{"id":3667,"date":"2018-06-06T16:38:54","date_gmt":"2018-06-06T14:38:54","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3667"},"modified":"2018-06-06T16:39:48","modified_gmt":"2018-06-06T14:39:48","slug":"das-wunder-von-san-giovanni","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3667","title":{"rendered":"Das Wunder von San Giovanni"},"content":{"rendered":"<p><em>Martina Zaninelli. <\/em><strong>In Italien hat Amazon erstmals eine Vereinbarung \u00fcber Arbeitsbedingungen mit den Gewerkschaften unterzeichnet. Bei Amazon herrscht starker Leistungsdruck. Dagegen<!--more--> kann man sich aber auch erfolgreich wehren \u2013 so wie die Arbeiter in Castel San Giovanni.<\/strong><\/p>\n<p>Zum ersten Mal hat der US-Onlineversandh\u00e4ndler Amazon eine Vereinbarung \u00fcber Arbeitsbedingungen mit den Gewerkschaften unterzeichnet. Dieser erste Durchbruch f\u00fcr die Arbeiterorganisationen bei dem stets gewerkschaftsfeindlich auftretenden Konzern gelang in Italien. Die drei dort beteiligten Gewerkschaftsverb\u00e4nde, Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGIL), Confederazione Italiana Sindacati Lavoratori (CISL) und Unione Italiana del Lavoro (UIL), sprechen deshalb von einem historischen Moment. Das entsprechende Abkommen wurde am 22. Mai f\u00fcr das Hauptversandzentrum des Konzerns in Italien, in Castel San Giovanni, unterschrieben. An dem Standort nahe Piacenza mit mehr als tausend Besch\u00e4ftigten hatte im vergangenen November zum Rabattaktionstag \u00bbBlack Friday\u00ab ein gro\u00dfer Streik stattgefunden.<\/p>\n<p>Nach dem Ausstand, an dem sich mehr als die H\u00e4lfte der Arbeiter beteiligte, kam es erstmals zu Verhandlungen zwischen den Gewerkschaften und dem Onlineriesen. Durch den Arbeitskampf und das dadurch erzeugte gro\u00dfe mediale Interesse in Italien und dar\u00fcber hinaus geriet der Konzern unter Handlungsdruck. Trotzdem waren sich die Besch\u00e4ftigtenvertreter bis vor ein paar Wochen nicht sicher, ob es \u00fcberhaupt zu einer Einigung kommen w\u00fcrde. Fiorenzo Molinari, der die Verhandlungen f\u00fcr CGIL koordinierte, sprach von einer \u00bbheiklen Phase\u00ab, w\u00e4hrend der nichts als sicher galt (siehe\u00a0<em>junge Welt<\/em>\u00a0vom 12. Mai).<\/p>\n<p>Konfliktpunkte zwischen den Arbeitern und dem Management von Amazon Italia sind haupts\u00e4chlich die Schichteinteilungen, die generelle Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die geforderte Reduzierung der Nacht- und Wochenendarbeit. Zwar sind die Besch\u00e4ftigten in die Tarifvertr\u00e4ge f\u00fcr Logistik und Dienstleistung eingeordnet, doch die ber\u00fccksichtigen die speziellen Arbeitsbedingungen, mit denen die Mitarbeiter des Internetkonzerns konfrontiert sind, nicht ausreichend. Das nun unterzeichnete Abkommen, das genau auf diese Probleme eingeht, wurde den Arbeitern von den Gewerkschaften zur Abstimmung vorgelegt. Etwa 500 Besch\u00e4ftigte und somit circa ein Drittel der Belegschaft beteiligten sich an der Wahl. Eine gro\u00dfe Mehrheit von 68 Prozent stimmte f\u00fcr die Vereinbarung.<\/p>\n<p>\u00bbDie Einigung basiert auf den Prinzipien der Gerechtigkeit und Gleichheit\u00ab erkl\u00e4rt Massimo Mensi von CGIL. \u00bbEs handelt sich erst mal um einen Testlauf. Das Abkommen, das ein Jahr lang g\u00fcltig ist, tritt ab dem 17. Juni in Kraft. Nach vier Monaten wird eine \u00dcberpr\u00fcfung stattfinden.\u00ab Die entsprechende Pressemitteilung der CISL verr\u00e4t Details der Abmachung: \u00bbDas Konzept der festen Nachmittags- und Nachtschichten wird mit diesem Abkommen \u00fcberholt. Es erfolgt eine Neuaufteilung des Arbeitstages in drei Schichten mit einer maximalen Anzahl von 40 Arbeitsstunden pro Woche. Alle Arbeiter werden w\u00f6chentlich zwischen der Fr\u00fchschicht (7 bis 15 Uhr) und der Nachmittagsschicht (15.30 bis 23.30 Uhr) wechseln. Die Nachtschichten (20 bis 4 Uhr von Januar bis August und 23.30 bis 7.30 Uhr von September bis Dezember) werden ab sofort nur auf freiwilliger Basis zugeteilt, und der entsprechende Zuschlag, der aktuell bei 15 Prozent liegt, wird auf 25 Prozent erh\u00f6ht. Sollten nicht ausreichend Arbeiter f\u00fcr die Nachtschichten zur Verf\u00fcgung stehen, wird der w\u00f6chentliche Wechsel zwischen den drei Schichtarten ausgeweitet.\u00ab CGIL-Gewerkschafter Mensi erl\u00e4utert die Neuorganisation der Wochenendschichten: \u00bbAlle acht Wochen wird es vier aufeinander folgende freie Wochenenden und anschlie\u00dfend einen kontinuierlichen Wechsel geben: ein Wochenende mit Samstag und Sonntag als Arbeitstage, zwei Wochenenden mit Schichten am Samstag und schlie\u00dflich eines, an dem sonntags gearbeitet wird\u00ab.<\/p>\n<p>Fiorenzo Molinari, der f\u00fcr die CGIL an den Verhandlungen direkt beteiligt war, bewertet das Ganze positiv: \u00bbEs ist ein erstes Ergebnis nach einem langen und anstrengenden Kampf f\u00fcr die Arbeiter. Nicht zu untersch\u00e4tzen ist, dass wir als Gewerkschaften es tats\u00e4chlich geschafft haben, ein Abkommen mit diesem Riesenunternehmen zu unterschreiben, das eine Politik des direkten Dialoges mit den Mitarbeitern bevorzugt und versucht, jegliche Organisierungs der Arbeiter zu verhindern. Es ist keine einfache Aufgabe, mit einem globalen Player zu verhandeln, der die Welt als sein Kampffeld betrachtet, wenn man letztendlich nur ein kleines Versandzentrum vertritt und nur ein Teil dieses riesengro\u00dfen Puzzles ist.\u00ab<\/p>\n<p>Auch wenn das unterzeichnete Abkommen erst einmal nur f\u00fcr das Versandlager in Castel San Giovanni in Kraft tritt, hoffen die italienischen Gewerkschaften auf eine Signalwirkung. \u00bbEs ist ein wichtiger Moment, wir hoffen, dass dies eine neue Verhandlungsbasis f\u00fcr alle St\u00e4dte und L\u00e4nder schaffen wird, in denen Amazon vertreten ist\u00ab, so CGIL-Gewerkschafter Mensi.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/333593.das-wunder-von-san-giovanni.html\"><em>jungewelt.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. Juni 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martina Zaninelli. 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