{"id":3696,"date":"2018-06-20T08:23:57","date_gmt":"2018-06-20T06:23:57","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3696"},"modified":"2018-06-20T09:13:31","modified_gmt":"2018-06-20T07:13:31","slug":"ermattung-oder-kampf-zwei-entgegengesetzte-strategien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3696","title":{"rendered":"Ermattung oder Kampf: zwei entgegengesetzte Strategien"},"content":{"rendered":"<p>Am 21. M\u00e4rz pr\u00e4sentierte Mat\u00edas Maiello das Buch &#8222;Sozialistische Strategie und Milit\u00e4rkunst&#8220;, das er zusammen mit Emilio Albamonte geschrieben hat, an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Sozialwissenschaften der Universit\u00e4t von Buenos<!--more--> Aires. Wir ver\u00f6ffentlichen hier seinen Vortrag.<\/p>\n<p><strong>Marxismus und strategische Reflexion<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst m\u00f6chte ich dem Lehrstuhl f\u00fcr Kriegssoziologie f\u00fcr die Einladung danken. Das Buch \u201eSozialistische Strategie und Milit\u00e4rkunst\u201c, das ich zusammen mit Emilio Albamonte geschrieben habe, besch\u00e4ftigt sich mit der milit\u00e4rischen Frage, sowohl in Bezug auf den Aufstand als auch in Bezug auf den B\u00fcrger*innenkrieg, die beiden Weltkriege und den sogenannten \u201eKalten Krieg\u201c. Es ist aber nicht im Wesentlichen ein Buch der milit\u00e4rischen Strategie, sondern der Strategie im weiteren Sinne, besonders einschlie\u00dflich der politischen Strategie.<\/p>\n<p>In vielerlei Hinsicht kann man den revolution\u00e4ren Marxismus des 20. Jahrhunderts nicht verstehen, ohne Strategie zu studieren. Es ist kein Zufall, dass Carl Schmitt darauf hinweist, dass Lenins Notizb\u00fccher \u00fcber Clausewitz\u00a0<em>\u201eeines der gro\u00dfartigsten Dokumente der Geschichte der Welt- und der Geistesgeschichte\u201c<\/em>\u00a0sind. Oder dass Ernesto Laclau und Chantal Mouffe gesagt haben, dass jeder revolution\u00e4re Marxismus die \u201eS\u00fcnde\u201c hat, weitgehend von Clausewitz beeinflusst zu sein.<\/p>\n<p>In diesem Vortrag m\u00f6chte ich mich darauf konzentrieren, die Inhalte des Buches einzuordnen und die Art der strategischen Probleme, die es zu reflektieren versucht, und ihre Aktualit\u00e4t darzustellen.<\/p>\n<p><strong>Reformpartei oder revolution\u00e4re Partei<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst m\u00f6chte ich einen Beitrag des Vorsitzenden von Podemos, Pablo Iglesias, zitieren, der meiner Meinung nach f\u00fcr die Diskussion sehr anschaulich ist. Auf die Frage, ob die griechische Syriza-Koalition \u201eharte\u201c Ma\u00dfnahmen gegen die Troika h\u00e4tte ergreifen sollen, anstatt schlie\u00dflich die K\u00fcrzungsma\u00dfnahmen vorzunehmen, die sie theoretisch bek\u00e4mpfen wollte, antwortet Iglesias:<\/p>\n<p>Das Problem ist, dass noch bewiesen werden muss, ob jemand innerhalb eines Staats eine solche Herausforderung annehmen kann [\u2026] Wenn man aus der Regierung heraus eine harte Sache machen will, hat man pl\u00f6tzlich einen guten Teil der Armee, des Polizeiapparates, aller Medien und alles gegen sich, absolut alles. Und in einem parlamentarischen System die absolute Mehrheit sicherstellen, ist sehr schwierig [\u2026] Zun\u00e4chst h\u00e4tte man sich mit der Sozialistischen Partei einigen m\u00fcssen. [1]<\/p>\n<p>Diese Reflexion ist interessant, weil sie die zwei Wege klar markiert, zwischen denen die Strategie w\u00e4hlen muss. Man kann sich an den Rahmen der Institutionen halten und innerhalb ihrer Grenzen handeln, nat\u00fcrlich in Kombination mit einem \u201elinken\u201c Diskurs. Oder man kann \u00fcber die Grenzen der Institutionen hinausgehen, kapitalistische Interessen angreifen und den b\u00fcrgerlichen Staat konfrontieren. Daf\u00fcr muss man sich auf die Konfrontation mit einer ganzen Reihe materieller Kr\u00e4fte vorbereiten, die sich widersetzen werden.<\/p>\n<p>Im ersten Fall k\u00f6nnten wir sagen, dass es keine Strategie im eigentlichen Sinne gibt, wenn wir sie \u2013 mit Clausewitz \u2013 vom Blickwinkel des Einsatzes taktischer Teilk\u00e4mpfe, um den Willen des Feindes zu brechen, verstehen. Oder wie Trotzki sagte, als die Kunst, das Kommando zu \u00fcbernehmen. Was wir stattdessen haben, ist die Verwaltung der Interessen der Kapitalist*innen mit einem \u201elinken\u201c Diskurs.<\/p>\n<p>Das endet wie bei Syriza, das die K\u00fcrzungsma\u00dfnahmen durchgef\u00fchrt hat, oder wie bei Podemos, die vollst\u00e4ndig in das Regime integriert sind \u2013 sie nehmen an den Lokalregierungen in Madrid und Barcelona teil, auch wenn sie bisher nicht in der nationalen Regierung sind. Ihre Integration ins Regime hat sich zum Beispiel im katalanischen Unabh\u00e4ngigkeitsprozesses gezeigt. Ganz zu schweigen von den Vorschl\u00e4gen, wie sie der Kirchnerismus hier in Argentinien macht: eine oppositionelle Einheit \u201ealler gegen Macri\u201c f\u00fcr 2019 zu formieren, was sich auf die Wahl des einen oder des anderen b\u00fcrgerlichen Sektors reduziert.<\/p>\n<p><strong>Die Arbeit der Strategie<\/strong><\/p>\n<p>Wenn wir nun den Weg der Konfrontation mit den Kapitalist*innen gehen, ist klar, dass es dazu materieller (und \u201emoralischer\u201c, wie wir mit Clausewitz sagen w\u00fcrden) Kraft bedarf. Damit kommen wir zu einer zweiten grundlegenden Frage: Welche Art von Kraft ist f\u00fcr diese K\u00e4mpfe n\u00f6tig, und wie formieren wir sie? Eine strategische Aufgabe, die offensichtlich nicht am Tag des \u201eSturms auf das Winterpalais\u201c beginnt.<\/p>\n<p>Diese \u201eStrategiearbeit\u201c an sich wirft eine ganze Reihe von Problemen auf. Clausewitz hatte dazu einen sehr anschaulichen Satz:\u00a0<em>\u201eIn der Strategie ist alles sehr einfach, aber darum nicht auch alles sehr leicht.\u201c<\/em>\u00a0Ist der strategische Kurs einmal festgelegt, und gehe ich vom \u201ePapier\u201c zur Realit\u00e4t \u00fcber, entsteht\u00a0<em>Reibung<\/em>, denn das Handlungsfeld ist das der Unsicherheit, des Zufalls und der Angst.<\/p>\n<p>Gleichzeitig sind die Probleme, die sich aus der Arbeit der revolution\u00e4ren Strategie ergeben, noch gr\u00f6\u00dfer als in der milit\u00e4rischen Strategie. W\u00e4hrend sich die Kriegskunst im engeren Sinne (wie von Clausewitz definiert) nur auf den Einsatz der bereits geschaffenen Kr\u00e4fte bezieht, wo der Armee usw. Mittel zur Verf\u00fcgung gestellt werden, gibt es in der revolution\u00e4ren Strategie keine \u201egegebenen Mittel\u201c: Die F\u00fchrung muss ihr Recht auf die F\u00fchrung erk\u00e4mpfen; die Partei muss aufgebaut werden, ebenso wie das Verh\u00e4ltnis zur Massenbewegung. Mit anderen Worten, die Arbeit der Strategie umfasst alle Phasen der Schaffung einer revolution\u00e4ren Kraft.<\/p>\n<p><strong>\u201eErmattungsstrategie\u201c und \u201eNiederwerfungsstrategie\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Wie kann also in diesem Rahmen eine revolution\u00e4re Kraft entstehen? Um diese Frage anzugehen, m\u00f6chte ich auf eine sehr wichtige Diskussion im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eingehen: die Debatte \u00fcber \u201eErmattungsstrategie\u201c und \u201eNiederwerfungsstrategie\u201c.<\/p>\n<p>Derjenige, der diese Begriffe in die Debatte einf\u00fchrt, ist Karl Kautsky, der theoretische Anf\u00fchrer der Zweiten Internationale. Er \u00fcbernimmt die Begriffe \u201esui generis\u201c von Hans Delbr\u00fcck. Dieser hatte auf der Grundlage einer Reihe von Notizen, die Clausewitz zur \u00dcberarbeitung seiner Arbeit hinterlassen hat, ein Konzept entwickelt, in dem es zwei Pole der Kunst der Strategie gibt: die \u201eErmattungsstrategie\u201c, deren Ziel begrenzte Eroberungen an den Grenzen sind, und die \u201eNiederwerfungsstrategie\u201c, wenn es darum geht, den Feind zu besiegen.<\/p>\n<p>Warum nimmt Kautsky diese Kategorien auf? Um gegen Rosa Luxemburg zu argumentieren. In Deutschland gab es 1910 gro\u00dfe Arbeiter*innenk\u00e4mpfe und Massenmobilisierungen f\u00fcr demokratische Forderungen. Rosa schlug vor, f\u00fcr die Notwendigkeit eines politischen Generalstreiks zu agitieren. Kautsky wandte ein, dass es nicht richtig sei, die sozialdemokratische Organisation (die damals rund 700.000 Mitglieder, 2 Millionen Anh\u00e4nger*innen in den Gewerkschaften und 3 Millionen W\u00e4hler*innen hatte) in diesen K\u00e4mpfen zu riskieren, und dass der Schl\u00fcssel darin bestehe, bei den n\u00e4chsten Wahlen einen gro\u00dfen Stimmenanteil zu bekommen.<\/p>\n<p>Daher war f\u00fcr Kautsky eine \u201eErmattungsstrategie\u201c n\u00f6tig. Was meinte er damit?<\/p>\n<p>Die moderne Kriegswissenschaft \u2013 so Kautsky \u2013 unterscheidet zwei Arten von Strategie, die Niederwerfungs- und die Ermattungsstrategie. Die erstere zieht ihre Streitkr\u00e4fte rasch zusammen, um dem Feinde entgegenzugehen und entscheidende St\u00f6\u00dfe zu versetzen [\u2026]. Bei der Ermattungsstrategie dagegen weicht der Feldherr zun\u00e4chst jeder entscheidenden Schlacht aus; er sucht die gegnerische Armee durch Man\u00f6ver aller Art stets in Atem zu erhalten, ohne ihr Gelegenheit zu geben, ihre Truppen durch Siege anzufeuern [\u2026]. [2]<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg antwortete, dass seine gesamte Ausarbeitung der \u201eErmattungsstrategie\u201c die Grundlage f\u00fcr eine \u201eNichts als Parlamentarismus\u201c-Orientierung sei. Obwohl sich diese Prognose sp\u00e4ter als richtig herausstellte, war es damals noch nicht ganz der Fall, zumindest in dem, was Kautsky sagte. Er argumentierte damals weiter, dass es zum richtigen Zeitpunkt notwendig sei, zu einer \u201eNiederwerfungsstrategie\u201c \u00fcberzugehen. Luxemburg war nat\u00fcrlich nicht antiparlamentarisch \u2013 das war nicht das Problem. Der Unterschied war, dass Rosa behauptete, dass die Sozialdemokratie eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung der fortschrittlichsten Tendenzen des damaligen Klassenkampfes spielen und nicht einfach auf die Wahlen warten sollte.<\/p>\n<p><strong>Klasse, Partei und F\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Hier kommen wir also zu einem der grundlegenden Probleme von Kautskys Schema der beiden Strategien. Die Erkl\u00e4rung des Vorschlags von Kautsky, die Lars Lih, ein US-amerikanischer marxistischer Akademiker, gibt, ist zur Veranschaulichung sehr interessant.<\/p>\n<p>Laut Lih:<\/p>\n<p>Kautsky erkl\u00e4rte, dass die Strategie der \u201eErmattung\u201c (die \u00fcbliche Praxis der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands der energischen sozialistischen Bildung und Organisation) f\u00fcr eine normale, nicht-revolution\u00e4re Situation geeignet sei, w\u00e4hrend die der \u201eNiederwerfung\u201c (politische Massenstreiks und andere au\u00dferparlamentarische Druckmittel) f\u00fcr eine wirklich revolution\u00e4re Situation geeignet sei. [3]<\/p>\n<p>Ist es jedoch m\u00f6glich, w\u00e4hrend der gesamten vorherigen Etappe die entscheidenden Schlachten zu vermeiden, wie Kautsky sagte, und pl\u00f6tzlich, wenn die Situation revolution\u00e4r wird, entschlossen zu k\u00e4mpfen? Diese Idee ist in der Tat unzutreffend. Nicht zuf\u00e4llig ist f\u00fcr Kautsky die Zeit f\u00fcr die \u201eNiederwerfungsstrategie\u201c nie gekommen.<\/p>\n<p>Warum? Weil die Realit\u00e4t viel komplexer ist. Erstens, weil es nicht nur klar \u201enicht-revolution\u00e4re\u201c und \u201erevolution\u00e4re\u201c Situationen gibt: Es gibt auch konterrevolution\u00e4re Situationen; und die Realit\u00e4t ist voll von \u00dcbergangssituationen, von einer Abstufung von Zwischen- und Hybridsituationen, die nicht klar definiert sind.<\/p>\n<p>Clausewitz stand auf dem Gebiet der Milit\u00e4rtheorie vor einem \u00e4hnlichen Problem. Er sagte, dass der Krieg ein Cham\u00e4leon sei. Unter dem gleichen Ph\u00e4nomen des Krieges k\u00f6nnten die napoleonischen Kriege, die er der Kategorie des \u201eabsoluten Krieges\u201c ann\u00e4herte, bis hin zu Kriegen, in denen nicht \u00fcber die \u201ebewaffnete Beobachtung\u201c hinausgegangen wurde, zusammengefasst werden. Wenn es eine ganze Bandbreite von Kriegen gibt, wie k\u00f6nnen wir dann mit ihnen in ihrer Komplexit\u00e4t umgehen?<\/p>\n<p>Der preu\u00dfische General antwortet, dass der Krieg zwar ein Cham\u00e4leon ist, doch hinter dieser Heterogenit\u00e4t immer drei Elemente stehen, die in jedem Krieg vorhanden sind (die \u201ewunderliche Dreifaltigkeit\u201c): der elementare Impuls oder Hass, den er dem Volk zuschreibt; die Berechnung der Wahrscheinlichkeiten, die er den Gener\u00e4len und der Armee zuschreibt; und die Politik, die er der Regierung zuschreibt. In jedem Krieg sind diese drei Elemente in einer bestimmten Beziehung zueinander vorhanden.<\/p>\n<p>Aus der Sicht des Marxismus kann eine sehr produktive Analogie gezogen werden, auch wenn dort viele wichtige Unterschiede verbleiben \u2013 die ich hier nicht entwickeln werde, sondern f\u00fcr die ich auf das Buch verweise: die Beziehung zwischen Klasse, Partei und Parteif\u00fchrung. Unter diesem Gesichtspunkt ist eine gegebene Situation f\u00fcr eine wirklich existierende revolution\u00e4re Kraft keine Au\u00dfenbeziehung, die es nur zu beschreiben gilt. Ihre Handlung (oder Unt\u00e4tigkeit) ist vielmehr ein integraler Bestandteil der Situation selbst im Ausma\u00df ihrer Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p><strong>Die aktive Rolle der revolution\u00e4ren Partei<\/strong><\/p>\n<p>An dieser Stelle finden wir eine wichtige \u00dcbereinstimmung zwischen Lenin und Rosa Luxemburg: Was hat Rosa 1910 gegen Kautsky eingewandt? Ihr zufolge war es ein gro\u00dfer Unterschied, ob die Sozialdemokratie mit dem Eintreten f\u00fcr den Generalstreik versucht, die fortschrittlicheren Elemente des Klassenkampfes zu entwickeln \u2013 oder ob sie auf die Wahlen wartet. Das sei einerseits der Fall, weil die SPD als eine sehr gro\u00dfe Partei dazu in der Lage war, die Gesamtsituation zu \u00e4ndern. Dazu m\u00fcsse sie den Prozess f\u00f6rdern, indem sie die K\u00e4mpfe der Arbeiter*innen mit der Bewegung, die das politische Regime in Frage stellte, zu verbinden versucht. Und damit verbunden w\u00fcrde sich auch der Charakter der Partei selbst ver\u00e4ndern, je nachdem ob sie eingreife oder nicht. Egal ob die strategische Option, eine revolution\u00e4re Organisation aufzubauen \u201eauf dem Papier\u201c noch bestehe: Wenn sie die Situation vor\u00fcbergehen lie\u00dfe, w\u00fcrde sie weniger revolution\u00e4r.<\/p>\n<p>Was entgegnet Luxemburg Kautskys Argument, keine Agitation f\u00fcr den Generalstreik zu betreiben, weil es keine revolution\u00e4re Situation gab? Sie hielt diese Position f\u00fcr abstrakt. Schlie\u00dflich k\u00f6nne man nicht beurteilen, ob sich die revolution\u00e4ren Elemente der Situation verst\u00e4rken, ohne die Handlungen der Sozialdemokratie selbst mit einzuberechnen. Und sie hatte in der Tat Recht. 1912 erlangte die Sozialdemokratie in den Wahlen spektakul\u00e4re Resultate: Sie war die am meisten gew\u00e4hlte Partei mit mehr als doppelt so vielen Stimmen wie die Partei nach ihr. Sie errang 110 Sitze, auch wenn ihr bei einer Verh\u00e4ltniswahl mehr zugestanden h\u00e4tten.. Doch kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges war all diese enorme Kraft, die die Sozialdemokratie im Parlament gewonnen hatte, nutzlos, weil die Partei ihr \u201eGravitationszentrum\u201c weg vom Klassenkampf verschoben hatte.<\/p>\n<p>1914 verriet die sozialdemokratische F\u00fchrung die Arbeiter*innenklasse und stimmte f\u00fcr die Kriegskredite. Aber die Partei besa\u00df auch keine politischen Waffen, um sich einer katastrophalen Situation wie dem Krieg zu stellen. Sie fehlten ihr, wie Rosa Luxemburg es ausdr\u00fcckte, weil die Partei sich au\u00dferhalb der wichtigsten Auseinandersetzungen des Klassenkampfes entwickelt hatte. Hier zeigt sich wiederum die Unm\u00f6glichkeit eines pl\u00f6tzlichen \u00dcbergangs von der \u201eErmattungsstrategie\u201c zur \u201eNiederwerfungsstrategie\u201c, wie es Kautsky Jahre zuvor vorgeschlagen hatte.<\/p>\n<p><strong>Eine grundlegende Neuerung Lenins<\/strong><\/p>\n<p>Schlie\u00dflich m\u00fcssen wir noch auf einen gro\u00dfen Unterschied zwischen Lenin und Rosa hinweisen. Der politische Kampf, der in der Kautsky-Luxemburg-Debatte zum Ausdruck kam, war nicht einfach ein politisch-ideologischer Streit wie diejenigen, die die revolution\u00e4re Bewegung zuvor gepr\u00e4gt hatten, zum Beispiel derjenige, den Marx und Engels gegen Bakunin und die Anarchisten in der Ersten Internationale gef\u00fchrt hatten. Es war auch ein Kampf gegen materielle Kr\u00e4fte: In der Massenbewegung waren riesige politische und gewerkschaftliche B\u00fcrokratien entstanden \u2013 die von nun an ein unausweichliches Element in der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung bildeten.<\/p>\n<p>Der Zusammenhang ist eindeutig: Kautsky war gegen Luxemburg, weil er die sozialdemokratische Gewerkschaftsb\u00fcrokratie nicht provozieren wollte. Warum? Seit 1906 hatte die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie der Partei de facto das Verbot aufgezwungen, ohne ihre Zustimmung f\u00fcr den Generalstreik zu agitieren. Wir reden hier also nicht von dem Verbot durch eine Regierung, sondern von der Haltung der Gewerkschaftsf\u00fchrung. Luxemburgs Vorschlag war deshalb eindeutig gegen sie gerichtet. Die Sozialdemokratische Partei wiederum hatte eine politische B\u00fcrokratie ausgebildet, der die Entwicklung des Klassenkampfes nicht passte, weil dadurch die guten Beziehungen zur liberal-b\u00fcrgerlichen Opposition und eine m\u00f6gliche parlamentarische Zusammenarbeit mit ihr beeintr\u00e4chtigt w\u00fcrden. Die strategischen K\u00e4mpfe innerhalb der Arbeiter*innenbewegung waren nicht mehr nur politisch-ideologische, sondern hier standen sich materielle Kr\u00e4fte gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>An diesem Punkt f\u00fchrte Lenin eine grundlegende Neuerung ein: Rosa und Lenin waren sich einig, dass der Schl\u00fcssel zu einer revolution\u00e4ren Partei darin besteht, die fortschrittlichsten Elemente weiterzuentwickeln, die im Klassenkampf zu einem bestimmten Zeitpunkt vorzufinden sind. Lenin aber f\u00fcgt noch ein weiteres Element hinzu: Er war der Ansicht, dass dazu revolution\u00e4re Str\u00f6mungen innerhalb der Massenorganisationen notwendig sind. Lenin kommt zu dem Schluss, dass es unerl\u00e4sslich ist, eine materielle Kampfkraft zu haben, die nicht nur den Staat, sondern auch die B\u00fcrokratie der Massenorganisationen konfrontieren kann, seien es gewerkschaftliche, politische oder soziale. Das ist die Voraussetzung f\u00fcr die effektive Entwicklung der fortschrittlichsten Tendenzen der Situation.<\/p>\n<p><strong>Zwei entgegengesetzte Strategien<\/strong><\/p>\n<p>Was die Debatte \u00fcber die Strategien der Ermattung und der Niederwerfung angeht, so k\u00f6nnen wir abschlie\u00dfend sagen, dass es sich nicht um zwei komplement\u00e4re Strategien handelt, die je nach Situation austauschbar sind. Vielmehr handelt es sich um zwei alternative Strategien, die im Verlauf des Klassenkampfes sogar zu frontalen Konfrontationen gegeneinander neigen. Das Beispiel der deutschen Sozialdemokratie ist dabei alles andere als ein Einzelfall. Vielmehr kommt diese Debatte in unterschiedlicher Form bis heute immer wieder auf.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen das im Chile der 70er Jahre mit der \u201eUnidad Popular\u201c sehen, aber auch bei der Volksfront in der Spanischen Revolution der 30er oder zur gleichen Zeit in der revolution\u00e4ren Situation in Frankreich, neben vielen anderen Beispielen. Heute beobachten wir diese Debatte in einem kleineren Rahmen in Griechenland, wo die Syriza-Regierung theoretisch an die Regierung kam, um sich der K\u00fcrzungspolitik entgegenzustellen. Schlie\u00dflich aber setzte sie diese selbst um, obwohl sechzig Prozent der Bev\u00f6lkerung ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Widerstand gegeben hatten. Dies ist nur ein aktueller Fall, der illustriert wohin die strategischen Optionen der Reform in Krisenzeiten f\u00fchren.<\/p>\n<p>Nach diesen Niederlagen ist die gel\u00e4ufige Erkl\u00e4rung: \u201eDie Massen haben nicht gek\u00e4mpft\u201c, oder \u201esie haben nicht genug Widerstand geleistet\u201c. Doch in Wirklichkeit werden die Situationen nicht nur durch das Handeln der Massen, sondern auch durch das Handeln ihrer Parteien und F\u00fchrungen bestimmt. Gerade letzteres wird mit zunehmender Versch\u00e4rfung der Situationen immer entscheidender.<\/p>\n<p>Die Momente der Katastrophen, der Krisen, der Kriege sind ein Kennzeichen des Kapitalismus. Die milit\u00e4rische Situation in Syrien schwelt derzeit mit globalen Folgen. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter brechen Krisensituationen aus, und in dieser Hinsicht haben wir in Argentinien gen\u00fcgend Erfahrung, die bis in die Jahre 1989 und 2001 zur\u00fcckreicht, um nur zwei emblematische Momente aus der j\u00fcngeren Geschichte zu nennen. Situationen \u00e4ndern sich und spitzen sich an einem bestimmten Punkt zu; das Problem ist, ob sich eine Kraft aufbauen konnte, die in der Lage ist, eine revolution\u00e4re L\u00f6sung der Situation anzubieten. Und das wird zu einem gro\u00dfen Teil schon viel fr\u00fcher entschieden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind die Elemente, die ich in diesem Vortrag entwickelt habe, nur einige Fragen \u2013 die meisten davon beziehen sich nur auf das erste Kapitel des Buches \u2013, die in der Arbeit der Strategie behandelt werden m\u00fcssen. In gewisser Weise beginnen viele Probleme hier gerade erst. Dazu geh\u00f6rt die grundlegende Frage, wie man die gro\u00dfe Mehrheit der Arbeiter*innenklasse und der Massenbewegung f\u00fcr die Revolution erobern kann, mit der Einheitsfront als Taktik f\u00fcr die Einheit im Kampf der Arbeiter*innenklasse gegen das Kapital und gleichzeitig f\u00fcr die Gewinnung der Mehrheit f\u00fcr die Revolution auf der Grundlage der Erfahrung mit den traditionellen F\u00fchrungen. Dazu geh\u00f6ren auch das Problem der Verb\u00fcndeten und der Hegemonie, die Probleme des Aufstands, das Verh\u00e4ltnis von Verteidigung und Angriff, die \u201egro\u00dfe Strategie\u201c f\u00fcr die internationale Revolution, der ein Gro\u00dfteil des Buches gewidmet ist, und weitere mehr.<\/p>\n<p>Hier habe ich mich auf das erste Kapitel konzentriert, damit deutlich wird, wie wir die Perspektive der Schaffung einer revolution\u00e4ren Kraft angehen, um in Zeiten der Krise, wie Trotzki sagte, \u201edas Kommando zu \u00fcbernehmen\u201c.<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<p>[1] Fort Apache,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=BpKBKQ8lmpI&amp;t=142s\"><strong>\u201e\u00bfQu\u00e9 pasa con Grecia?\u201d<\/strong><\/a>, 8. Oktober 2016. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p>[2] Kautsky, Karl:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/kautsky\/1910\/xx\/wasnun.htm\"><strong>\u201cWas nun?\u201c<\/strong><\/a>, 1910.<\/p>\n<p>[3] Lih, Lars, \u201c\u2018The New Era of War and Revolution\u2019: Lenin, Kautsky, Hegel and the Outbreak of World War I\u201d, in: Anievas, Alexander (Hrsg.), Cataclysm 1914. The First World War and the making of modern world politics, Leiden, Brill, 2014, S. 376. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><em>Aus:\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.laizquierdadiario.com\/ideasdeizquierda\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/33_36_Maiello.pdf\"><strong><em>Ideas de Izquierda<\/em><\/strong><\/a><em>, Nummer 42, April 2018<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/ermattung-oder-kampf-zwei-entgegengesetzte-strategien\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. Juni 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 21. 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