{"id":3701,"date":"2018-06-27T16:01:18","date_gmt":"2018-06-27T14:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3701"},"modified":"2018-06-27T16:01:18","modified_gmt":"2018-06-27T14:01:18","slug":"prag-1968-revolution-und-konterrevolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3701","title":{"rendered":"Prag 1968: Revolution und Konterrevolution"},"content":{"rendered":"<p><em>Dave Stockton. <\/em>1968 war eines der \u201everr\u00fcckten Jahre\u201c der Geschichte wie 1848, 1917-18, 1989 und zuletzt 2011. Es war eine Zeit, in der der Ausbruch von Revolten in einem Land schnell<!--more--> zu Umw\u00e4lzungen in anderen L\u00e4ndern f\u00fchrte. Die Ausbreitung der internationalen revolution\u00e4ren Umw\u00e4lzungen schien die Aussicht auf ein dramatisches Auftauen des von der Sowjetunion Osteuropa auferlegten Dauerfrostes, ein Aufbl\u00fchen der Demokratie und der sozialen Transformation, den \u201ePrager Fr\u00fchling\u201c, zu bieten.<\/p>\n<p>Das revolution\u00e4re Jahr 1968 begann mit der Tet-Offensive der vietnamesischen Guerillakr\u00e4fte, die den USA schwere Verluste zuf\u00fcgte und zum ersten Mal das Gespenst einer milit\u00e4rischen Niederlage f\u00fcr den US-Giganten heraufbeschwor. 1968 erlebte die Welt den Aufstieg einer Massenbewegung gegen den Krieg in den USA, die \u00e4hnliche Bewegungen gegen Kapitalismus und Imperialismus in Frankreich, Deutschland, Gro\u00dfbritannien und dar\u00fcber hinaus ausl\u00f6ste. Im Mai entwickelte sich in Frankreich ein Generalstreik mit 10 bis 15 Millionen beteiligten ArbeiterInnen. Im Oktober wurden in Mexiko-Stadt 300 \u2013 400 StudentInnen get\u00f6tet, als die Polizei bei einer Demonstration das Feuer er\u00f6ffnete.<\/p>\n<p>Als Amerika und Westeuropa von der StudentInnenrevolte ersch\u00fcttert wurden, breitete sich die Unruhe auf junge Menschen hinter dem Eisernen Vorhang, auf Polen, aber auch auf die Tschechoslowakei aus, deren Regime bis dahin einer der loyalsten osteurop\u00e4ischen Satelliten Russlands war.<\/p>\n<p>Wie viele andere \u201everr\u00fcckte Jahre\u201c fanden diese Bewegungen ohne politisch vorbereitete und organisierte F\u00fchrung statt und endeten oft in Entt\u00e4uschung und Konterrevolution. Nichtsdestotrotz f\u00fchrten die K\u00e4mpfe, die in diesem Jahr ausbrachen, und die Auswirkungen, die sie auf eine ganze Generation, fast weltweit, hatten, zu einem Jahrzehnt und mehr an Radikalisierung der neuen Frauen-, AntirassistInnen-, Schwarzen-, Lesben- und Schwulenbefreiungsbewegungen. Die alten Parteien der ArbeiterInnenklasse, die offizielle \u201ekommunistischen\u201c oder sozialdemokratischen Organisationen, verloren weitgehend die Kontrolle \u00fcber die Jugend und in einigen L\u00e4ndern auch \u00fcber eine riesige Schicht militanter ArbeiterInnen.<\/p>\n<p>F\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter werden sowohl die Fortschritte als auch die Fehler, die die Militanten in all diesen mutigen K\u00e4mpfen gemacht haben, nicht verschwendet worden sein, wenn wir daraus lernen. Dies gilt nicht weniger f\u00fcr die Bewegung in der Tschechoslowakei, obwohl sie schlie\u00dflich durch eine Kombination aus milit\u00e4rischer Invasion und Mangel an politischer F\u00fchrung besiegt wurde. Nur wenige Monate nach der Demobilisierung des franz\u00f6sischen Generalstreiks durch die Kommunistische Partei Frankreichs best\u00e4tigte sie f\u00fcr Millionen, nicht nur in Europa, sondern weltweit, dass der Pro-Moskau-Stalinismus alles andere als eine progressive, geschweige denn eine revolution\u00e4re Kraft war.<\/p>\n<p><strong>Wie die Tschechoslowakei \u201ekommunistisch\u201c wurde<\/strong><\/p>\n<p>Das stalinistische System in der Tschechoslowakei war anders zustande gekommen als in Polen, Ungarn, Rum\u00e4nien und Bulgarien und entwickelte sich in einem anderen Tempo als in vielen anderen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die \u201eKommunistische Partei der Tschechoslowakei\u201c (KS\u010c) war vor dem Krieg eine Massenpartei innerhalb eines b\u00fcrgerlichen demokratischen Staates gewesen. Die Untergrundorganisation der KS\u010c erlangte nach ihrem Beitritt zum Widerstand 1941 gro\u00dfes Ansehen. Im Jahr 1946, bei den letzten freien Wahlen, erzielte sie 38 Prozent. Obwohl die danach gebildete Regierung eine nicht-kommunistische Mehrheit, neun KommunistInnen und siebzehn Nicht-KommunistInnen hatte, besa\u00df die KS\u010c die Kontrolle \u00fcber die Polizei und die Streitkr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Obwohl ein Gro\u00dfteil der industriellen Infrastruktur des Landes, die sich im Besitz der Nazis oder ihrer KollaborateurInnen befand, sofort verstaatlicht wurde, f\u00fchrte dies nicht zur Einf\u00fchrung einer Planwirtschaft oder zur Ank\u00fcndigung des Sozialismus. Der Vorsitzende der KS\u010c, Klement Gottwald, betonte,\u00a0<em>\u201etrotz der g\u00fcnstigen Situation ist das n\u00e4chste Ziel nicht Sowjets und Sozialismus, sondern die Durchf\u00fchrung einer wirklich gr\u00fcndlichen demokratischen nationalen Revolution\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Von 1945 bis 1947 hielten sich Stalin und die kommunistischen Parteien in Europa an die Vereinbarungen der \u201eGro\u00dfen Vier\u201c von Jalta und Potsdam, dass es keine sozialistischen Revolutionen in den von den sowjetischen Streitkr\u00e4ften besetzten Staaten geben sollte, und auch nicht in L\u00e4ndern wie Italien oder Frankreich, wo die Generalsekret\u00e4re der PCI und PCF, Palmiro Togliatti und Maurice Thorez, Minister in Koalitionsregierungen mit Konservativen waren. Stalin \u00fcberlie\u00df die griechischen KommunistInnen sogar der brutalen Willk\u00fcr Gro\u00dfbritanniens und der griechischen monarchistischen Rechten. Europas KPen wurden ermutigt, \u201enationale Wege zum Sozialismus\u201c zu entwickeln, und Stalin selbst \u00fcberlegte \u00f6ffentlich, ob es einen parlamentarischen Weg zum Sozialismus geben k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Die USA, unter ihrem neuen Pr\u00e4sidenten Harry Truman, betrachten all dies jedoch nur als eine List. Am 12. M\u00e4rz 1947 erarbeitete Truman die so genannte Truman-Doktrin f\u00fcr den Kongress:\u00a0<em>\u201eEs muss die Politik der Vereinigten Staaten sein, freie V\u00f6lker zu unterst\u00fctzen, die sich der versuchten Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder Druck von au\u00dfen widersetzen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auch er hielt es f\u00fcr m\u00f6glich, dass die KommunistInnen in gro\u00dfen Staaten wie Frankreich und Italien durch Wahlen an die Macht kommen k\u00f6nnten. Um dies zu verhindern, schmeichelte er den europ\u00e4ischen Konservativen, drohte ihnen und bestach sie, mit ihren stalinistischen Verb\u00fcndeten aus Kriegszeiten zu brechen. Er pr\u00e4sentierte den Marshall-Plan, indem er den Regierungen, die dem freien Markt treu blieben, enorme wirtschaftliche Hilfe anbot, und er schloss die Milit\u00e4rpakte, die 1949 zur Nato wurden.<\/p>\n<p>In der Tschechoslowakei haben nicht nur Staatspr\u00e4sident Edvard Bene\u0161 und die b\u00fcrgerlichen Minister, sondern auch Klement Gottwald und die MinisterInnen der KS\u010c begeistert auf den Marshall-Plan reagiert. Dies warnte Stalin vor den Gefahren, die die neue US-Politik pr\u00e4sentierte. Tschechische RegierungsvertreterInnen wurden nach Moskau eingeladen. Dort wurden sie eingesch\u00fcchtert, das amerikanische Angebot abzulehnen. Als Reaktion darauf wurden die kommunistischen MinisterInnen unter direkten amerikanischen Druck im Mai aus der franz\u00f6sischen und italienischen Regierung entlassen.<\/p>\n<p>Als Antwort darauf festigte Stalin seinen Einfluss auf die Staaten, die die Rote Armee 1944 \u2013 1945 befreit hatte. Als er erkannte, dass seine Entscheidung, die Kommunistische Internationale 1943 aufzul\u00f6sen, um die \u00c4ngste seiner imperialistischen Verb\u00fcndeten vor einer Revolution im Nachkriegseuropa zu bes\u00e4nftigen, ihm ein wertvolles Werkzeug genommen hatte, berief er im September 1947 eine Konferenz der Kommunistischen Parteien ein, um das Kommunistische Informationsb\u00fcro (Kominform) zu gr\u00fcnden. Hier waren die Kommunistischen Parteien Frankreichs und Italiens die Pr\u00fcgelknaben daf\u00fcr,\u00a0<em>\u201edass sie die Gelegenheit verpasst hatten, die Macht zu ergreifen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ironischerweise waren es schon bald Tito und die jugoslawischen KommunistInnen, die die Franz\u00f6sInnen und ItalienerInnn besonders scharf kritisierten. Obwohl nicht direkt angegriffen, war die tschechoslowakische Partei eindeutig auch dazu bestimmt, aufzupassen und ihren Weg zu korrigieren. Zwischen April und Juni des folgenden Jahres kam es zu einer Reihe von heftigen Ausf\u00e4llen zwischen der sowjetischen und der jugoslawischen Partei, die zum Ausschluss der jugoslawischen KP, die des Nationalismus\u2019 beschuldigt wurde, auf dem zweiten Kongress der Konform f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Unterdessen machten sich die tschechischen KommunistInnen pflichtbewusst daran, die MinisterInnen der offen b\u00fcrgerlichen Parteien aus der Koalition zu vertreiben, was sie am 25. Februar 1948 durch die Mobilisierung von Massendemonstrationen in Prag und anderen St\u00e4dten unter Androhung eines Generalstreiks taten. Das wurde von der KS\u010c als \u201eSiegreicher Februar\u201c bezeichnet. Pr\u00e4sident Edvard Bene\u0161 hielt noch einige Monate durch, trat aber schlie\u00dflich am 7. Juni zur\u00fcck. Nun wurden die \u00fcbrigen Teile der Wirtschaft in staatliche Hand genommen und ein System der b\u00fcrokratischen Zentralplanung in Gang gesetzt. Die Tschechoslowakei wurde zu einer Kopie des sowjetischen Systems, d.\u00a0h. eines degenerierten Arbeiterstaates, in dem die KapitalistInnen enteignet und das Profitsystem unterdr\u00fcckt wurden, in dem aber keine auf ArbeiterInnenr\u00e4ten basierende Demokratie existierte.<\/p>\n<p>Im Jahr 1949, als sich der Kalte Krieg versch\u00e4rfte, wurde Stalin besessen von der Idee, dass die \u201eSiegerInnen\u201c der KS\u010c mit Unterst\u00fctzung der tschechischen ArbeiterInnenklasse versucht sein k\u00f6nnten, Jugoslawien und Titos \u201eNationalem Weg\u201c zu folgen. In weiten Teilen der tschechischen Gesellschaft blieb eine Kultur der Diskussion und Kritik lebendig, die der \u201eF\u00fchrer des Weltproletariats\u201c verabscheute. So f\u00fchrte die Partei unter sowjetischem Druck eine Reihe von Schauprozessen gegen Schl\u00fcsselpersonen durch und \u201es\u00e4uberte\u201c sich von hunderttausenden AktivistInnen.<\/p>\n<p>Am ber\u00fcchtigtsten war der Prozess gegen den Ersten Sekret\u00e4r der KS\u010c, Rudolf Sl\u00e1nsk\u00fd, und dreizehn f\u00fchrende Parteimitglieder, darunter elf J\u00fcdInnen, die beschuldigt wurden, an einer trotzkistisch-titoistisch-zionistischen Verschw\u00f6rung teilgenommen zu haben. Nach der Folter gestanden sie alle Verbrechen, die ihnen vorgeworfen wurden, und elf, darunter Sl\u00e1nsk\u00fd, wurden am 3. Dezember 1952 geh\u00e4ngt. Vielleicht hat die Tschechoslowakei aufgrund dieser makabren Imitationen der Moskauer Prozesse und gro\u00dfen S\u00e4uberungen von 1936-38 keine Version der antistalinistischen Rebellionen erlebt, die die DDR (1953), Polen und Ungarn (1956) ersch\u00fctterten.<\/p>\n<p><strong>Konnte der Stalinismus reformiert werden?<\/strong><\/p>\n<p>Anfang der 1960er Jahre litt die Tschechoslowakei unter einer wirtschaftlichen Verlangsamung. Im Jahr 1962 war der Lebensstandard sogar gesunken und in den folgenden Jahren gab es keine gro\u00dfe Erholung. Die Qualit\u00e4t der produzierten Konsumg\u00fcter war sehr schlecht und es bestand ein dringender Bedarf an modernen Anlagen und Maschinen in den Fabriken. Der Mangel an Waren in den Gesch\u00e4ften war ein Grund f\u00fcr wachsende Wut, vor allem unter den Jugendlichen, die weniger bereit waren, die Unzul\u00e4nglichkeiten des stalinistischen Systems zu tolerieren. Der Kapitalismus, sozusagen nebenan, boomte w\u00e4hrenddessen und schuf eine popul\u00e4re Jugendkultur.<\/p>\n<p>Neben diesen wirtschaftlichen Problemen gab es eine wachsende Unzufriedenheit unter Teilen der Intelligenz, die sich gegen eine erstickende kulturelle Konformit\u00e4t richtete. Sie forderten die Rehabilitierung prominenter DissidentInnen, die vor 1954 zum Opfer gefallen waren. Im Jahre 1967 entwickelte sich der Verband der tschechoslowakischen SchriftstellerInnen zu einem Forum der Kritik an der Parteif\u00fchrung und sein Organ, Liter\u00e1rn\u00ed noviny (deutsch: Literaturzeitung), begann zu argumentieren, dass Werke der Literatur von der Parteizensur befreit werden sollten.<\/p>\n<p>Der vierte Kongress des SchriftstellerInnenverbandes, der im Juni 1967 stattfand, war Zeuge offener Angriffe auf die Zensur. Im Oktober 1967 bei einer Demonstration wegen wiederholter Stromausf\u00e4lle in den Studentenwohnheimen der Technischen Universit\u00e4t Strahov in Prag schaltete sich die Polizei mit Tr\u00e4nengas und Schlagst\u00f6cken ein.<\/p>\n<p>Jan Kavan, einer der StudentInnenf\u00fchrer, berichtete:<\/p>\n<p><em>\u201eBis zum Fr\u00fchsommer 1967 hatten wir eine enge Zusammenarbeit zwischen StudentInnen und SchriftstellerInnen aufgebaut, die mehr Presse-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit und eine weniger strenge Kontrolle aller Formen sozialer Aktivit\u00e4ten durch die Partei forderten. Im Herbst wurde diese Zusammenarbeit durch eine zaghafte Zusammenarbeit mit radikaleren ReformistInnen der Kommunistischen Partei (KP) wie Franti\u0161ek Kriegel, Petr Pithart und anderen verst\u00e4rkt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Dynamik der Opposition wurde teilweise durch die Unzufriedenheit des slowakischen Teils der Partei mit der Hyperzentralisierung des Staates und der Vernachl\u00e4ssigung der Slowakei angeheizt. Ende 1967 kam es zu einer offenen Herausforderung zwischen dem Ersten Sekret\u00e4r und Staatspr\u00e4sident Antonin Novotn\u00fd, der bei gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung und der Partei immer unbeliebter wurde, und Alexander Dub\u010dek, dem Sekret\u00e4r der Slowakischen Partei. Trotz eines Appells an den sowjetischen Partei- und Staatschef Leonid Breschnew weigerte sich der Kreml einzugreifen und Dub\u010dek wurde im Januar 1968 zum Ersten Sekret\u00e4r ernannt. Jan Kavan bemerkt, dass er\u00a0<em>\u201eals Kompromiss gew\u00e4hlt wurde, da beide Seiten glauben, einen unentschlossenen und schwachen Mann ohne starke Machtbasis manipulieren zu k\u00f6nnen\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Von diesem Zeitpunkt an gab es eine neue Fraktion, die sich f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere regionale Autonomie der Slowakei und eine Lockerung der Parteikontrolle im Allgemeinen, insbesondere in kulturellen Angelegenheiten, einsetzte. Die Zensur der Partei wurde am 4. M\u00e4rz abgeschafft, wodurch die Meinungsfreiheit in der Presse stark zunahm. Ver\u00e4nderungen in der Wirtschaftspolitik betonten die Notwendigkeit, eine bessere Qualit\u00e4t und ein breiteres Angebot an Konsumg\u00fctern zu produzieren. Den Fachkr\u00e4ften wurde versprochen, dass sie nun f\u00fcr ihre Qualifikationen und technischen F\u00e4higkeiten belohnt werden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Als Novotn\u00fd am 22. M\u00e4rz von der Pr\u00e4sidentschaft verdr\u00e4ngt und durch Ludvik Svoboda, einen Reformer, ersetzt wurde, war Breschnew alarmiert und die F\u00fchrer von f\u00fcnf L\u00e4ndern des Warschauer Pakts trafen sich in Dresden, in der Deutschen Demokratischen Republik, um zu diskutieren, was zu tun sei. Hier stellten sie die Frage nach dem Zusammenbruch des Systems, nach dem alle KandidatInnen f\u00fcr wichtige Positionen aus der genehmigten Liste der Partei, der Nomenklatura, gezogen werden mussten, und behaupteten, dass \u201eantisozialistische Elemente\u201c nun die Kontrolle \u00fcber die Presse und die Fernsehsender aus\u00fcbten. F\u00fcr die Sowjetunion und ihre Verb\u00fcndeten war das gesamte stalinistische System eindeutig im Zerfall begriffen.<\/p>\n<p>Vasil\u2019 Bil\u2019ak, einer der hart gesottenen Konservativen aus dem Zentralkomitee der tschechoslowakischen Partei, nahm den sowjetischen Rat auf.<\/p>\n<p><em>\u201eSie warnten uns, dass die Konterrevolution nicht immer mit Morden beginnt, sondern oft mit Demagogie, pseudosozialistischen Phrasen und Appellen an die Freiheit, die der Partei schaden, dem gesellschaftlichen Apparat mit der Schw\u00e4chung und Demoralisierung der Machtinstrumente, der Armee, der Sicherheitsorgane, der Gerichte, des Bevollm\u00e4chtigtenwesens\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dort wird kurz beschrieben, was \u201eSozialismus\u201c f\u00fcr den Stalinismus bedeutet; der b\u00fcrokratische Apparat und seine totalit\u00e4ren Repressionskr\u00e4fte, f\u00fcr die Freiheit und Demokratie eine t\u00f6dliche Bedrohung darstellen.<\/p>\n<p><strong>Die Reform beschleunigt sich<\/strong><\/p>\n<p>Im April ver\u00f6ffentlichte der Zentralausschuss ein Aktionsprogramm, das die Bef\u00fcrchtungen in Moskau und Berlin kaum hatte zerstreuen k\u00f6nnen. Es enthielt die Erkl\u00e4rung:<\/p>\n<p><em>\u201eSozialismus kann nicht nur die Befreiung des arbeitenden Volkes von der Herrschaft ausbeuterischer Klassenverh\u00e4ltnisse bedeuten, sondern muss mehr Vorkehrungen f\u00fcr ein erf\u00fcllteres Leben der Pers\u00f6nlichkeit treffen als jede b\u00fcrgerliche Demokratie.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und fuhr mit dem Versprechen fort: \u201e<em>eine fortschrittliche sozialistische Gesellschaft auf soliden wirtschaftlichen Grundlagen aufzubauen\u2026. einen Sozialismus, der den historischen demokratischen Traditionen der Tschechoslowakei entspricht, in \u00dcbereinstimmung mit den Erfahrungen anderer kommunistischer Parteien\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Im Gegensatz zum blinden, monolithischen Gehorsam, der f\u00fcr den Stalinismus unerl\u00e4sslich ist, hei\u00dft es im Programm:\u00a0<em>\u201eJedes Mitglied der Partei und der Parteigremien hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, nach diesem Gewissen zu handeln.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Das Aktionsprogramm forderte auch die Wahl von Fabrikr\u00e4ten in der Industrie, die St\u00e4rkung des Rechts der Gewerkschaften, im Namen ihrer Mitglieder zu verhandeln, und das Recht der LandwirtInnen, Genossenschaften zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Diese hehren Worte waren alle gut und sch\u00f6n, aber es gab immer noch keine echten demokratischen Strukturen innerhalb der Partei, die es den einfachen Mitgliedern erm\u00f6glichten, sich zu organisieren, um die Politik oder die F\u00fchrung zu \u00e4ndern. F\u00fcr Dub\u010dek blieb die zentrale Rolle der Partei heilig ebenso wie das B\u00fcndnis mit der Sowjetunion. Mehrmals in diesen Monaten betonte er, dass es keine \u00c4nderung in der Au\u00dfenpolitik des Landes geben werde.<\/p>\n<p>Die ReformerInnen in der F\u00fchrung der KS\u010c sahen sich als Tr\u00e4gerInnen der versprochenen Entstalinisierung, die in den Jahren der Herrschaft von Nikita Chruschtschow in der sowjetrussischen Partei (1958 bis 1964) versprochen wurde. Einerseits konnten sie den Forderungen Moskaus, die Pressefreiheit zu z\u00fcgeln, nicht nachgeben, ohne ihre eigene Basis zu untergraben, aber andererseits wollten sie nicht, dass die Initiative auf Kr\u00e4fte au\u00dferhalb der Partei, geschweige denn auf die Massen, die StudentInnen und ArbeiterInnen, die unabh\u00e4ngig davon organisiert sind, \u00fcbergeht.<\/p>\n<p>Dennoch sah sich Dub\u010dek als Wegbereiter f\u00fcr einen Neuanfang des offiziellen Kommunismus und bezeichnete sein Reformpaket als \u201eSozialismus mit menschlichem Antlitz\u201c, also die Beendigung der unmenschlichen Fratze des Stalinismus. Die stalinistische Unterdr\u00fcckung war schlie\u00dflich nicht nur und nicht einmal in erster Linie den kapitalistischen und konterrevolution\u00e4ren Kr\u00e4ften auferlegt worden, sondern vor allem den Elementen der ArbeiterInnenklasse, die es wagten, b\u00fcrokratische Unterdr\u00fcckung und Privilegien zu kritisieren, sowie der Intelligenz, den StudentInnen, SchriftstellerInnen und FilmemacherInnen, von denen die meisten anfangs mit dem Sozialismus sympathisierten.<\/p>\n<p><strong>ArbeiterInnenr\u00e4te und Wirtschaftsreform<\/strong><\/p>\n<p>Im Einklang mit dem Aktionsprogramm wurde ab Juni in einigen Industriezweigen mit der Wahl von Fabrikr\u00e4tInnen begonnen und die LandarbeiterInnen durften ihre eigenen Genossenschaften gr\u00fcnden. Die R\u00e4te verabschiedeten ihre eigenen Statuten unter dem Motto \u201eSelbstverwaltung der ArbeiterInnen\u201c.<\/p>\n<p>Die Fabrikr\u00e4te der Wilhelm-Pieck-Fabrik in Prag (Juni 1968) verabschiedeten eine Erkl\u00e4rung, in der es hei\u00dft:\u00a0<em>\u201eDie ArbeiterInnen der Fabrik W. Pieck (CKD Prag) wollen eines der Grundrechte der sozialistischen Demokratie erf\u00fcllen, n\u00e4mlich das Recht der ArbeiterInnen, ihre eigene Fabrik zu f\u00fchren.\u201c<\/em>\u00a0Eine ArbeiterInnenversammlung, an der alle MitarbeiterInnen des Werks beteiligt waren, war das souver\u00e4ne Organ und w\u00e4hlte den Betriebsrat, um die Entscheidungen des Kollektivs auszuf\u00fchren, das Werk zu leiten und den\/die DirektorIn einzustellen. Die Ratsmitglieder amtierten befristet, wurden in geheimer Abstimmung gew\u00e4hlt und waren abrufbar.<\/p>\n<p>Dennoch war der Prozess langsam und im August gab es immer noch weniger als zwei Dutzend solcher R\u00e4te, wenn auch in den gr\u00f6\u00dften Unternehmen. Hier kam es zu einer Ann\u00e4herung zwischen den Pl\u00e4nen der ReformerInnen der KS\u010c, insbesondere derjenigen im Wirtschaftsapparat wie Ota \u0160ik (1919-2004), die bereits an Angriffen auf die zentralisierte Kommandoplanung beteiligt waren, und Teilen der ArbeiterInnen, die Elemente der Kontrolle und des Managements der ArbeiterInnen \u00fcber die Produktion etablieren wollten.<\/p>\n<p>Der sowjetische Fetischismus der schieren Quantit\u00e4t von Produkten m\u00fcsse durch Kriterien ersetzt werden, die auf Qualit\u00e4t und Effizienz basieren. Offensichtlich hatten die ArbeiterInnen als VerbraucherInnen auch ein Interesse an einer gr\u00f6\u00dferen Vielfalt an Waren und dar\u00fcber hinaus an solchen, die funktionierten. Tats\u00e4chlich waren es die offensichtlichen Misserfolge der b\u00fcrokratischen Kommandoplanung, die Illusionen in den Markt als neutraler \u201eMechanismus\u201c zur Vers\u00f6hnung von Angebot und Nachfrage mit sich brachten.<\/p>\n<p>Ein ernsthaftes Problem f\u00fcr die KP-F\u00fchrung war das von Ludv\u00edk Vacul\u00edk verfasste und am 27. Juni in Liter\u00e1rn\u00ed listy und einer Reihe weiterer Publikationen ver\u00f6ffentlichte Manifest \u201e2000 W\u00f6rter\u201c. Das Manifest wurde bald von Tausenden unterzeichnet. Es forderte eine Volksinitiative von unten:<\/p>\n<p><em>\u201eLassen Sie uns eigene B\u00fcrgerInnenkomitees zur L\u00f6sung von Problemen einrichten, mit denen sich niemand befassen will. Es ist ganz einfach: Ein paar Leute treffen sich, sie w\u00e4hlen ihreN VorsitzendeN, sie schreiben ein Protokoll, sie ver\u00f6ffentlichen ihre Ergebnisse, sie fordern eine L\u00f6sung, sie werden nicht zum Schweigen gebracht.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Das Manifest warnte auch vor der Gefahr, dass \u201eausl\u00e4ndische Kr\u00e4fte\u201c die Kontrolle \u00fcber die Regierung \u00fcbernehmen, was sofort als direkter Hinweis auf die sowjetischen Truppen angesehen wurde, die ihre laufenden milit\u00e4rischen \u00dcbungen im Land ausgeweitet hatten.<\/p>\n<p>Das Politb\u00fcro im Kreml war beunruhigt \u00fcber geringstes Gerede von einer Demokratisierung des politischen Systems. Die Mehrheit der tschechoslowakischen F\u00fchrung glaubte jedoch, die lang erwartete Entstalinisierung, die Chruschtschow nach 1953 versprochen hatte, einfach umzusetzen. Sie war zuversichtlich, dass es keinen Spielraum f\u00fcr eine milit\u00e4rische Intervention seitens der Staaten des Warschauer Paktes g\u00e4be.<\/p>\n<p>Die UdSSR behauptete dann, Beweise daf\u00fcr zu haben, dass Westdeutschland plane, in das Sudetenland einzudringen, und beantragte bei der tschechoslowakischen Regierung die Erlaubnis, die Rote Armee zur Verteidigung gegen einen m\u00f6glichen Einfall aufmarschieren zu lassen. Dieser Beweis war eindeutig gef\u00e4lscht und Dub\u010dek lehnte es ab, da er wusste, dass die wahre Absicht des Kremls darin bestand, die wachsende Bewegung zu zerschlagen und das Land unter milit\u00e4rische Kontrolle zu stellen.<\/p>\n<p>In der Nacht vom 20. auf den 21. August starteten die f\u00fcnf L\u00e4nder des Warschauer Paktes, die k\u00fcrzlich erkl\u00e4rt hatten, dass jede Nation\u00a0<em>\u201edie Unabh\u00e4ngigkeit und Souver\u00e4nit\u00e4t der Staaten respektieren muss\u201c<\/em>, die \u201eOperation Donau\u201c, eine Invasion des Landes mit mehr als 200.000 Soldaten. Der Kreml verk\u00fcndete der Welt, dass die Streitkr\u00e4fte des Warschauer Paktes ihren tschechoslowakischen Verb\u00fcndeten bei der Bek\u00e4mpfung der \u201ekonterrevolution\u00e4ren Kr\u00e4fte\u201c zu Hilfe kommen w\u00fcrden, aber Pr\u00e4sident Ludvik Svoboda erkl\u00e4rte die Invasion in einer Radioansprache, die w\u00e4hrend des Einzugs der Panzer ausgestrahlt wurde, f\u00fcr illegal.<\/p>\n<p>Dub\u010dek, der eine Wiederholung des Massakers von 1956 in Ungarn bef\u00fcrchtete, befahl den tschechoslowakischen Soldaten, das Feuer nicht zu er\u00f6ffnen. Als die Truppen sich zur\u00fcckzogen und die Besatzungspanzer am 21. August in Prag einrollten, wurde es den eilig organisierten und unbewaffneten Jugendlichen und ArbeiterInnen \u00fcberlassen, Widerstand zu leisten und Barrikaden zu errichten, um die Panzerbesatzungen zum Gespr\u00e4ch mit den DemonstrantInnen zu bringen. Nat\u00fcrlich gab es in den ersten acht Tagen auch entschlosseneren Widerstand und Zusammenst\u00f6\u00dfe, bei denen 84 TschechoslowakInnen und vier sowjetische SoldatInnen ums Leben kamen.Aber am Ende sind Blumen, die in Gewehrl\u00e4ufe gesteckt werden, kein Gegner f\u00fcr Panzer.<\/p>\n<p><strong>Widerstand<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Dub\u010dek und sechs weitere F\u00fchrer verhaftet und rasch nach Moskau mitgenommen wurden, beschloss das Prager Stadtkomitee, den bereits geplanten KS\u010c-Kongress abzuhalten. Er traf sich in einem der gr\u00f6\u00dften Industriebetriebe im Prager Stadtteil Vyso\u010dany. Der Kongress verurteilte die Invasion, billigte die Reformen und w\u00e4hlte eine neue F\u00fchrung. Aber er rief nicht zu Massenaktionen, einem Generalstreik oder einem Aufstand auf. In der Praxis blieb die F\u00fchrung in den H\u00e4nden der ParteireformerInnen.<\/p>\n<p>Einer von ihnen, der slowakische F\u00fchrer Gust\u00e1v Hus\u00e1k, ging ganz auf die sowjetische Forderung nach \u201eNormalisierung\u201c ein. Er argumentierte, dass die Entscheidungen von Vyso\u010dany ung\u00fcltig seien, weil der Kongress nicht beschlussf\u00e4hig sei. Wenige slowakische Delegierte hatten es dank der Besatzung nach Prag geschafft. In den n\u00e4chsten sechs Monaten behinderte der l\u00e4hmende Legalismus der ReformerInnen immer wieder den wirksamen Widerstand und vereitelte die mutigen und kreativen Initiativen der Jugend und der Militanten in den Fabriken. In dieser Zeit nahm die Zahl der Betriebsr\u00e4te dramatisch zu, aber die immer noch einflussreichen ReformerInnen lenkten sie immer wieder in Debatten \u00fcber Gesetze und Verfassungen zur Selbstverwaltung der ArbeiterInnen \u2013 Blaupausen f\u00fcr eine Zukunft, die nie kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Trotz der hastig errichteten Barrikaden auf dem Wenzelsplatz und der mutigen Agitation junger StudentInnen und ArbeiterInnen unter den SoldatInnen der sowjetischen Panzern und im Gegensatz zur ungarischen Revolution von 1956, bei der \u00fcber 2.500 UngarInnen und 700 sowjetische Milit\u00e4rpersonen get\u00f6tet wurden, gab es keine Gegenwehr der tschechischen Streitkr\u00e4fte, sondern nur unbewaffneten Massenwiderstand auf den Stra\u00dfen. In gewisser Weise \u00f6ffnete die Kapitulation der Parteispitzen den Weg f\u00fcr entschlossenere und radikalere Elemente unter den StudentInnen und arbeitenden JournalistInnen und den ArbeiterInnen in den Fabriken, um ihre eigenen Initiativen zu ergreifen. Sie organisierten massive Proteste und konfrontierten die Besatzer mit Argumenten, dass hier keine Konterrevolution im Gang war. J\u00e1n \u010cul\u00edk, damals 15 Jahre alt, berichtet in einem Artikel vom 24. Mai 2018:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Menschen hatten ihren Appetit auf \u00f6ffentliche Debatten nicht verloren, und sie haben die sowjetischen Truppen, die auf ihren Panzern in den Stra\u00dfen der tschechischen St\u00e4dte sa\u00dfen, leidenschaftlich mit einbezogen und ihnen gesagt, dass es in der Tschechoslowakei keine ,Konterrevolution\u2018 gebe. Schaufenster und Stra\u00dfenmauern wurden sofort mit Hunderten von Plakaten, Slogans und Cartoons zugepflastert, die die Invasion verspotteten. Wochenzeitungen erschienen mehrmals t\u00e4glich. Lieferwagen mit den neuen Ausgaben verteilten die Zeitungen kostenlos in den St\u00e4dten. Die Nation trat in einen seltsamen Zustand der Euphorie ein.\u201c<\/em><\/p>\n<p>StudentInnen sprachen t\u00e4glich in Fabriken mit Tausenden von ArbeiterInnen. Sie organisierten im November 1968 einen landesweiten StudentInnenstreik und Campusbesetzungen mit dem Ziel, sich mit den Fabrikr\u00e4ten zu verbinden, um einen Generalstreik auszul\u00f6sen. So kam beispielsweise eine ArbeiterInnendelegation des riesigen ostslowakischen Stahlwerks in Ko\u0161ice an die Universit\u00e4t Prag, um diesen Plan mit den StudentInnen zu diskutieren.<\/p>\n<p>Die Partei\u201ereformerInnen\u201c, die noch nominell im Amt waren, konnten dies jedoch immer wieder ins Leere laufen lassen. Tats\u00e4chlich war es die zweitbeliebteste Figur des Prager Fr\u00fchlings, Josef Smrkovsk\u00fd, der die ArbeiterInnen dazu \u00fcberredete, nicht zu streiken. Immer wieder wurde das Argument vorgebracht, dass es notwendig sei, den Widerstand auf das Niveau von Protest zu beschr\u00e4nken, um die ReformerInnen an der \u201eMacht\u201c zu halten. Eine Kombination aus leeren Versprechungen und schleichender Unterdr\u00fcckung setzte sich fort, bis eine abweichende Stimme nach der anderen zum Schweigen gebracht wurde.<\/p>\n<p>Ein Zeichen der wachsenden Verzweiflung der Jugend angesichts des dahinwelkenden \u201eFr\u00fchlings\u201c kam am 19. Januar, als der 20-j\u00e4hrige Jan Palach sich auf dem Prager Platz, der heute seinen Namen tr\u00e4gt, in Brand setzte. Auf der anschlie\u00dfenden Demonstration, dem letzten Ausdruck der Massenbewegung, waren 200.000 Menschen anwesend, obwohl sich in den folgenden Monaten zwei weitere StudentInnen opferten. Eine\/r der BrandverletzungsspezialistInnen, die versuchten, Palachs Leben zu retten, sagte, dass seine Aktion\u00a0<em>\u201e\u2026nicht so sehr gegen die sowjetische Besatzung erfolgt war, sondern sich gegen die einsetzende Demoralisierung richtete, dass die Menschen nicht nur aufgaben, sondern nachgaben. Und er wollte diese Demoralisierung stoppen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Nachdem die Massenbewegung demoralisiert und zerschlagen war, war die Rolle der ReformerInnen f\u00fcr den Kreml ersch\u00f6pft und sie wurden wie ausgepresste Zitronen zur Seite geworfen. Dub\u010dek wurde am 19. April 1969 als Erster Sekret\u00e4r abgel\u00f6st und 1970 aus der Partei ausgeschlossen. Alles Reformgerede kam auf den M\u00fcll.<\/p>\n<p>Die Blumen des Prager Fr\u00fchlings waren nicht alles, was unter den Spuren der sowjetischen Panzer zerquetscht wurde. Die revolution\u00e4re Begeisterung der fr\u00fchen Tage und dann des Widerstands im Herbst war unter der F\u00fchrung der \u201eReformerInnen\u201c verspielt worden. Als einfache Tatsache blieb, dass dem stalinistischen \u201eSozialismus\u201c kein \u201emenschliches Antlitz\u201c verliehen werden konnte.<\/p>\n<p>Er war v\u00f6llig unvereinbar mit den politischen Freiheiten von Rede, Versammlung und dem Recht, eine Partei und Gewerkschaftsorganisation ohne KS\u010c-Kontrolle zu gr\u00fcnden (f\u00e4lschlicherweise \u201edie f\u00fchrende Rolle der Partei\u201c genannt). Eine echte revolution\u00e4re Partei konnte nur durch die freie Wahl der ArbeiterInnen und Jugendlichen eine \u201ef\u00fchrende Rolle\u201c gewinnen, was wiederum ArbeiterInnenr\u00e4te wie die Russlands von 1917 (Sowjets) erforderte. Diese mussten Organisatoren des politischen Kampfes f\u00fcr die und letztlich an der Staatsmacht sein, nicht nur ein Mittel zur Selbstverwaltung einzelner Unternehmen durch die ArbeiterInnen. Marktsozialismus wie ihn \u0160ik und die ReformerInnen wollten, war, wie die 1980er Jahre zeigten, ein Schritt zur\u00fcck zum Kapitalismus, zur Privatisierung und zur Massenarbeitslosigkeit. Wenn die ArbeiterInnenklasse nicht die Staatsmacht und die gesamte Wirtschaft kontrolliert, dann wird das Management eine leere \u00dcbung in \u201eMitbestimmung\u201c sein.<\/p>\n<p>Viele Berichte malen ein Bild von Dub\u010dek, als habe er einen Bruch mit dem Stalinismus vollzogen, aber im Wesentlichen wurden seine Reformen innerhalb der antidemokratischen b\u00fcrokratischen Strukturen von oben her durchgef\u00fchrt. Seine Bemerkungen nach der Invasion zeigen, wie weit er davon entfernt war, ein Revolution\u00e4r zu sein: \u201eEs ist meine pers\u00f6nliche Trag\u00f6die. Mein ganzes Leben lang habe ich mich der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion verschrieben und sie tun mir das an.<\/p>\n<p>Die fehlende Mobilisierung der ArbeiterInnenklasse in der Tschechoslowakei, bis es zu sp\u00e4t war, stand in krassem Gegensatz zu Ungarn in den 1950er Jahren und sie offenbarte auch die Klassenbasis der Oppositionsbewegung als in den Intellektuellen und Teilen der Parteib\u00fcrokratie verwurzelter.<\/p>\n<p>Die f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten der kommunistischen (stalinistischen) Weltbewegung wurden durch die tschechische Intervention in ein ernsthaftes Dilemma gebracht. Die Parteien, die am weitesten gegangen waren, um den \u201efriedlichen, parlamentarischen Weg zum Sozialismus\u201c zu akzeptieren, kritisierten offen die Entsendung der Panzer. Andererseits haben Betonk\u00f6pfe wie in der Kommunistischen Partei Frankreichs sie unterst\u00fctzt. Diejenigen, die sie unterst\u00fctzt haben, haben sich den Spitznamen \u201eTankies\u201c verdient (und waren stolz darauf). Die sowjetische Zerschlagung des Prager Fr\u00fchlings war ein wichtiges Element, um junge Radikale vom Moskauer Stalinismus wegzubrechen.<\/p>\n<p>Ein gr\u00f6\u00dferer Schock f\u00fcr seine BewundererInnen in den Reihen der westlichen Neuen Linken war, dass Fidel Castro die Intervention unterst\u00fctzte:<\/p>\n<p><em>\u201eGenau hier m\u00f6chte ich die erste wichtige Aussage machen; wir waren der Meinung, dass sich die Tschechoslowakei in Richtung einer konterrevolution\u00e4ren Situation, in Richtung Kapitalismus, in die Arme des Imperialismus bewegt\u2026. Das definiert also unsere erste Position in Bezug auf die spezifische Tatsache des Handelns einer Gruppe von sozialistischen L\u00e4ndern, dass wir es f\u00fcr absolut notwendig halten, um jeden Preis, auf die eine oder andere Weise, diese M\u00f6glichkeit zu verhindern.\u201c<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr StalinistInnen wie Castro war die Verteidigung des \u201esozialistischen Blocks\u201c, dessen wirtschaftliche und milit\u00e4rische Hilfe f\u00fcr das \u00dcberleben des kubanischen stalinistischen Regimes entscheidend war, wichtiger als Ma\u00dfnahmen wie demokratische Reformen (die er ohnehin nicht nachahmen konnte) und offenbarte die Ausbreitung der internationalen Revolution, die mit Che Guevara verbunden war, der im Herbst zuvor von einem CIA-Operationskommando in Bolivien ermordet worden war, als hohle Rhetorik.<\/p>\n<p>Die letzte Lektion des tschechoslowakischen Kampfes 1968-1969 wird durch die Worte des deutschen Dramatikers Georg B\u00fcchner (1813-1837) aus dem Mund des jakobinischen F\u00fchrers Robespierre ausgesprochen:\u00a0<em>\u201eDie soziale Revolution ist noch nicht fertig; wer eine Revolution zur H\u00e4lfte vollendet, gr\u00e4bt sich selbst sein Grab.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Notwendig gewesen war eine proletarisch-politische Revolution, f\u00fcr die Trotzki in den 1930er Jahren k\u00e4mpfte; die Macht der B\u00fcrokratie zu brechen, indem die Macht der ArbeiterInnenr\u00e4te geschaffen wurde, nicht die Wirtschaft dem Markt zu \u00f6ffnen, sondern ein demokratisches Planungssystem zu schaffen, das durch einen demokratisch vereinbarten Plan koordiniert werden sollte.<\/p>\n<p>Nur unter letzterem w\u00fcrde eine echte ArbeiterInnenverwaltung in den Unternehmen die Entfremdung sowohl durch Stalinismus wie Kapitalismus beenden. Es gab 1968 keine Partei, die f\u00fcr ein solches Programm k\u00e4mpfte. Obwohl die Diskreditierung des Stalinismus eine wichtige Lehre f\u00fcr ArbeiterInnen und Jugendliche auf der ganzen Welt war und viele von den tschechischen ArbeiterInnen inspiriert wurden, war f\u00fcr die meisten, insbesondere f\u00fcr diejenigen, die noch unter stalinistischer Herrschaft lebten, die Lektion, dass man viel weiter auf dem Weg der \u201eMarktreformen\u201c gehen musste. So \u00f6ffnete die Niederlage des Prager Fr\u00fchlings den Weg zur \u201eSamtenen Revolution\u201c und zur Wiederherstellung des Kapitalismus.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2018\/06\/25\/prag-1968-revolution-und-konterrevolution\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. Juni 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dave Stockton. 1968 war eines der \u201everr\u00fcckten Jahre\u201c der Geschichte wie 1848, 1917-18, 1989 und zuletzt 2011. 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