{"id":3713,"date":"2018-07-02T08:17:32","date_gmt":"2018-07-02T06:17:32","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3713"},"modified":"2018-07-02T08:17:32","modified_gmt":"2018-07-02T06:17:32","slug":"kampf-der-bauarbeiterinnen-fuellt-die-zuercher-innenstadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3713","title":{"rendered":"Kampf der BauarbeiterInnen f\u00fcllt die Z\u00fcrcher Innenstadt"},"content":{"rendered":"<p><em>Helena W. und Anthea N.<\/em> <strong>Eine k\u00e4mpferische Stimmung und rote Nebelschwaden hingen in der Luft, als sich am Samstag den 23. Juni 18\u2019000 BauarbeiterInnen die Z\u00fcrcher Strassen nahmen. 93%<!--more--> sind bereit zu streiken \u2013 der Kampf um den Landesmantelvertrag hat begonnen.<\/strong><\/p>\n<p>Das Limmatquai leuchtete rot, als sich letzten Samstag, 23. Juni 2018, BauarbeiterInnen aus der ganzen Schweiz zur Demonstration f\u00fcr den Landesmantelvertrag (LMV) versammelten. In der Luft hingen rote Rauchschwaden, rote Banner und Fahnen schwebten \u00fcber der rotbekleideten Masse, auf deren aller R\u00fccken eine weisse 60 prangte und in deren H\u00e4nden sich rote Vuvuzelas befanden. Dazwischen vereinzelt ein blauer und oranger Block. \u00dcber den M\u00fchlesteg gespannt das Banner: \u00abUniti siamo forti\u00bb \u2013 zusammen sind wir stark. Zur grossen Machtdemonstration hatte die UNIA \u00fcber 18\u2019000 BauarbeiterInnen und Unterst\u00fctzerInnen nach Z\u00fcrich mobilisiert, teils in organisierten Extraz\u00fcgen aus Genf, Lugano, Basel und andere Schweizer St\u00e4dten. Das Ziel des Tages: Den Baumeistern zeigen, dass die Arbeitenden nicht stillschweigend zuschauen, w\u00e4hrend ihr Lohn weiter sinkt und ihnen die Rente geklaut wird. Und das alles vor dem Hintergrund massiver Gewinne in der Baubranche.<\/p>\n<p>Im Zug von Basel nach Z\u00fcrich sprechen wir mit Ralf. Er ist 55 Jahre alt und arbeitet seit 40 Jahren auf der Baustelle. Schon nur vor den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren bis zu seiner Pensionierung graut es ihm: \u00abMit 60 Jahren auf der Baustelle \u2013 das geht einfach nicht.\u00bb Wenn der Landesmantelvertrag (LMV) ablaufe, habe man gar keine Gewissheit mehr. Deshalb reist er an seinem freien Samstag nach Z\u00fcrich.<\/p>\n<p>Doch das Rentenalter besch\u00e4ftigt nicht nur diejenigen, die kurz vor der Pension stehen: \u00abMir ist der Kampf f\u00fcr das Rentenalter 60 am wichtigsten\u00bb sagt beispielsweise ein 20-j\u00e4hriger Bauarbeiter aus Basel.\u00a0<strong>\u00abAber es macht mir auch Sorgen, dass die Krankenkassenpr\u00e4mien steigen, w\u00e4hrend gleichzeitig unsere L\u00f6hne gesenkt werden.\u00bb<\/strong>\u00a0Deshalb sei er auch letzten Oktober an der Demonstration f\u00fcr Lohnerh\u00f6hung mitmarschiert.<\/p>\n<p>Der Unmut gegen\u00fcber den Baumeistern entl\u00e4dt sich auf der Strasse: Der Marsch durch die Innenstadt zum Helvetiaplatz wird begleitet von Pfiffen, lauter Trommlerei, tr\u00f6tenden Vuvuzelas und nicht zuletzt laut skandierten Ch\u00f6ren. Parolen wie \u00abWir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Rente klaut!\u00bb finden bei den Demonstrierenden Anklang.<\/p>\n<p><strong>Die Gewerkschaften zeigen St\u00e4rke<\/strong><\/p>\n<p>Eine derartige Mobilisierung ist in der Schweiz eine Seltenheit. Kein Wunder, denn in keiner anderen Branche sind so viele ArbeitnehmerInnen gewerkschaftlich organisiert wie auf dem Bau. Das gibt der UNIA, aber auch den kleineren Gewerkschaften, eine enorme Schlagkraft. Dank dieser konnten in der Vergangenheit harte K\u00e4mpfe, wie der um die Fr\u00fchpensionierung Anfang der 2000er-Jahre, gef\u00fchrt und gewonnen werden.<\/p>\n<p>Und die Notwendigkeit dieser Mobilisierung haben die Gewerkschaften, allen voran die UNIA, erkannt. Ihre Ernsthaftigkeit zeigt sich in der Zeit, welche die Gewerkschaftssekret\u00e4rInnen in den vergangenen Monaten auf der Baustelle verbracht haben, um die Kampfbereitschaft unter den BauarbeiterInnen voranzutreiben. Denn nur der Druck von unten f\u00fchrt zu wirklichen Verbesserungen.<\/p>\n<p>Neben der Demonstration muss man besonders die von den Gewerkschaften organisierte Anreise hervorheben:\u00a0<strong>Diese bietet den BauarbeiterInnen die M\u00f6glichkeit sich \u00fcber ihre Arbeitsbedingungen und Lebenssituation auszutauschen, ohne den Atem des Chefs im Nacken zu sp\u00fcren.<\/strong>\u00a0Dasselbe gilt f\u00fcr das gemeinsame Bier und die Bratwurst nach der Demo. Diese Momente, in denen sich die einzelnen LohnarbeiterInnen in einer Gruppe zusammenfinden, bilden den N\u00e4hrboden f\u00fcr das Entstehen eines Klassenbewusstseins. Also der Bewusstwerdung, dass die LohnarbeiterInnen im Produktionsprozess dieselbe Stellung haben, welche sich durch die systematische Ausbeutung durch die KapitalistInnen auszeichnet. Diese Erkenntnis wiederum erh\u00f6ht die Bereitschaft f\u00fcr weitere K\u00e4mpfe. In diesen Momenten ist aber auch eine demokratisch gew\u00e4hlte F\u00fchrung gefragt, die an diesem Bewusstsein ankn\u00fcpft und mit den Erfahrungen aus vergangenen K\u00e4mpfen seine Entwicklung vorantreibt.<\/p>\n<p><strong>Selbstdarstellung oder Kampfansage?<\/strong><\/p>\n<p>Doch eine k\u00e4mpferische Tradition kann sich nur entwickeln, wenn sich die Gewerkschaftsbasis bewusst ist, dass sie sich nur selbst gegen die Baumeister durchsetzen kann. Die Gewerkschaften stehen in der Pflicht, die Bildung von Vertrauensgruppen bestehend aus BauarbeiterInnen auf ihren Baustellen voranzutreiben. Doch diese Selbstst\u00e4ndigkeit der Arbeitenden scheint f\u00fcr die UNIA-F\u00fchrung momentan nicht im Vordergrund zu stehen, was die Aussagen von Ralf zum Ausdruck bringen:\u00a0<strong>\u00abMan wird behandelt wie im Kindergarten. Wenn wir aus dem Zug steigen, m\u00fcssen wir wohl in einer Zweierreihe gehen.<\/strong>\u00a0Man weiss auch gar nicht so genau, worum es geht. Wir werden einfach informiert, was wir tun sollen. Aber mitdiskutieren k\u00f6nnen wir nicht wirklich.\u00bb<\/p>\n<p>Diesen Eindruck erhielt man auch von der Kundgebung am Ende der Demonstration. W\u00e4hrend sich der Umzug durch die k\u00e4mpferische Bereitschaft der BauarbeiterInnen auszeichnete, glich die gewerkschaftliche Inszenierung auf dem Helvetiaplatz einer Show von Lady Gaga: Zwar wurde von den Gewerkschaftsfunktion\u00e4ren offen mit Streiks gedroht, eine f\u00fcr die Schweiz aussergew\u00f6hnliche Handlung. Die Ank\u00fcndigung, dass im Falle der weiteren Kompromisslosigkeit der Baumeister 93% der Gewerkschaftsmitglieder bereit seien zu streiken, unterstrich die Drohung. Begleitet von kleiner Feuershow und roten Konfetti-Kanonen wirkte sie aber l\u00e4cherlich. Entsprechend verhalten fiel die Reaktion der anwesenden BauarbeiterInnen und ihren Unterst\u00fctzerInnen aus. Man wurde den Eindruck nicht ganz los, dass es der Gewerkschaftsf\u00fchrung mehr um die Selbstdarstellung ging, als um eine Kampfansage an die Baumeister.<\/p>\n<p><strong>Generationenwechsel und Gewerkschaften<\/strong><\/p>\n<p>Zu den lautesten auf dem Helvetiaplatz geh\u00f6rten die Mittzwanziger, die sich direkt neben uns aufgestellt hatten und ohne \u00fcbertriebenen Pomp die Menge anheizten. Sie geh\u00f6rten aber \u2013 zumindest alterstechnisch \u2013 zur Minderheit. Auch w\u00e4hrend des Umzugs fiel das relativ hohe Durchschnittsalter auf.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist die Gewerkschaft unter den J\u00fcngeren nicht mehr so stark verankert. Das muss dringend ge\u00e4ndert werden, denn die erk\u00e4mpfte Fr\u00fchpensionierung zeigt ihre Wirkung. Die \u00e4lteren BauarbeiterInnen stehen in der ausgepr\u00e4gten Kampftradition der Saisonniers und der ehemaligen Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI).\u00a0<strong>Mit ihrem wohlverdienten \u00dcbertritt in den Ruhestand drohen jedoch wichtige Erfahrungen verloren zu gehen.<\/strong><\/p>\n<p>Die gewerkschaftliche Generationserneuerung ist zugegebenermassen herausfordernd, aber auch \u00fcberaus wichtig. Denn nur so kann die Schlagkraft der Gewerkschaft erhalten bleiben. Deshalb ist auch hier wichtig, dass der Fokus der UNIA-Sekret\u00e4re nicht nur auf den GAV-Verhandlungen liegt, sondern auch auf dem l\u00e4ngerfristigen Aufbau von Vertrauensgruppen auf den Baustellen.<\/p>\n<p><strong>Die BauarbeiterInnen sind bereit<\/strong><\/p>\n<p>Der Kampf f\u00fcr die Verbesserung des LMV wird hart. Die gewerkschaftliche Mobilisierung und die Streikbereitschaft von 93% der organisierten BauarbeiterInnen zeigt aber, dass sie f\u00fcr diesen Kampf bereit sind.\u00a0Es ist aber zentral, dass der Druck von unten weiterhin aufrecht erhalten wird und sich die Gewerkschaften daf\u00fcr einsetzen, unter den BauarbeiterInnen eine k\u00e4mpferische Tradition aufzubauen, die auch von den j\u00fcngeren mitgetragen wird.<\/p>\n<p>Wir rufen dazu auf, die BauarbeiterInnen solidarisch in ihrem Kampf zu unterst\u00fctzen. Denn die UNIA hat recht:\u00a0<strong>\u00abUniti siamo forti\u00bb!<\/strong><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/arbeiterinnenbewegung\/gewerkschaften\/reportage-kampf-der-bauarbeiterinnen-fuellt-die-zuercher-innenstadt\/\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. Juli 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helena W. und Anthea N. 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