{"id":3621,"date":"2018-05-31T08:32:36","date_gmt":"2018-05-31T06:32:36","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3621"},"modified":"2018-05-31T08:32:36","modified_gmt":"2018-05-31T06:32:36","slug":"revolutionaere-realpolitik-in-der-weimarer-republik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3621","title":{"rendered":"Revolution\u00e4re Realpolitik in der Weimarer Republik"},"content":{"rendered":"<p><em>Florian Wilde.<\/em> <strong>Der Kommunist Ernst Meyer (1887\u20131930) ist weitgehend vergessen. 1929 endg\u00fcltig an den Rand gedr\u00e4ngt, betrieb der zeitweilige Vorsitzende der KPD eine Politik<!--more--> im Geiste seiner Lehrerin Rosa Luxemburg. Er war ein Freund der innerparteilichen Demokratie und Diskussionsfreiheit, Gegner administrativ-b\u00fcrokratischer Ma\u00dfnahmen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Florian Wilde: Revolution als Realpolitik. Ernst Meyer (1887\u20131930) \u2013 Biographie eines KPD-Vorsitzenden. UVK-Verlag, Konstanz 2018, 451 Seiten, 29,90 Euro<\/strong><\/p>\n<p>Der bevorstehende 100. Jahrestag des Beginns der Novemberrevolution in Deutschland bietet Anlass zu einer Wiederentdeckung der radikalen Tendenzen der deutschen Arbeiterbewegung und vor allem der KPD. Dabei sollten auch in Vergessenheit geratene Akteure in den Blick genommen werden, insbesondere, wenn die Kenntnis ihres Wirkens bei der Beantwortung aktueller strategischer Fragen einer linken Politik eine Hilfe sein kann. Zu ihnen geh\u00f6rt auch der zeitweilige KPD-Vorsitzende Ernst Meyer (1887\u20131930).<\/p>\n<p>Meyer war Teil einer in den Anfangsjahren der KPD stark pr\u00e4senten Grundstr\u00f6mung revolution\u00e4rer Marxisten, die aus dem Scheitern isoliert gebliebener Aufstandsversuche die Notwendigkeit einer kommunistischen Realpolitik ableiteten. Sie verstanden sich als in der Tradition Rosa Luxemburgs stehende deutsche Leninisten und versuchten, K\u00e4mpfe um Reformen innerhalb des Kapitalismus mit dem Ziel seiner revolution\u00e4ren \u00dcberwindung konzeptionell zu verbinden. Sie traten ein f\u00fcr eine Einheitsfrontpolitik gegen\u00fcber SPD und Gewerkschaften, f\u00fcr einen tats\u00e4chlich demokratischen Zentralismus in der KPD und f\u00fcr eine gewisse Unabh\u00e4ngigkeit von Moskau. St\u00e4rker noch als andere dieser heterogenen Grundstr\u00f6mung zuzuordnende Pers\u00f6nlichkeiten wie etwa Paul Levi, Clara Zetkin, Heinrich Brandler und August Thalheimer ist Ernst Meyer in Vergessenheit geraten. Dabei war er einer ihrer herausragenden Protagonisten.<\/p>\n<p><strong>Der vergessene Parteif\u00fchrer<\/strong><\/p>\n<p>1908 in die SPD eingetreten, war Meyer im Ersten Weltkrieg ein wesentlicher Organisator der konspirativen Untergrundarbeit der Spartakusgruppe und spielte eine wichtige Rolle in der Novemberrevolution. Er entging nur knapp dem Schicksal seiner politischen Lehrerin und Freundin Rosa Luxemburg, die im Januar 1919 von Freikorpssoldaten ermordet worden war. In den Anfangsjahren der Weimarer Republik war Meyer fast ununterbrochen in der F\u00fchrung der KPD und zwischen 1921 und 1924 deren Fraktionsvorsitzender im Preu\u00dfischen Landtag. Als KPD-Vorsitzender zwischen 1921 und 1922 konnte er auf Luxemburg zur\u00fcckgehende Vorstellungen einer revolution\u00e4ren Realpolitik umsetzen. Dies gilt vor allem f\u00fcr die Einheitsfrontstrategie, die er ma\u00dfgeblich entwickelte. Seine Zeit an der Spitze der KPD liefert zudem ein anschauliches Beispiel f\u00fcr das hohe Ma\u00df an Demokratie in der jungen KPD. Im \u00bbDeutschen Oktober\u00ab 1923 lehnte er die rein milit\u00e4rischen Aufstandsvorbereitungen seines Nachfolgers Heinrich Brandler ab. Meyer argumentierte, der Aufstand m\u00fcsse aus einer Zuspitzung der sozialen K\u00e4mpfe hervorgehen. Er geh\u00f6rte zu den fr\u00fchesten und sch\u00e4rfsten Kritikern des schlie\u00dflich fast kampflosen Verzichtes auf einen Revolutionsversuch. Zwischenzeitlich an den Rand gedr\u00e4ngt, wurde er 1927 noch einmal der eigentliche Parteif\u00fchrer. Der Durchsetzung von Parteistrukturen nach Moskauer Vorstellungen stemmte er sich entgegen, verteidigte engagiert das Erbe Luxemburgs, die innerparteiliche Demokratie und die Einheitsfrontpolitik. Ohne Erfolg: In den Auseinandersetzungen innerhalb der KPD aufgerieben und an der b\u00fcrokratischen und autorit\u00e4ren Degeneration der kommunistischen Weltbewegung verzweifelnd, starb er 1930 im Alter von nur 42 Jahren an Tuberkulose.<\/p>\n<p>In unterschiedlichem Ma\u00dfe konnte Meyer in verschiedenen Phasen der kommunistischen Bewegung seinen Stempel aufdr\u00fccken. Dies galt insbesondere f\u00fcr die Zeit zwischen dem Jenaer und dem Leipziger Parteitag (August 1921 bis Januar 1923), als er an der Spitze der KPD stand. Sein bedeutendster Verdienst als Vorsitzender war die Festigung der damals noch sehr jungen Partei. Gerade erst mit dem linken Fl\u00fcgel der USPD vereint, steckte die KPD nach dem katastrophalen Ausgang der \u00bbM\u00e4rzaktion\u00ab 1921, jener von KPD, KAPD und anderen linksradikalen Kr\u00e4fte initiierten bewaffneten Arbeiterrevolte in der Industrieregion um Halle, Leuna, Merseburg und im Mansfelder Land, in einer schweren Krise. Unter Meyers Leitung konnten gr\u00f6\u00dfere Abspaltungen vermieden, die zuvor starken Mitgliederverluste gestoppt und sogar 44.000 neue Mitstreiter gewonnen werden. Der kommunistische Einfluss in den Gewerkschaften, aber auch bei Wahlen, stieg deutlich an. Die KPD konnte mit Meyer als Vorsitzendem ihre Identit\u00e4t als jene Massenpartei entwickeln und festigen, die sie bis zum Ende der Weimarer Republik bleiben sollte. Er trug zu dieser Konsolidierung vor allem auf zwei Ebenen bei: zum einen durch seinen ausgleichenden und integrativen F\u00fchrungsstil, der es der heterogenen Partei erm\u00f6glichte, eine gemeinsame politische Praxis zu entwickeln. Zum anderen gelang ihm durch die Einheitsfrontpolitik eine Ver\u00e4nderung der Beziehungen der KPD zur nichtkommunistischen Mehrheit der Arbeiterschaft.<\/p>\n<p>1927 stand Meyer erneut \u2013 nun neben seinem Gegenspieler Ernst Th\u00e4lmann \u2013 f\u00fcr einige Monate an der Spitze der KPD und hatte noch einmal pr\u00e4genden Einfluss auf deren Politik. Auch in dieser Zeit wuchs die Partei, steigerte sie ihren Einfluss und festigte ihre Substanz durch intensive Bildungsarbeit, gerade auch auf dem ihm so wichtigen Feld der Parteigeschichte. Seinen Beitrag zu einer positiven Entwicklung leistete Meyer auf die gleiche Weise wie schon 1921\/22: Sein F\u00fchrungsstil f\u00f6rderte die str\u00f6mungs\u00fcbergreifende Zusammenarbeit in der Parteif\u00fchrung, und es gelang ihm erneut, seine Einheitsfrontpolitik durchzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Protagonist der Einheitsfront<\/strong><\/p>\n<p>Die Weiterentwicklung und Anwendung der auf dem III. Weltkongress der Komintern 1921 verabschiedeten Einheitsfrontstrategie ist Meyers eigenst\u00e4ndiger Beitrag zur kommunistischen Theorie und Praxis. Bei der Einheitsfront handelt es sich um das Konzept einer revolution\u00e4ren Realpolitik, also den Versuch, in einem nichtrevolution\u00e4ren Umfeld eine massenwirksame revolution\u00e4re Politik zu betreiben. Wenn die unerl\u00e4ssliche Voraussetzung einer Revolution die Gewinnung proletarischer Mehrheiten f\u00fcr den Kommunismus ist (und hierin war Meyer unbedingt ein Sch\u00fcler Rosa Luxemburgs), diese Mehrheiten aber noch der Sozialdemokratie folgen, so musste die KPD nach Wegen suchen, sie von der SPD zu l\u00f6sen. Als effektivstes Mittel hierf\u00fcr sah Meyer die Einheitsfrontstrategie. Bei dieser war nicht mehr die Radikalit\u00e4t einer Forderung an sich das entscheidende Kriterium, sondern die Frage, ob sie zu breit getragenen au\u00dferparlamentarischen K\u00e4mpfen der gesamten Arbeiterschaft f\u00fchren und eine radikalisierende, \u00fcber den parlamentarischen Horizont hinausweisende Dynamik entfalten k\u00f6nne. Dabei bildeten der Kampf f\u00fcr konkrete Verbesserungen und die Perspektive einer revolution\u00e4ren Umw\u00e4lzung der Gesellschaft keinen Gegensatz, sondern eine innere Einheit. Dieses Herangehen machte auch Angebote an die SPD f\u00fcr gemeinsame Aktionen erforderlich. Unerl\u00e4ssliche Voraussetzung blieb, dass die Kommunisten ihre organisatorische Unabh\u00e4ngigkeit und die Freiheit zur \u2013 auch \u00f6ffentlichen Kritik \u2013 an ihren B\u00fcndnispartnern bewahrten.<\/p>\n<p>Wie wenig Meyer zu Dogmatismus oder Opportunismus neigte, zeigt sich in der Frage einer m\u00f6glichen \u00bbArbeiterregierung\u00ab, also einer gemeinsamen Regierung von Sozialdemokraten und Kommunisten. Die Strategie eines gemeinsamen Kampfes der Arbeiterparteien f\u00fcr konkrete Forderungen musste notwendig die Frage aufwerfen, welche Regierung diese schlie\u00dflich umsetzen sollte. Meyer lehnte eine langfristige Strategie von Regierungsbeteiligungen ab, die auf eine schrittweise \u00dcberwindung des Kapitalismus durch Reformen abzielte. Eine solche schien f\u00fcr ihn auf eine Integration in den Kapitalismus, eine Politik des Stellvertretertums und damit auf die Aufgabe der revolution\u00e4ren Perspektive \u00fcberhaupt hinauszulaufen. Zugleich verwarf er aber auch die vom linken Fl\u00fcgel der KPD und der Komintern vertretene Annahme, unter einer Arbeiterregierung d\u00fcrfe nichts anderes verstanden werden als die Diktatur des Proletariats. Ihm galt die Arbeiterregierung hingegen als eigenst\u00e4ndiges Element einer sozialistischen Transformationsstrategie: Vor dem Hintergrund sich zuspitzender Klassenk\u00e4mpfe und einer Offensive des Proletariats k\u00f6nne sie dazu beitragen, die Bourgeoisie zu schw\u00e4chen. Daf\u00fcr m\u00fcsse sich eine Arbeiterregierung nicht nur auf das Parlament, sondern vor allem auf Einheitsfrontorgane der Arbeiterschaft (Betriebsr\u00e4te, Kontrollaussch\u00fcsse, proletarische Hundertschaften) st\u00fctzen und diesen gegen\u00fcber rechenschaftspflichtig sein. Sie k\u00f6nne die Stellung der Arbeiterklasse deutlich st\u00e4rken, etwa indem sie eine Produktionskontrolle durch die Arbeiterschaft und drastisch h\u00f6here Steuern f\u00fcr die Reichen durchsetze, die faschistischen Organisationen ent- und die Arbeiterschaft bewaffne. So verstanden k\u00f6nne eine kommunistische Regierungsbeteiligung als ein Sprungbrett zur R\u00e4tedemokratie und zum Sozialismus fungieren.<\/p>\n<p>Zu keinem Zeitpunkt bedeuteten Meyers realpolitische Konzepte ein Abr\u00fccken von der Perspektive einer revolution\u00e4ren \u00dcberwindung des Kapitalismus. Im Gegenteil: Sie stehen f\u00fcr den Versuch, das Ziel der Revolution auch unter den Bedingungen eines relativ stabilen Kapitalismus zu erreichen.<\/p>\n<p>Ernst Meyer war wohl diejenige F\u00fchrungsfigur der KPD, die durch verschiedene Phasen der Parteientwicklung hindurch am entschiedensten die Notwendigkeit von innerparteilicher Demokratie und Diskussionsfreiheit betonte. Ununterbrochen trat er daf\u00fcr ein, politische Konflikte politisch, durch breite Diskussion und \u00dcberzeugung, zu l\u00f6sen. Ausschl\u00fcsse nach intensiven inhaltlichen Debatten galten ihm als letztes, manchmal aber auch notwendiges Mittel. Administrativ-b\u00fcrokratische Methoden zur \u00bbL\u00f6sung\u00ab innerparteilicher Differenzen waren ihm ein Greuel. Schon 1921\/22 trat er f\u00fcr die Integration unterschiedlicher Positionen und Str\u00f6mungen in eine gemeinsame, damit faktisch plurale kommunistische Partei ein. In den sp\u00e4ten 1920ern trug ihm dieser Umgang mit der \u00bbrechten\u00ab Opposition der KPD die diffamierend gemeinte Bezeichnung \u00bbVers\u00f6hnler\u00ab ein.<\/p>\n<p>Dabei bewegte er sich immer im Spannungsfeld zwischen Diskussion und Demokratie einerseits und effektivem und zentralisiertem Handeln anderseits. Dies war f\u00fcr ihn eine doppelte Lehre, die er aus der Entwicklung der SPD gezogen hatte: So hatte der Kampf gegen den Parteiapparat und dessen b\u00fcrokratische Methoden in der Weltkriegszeit ihn die Notwendigkeit parteiinterner Demokratie gelehrt. Zugleich kam er zu der Ansicht, dass eine verbindliche gemeinsame Praxis wichtig ist, nachdem er in der SPD Erfahrungen mit einer Partei gemacht hatte, die eben keine mit ihrem radikalen Programm korrespondierende Praxis entwickelt hatte und so trotz aller kriegskritischen Rhetorik in das Fahrwasser des Imperialismus geriet.<\/p>\n<p>Diese Erfahrungen machten ihn zu einem leidenschaftlichen Anh\u00e4nger des demokratischen Zen\u00adtralismus. Dessen Prinzipien lauteten nach Meyers Verst\u00e4ndnis: Freiheit der Diskussion nach innen, Einheit in der Aktion nach au\u00dfen und Unterordnung der Minderheit unter gemeinsam gefasste Beschl\u00fcsse bzw. demokratisch gew\u00e4hlte Gremien. Dabei betonte er stark das demokratische Element. Sein Ansatz unterschied sich deutlich von dem Modell eines in der Realit\u00e4t b\u00fcrokratischen Zentralismus ohne echte Diskussionsfreiheit, das sp\u00e4ter in den stalinisierten kommunistischen Parteien dominant war. Zeit seines Lebens hielt Meyer an seinen parteidemokratischen Vorstellungen fest.<\/p>\n<p><strong>Kopf der \u00bbVers\u00f6hnler\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Aus der Kritik an der \u00bbOktoberniederlage\u00ab 1923 ging eine sich um Meyer gruppierende Str\u00f6mung hervor, die in den folgenden Jahren f\u00fcr eine Fortsetzung einer revolution\u00e4ren Realpolitik eintrat und zeitgen\u00f6ssisch als Meyer- oder Mittelgruppe bezeichnet wurde. Ihren Anh\u00e4ngern \u2013 u. a. Arthur Ewert, Gerhart Eisler, Hugo Eberlein, Jacob Walcher und Meyers Trauzeuge Paul Fr\u00f6lich \u2013 galt die Einheitsfrontstrategie unter nichtrevolution\u00e4ren gesellschaftlichen Bedingungen als elementares \u00adInstrument zur Gewinnung proletarischer Mehrheiten f\u00fcr den Kommunismus. Als humanistische Marxisten gerieten sie in der zweiten H\u00e4lfte der 1920er Jahre in Gegnerschaft zu den von dem Historiker Hermann Weber als \u00bbStalinisierung\u00ab beschriebenen Prozessen eines Abbaus der innerparteilichen Demokratie in der kommunistischen Bewegung. Sie verteidigten die emanzipatorische Tradition des revolution\u00e4ren Marxismus gegen das zusehends b\u00fcrokratisch-autorit\u00e4re Parteiregime und traten f\u00fcr eine revolution\u00e4re Realpolitik im Gegensatz zum zunehmend abstrakt revolutionistischen Kurs der Parteif\u00fchrung ein.<\/p>\n<p>Dabei gab es starke inhaltliche \u00dcberschneidungen zwischen \u00bbVers\u00f6hnlern\u00ab und den \u00bbKPD-Rechten\u00ab um Heinrich Brandler. Differenzen bestanden vor allem in der Einsch\u00e4tzung der Oktoberniederlage 1923: W\u00e4hrend Brandler sie als Ausdruck objektiver Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse wertete, sah Meyer die Ursache in der in seinen Augen falschen und opportunistischen Auslegung der Einheitsfrontstrategie durch die Brandler-F\u00fchrung. Ein weiterer Unterschied bestand in der Einsch\u00e4tzung der Parteilinken um Th\u00e4lmann: In Meyers Augen bestand sie aus aufrichtigen revolution\u00e4ren Arbeitern, deren Abkehr von der Einheitsfront als Konsequenz aus 1923 er zwar inhaltlich verurteilte, aber durchaus auch als psychologisch nachvollziehbare Reaktion auf die Niederlage betrachtete. Meyers Strategie war, Th\u00e4lmann und seine Anh\u00e4nger von den Ultralinken um Ruth Fischer zu l\u00f6sen und f\u00fcr eine \u00bbF\u00fchrung der Konzentration\u00ab gemeinsam mit seiner Mittelgruppe zu gewinnen. Durch praktische Zusammenarbeit hoffte Meyer, sie von der Richtigkeit der Einheitsfront \u00fcberzeugen zu k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich kehrte die KPD 1926\/27 vor\u00fcbergehend zu diesem Kurs zur\u00fcck, und es bildete sich eine Parteif\u00fchrung um Th\u00e4lmann und Meyer.<\/p>\n<p>Als in der Folge des VI. Weltkongresses der Komintern die russischen Fraktionsk\u00e4mpfe zwischen dem \u00bbrechten\u00ab Nicolai Bucharin und dem neuerdings \u00bblinken\u00ab Josef Stalin auch auf die KPD \u00fcbertragen wurden, standen die \u00bbrechten\u00ab Anh\u00e4nger Brandlers bald vor dem Ausschluss aus der Partei. In Ernst Meyer fanden sie ihren engagiertesten Verteidiger: Er bestand auf innerparteilicher Demokratie und Diskussionsfreiheit und stemmte sich gegen die organisatorische Aufl\u00f6sung politischer Konflikte durch Ausschluss langj\u00e4hriger und erfahrener Genossen. Vergeblich: zur Jahreswende 1928\/29 sahen sich die Brandler-Leute gezwungen, eine eigene Organisation, die KPD-Opposition, zu gr\u00fcnden. Eine Reihe ehemaliger Anh\u00e4nger Meyers schloss sich an. Meyer selbst, der in der Vergangenheit h\u00e4ufig betont hatte, im Zweifel lieber mit Th\u00e4lmann als mit Brandler zu gehen, blieb in der Partei. In den Monaten bis zum Weddinger Parteitag im Juni 1929 k\u00e4mpfte er mit dem R\u00fccken zur Wand gegen den Abschluss der Stalinisierung des deutschen Kommunismus und gegen das Aufkommen der verh\u00e4ngnisvollen \u00bbSozialfaschismusthese\u00ab, derzufolge die Sozialdemokratie objektiv der gem\u00e4\u00dfigte Fl\u00fcgel des Faschismus sei. Meyers \u00bbVers\u00f6hnler\u00ab erlitten als letzte verbliebene innerparteiliche Oppositionsgruppe auf dem Parteitag ihre finale Niederlage. Um auch nach dem Ende innerparteilicher Demokratie und Diskussionsfreiheit in der Partei bleiben zu k\u00f6nnen, sahen sich viele seiner Weggef\u00e4hrten zu Kapitulation und Anpassung gezwungen. Ein Weg, dem sich Meyer verweigerte: Bis zu seinem fr\u00fchen Tod blieb er in offener Opposition zum Kurs der Parteif\u00fchrung.<\/p>\n<p><strong>Selbstbewusste Traditionsbildung<\/strong><\/p>\n<p>Um den Kapitalismus im 21. Jahrhundert \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen, muss die sozialistische Bewegung wieder eine Massenbasis finden. Dies wird ihr nur gelingen, wenn sie glaubhaft f\u00fcr eine Einheit von Sozialismus und Demokratie und f\u00fcr die Emanzipation der Arbeiterklasse als Vorbedingung einer Emanzipation der Menschheit von allen Formen von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung eintritt. F\u00fcr eine selbstbewusste Bezugnahme auf die emanzipatorischen Traditionen der revolution\u00e4ren Arbeiterbewegung bietet sich \u2013 neben anderen \u2013 insbesondere auch Ernst Meyer an, kann gerade die Auseinandersetzung mit ihm doch strategisches Lernen in der Linken heute bef\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Im Falle Meyers haben insbesondere seine Einheitsfrontpolitik und seine Haltung zu Arbeiterregierungen starke aktuelle Bez\u00fcge: zum Verh\u00e4ltnis radikaler Linker zu Sozialdemokratie und Gewerkschaften, zu Fragen linker Hegemonie heute und zu den andauernden Debatten \u00fcber das strategische Ziel linker Regierungsbeteiligungen. In der Auseinandersetzung mit Meyer l\u00e4sst sich verdeutlichen, dass K\u00e4mpfe um konkrete Reformen und die system\u00fcberwindende revolution\u00e4re Perspektive keineswegs Gegens\u00e4tze sein m\u00fcssen, sondern eine organische Einheit antikapitalistischer Strategien bilden k\u00f6nnen. Dogmatismus und die autorit\u00e4re Herrschaft des Parteiapparats waren keineswegs von Anbeginn dem kommunistischen Projekt eingeschrieben, im Gegenteil: Im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens war die KPD eine \u00fcberaus lebendige, plurale und diskussionsfreudige Partei mit einem hohen Ma\u00df an innerparteilicher Demokratie. Der Blick auf Akteure wie Meyer kann helfen, das Potential einer alternativen Entwicklung der kommunistischen Bewegung zu erkennen. Die versch\u00fcttete und in Vergessenheit geratene Grundstr\u00f6mung jener Leninisten innerhalb der KPD, die in der Tradition Rosa Luxemburgs standen, bietet sich f\u00fcr all jene als Bezugspunkt an, die selbstbewusst an revolution\u00e4re Traditionen ankn\u00fcpfen wollen und nach historischen Bezugslinien f\u00fcr den Aufbau einer massenhaften sozialistischen Bewegung im 21. Jahrhundert suchen.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/333386.revolution%C3%A4re-realpolitik.html\">jungewelt.de&#8230;<\/a> vom 31. Mai 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Florian Wilde. Der Kommunist Ernst Meyer (1887\u20131930) ist weitgehend vergessen. 1929 endg\u00fcltig an den Rand gedr\u00e4ngt, betrieb der zeitweilige Vorsitzende der KPD eine Politik<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[23,39,62,4],"class_list":["post-3621","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-buecher","tag-deutschland","tag-rosa-luxemburg","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3621","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3621"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3621\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3622,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3621\/revisions\/3622"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3621"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3621"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3621"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}