{"id":3698,"date":"2018-06-20T08:05:04","date_gmt":"2018-06-20T06:05:04","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3698"},"modified":"2018-06-20T09:20:55","modified_gmt":"2018-06-20T07:20:55","slug":"eine-revolte-ueberschwemmt-die-suedstaaten-der-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3698","title":{"rendered":"Eine Revolte \u00fcberschwemmt die S\u00fcdstaaten der USA"},"content":{"rendered":"<p><em>Abhi Madhavarapu.<\/em> Nach jahrzehntelanger Passivit\u00e4t beginnt sich die US-ArbeiterInnenklasse zu regen. Dort wo man es am wenigsten erwartet hatte: im konservativen S\u00fcden. Eine k\u00e4mpferische<!--more--> Massenbewegung der Lehrpersonen weitete sich von Teilstaat zu Teilstaat aus.<\/p>\n<p>\u00dcberf\u00fcllte Klassenzimmer, kaputte Schulb\u00e4nke, br\u00f6ckelnde Decken, M\u00e4use in den W\u00e4nden und \u00fcberholte Lehrb\u00fccher \u2013 all das ist Normalfall in den staatlichen Schulen der USA, allen voran in den S\u00fcdstaaten. Die Sowjetunion sei auf der Weltkarte ihres Klassenzimmers zu finden, erz\u00e4hlte eine Lehrerin den Medien. In den Schulb\u00fcchern werde George W. Bush als US\u2013Pr\u00e4sident genannt. So dr\u00fcckt sich die Krise des US-Kapitalismus im Bildungsbereich aus.<\/p>\n<p><strong>Bildungsabbau geh\u00f6rt zur Tagesordnung<\/strong><\/p>\n<p>Ende des Zweiten Weltkrieges war die USA die kapitalistische Weltmacht: Sie trug 45% zum globalen BIP bei. Heute liegt dieser Anteil bei weniger als 20%. Dieser relative R\u00fcckgang des US-Kapitalismus seit den 70ern \u00e4ussert sich verschieden. Nach aussen dr\u00fcckt er sich im sinkenden Erfolg des US-Imperialismus aus, seine globale Vorherrschaft aufrechtzuerhalten. Der relative \u00f6konomische Niedergang bedingt aber auch die innere F\u00e4ulnis der USA: Das Bildungssystem ist am zerfallen.<\/p>\n<p>Seit 1990 f\u00fchrte die Bundesstaatsregierung in Arizona jedes Jahr Steuersenkungen f\u00fcr Reiche durch. Das massive Loch im Staatsbudget wird kompensiert einerseits durch Privatisierungen des Bildungssystems und andererseits durch Druck auf die L\u00f6hne der schulischen Angestellten. Die Reall\u00f6hne der Lehrpersonen in Arizona sind seit 2010 um 10% gesunken. Heute verdienen Lehrpersonen in den S\u00fcdstaaten Oklahoma, Arizona und West Virginia fast halb so viel wie ihre KollegInnen in New York.<\/p>\n<p>Viele Lehrpersonen verlassen deshalb das Metier. Mittlerweile herrscht ein riesiger Personalmangel. In Arizona gibt es zurzeit 2000 vakante Stellen und weitere 3400 sind von Personen ohne angemessener Ausbildung besetzt. Aufgrund der sinkenden Profite seit Ausbruch der Wirtschaftskrise 2008 versch\u00e4rfte sich die Politik der Sparmassnahmen sowie der Steuergeschenke f\u00fcrs Kapital weiter. In Arizona wurden die Ausgaben pro Sch\u00fclerIn seither um fast 40% gek\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Jahrelang wurden die Angriffe auf die Bildung z\u00e4hneknirschend geduldet, aber jetzt ist das Fass \u00fcberlaufen. Pl\u00f6tzlich sahen die Lehrpersonen nur noch einen Ausweg: den offenen Kampf.<\/p>\n<p><strong>Das Lauffeuer breitet sich aus<\/strong><\/p>\n<p>Die LehrerInnen in West Virginia waren die ersten, die es wagten, die Arbeit niederzulegen. Getragen von einer neuen Generation junger Basis-GewerkschaftsaktivistInnen wurden in allen Schulen Streikabstimmungen durchgef\u00fchrt. Somit konnte am 22. Februar jede einzelne staatliche Schule geschlossen werden \u2013 eine organisatorische Glanzleistung. Die Solidarit\u00e4t unter allen schulischen Angestellten gab der Bewegung eine gr\u00f6ssere Schlagkraft; einige Schulen blieben zum Beispiel nur aufgrund der streikenden Buschauffeure geschlossen.<\/p>\n<p>Als die nationalen LehrerInnengewerkschaften einen \u00abKompromiss\u00bb mit der Bundesstaatsregierung ausgehandelt hatten, wurde der Streik von der Gewerkschaftsf\u00fchrung f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt. Aber die Basis war l\u00e4ngst radikaler und konsequenter als die F\u00fchrung: Erst nachdem alle Forderungen der Streikenden akzeptiert wurden, kehrten diese eine Woche nach dem offiziellen Ende des Streiks wieder in die Schulen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Dieser Sieg erweckte den Kampfgeist der Lehrpersonen in anderen Staaten und der Funke sprang auf Oklahoma \u00fcber. Die am Anfang ruhige Protestbewegung radikalisierte sich schnell: Die Parolen des ersten Streiktags f\u00fcr mehr Geld f\u00fcr Bildung wandelten sich nach wenigen Tagen in Forderungen nach st\u00e4rkerer Besteuerung der Grosskonzerne und mehr Schulen statt Gef\u00e4ngnissen. Am 12. April handelte die Gewerkschaft auch hier eine Kompromissl\u00f6sung aus. Diesmal war aber die Basis nicht genug stark, um organisierten Widerstand ohne die Unterst\u00fctzung der Gewerkschaftsf\u00fchrung weiterzutreiben.<\/p>\n<p>Nach dem Teilsieg in Oklahoma schwappte die Bewegung \u00fcber die S\u00fcdstaaten hinaus: Ende April entfachten Streiks und Proteste u.a. in Colorado, North Carolina, Kentucky und weiteren Staaten. Der bisherige H\u00f6hepunkt der K\u00e4mpfe spielte sich aber dennoch im konservativen S\u00fcden ab: Am 26. April fand der gr\u00f6sste Lehrpersonenstreik in Arizona statt. Davon betroffen waren \u00fcber 800\u2019000 Sch\u00fclerInnen.<\/p>\n<p>Zwei junge AktivistInnen bauten auf den Erfahrungen der Streikenden in West Virginia und Oklahoma auf und stampften innert Wochen eine dynamische Gewerkschaft namens \u00abArizona Educators United\u00bb aus dem Boden. Um den kommenden Streik zu verhindern, schlug der Gouverneur von Arizona eine 20\u2013prozentige Lohnerh\u00f6hung vor. Aber f\u00fcr die Lehrpersonen ging es um mehr als die tiefen L\u00f6hne: Sie verlangten eine Umw\u00e4lzung des Bildungssystems. Nach acht Streiktagen machte die Bundesstaatsregierung weitere Zugest\u00e4ndnisse. In den letzten Wochen scheint die Kampfwelle trotz Demonstrationen in verschiedenen St\u00e4dten vor\u00fcbergehend abgeflaut zu sein.<\/p>\n<p><strong>Nach dem Sieg folgt der n\u00e4chste Angriff<\/strong><\/p>\n<p>Die bis jetzt erk\u00e4mpften Lohnerh\u00f6hungen und Investitionen ins Bildungssystem werden die Bildung von \u00fcber einer Million Sch\u00fclerInnen verbessern. Doch was die Bourgeoisie widerstrebend mit der einen Hand an Zugest\u00e4ndnissen gegeben hat, versucht sie sich doppelt mit der anderen wieder zu nehmen. Manche konservativen PolitikerInnen drohen bereits heute mit einer Erh\u00f6hung der Mehrwertsteuer und K\u00fcrzungen im Gesundheitssystem und der Sozialhilfe. Schon jetzt suchen PolitikerInnen in West Virginia M\u00f6glichkeiten zur K\u00fcrzung der Sozialausgaben, um die Errungenschaften der Lehrpersonen zu kompensieren.<\/p>\n<p>Ausserdem sind die Lohnerh\u00f6hungen oft \u00fcber mehrere Jahre verteilt und k\u00f6nnen somit jederzeit zur\u00fcckgezogen werden. Und Forderungen nach mehr Lehrpersonen pro Sch\u00fclerIn und mehr Unterst\u00fctzungspersonal wurden mehrheitlich ignoriert. Unter dem Strich bleiben viele Probleme unangetastet.<\/p>\n<p><strong>Erfahrener, organisierter, k\u00e4mpferischer<\/strong><\/p>\n<p>Die G\u00e4rung im Bewusstsein der US-amerikanischen ArbeiterInnenklasse fand einen unerwarteten Ausdruck: In den konservativsten Gegenden der USA k\u00e4mpften unorganisierte und kaum kampferfahrene Lohnabh\u00e4ngige. Und wie! Teilweise wurde weitergestreikt trotz der ausgehandelten \u00abKompromisse\u00bb; LehrerInnen organisierten sich selbst am Arbeitsplatz; andere Schichten der ArbeiterInnenklasse wurden in die Streiks hineingezogen; und die K\u00e4mpfe breiteten sich wie ein Lauffeuer aus.<\/p>\n<p>Obschon das Erk\u00e4mpfte die Verrottung des Bildungssystems nicht r\u00fcckg\u00e4ngig macht, sind die K\u00e4mpfe sehr wertvoll: Nur durch solche K\u00e4mpfe entwickeln sich das Bewusstsein und der Organisationsgrad der ArbeiterInnenklasse.<\/p>\n<p>Aufgrund der tiefen Krise des Kapitalismus wird die herrschende Klasse weitere Sparmassnahmen durchboxen. \u00a0Doch die Erfahrungen \u00fcber die Macht der eigenen Klasse bleiben und erste demokratische Gewerkschaftsstrukturen sind aufgebaut worden. Das n\u00e4chste Mal wird sich die Bourgeoisie mit einem selbstbewussteren, kampfbereiteren Gegner anlegen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/international\/nordamerika\/eine-revolte-ueberschwemmt-die-suedstaaten\/#more-8424\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. Juni 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abhi Madhavarapu. Nach jahrzehntelanger Passivit\u00e4t beginnt sich die US-ArbeiterInnenklasse zu regen. Dort wo man es am wenigsten erwartet hatte: im konservativen S\u00fcden. 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