen lie\u00dfen. Aber gleichzeitig w\u00e4re es reichlich daneben, wenn sich die kurdischen Kr\u00e4fte zu sehr auf die USA verlassen w\u00fcrden, die sie zweifelsohne fr\u00fcher oder sp\u00e4ter fallen lassen werden. Es herrscht im Moment eine gewisserma\u00dfen symbiotische Beziehung, und es w\u00e4re neunmalklug und k\u00e4me einer Aufforderung zum Selbstmord gleich, den Kurden dies ausgerechnet im Namen des \u201eAntiimperialismus\u201c zum Vorwurf zu machen. Aber nat\u00fcrlich darf man sich auf derlei Unterst\u00fctzung nicht verlassen: Washington nutzt die YPG derzeit als Bollwerk nicht nur gegen den IS, sondern auch gegen den Iran. Das Pentagon wei\u00df, dass der Iran wahrscheinlich die Kontrolle \u00fcber das Gebiet \u00f6stlich des Euphrats \u00fcbernehmen w\u00fcrde, wenn es die Kurden jetzt fallen lie\u00dfe.<\/p>\n<p><em>Glaubst du, dass der \u201eKalte Krieg\u201c aufflackern kann? <\/em><\/p>\n<p>Die Konflikte zwischen dem Iran und Saudi-Arabien eskalieren und angesichts der undurchschaubaren Gemengelage unter den Akteuren und den wechselseitigen Spannungen droht die Gefahr einer Gewaltspirale. Die Saudis haben sich die Finger bereits verbrannt: Ihr milit\u00e4risches Eingreifen im Jemen ist gescheitert und sie haben nur eine gigantische humanit\u00e4re Katastrophe angerichtet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das saudische K\u00f6nigreich in ein milit\u00e4risches Abenteuer gegen den Iran st\u00fcrzen wird, im Gegensatz zu anderen L\u00e4ndern wie Israel oder den USA, wo die Regierung Trump dem Iran spinnefeind ist und sich daher gar nichts ausschlie\u00dfen l\u00e4sst. Nehmen wir zum Beispiel das j\u00fcngste amerikanische Bombardement syrischer Truppen, bei dem etwa 100 Menschen ums Leben kamen. Dies war eine Warnung, die Finger von den Gebieten zu lassen, in denen die USA pr\u00e4sent sind. Die Situation zwischen den Iranern und den US-Amerikanern kann au\u00dfer Kontrolle geraten. Was die Lage im Moment blockiert, ist die Pr\u00e4senz Russlands, das nicht von Teheran und noch weniger vom syrischen Regime in eine Konfrontation mit den USA hineingezogen werden will. Aber es bleibt eine explosive Situation, gewiss.<\/p>\n<p><em>Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem S\u00e4belrasseln und den Aufst\u00e4nden im \u201eArabischen Fr\u00fchling\u201c 2011? Der \u00fcbrigens inzwischen auf den Iran \u00fcbergegriffen hat, denn obwohl die Demonstrationen zu Beginn des Jahres rasch nachgelassen haben, sind sie dennoch symptomatisch f\u00fcr die dortige Lage. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Au\u00dfenpolitik der jeweiligen Akteure und ihren innenpolitischen Problemen? <\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich. Es gibt da bereits einen objektiven Zusammenhang: Diese milit\u00e4rischen Abenteuer sind kostspielig, und vor allem der Iran steht, noch viel mehr als die Saudis, vor ernsten wirtschaftlichen Problemen, die einerseits die Folge der Sanktionen und des \u00d6lpreisverfalls sind, andererseits aber auch durch die Expansionspolitik unterhalten werden, die die Regierung auf dem R\u00fccken der Bev\u00f6lkerung finanziert, indem sie die vom IWF empfohlenen Ma\u00dfnahmen umsetzt. Denn tats\u00e4chlich war der IWF hinzu gebeten worden, die Wirtschaftspolitik im Iran neu aufzustellen. Und es waren eben diese Ma\u00dfnahmen, die den Volksaufstand, den wir erlebt haben, hervorgerufen haben. Eines der vorrangigen Themen bei diesem Aufstand war die regionale Expansionspolitik, die von einem Teil der Bev\u00f6lkerung abgelehnt wird. Die Menschen wissen sehr wohl, dass die milit\u00e4rischen Abenteuer des Regimes im Irak, in Syrien und im Libanon sie teuer zu stehen kommen und auf ihre Kosten gehen. Was die Saudis betrifft, so h\u00e4ngen ihre wirtschaftlichen Probleme mit dem Verfall der \u00d6lpreise zusammen, den sie \u00fcbrigens selbst vors\u00e4tzlich im Jahr 2014 ausgel\u00f6st haben. Das K\u00f6nigreich ist nat\u00fcrlich viel reicher als der Iran. Mohammed bin Salman, bekannt als MBS, der neue \u201estarke Mann\u201c in Saudi-Arabien, ist dabei, die Herrschaft einer weitl\u00e4ufigen K\u00f6nigsfamilie im Umfang eines Stammes-Clans in die H\u00e4nde einer einzigen \u00fcberschaubaren Familie zu \u00fcberf\u00fchren, was eher der monarchischen Tradition entspricht. Mit anderen Worten wird so gewisserma\u00dfen die Beteiligung einiger Tausend Personen, die Mitglieder der Nachkommenschaft des Gr\u00fcnders des K\u00f6nigreichs sind, am Staatseigentum abgeschafft und an eine Dynastie \u00fcbereignet, die auf die Nachkommenschaft von K\u00f6nig Salman gr\u00fcndet und zahlenm\u00e4\u00dfig viel kleiner ist. Zugleich wird die Thronfolge vom Vater auf den Sohn statt von Bruder zu Bruder \u00fcbertragen. Es ist eine Palastrevolution, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn MBS an den Traditionen r\u00fcttelt (er hat mehrere Mitglieder der weitl\u00e4ufigen Herrscherfamilie verhaften lassen, um sie zu zwingen, dem Staat einen Teil des Verm\u00f6gens zur\u00fcckzugeben, das sie dank ihrer Privilegien angeh\u00e4uft haben), tut er dies keineswegs aus moralischer Rechtschaffenheit, da er selbst viel mehr Dreck am Stecken hat. Doch was dem Einen erlaubt ist, ist dem Anderen noch lange nicht (mehr) erlaubt \u2026 und es ist obendrein ein bequemer Weg, um die Staatskassen zu sanieren.<\/p>\n<p><em>Inwiefern kann die Situation eskalieren? Selbst wenn beide keinen wirklich offenen Krieg wollen\u00a0&#8230; Du hast auch etwas gesagt, das ein wenig \u00fcberrascht: Die Saudis w\u00e4ren \u00e4ngstlich und konservativ. Aber aus der Ferne betrachtet, sind sie es, die heute Zwietracht s\u00e4en, indem sie den libanesischen Premierminister festhalten, den Katar unter Blockade stellen und im Jemen milit\u00e4risch intervenieren. Du meintest jedoch \u00abim Gegensatz zu Israel und den USA\u201c! H\u00e4ltst du Netanjahus Politik f\u00fcr abenteuerlich?<\/em><\/p>\n<p>Die israelische Politik ist schon seit langem so, insbesondere seit der Invasion in den Libanon im Jahr 1982. Netanjahus Politik mit seinem rechtsextremen Kabinett ist eine Politik am Rande des Abgrunds, eine extremistische Politik, die nur \u00d6l in das Feuer gie\u00dft. Diese Politik hat nun in Trump einen Verb\u00fcndeten gefunden, wie dessen provozierende Haltung zu Jerusalem gezeigt hat. Auf milit\u00e4rischer Ebene ist es, auch im Hinblick auf die innere Lage in Israel, unwahrscheinlich, dass sich das Land in naher Zukunft in eine umfassende Milit\u00e4roperation st\u00fcrzen wird. Aber es gibt zu denken, wie h\u00e4ufig sich die israelische Presse \u00fcber den \u00abkommenden Krieg\u201c ausl\u00e4sst. In Israel herrscht Besorgnis \u00fcber das Vordringen des Irans in Syrien. Der Iran ist an der israelisch-libanesischen Grenze durch die Hisbollah pr\u00e4sent und jetzt zunehmend auch an der Grenze zu Syrien. Das ist in der Tat ein Problem f\u00fcr Israel und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wird die israelische Regierung den Stier bei den H\u00f6rnern packen m\u00fcssen, wenn es den USA nicht gelingt, den Iran aus Syrien herauszudr\u00e4ngen. Vorerst setzen sie auf Russland: Netanjahu (ein gro\u00dfer Freund von Putin) und Trump sind sich darin einig. Aber wann immer es iranische Man\u00f6ver gibt, die sie als potentiell gef\u00e4hrlich f\u00fcr Israel erachten, f\u00fchrt das israelische Milit\u00e4r Luftangriffe durch. Und das geschieht zwangsl\u00e4ufig im Einvernehmen mit den Russen, da die in Syrien ein leistungsf\u00e4higes Flugabwehrsystem installiert haben, das die israelische Luftwaffe bewusst ausspart. Vorerst markiert das israelische Milit\u00e4r sein Territorium und zieht rote Linien. Aber ausschlaggebend wird sein, was mit der iranischen Pr\u00e4senz in Syrien in der nahen Zukunft passiert. Auf jeden Fall sind alle Beteiligten in dieser hochexplosiven Region in Alarmbereitschaft.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung: MiWe<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.inprekorr.de\/internat558.pdf\">inprekorr.de&#8230;<\/a>\u00a0 vom 29. Mai 2018 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das folgende Interview f\u00fchrte Yann C\u00e9zard am 9.\u00a0Februar 2018 mit Gilbert Achcar f\u00fcr l\u2019Anticapitaliste, la revue.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[9,82,86,35,27,15,54,46,33],"class_list":["post-3617","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","tag-arabische-revolutionen","tag-irak","tag-iran","tag-palaestina","tag-russland","tag-syrien","tag-tuerkei","tag-usa","tag-zionismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3617","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3617"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3617\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3618,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3617\/revisions\/3618"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3617"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3617"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3617"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}