{"id":3650,"date":"2018-06-04T16:08:29","date_gmt":"2018-06-04T14:08:29","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3650"},"modified":"2018-06-04T16:08:29","modified_gmt":"2018-06-04T14:08:29","slug":"die-annaeherung-der-beiden-koreas-und-die-radikale-linke-suedkoreas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3650","title":{"rendered":"Die Ann\u00e4herung der beiden Koreas und die radikale Linke S\u00fcdkoreas"},"content":{"rendered":"<p><em>Christophe Aguiton.<\/em> Das Treffen zwischen Moon Jae-in und Kim Jung-un stellt eine Wende in den Beziehungen zwischen den beiden Koreas dar; dabei zeichnet sich eine L\u00f6sung dieser internationalen<!--more--> Krise ab. Diese Wende entspringt aus der neuen Situation, die durch die Absetzung der Pr\u00e4sidentin Park Geun-hye entstanden ist. Bei dieser Gelegenheit soll eine Einsch\u00e4tzung der s\u00fcdkoreanischen radikalen Linken gemacht werden, die massgeblich zu diesen Ereignissen beigetragen hat.<\/p>\n<p>Am Freitag, den 27. April 2018, haben sich zum ersten Male die Regierungsoberh\u00e4upter beider Koreas auf der Demarkationslinie getroffen. Dieses in der Weltpresse prominent kommentierte Ereignis wurde von der s\u00fcdkoreanischen Bev\u00f6lkerung mit grosser Aufmerksamkeit verfolgt, die den ganzen Tag vor dem Fernseher zugebracht hat \u2013 bei sich zuhause oder dann in einem der zahlreichen Caf\u00e9s oder Restaurants.<\/p>\n<p>Eine sehr grosse Mehrheit der Bev\u00f6lkerung S\u00fcdkoreas hat diese Einleitung einer Ann\u00e4herung sehr positiv aufgenommen. Dies aus drei Gr\u00fcnden. Erstens ist da die grosse Angst vor einem offenen Konflikt zwischen den beiden Koreas, bei dem die Zivilbev\u00f6lkerung das erste Opfer w\u00e4re; dies ist ein offensichtlicher, aber nicht der wichtigste Grund f\u00fcr die sehr breite Unterst\u00fctzung. Die s\u00fcdkoreanische Bev\u00f6lkerung ist sich an die unabl\u00e4ssigen Krisen mit dem Norden gew\u00f6hnt und die Reden ihrer Regierenden haben mehr mit Kraftmeierei zu tun als denn mit wirklicher kriegerischer Absicht. Dem Norden geht es um einen Schutz vor einer US-amerikanischer Intervention und er versucht, durch seine Friedensinitiativen wirtschaftliche Zugest\u00e4ndnisse herauszuholen.<\/p>\n<p>Zweitens geht es um die Traumatisierung und den Schmerz einer Trennung, die zahlreiche Familien auseinandergerissen hat; der s\u00fcdkoreanische Pr\u00e4sident Moon Jae-in selbst ist in eine nordkoreanische Familie hineingeboren, und seine Eltern sind w\u00e4hrend des Koreakrieges nach Pusan geflohen. Dabei muss daran erinnert werden, dass die Trennung zwischen den beiden Koreas viel strikter ist, als sie zwischen den beiden Deutschlands gewesen ist: in den allermeisten F\u00e4llen konnten die getrennten Familien nie zusammentreffen.<\/p>\n<p>Der dritte und ebenso wichtige Grund f\u00fcr diese breite Unterst\u00fctzung liegt in der Furcht vor einem Zusammenbruch des Regimes im Norden, das die gesamte Region destabilisieren w\u00fcrde, die Spannungen zwischen den m\u00e4chtigen Nachbarn der koreanischen Halbinsel versch\u00e4rfen und zu einer Wiedervereinigung, allerdings unter \u00e4usserst schwierigen Bedingungen, f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Erinnern wir uns vor allem daran, dass die Halbinsel im Norden an China und an Russland grenzt, dass Japan nur einige Hundert Kilometer entfernt liegt, und dass die USA aktuell mit einem Kontigent von 25\u2019000 Milit\u00e4rs in S\u00fcdkorea pr\u00e4sent sind. In diesem Kontext ist es unm\u00f6glich, das Gewicht dieser \u00abSchutzm\u00e4chte\u00bb ausser Acht zu lassen, selbst wenn \u2013 wie wir noch sehen werden \u2013 die spezifischen Gegebenheiten Koreas f\u00fcr die Zukunft der Beziehungen zwischen den beiden Staaten ebenso wichtig sind. Zudem leben die 25 Millionen Menschen im Norden (der S\u00fcden z\u00e4hlt 50 Millionen) in beinahe vollst\u00e4ndiger Abgeschlossenheit und unter betr\u00e4chtlich schlechteren wirtschaftlichen Bedingungen.<\/p>\n<p>F\u00fcr S\u00fcdkorea w\u00fcrde der Zusammenbruch des Regimes in Py\u00f6ngyang in eine viel schwierige Lage f\u00fchren als dies anfangs der 1990er Jahre f\u00fcr die BRD nach der Einverleibung der DDR der Fall war, die eine vier mal kleinere Bev\u00f6lkerung als jene umfasste, eine gewisse Weltoffenheit hatte und wirtschaftlich Nordkorea weit \u00fcberlegen war. F\u00fcr die s\u00fcdkoreanische Regierung, die Unternehmer und einen grossen Teil der Bev\u00f6lkerung ginge es nicht um eine sofortige Wiedervereinigung, sondern um die Einleitung einer Ann\u00e4herung, die eine l\u00e4ngere Periode des \u00dcberganges in eine Wiedervereinigung er\u00f6ffnen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Neue politische und soziale Gegebenheiten<\/strong><\/p>\n<p>Das Treffen der Regierungschefs der beiden Koreas hat f\u00fcr S\u00fcdkorea in einem neuen Kontext stattgefunden. Das Land wurde seit 2007 von der \u00abPartei der Freiheit Koreas\u00bb regiert, die aus der \u00abGrossen Nationalen Partei\u00bb aus der Zeit der Diktatur hervorging und sich den neuen Namen gab; die letzte Pr\u00e4sidentin, seit 2013, war Park Geun-Hye, Tochter des Diktators Park in den 1960er und 1970er Jahren. Der Untergang eines F\u00e4hrschiffes im April 2014, der 300 Gymnastinnen und Gymnasiasten in den Tod zog, war ein wahres nationales Trauma, das durch begleitende Korruptionsverdachte nur noch verst\u00e4rkt wurde. Dieses Trauma ersch\u00fctterte die Popularit\u00e4t von Park vollst\u00e4ndig. Eine sie direkt betreffende Korruptionsaff\u00e4re f\u00fchrte dann zu einer anhaltenden und breiten Mobilisierung, der \u00abKerzenrevolution\u00bb, in deren Verlaufe Millionen \u00fcber Wochen auf die Strassen gingen und die 2017 schliesslich zur Absetzung von Park f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Zwei Monate sp\u00e4ter wurde Moon Jae-in von der Demokratischen Partei zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt und die Partei der Freiheit verlor ihre Parlamentsmehrheit. F\u00fcr die linken Aktivistinnen und Aktivisten S\u00fcdkoreas stammte die Macht der Grossen Nationalen Partei \/ Partei der Freiheit Koreas aus dem Fortbestehen eines Systemes, in dem die Eliten zuerst die japanische Besetzung und dann die starke Milit\u00e4rpr\u00e4senz der USA unterst\u00fctzt hatten. In Seoul sind weiterhin Aufm\u00e4rsche zur Unterst\u00fctzung von Park zu sehen, mit sehr alten Teilnehmern, in Jacken, die auf der rechten Schulter eine koreanische Flagge und auf der linken eine US-amerikanische aufgen\u00e4ht haben. Eines Systems, das seine Macht aus der Verbindung mit den \u00abchaebols\u00bb, den Industriekonglomeraten wie Samsung und Hyundai, zieht; diese Verbindung zerf\u00e4llt jedoch mittlerweile. Die Demokratische Partei ist die andere Partei des politischen Systems in S\u00fcdkorea. Eine Partei, deren F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten w\u00e4hrend der Diktatur unterdr\u00fcckt wurden und deren ehemaliger F\u00fchrer Kim Dae-jun in den 1970er Jahren Ziel von zwei Mordversuchen war und dann von der Diktatur zum Tode verurteilt wurde.<\/p>\n<p>Die Demokratisierung es Landes hat es den Demokraten erm\u00f6glicht, von 1998 bis 2007 die Regierung zu f\u00fchren. Es handelt sich um eine liberale Partei im wirtschafltichen Sinne, auch mit der Absicht, mehr Transparenz hinsichtlich der chaebols durchzusetzen, wirklich demokratisch im politischen Sinne und offen f\u00fcr eine Entspannungspolitik gegen\u00fcber dem Norden, bekannt unter dem Namen der \u00abPolitik des Sonnenstrahls\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Die Bedeutung der radikalen politischen und sozialen Linken<\/strong><\/p>\n<p>Neben den beiden Parteien, die sich die Macht teilen, gibt es in S\u00fcdkorea eine radikale Linke, die im Kampf gegen die Diktatur und beim Aufbau der koreansichen Arbeiterbewegung eine sehr wichtige Rolle gespielt hat; ihre Aktivistinnen und Aktivisten verf\u00fcgen \u00fcber ein gewisses Gewicht im politischen und sozialen Leben des Landes. Am Ende der japanischen Besetzung existierte eine m\u00e4chtige kommunistische Bewegung im S\u00fcden Koreas, die Partei der Arbeit, die mehrere Hundertausend Mitglieder z\u00e4hlte; diese stand der Schaffung eines eigenen Staates im S\u00fcden der Halbinsel sehr feindlich gegen\u00fcber. Diese Partei wurde von der US-amerikanischen Armee gewaltsam unterdr\u00fcckt, bevor sie im Verlaufe des Koreakrieges ausgel\u00f6scht wurde und ihre F\u00fchrer in den Norden fl\u00fcchteten.<\/p>\n<p>Erst in den 1980er Jahren konnte sich eine neue radikale Linke herausbilden, die im Verlaufe des Jahrzehntes immer st\u00e4rker wurde. Der Ausgangspunkt dieser Neubildung ist die Erhebung in der Stadt Gwangju im Mai 1980 gewesen, als sich eine studentische Bewegung gegen die Diktatur formierte und eine Demokratisierung des Landes forderte. Diese Bewegung wurde zwar unterdr\u00fcckt, aber auf sie folgte recht bald eine grosse Mobilisierung in der Stadt, die in einem Blutbad ertr\u00e4nkt wurde. Die s\u00fcdkoreanische Armee stellte die Ordnung zum Preis von Tausenden von Toten wieder her. Das Ausmass der Repression l\u00f6ste eine Schockwelle in den s\u00fcdkoreanischen Universit\u00e4ten aus, wo sich schnell eine radikale Studierendenbewegung heruasbildete. Die Studentinnen und Studenten zogen aus dem Drama von Gwangju den Schluss, dass nur eine grosse Mobilisierung die Diktatur beseitigen k\u00f6nne, eine Mobilisierung im nationalen Rahmen und dass ihre soziale Basis vor allem auf die Arbeiterklasse ausgedehnt werden m\u00fcsse; diese war in den 1980er Jahren sehr schnell angewachsen, da in diesem Jahrzehnt das Land eine starke industrielle Entwicklung durchmachte.<\/p>\n<p>So haben sich Tausende von Studentinnen und Studenten proletarisiert und sind in die Fabriken gegangen, wo viele Arbeitskr\u00e4fte angeheuert wurden. Diese Studentinnen und Studenten haben Gewerkschaften aufgebaut, in einem korporatistischen Umfeld, wie man es in Diktaturen und Einparteien Staaten h\u00e4ufig vorfindet: Die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gewerkschaft ist obligatorisch; diese sind nach Berufsgruppen und grossen Firmen aufgebaut. Dies erlaubte den Studentinnen und Studenten, institutionelle Positionen in diesen Gewerkschaften zu erobern.<\/p>\n<p>Damit gelang es der radikalen Linken, in den beiden wichtigsten sozialen Bewegungen des Landes die Mehrheit zu gewinnen: den Gewerkschaften und der Studentenbewegung. Sie bauten die KTCU auf, die bald zur wichtigsten Gewerkschaft des Landes wurde.<\/p>\n<p>Mit dem Aufbau einer Bauernbewegung, basierend auf den Kleinbauern und -b\u00e4uerinnen, die sich der Via Campesina anschloss, der internationalen Bauernorganisation, die in der Antigglobalisierungsbewegung und im Widerstand gegen die Freihandelsvertr\u00e4ge sehr aktiv ist, wurde das Bild vervollst\u00e4ndigt; die Bauernschaft umfasst 6% der berufst\u00e4tigen Bev\u00f6lkerung S\u00fcdkoreas.<\/p>\n<p>Die radikale Linke S\u00fcdkoreas ist in zwei Familien aufgeteilt, wobei jede von ihnen ihre eigenen F\u00e4rbungen und Untergliederungen hat. Die erste ist unter dem Namen \u00abPeople Democracy\u00bb oder \u00abPD\u00bb bekannt. Dabei handelt es sich um Aktivisten, die den Kampf um Demokratisierung des Landes in den Zusammenhang mit sozialen Forderungen stellen; Forderungen, die im Verlaufe der vergangenen Jahrzehnte auf die \u00d6kologie, den Feminismus und die Verteidigung der Rechte\u00a0 der LGBT+ ausgedehnt wurden. Sie legt zudem Wert auf die Wahrung der Unabh\u00e4ngigkeit sowohl gegen\u00fcber Nordkorea wie auch der Demokratischen Partei. Diese Familie ist jedoch in verschiedene Str\u00f6mungen aufgeteilt, radikalere und weniger radikale.<\/p>\n<p>Die zweite Familie \u00abNational Liberation\u00bb oder \u00abNL\u00bb, ist gr\u00f6sser und setzt sich aus Aktiven zusammen, f\u00fcr die die nationale Befreiung die wichtigste Forderung ist, eine Befreiung, die \u00fcber einen Kampf gegen die Diktatur und gegen die Pr\u00e4senz der US-amerikanischen Armee im Lande und \u00fcber einen Prozess der Wiedervereinigung der beiden Koreas f\u00fchrt.\u00a0 Der Anti-Amerikanismus wuchs nach dem Massaker von Gwangju an, da die US-amerikanischen Beh\u00f6rden das Vorgehen der s\u00fcdkoreanischen Armee gef\u00f6rdert hatten.<\/p>\n<p>Die NL weist auch jede Kritik an Nordkorea zur\u00fcck, ziele diese nun auf die Menschenrechtssituation oder auf die Atomtests. Wenn sie auch den Aufbau einer unabh\u00e4ngigen Partei als n\u00fctzlich ansehen, so rufen sie oft auf, f\u00fcr die Kandidaten und Kandidatinnen der Demokratischen Partei zu stimmen, als Mittel, die \u00aberste Etappe\u00bb der nationalen Befreiung zu verwirklichen.<\/p>\n<p><strong>Auftauchen und Neuzusammensetzung der radikalen Linken und der sozialen Bewegungen nach der Diktatur<\/strong><\/p>\n<p>Nach den grossen Studentenbewegungen im Juni 1987, dem sogenannten \u00abFr\u00fchling von Seoul\u00bb ist die Diktatur zusammengebrochen. Dies war der Beginn einer grossen sozialen politischen Unrast, mit zahlreichen Streiks der Arbeiterklasse und der Schaffung neuer Gewerkschaften, die sich einige Jahre sp\u00e4ter dem KTCU anschlossen. Aber erst ein Jahrzehnt sp\u00e4ter war \u2013 unter dem Druck des KTCU \u2013 die Schaffung einer Linkspartei m\u00f6glich, nach dem Beispiel der englischen Gewerkschaften, als sie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die \u00abLabour Party\u00bb aufbauten, oder der brasilianischen Gewerkschaften, die mit Lula in den 1980er Jahren die Partei der Arbeiter, die PT, aufbauten.<\/p>\n<p>In S\u00fcdkorea wurde dieses Partei, die DLP, \u00abDemocratic Labour Party\u00bb, im Januar 2000 offiziell gegr\u00fcndet und gewann rasch an Einfluss, bis sie bei den Parlamentswahlen von 2004 13 % der Stimmen und 10 Abgeordnetensitze erlangte, in einem System mit Pers\u00f6nlichkeitswahl und lediglich einem Wahlgang. Bei der Gr\u00fcndung der DLP hatten die Mitglieder der PD einen grossen Einfluss, aber durch einen grossen Zustrom von Mitgliedern der NL haben sich die internen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndert und es entstanden starke Spannungen, die 2007 in eine Spaltung f\u00fchrten, bei der Anh\u00e4nger der PD die DLP verliessen und die NPP gr\u00fcndeten, die \u00abNew Progressive Party. Eine Spaltung, die die Wahlresultate belastete: 2008 erhielt die DLP lediglich 6 % und die NPP 3 % der Stimmen. Im Dezember 2011 kam es zu einer teilweisen Umgruppierung, als sich die SLP mit anderen Str\u00f6mungen zusammenschloss, einschliesslich einem Fl\u00fcgel der NPP, und die \u00abUPP\u00bb bildete, die \u00abUnified Progressive Party\u00bb; diese erreichte bei den Wahlen von 2012 10 % der Stimmen und 13 Sitze. Recht bald jedoch hat sich der PD-Fl\u00fcgel abgespalten und die \u00abPartei der Gerechtigkeit\u00bb gebildet. Ein Jahr sp\u00e4ter, 2013, hat die konservative Regierung, gest\u00fctzt auf die Anklage eines \u00abnordkoreanischen Komplottes\u00bb, die UPP aufgel\u00f6st und die Abgeordneten der Partei abgesetzt.<\/p>\n<p>Bei den Parlamentswahlen von 2016 hat die Partei der Gerechtigkeit 7 % der Stimmen und 6 Abgeordnetensitze gewonnen und bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2017, nach dem R\u00fccktritt von Park, 6 % der Stimmen; bei diesen Wahlen herrschte ein starker Druck einer n\u00fctzlichen Stimme f\u00fcr Moon Jae-in, den Kandidaten der Demokratischen Partei, der von den Anh\u00e4ngern der NL unterst\u00fctzt wurde.<\/p>\n<p>Auch die sozialen Bewegungen erfuhren nach der Diktatur eine kr\u00e4ftige Entwicklung und eine Ausweitung ihrer thematischen Ausrichtung. \u00d6kologische, feministische und pazifistische Bewegungen und B\u00fcrgerinitiativen traten auf die B\u00fchne, entwickelten sich und stellten die bis anhin unhinterfragte zentrale Rolle der Arbeiterbewegung in Frage. Neuerdings strukturieren und entwickeln sich die Mobilisierungen der sogenannten \u00abKerzenrevolution\u00bb eher dank dem Internet und von sozialen Netzwerken, abgest\u00fctzt auf pers\u00f6nliche Initiative, als denn entlang von strukturierten Bewegungen. Heute ist die Lage der Bewegungen und der Organisationen eine ganz andere als zur Zeit des Sturzes der Diktatur.<\/p>\n<p>Der KTCU stellt nach wie vor eine wichtige Kraft dar, wie die Strassendemonstrationen zum 1. Mai dieses Jahres gezeigt haben. Das Gravitationszentrum seiner Aktionen hat sich jedoch verschoben; es sind die unternehmenszentrierten Gewerkschaften, die eine zentrale Rolle einnehmen, auf die Gefahr hin, dass sich die Forderungen und die Mobilisierungen je nach den Gegebenheiten und den Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen in den einzelnen Unternehmen verzetteln. Die politischen Parteien haben weiterhin eine wichtige Rolle bei den Wahlen, die aktive Beteiligung ihrer Basis ist stark zur\u00fcckgegangen. Es existiert eine grosse Vielfalt von Vereinigungen und Bewegungen, aber die Mobilisierungen st\u00fctzen sich auf die Beteiligung von Einzelnen, die sich \u00fcber das Internet informieren und koordinieren. Von daher ist die Situation in S\u00fcdkorea \u00e4hnlich derjenigen in Europa.<\/p>\n<p><strong>Regierungsverantwortung<\/strong><\/p>\n<p>Parallel zu dieser komplexen Geschichte der verschiedenen Parteien und Bewegungen, die aus der radikalen Linken hervorgegangen sind, habe sich einige ihrer F\u00fchrer in den Einflusssbereich der Demokratischen Partei begeben und dort wichtige Positionen erlangt. Dies gilt insbesondere f\u00fcr Anh\u00e4nger und Anh\u00e4ngerinnen aus der NL, f\u00fcr die der Aufruf zur Unterst\u00fctzung der Demokratischen Partei bei Wahlen,\u00a0 in einer Logik der n\u00fctzlichen Stimme, Anlass war, sich auf deren Apparat zuzubewegen und sich darin zu integrieren, mit der Idee, Karriere zu machen und so Einfluss zu nehmen auf f\u00fcr das Land wichtige Entscheide. Beispielhaft daf\u00fcr steht Im Jong-seok, der ein wichtiger F\u00fchrer der NL war und zur rechten Hand des Pr\u00e4sidenten Moon Jae-in wurde. Jong-seok stand 1989 an der Spitze der s\u00fcdkoreanischen Studierendenvereinigung, wurde anschliessend verhaftet und \u2013 aufgrund seiner Beziehungen zu Nordkorea \u2013 zu f\u00fcnf Jahren Gef\u00e4ngnis wegen \u00abGef\u00e4hrdung der nationalen Sicherheit\u00bb verurteilt. Jahre sp\u00e4ter ist er stellvertretender B\u00fcrgermeister in Seoul gewesen, unter Park Won-soon, einem unabh\u00e4ngigen progressiven Politiker, der 2011 mit der Unterst\u00fctzung der Demokratischen Partei wie auch der DLP an die Spitze der Hauptstadt S\u00fcdkoreas gew\u00e4hlt wurde.<\/p>\n<p>Als Moon Jae-in 2017 zum Pr\u00e4sidenten der Republik gew\u00e4hlt wurde, ernannte er Im Jong-seok zum Verantwortlichen seines Sekretariates. Dadurch wurde er zum Hauptverantwortlichen der Verwaltung des Pr\u00e4sidialamtes. In letzter Zeit hat sich Im Jong-seok der Kontakte mit den Verantwortichen Nordkoreas angenommen und eine zentrale Rolle bei der Vorbereitung des Treffens vom 27. April zwischen Moon Jae-in und Kim Jung-un, der Nummer eins Nordkoreas, gespielt. Im Jong-seok ist heute sichtlich ein anderer, als der pro-Nordkorea Aktivist, der er zum Zeitpunkt des Sturzes der Diktatur war. Aber, wie Lee In-young bemerkt, ein anderer Verantwortlicher der NL, der heute in derP r\u00e4sidial-Verwaltung arbeitet: \u00abNachdem wir in Nordkorea gewesen sind, haben wir heute einen klaren Blick\u00bb, und f\u00fcgt hinzu: \u00abWir sind keine Sympathisanten Nordkoreas, haben aber vielleicht ein w\u00e4rmeres Herz und mehr Geduld als andere, um auf den Frieden hinzuarbeiten\u00bb. Dank dieser ehemaligen Anh\u00e4nger der NL verf\u00fcgt Moon \u00fcber ein Team, das das Vertrauen der nordkoreanischen F\u00fchrung geniesst und ihre Logik wie auch ihren Diskurs gut versteht.<\/p>\n<p>Es ist offensichtlich, dass der Konflikt zwischen den beiden Koreas nur gel\u00f6st werden kann mit dem Einverst\u00e4ndnis ihrer grossen Schutzm\u00e4chte, den USA und China, und in geringerem Masse von Russland und Japan. Moon und sein Team jedoch haben es verstanden, die Gelegenheit ab den Olympischen Winterspielen bis zum Treffen vom 27. April zu ergreifen; der Friedensprozess, wenn er denn gelingen sollte, wird dieser F\u00e4higkeit zur Initiative und diesen Aktivistinnen und Aktivisten viel zu verdanken haben, die seit \u00fcber dreissig Jahren eine wichtige Rolle spielen beim Umbau ihres Landes!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><em><a href=\"https:\/\/www.ensemble-fdg.org\/content\/le-rapprochement-des-deux-corees-et-la-gauche-radicale-en-coree-du-sud\">ensemble-fdg.org&#8230;<\/a><\/em><em> vom 1. Juni 2018. \u00dcbersetzung durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christophe Aguiton. 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