{"id":3717,"date":"2018-07-02T17:33:26","date_gmt":"2018-07-02T15:33:26","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3717"},"modified":"2018-07-02T17:33:26","modified_gmt":"2018-07-02T15:33:26","slug":"streik-bei-halberg-guss-kampf-ums-nackte-ueberleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3717","title":{"rendered":"Streik bei Halberg Guss: Kampf ums nackte \u00dcberleben"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit\u00a0beinahe drei Wochen\u00a0wird der Automobilzulieferer \u201eNeue Halberg Guss GmbH\u201c in Leipzig bestreikt. Zwischenzeitlich drohte die Situation zu eskalieren. Nach wie vor ist die Lage sehr angespannt<!--more--> und die Belegschaft \u00e4u\u00dferst k\u00e4mpferisch. Loti Gimpel und Tamer Le Gruyere\u00a0vom\u00a0<a href=\"https:\/\/transit-magazin.de\/\">Transit Magazin<\/a>\u00a0besuchten die Streikenden, um\u00a0ihre\u00a0Solidarit\u00e4t auszudr\u00fccken und mit den Kolleg*innen ins Gespr\u00e4ch zu kommen.<\/strong><\/p>\n<p>Als wir am sp\u00e4ten Samstagnachmittag den Streikposten vor dem Betriebsgel\u00e4nde der \u201eNeuen Halberg Guss\u201c am Rande von Leipzig betreten, treffen wir zun\u00e4chst nicht auf eine Menge w\u00fctender Arbeiter. Die Stimmung entspricht eher der verkaterten Ruhe nach einer langen Party. Ein paar M\u00e4nner schauen Fu\u00dfball, anderen sitzen im Schatten, langgestreckt auf Plastikst\u00fchlen und plaudern. Bernd Kruppa, der uns am Infostand der IG Metall in die Arme l\u00e4uft, wirkt trotzdem aufgekratzt und kl\u00e4rt uns auf: Die letzten Tage sei es hier \u201ewie in Nordirland\u201c zugegangen, aber jetzt br\u00e4uchten die \u201eKumpel mal eine M\u00fctze Schlaf\u201c und seien fast alle nach Hause gefahren.<\/p>\n<p>Kruppa ist der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der IG Metall Leipzig und f\u00fchrt uns \u00fcber das Gel\u00e4nde. Es ist zum Zeitpunkt unseres Solidarit\u00e4tsbesuchs der 17. Tag des unbefristeten Streiks der Arbeiterinnen und Arbeiter von Halberg Guss, einem Gie\u00dfereibetrieb mit etwa 700 Besch\u00e4ftigten am Rande von Leipzig.<\/p>\n<p><strong>Machtkampf zwischen Gro\u00dfkonzernen \u2013 dazwischen: Die Belegschaft<\/strong><\/p>\n<p>Anfang 2018 hatte der Konzern \u201ePrevent\u201c, einer der gr\u00f6\u00dften Volkswagen-Zulieferer, die Neue Halberg Guss GmbH mit Stammsitz in Saarbr\u00fccken aufgekauft. Zwischen Prevent und Volkswagen schwelt seit Jahren ein intensiver Streit um Preise und Lieferbedingungen. Prevent verfolgt die Taktik, Zulieferer-Firmen von VW aufzukaufen, um eine Monopolstellung gegen\u00fcber dem Automobilkonzern einzunehmen und die Preise hoch zu treiben. Die Lage spitzte sich zu und Volkswagen k\u00fcndigte die Vertr\u00e4ge. Daraufhin gab die Prevent-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung bekannt, Halberg Guss in Leipzig bis zum Ende des Jahres 2019 schlie\u00dfen zu wollen.<\/p>\n<p>Der Streit zwischen den beiden Gro\u00dfkonzernen wird auf Kosten der Besch\u00e4ftigten ausgetragen. Die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung d\u00fcrfte aber nicht damit gerechnet haben, dass die Kolleg*innen vor Ort wild entschlossen sind, entweder den Standort zu erhalten oder den Preis f\u00fcr die Schlie\u00dfung massiv nach oben zu treiben. Kruppa erkl\u00e4rt das so: \u201eWir sollen auf dem Altar der kapitalistischen Interessen geopfert werden. Da stellen wir uns dazwischen. Wir werden alles tun, um unseren Arsch so teuer wie m\u00f6glich zu verkaufen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Ohne Sozialtarifvertrag geht nichts<\/strong><\/p>\n<p>Unmittelbar nach der Ver\u00f6ffentlichung der Schlie\u00dfungspl\u00e4ne w\u00e4hlten die Gewerkschaftsmitglieder eine Tarifkommission und beschlossen die Forderungen f\u00fcr einen Sozialtarifvertrag. Zum Forderungskatalog geh\u00f6rt ein arbeitgeberfinanzierter Fonds, aus dem Abfindungen und Ma\u00dfnahmen zur Vermittlung in neue Stellen finanziert werden sollen sowie finanzielle Vorteile f\u00fcr Gewerkschaftsmitglieder. Was nicht sonderlich revolution\u00e4r klingt, bekommt einen anderen Charakter, wenn man sich das finanzielle Volumen vor Augen f\u00fchrt, das den Streikenden vorschwebt. \u201eWir reden hier \u00fcber 250 Millionen\u201c, erkl\u00e4rt Kruppa. Nachdem die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung auf die Verhandlungsaufforderungen nicht einging und auf zwei Warnstreiks nicht reagierte, rief die IG Metall Leipzig ihre Mitglieder am 14.Juni zur Urabstimmung \u00fcber einen unbefristeten Streik auf. Das Ergebnis war \u00fcberw\u00e4ltigend und mehr als eindeutig: 98,4% der IG Metall Mitglieder der Neue Halberg Guss GmbH stimmten f\u00fcr einen unbefristeten Streik. Niemand stimmte dagegen: Die fehlenden Stimmen ergaben sich aus Krankheit und Urlaub.<\/p>\n<p>\u201e<strong>Es geht ums nackte \u00dcberleben \u2013 das schwei\u00dft zusammen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Wir setzen uns mit Kruppa und dem Kollegen Helge an einen Tisch im Schatten. Gegen\u00fcber zeigt der Beamer immer noch die Sportschau, aber niemand schaut zu; es laufen nur Interviews und Wiederholungen einiger Szenen der beendeten Partie. Helge stellt jedem von uns eine Flasche Bier vor die Nase und \u00f6ffnet sie der Reihe nach. Vom Tisch nebenan kommt Kindergeschrei. Offenbar verlegen die Familien der Streikenden auch ihr gemeinsames Abendessen hier her.<\/p>\n<p>Was der Streik mit den Kollegen gemacht hat, wollen wir wissen. Helge antwortet: \u201eJetzt geht\u2019s ums nackte \u00dcberleben und das schwei\u00dft zusammen.\u201c Manche von den Kollegen w\u00fcrde man nicht wieder erkennen, \u201ejetzt wo die Kacke am Dampfen\u201c sei. Gerade bei den \u201eH\u00f6hergestellten\u201c, von denen man den Eindruck gehabt habe, dass sie manchmal \u201eauf einen herab gucken\u201c, sei das so. Kruppa erg\u00e4nzt: Die Leute h\u00e4tten nun die Gelegenheit sich wirklich kennenzulernen. Im Betriebsalltag sei das kaum noch m\u00f6glich, jetzt aber k\u00f6nnten sie sich austauschen und machen gemeinsame solidarische Erfahrungen: \u201eDie denken jetzt \u00fcbers Leben nach\u201c.<\/p>\n<p>Im Betriebsalltag sind die verschiedenen Abteilungen voneinander getrennt. Allein das wirkt schon einer kollektiven Solidarisierung entgegen. Aber der Streik durchbricht diese Vereinzelung. F\u00fcr die Dimension rassistischer Zuschreibungen scheint das durchaus auch zu gelten. Kruppa \u00fcber Arbeiter_innen mit und ohne Migrationshintergrund: \u201eDas Dilemma ist: die kennen sich nicht\u201c. Der Streik er\u00f6ffnet eine M\u00f6glichkeit, das zu \u00e4ndern und gemeinsame Interesse zu entdecken.<\/p>\n<p><strong>Organisation, Disziplin, Kommunikation<\/strong><\/p>\n<p>Seit dem 14. Juni ging mit Beginn der Fr\u00fchschicht im Werk nichts mehr. \u201eEs ist eine anstrengende Situation\u201c, sagt Kruppa. \u201eWir sind im unbefristeten Streik. Das hei\u00dft, wir sind rund um die Uhr vor den Toren. Organisation, Disziplin und Kommunikation sind die Erfolgsfaktoren eines Streiks. Wir f\u00fchren den Streik sehr diszipliniert und legen viel Wert auf Kommunikation nach innen und nach au\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind die Entschlossenheit, der Einfallsreichtum und die Geschlossenheit der Besch\u00e4ftigten beeindruckend, wie die Reaktionen der Streikenden auf verschiedene Provokationen der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung zeigen. In der ersten Woche war die Zufahrt zum Werk komplett blockiert, vorfahrende LKWs, die bereits fertig produzierte Motorbl\u00f6cke aus dem Werk abholen wollten, mussten wieder umdrehen, da die Streikenden Ketten bildeten und damit die Einfahrt zum Hof blockierten. Eine drohende R\u00e4umung wurde dadurch verhindert, dass vor dem Werkstor eine Dauerdemonstration angemeldet wurde und die Streikenden zeitweise von links nach rechts (und wieder zur\u00fcck) liefen. Die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung bem\u00e4ngelt zudem, dass die Stromzufuhr im Werk sabotiert worden sei. Neuerdings lobt sie sogar Pr\u00e4mien f\u00fcr diejenigen aus, die die Saboteure namentlich benennen und\/oder die Stromzufuhr im Werk wiederherstellen.<\/p>\n<p><strong>Drohende Eskalation<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der zweiten Streikwoche drohte die Situation zu eskalieren. Wieder fuhren LKW vor, vereinzelt gab es Rangeleien mit dem privaten Sicherheitsdienst und eine Polizeihundertschaft bezog Position. Offensichtlich hatte die Anw\u00e4ltin von Halberg Guss vor Gericht eine einstweilige Verf\u00fcgung erwirkt, die die Streikenden zur R\u00e4umung der Zufahrt zwang. Auch die Polizei, die sich in den ersten Streiktagen kooperativ zeigte, meinte es nun ernst und k\u00fcndigte an, die freie Zufahrt zum Werk notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Nach der dritten Aufforderung der Polizei und intensiven Verhandlungen entschied man sich schlie\u00dflich dazu, die Einfahrt zu r\u00e4umen, allerdings unter der Bedingung, dass vorerst kein Lastkraftwagen auf das Werksgel\u00e4nde f\u00e4hrt und keiner den Hof verl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Dies lie\u00df sich allerdings nur bis zum Folgetag aufrechterhalten. Am 26. Juni fuhren sechs LKW auf den Hof, um die letzten Motorenbl\u00f6cke abzuholen. Die Streikleitung reagierte erneut kreativ. Denn durch die Einschaltung des Gewerbeaufsichtsamtes wurde das Verladen der Produkte untersagt, da die eingesetzten Streikbrecher nicht die n\u00f6tige Einweisung in die Arbeitssicherheit erhalten h\u00e4tten. Zudem wurde ein Lieferwagen, der offensichtlich einen Bauzaun auf das Gel\u00e4nde bringen wollte, um es weitr\u00e4umig abzusichern, erneut blockiert. Die Stimmung war aufgeheizt, unter lautstarken Protesten verlie\u00dfen die Laster aber schlie\u00dflich das Gel\u00e4nde.<\/p>\n<p>Auch wenn die Szenerie am heutigen Nachmittag sehr entspannt wirkt, so versichern Helge und Kruppa, dass die Belegschaft weiterhin hoch motiviert sei, den Streik fortzusetzen. Anstrengender als dreimal die Woche Schichtarbeit sei der Streik auch nicht und schlie\u00dflich gehe es ja f\u00fcr die einzelnen Kollegen ums Ganze. Tats\u00e4chlich erzielen die Provokationen der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung in keiner Weise den gew\u00fcnschten Effekt, die Zerm\u00fcrbung der Streikenden. Im Gegenteil sind wir beeindruckt von der k\u00e4mpferischen Entschlossenheit der Streikenden. Nach wie vor l\u00e4uft im Werk keine Maschine, nach wie vor ist der Streikposten ununterbrochen besetzt und die M\u00f6glichkeit, dass irgendjemand aus der Belegschaft auf die Bestechungsversuche der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung eingeht, scheint ausgeschlossen. Auf dem Gel\u00e4nde finden sich unz\u00e4hlige Gru\u00dfbotschaften und Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rungen, nachts lodern die Feuertonnen mit gespendetem Holz und vorbeifahrende Autofahrer_innen bekunden ihre Sympathie durch Hupen.<\/p>\n<p><strong>Unterst\u00fctzung aus der Bev\u00f6lkerung<\/strong><\/p>\n<p>\u201eHier sind Leute aus der Bev\u00f6lkerung, die fragen, ob wir was brauchen, aber mir f\u00e4llt n\u00fcscht ein.\u201c Am Tisch steht pl\u00f6tzlich der IG-Metall Kollege vom Infostand mit zwei jungen Menschen, die \u00e4u\u00dferlich eher \u2013 so scheint es \u2013 einem linksalternativen studentischen Milieu entstammen. Kruppa antwortet: \u201eLiebe! Und Schlaf! Habt ihr das mitgebracht?\u201c Alle lachen. Die beiden bieten an, Bier und Bratw\u00fcrste vorbei zu bringen. An der Verpflegung mangelt es nicht, das zeigen die prall gef\u00fcllten Essens- und Getr\u00e4nkevorr\u00e4te, aber: \u201eGut w\u00e4re, wenn ihr m\u00f6glichst viele Leute herholt. Nehmt euch die Streikzeitung mit und verbreitet die Infos in euren Netzwerken. Es geht um die politische Unterst\u00fctzung.\u201c<\/p>\n<p>Es ist offensichtlich, dass hier unterschiedliche Lebenswelten aufeinanderprallen, man k\u00f6nnte auch \u00fcber das entfremdete Verh\u00e4ltnis einer subkulturell gepr\u00e4gten Linken zu Alltagskonflikten, Arbeitsk\u00e4mpfen und Menschen au\u00dferhalb ihrer Blase nachdenken. Offenkundiger ist allerdings die Erkenntnis, dass Solidarit\u00e4tsbesuche eine hervorragende M\u00f6glichkeit sein k\u00f6nnen, genau diese Barriere zu \u00fcberwinden \u2013 allerdings nur, wenn sie erwartungsfrei erfolgen, keine \u00fcberzogenen Hoffnungen zu Grunde liegen und man bereit ist, nicht nur die eigene politische Agenda zu verfolgen.<\/p>\n<p>Denn auf dem Streikposten finden sich gesellschaftliche Realit\u00e4ten und Milieus wieder, die au\u00dferhalb eines Streiks schwer unter einen Hut zu kriegen sind. Oder in Kruppas Worten: \u201eDas ist eine Gie\u00dferei hier, das sind schwere Jungs, Hartmetaller. Wir spiegeln hier das gesamte Ensemble der gesellschaftlichen Beziehungen wider, in jeder Hinsicht.\u201c<\/p>\n<p><strong>Verschiedene K\u00e4mpfe zusammen denken<\/strong><\/p>\n<p>Niemand wei\u00df, wie lange der Streik noch gehen wird, klar ist aber, dass sich die Streikenden nicht spalten lassen werden. Leipzig stehe f\u00fcr einen \u201eentschlossenen Widerstand in der j\u00fcngeren Geschichte\u201c, so Kruppa, \u201edenn w\u00e4re hier alles rein nach Kapitallogik gegangen, w\u00e4re die Stadt komplett deindustrialisiert\u201c. J\u00fcngstes Beispiel f\u00fcr diesen Widerstand sei der Arbeitskampf bei Siemens in Plagwitz gewesen.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist auch: Es gibt den Versuch, Arbeitsk\u00e4mpfe mit Themen wie Gentrifizierung zusammen zu denken, wie etwa beim Kunst-und-Kultur-Stra\u00dfenfest \u201eBohei &amp; Tamtam\u201c auf der Karl-Heine-Stra\u00dfe. Dort gab es eine \u201eParade der Werkt\u00e4tigen\u201c, an der auch Kolleg_innen von Siemens und Halberg Guss teilnahmen.<\/p>\n<p>Spannend wird auch das weitere Verhalten der IG Metall sein. Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der IG Metall Leipzig setzt darauf, dass in sehr naher Zukunft Fernwirkungen bei den gro\u00dfen Automobilherstellern, wie etwa VW, eintreten werden und die Produktion ins Stocken geraten wird. F\u00fcr die IG Metall, die selten \u00fcber einen Warnstreik hinauskommt, geht es hier auch um Glaubw\u00fcrdigkeit: L\u00e4sst man es zu, dass eine Belegschaft zwischen zwei Riesen zermalmt wird oder zeigt man Z\u00e4hne und geht in die Offensive? Kruppa sagt, man komme nun von der Zuschauerrolle in die Beteiligtenrolle und werde dadurch zum Machtfaktor. Ob das die ganze IG Metall so sieht oder ob nicht doch gro\u00dfe Nervosit\u00e4t zu Tage tritt, wenn die \u201eHeilige Kuh\u201c VW ins Wanken ger\u00e4t, wird abzuwarten zu sein.<\/p>\n<p><strong>Ausblick<\/strong><\/p>\n<p>Ein Machtfaktor k\u00f6nnte auch die gro\u00dfe Solidarit\u00e4tswelle sein, die den Streikenden entgegenschwappt. Die vielf\u00e4ltigen Sympathiebekundungen und Gru\u00dfbotschaften aus der Bev\u00f6lkerung und aus anderen Betrieben sind sehr erfreulich und begr\u00fc\u00dfenswert und auch wichtig f\u00fcr die Streikmoral. Jedoch sollte es mehr als skeptisch stimmen, wenn der s\u00e4chsische Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) bei seinem Besuch die \u201eSolidarit\u00e4t der Staatsregierung\u201c erkl\u00e4rt, \u201eRaubtierkapitalismus\u201c beklagt und ein Loblied auf die \u201eSoziale Marktwirtschaft\u201c anstimmt.<\/p>\n<p>Es ist m\u00fc\u00dfig daran zu erinnern, was er und seine Partei unter \u201eSozialer Marktwirtschaft\u201c verstehen: Hartz 4, massive Ausweitung des Niedriglohnsektors, F\u00f6rderung von Leiharbeit, Werkvertr\u00e4gen und Befristungen, Waffenexporte, Abschaffung des Asylrechts und Tod im Mittelmeer. Duhlig versucht einen guten marktwirtschaftlichen von einem b\u00f6sen Raubtierkapitalismus zu trennen, als ob es im Kapitalismus nicht grunds\u00e4tzlich um den staatlich legitimierten Raub des durch Arbeitskraft geschaffenen Mehrwerts ginge. Daran zu erinnern, k\u00f6nnte ebenfalls die Aufgabe einer Linken sein, die bei Alltagskonflikten nicht im Rand stehen, sondern mitmischen will.<\/p>\n<p>Die Streikenden sind gut damit beraten, auf ihre eigene Kraft zu vertrauen und so lange weiter zu streiken, bis die ersten Fernwirkungen eintreten, die sich jetzt bereits ank\u00fcndigen. Das ist auch der Plan von Kruppa: \u201eWir haben jetzt die \u00f6konomische Wirkung, die ein Streik haben muss. Er muss hart und unerbittlich gef\u00fchrt werden, damit er am Ende auch den notwendigen Druck auf den Verhandlungsgegner aus\u00fcbt. In dem Moment, in dem wir \u00f6konomische Fernwirkung erzielen und wo das hier nicht mehr nur regional ist, sondern Produktionsschwierigkeiten bei den gro\u00dfen Automobilproduzenten auftreten, dann spielen wir nicht mehr Regionalliga, sondern Champions League.\u201c<\/p>\n<p>Der von Marx beschriebene \u201eDoppelcharakter der Gewerkschaften\u201c, also der Kampf der Gewerkschaften \u201einnerhalb des Lohnsystems\u201c sowie \u201egegen das Lohnsystem\u201c, ist in der Nachkriegs-BRD zugunsten einer sozialpartnerschaftlichen Befriedungspolitik immer weiter ins Hintertreffen geraten. Die sozialdemokratisch gepr\u00e4gten Gewerkschaften haben daher seit langer Zeit mit Glaubw\u00fcrdigkeitsproblemen zu k\u00e4mpfen. Umso erfreulicher und unterst\u00fctzenswerter ist daher der Streik bei Halberg Guss, der Schule machen und bis dato Vorbild f\u00fcr eine mutige und k\u00e4mpferische Gewerkschaftspolitik sein sollte.<\/p>\n<p>Wir w\u00fcnschen den Streikenden bei Halberg Guss auf ihrem Weg viel Erfolg, Mut und Durchhalteverm\u00f6gen!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2018\/07\/jetzt-gehts-ums-nackte-ueberleben\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. Juli 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit\u00a0beinahe drei Wochen\u00a0wird der Automobilzulieferer \u201eNeue Halberg Guss GmbH\u201c in Leipzig bestreikt. Zwischenzeitlich drohte die Situation zu eskalieren. 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