{"id":3719,"date":"2018-07-02T17:42:38","date_gmt":"2018-07-02T15:42:38","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3719"},"modified":"2018-07-02T17:42:38","modified_gmt":"2018-07-02T15:42:38","slug":"nordkorea-kommunismus-oder-monarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3719","title":{"rendered":"Nordkorea: Kommunismus oder Monarchie?"},"content":{"rendered":"<p><em>Andrew Salmon. <\/em><strong>Vergesst, was ihr \u00fcber Nordkorea wisst, das meiste davon ist falsch. Es ist allerdings auch nicht leicht, das Land in eine Schublade zu stecken. Ist die isolierte, hoch ger\u00fcstete Nation<!--more--> mit 25 Millionen Einwohnern kommunistisch oder eine Monarchie? Ist sie eine sozialistische Kommandowirtschaft oder eine aufstrebende kapitalistische Markt\u00f6konomie? Ist sie ein starker oder ein schwacher Staat?<\/strong><\/p>\n<p>Eine h\u00e4ufige Fehlbeschreibung Nordkoreas ist die, es sei ein \u00abkommunistischer\u00bb Staat. Das ist er weder de facto noch de jure. Der Bezug auf den Kommunismus in der Verfassung wurde schon 2009 fallen gelassen. Heute ist Nordkorea ein Sammelsurium verschiedener, oftmals gegens\u00e4tzlicher Konzepte. Andrei Lankow, ein russischer Nordkorea-Experte, der in Pj\u00f6ngjang studiert hat und jetzt an der Kookmin-Universit\u00e4t in Seoul unterrichtet, nennt Nordkorea eine \u00aberbliche postkommunistische Diktatur\u00bb. \u00abEin Erbe des Kommunismus ist die F\u00e4higkeit, jede Person im Land zu kontrollieren, angefangen mit wem sie schl\u00e4ft, bis zu was sie isst. In diesem Sinn ist Nordkorea ein stalinistischer Staat.\u00bb<\/p>\n<p>Der Personenkult um die Kim-Dynastie ist allerdings bedeutend ausgepr\u00e4gter als der um Stalin oder andere Diktatoren. \u00c4hnliche wie die japanische Kaiserfamilie werden die Kims in die N\u00e4he von G\u00f6ttern ger\u00fcckt. Nordkorea ist jedoch der erste \u00abkommunistische\u00bb Staat, der eine Erbnachfolge eingef\u00fchrt hat: Auf den 1994 verstorbenen Staatsgr\u00fcnder Kim Il-sung folgte dessen Sohn, Kim Jong-il, und auf diesen dessen Sohn Kim Jong-un. Lankow bezeichnet das Regime deshalb auch als \u00abunerkl\u00e4rte Monarchie\u00bb mit allen Charakteristika eines dynastischen Systems.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war Nordkorea von Anfang an nicht wirklich kommunistisch. Die dominierende Ideologie, eng verwoben mit den Legenden um Kim I, Kim II und Kim III, ist der Nationalismus. Kim I war beteiligt am Guerillakampf gegen die japanische Besatzung in der Mandschurei und in Nordkorea in den 30er Jahren. Der Propaganda nach blickte er auf eine lange Ahnenreihe koreanischer Krieger zur\u00fcck. \u00abSeine Eltern und Gro\u00dfeltern waren lupenreine Nationalisten, die stets gegen Invasoren gek\u00e4mpft und das Nationalbewusstsein hochgehalten haben\u00bb, schreibt Go Myung-hyun vom Asian Institute in Seoul. \u00abNordkorea ist eine Monarchie mit einer rigiden nationalistischen Ideologie.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Kriegerischer \u00adNationalismus<\/strong><\/p>\n<p>Elemente des vormodernen Korea st\u00fctzen das System. So der Konfuzianismus, eine Lehre mit sehr klaren Vorschriften, wie die Beziehungen zwischen dem K\u00f6nig und seinen Untertanen, Mann und Frau usw. auszusehen haben, das sehr detailliert die Verhaltensregeln vorschreibt, die zu befolgen sind. Das bestehende Macht\u00adgef\u00fcge wird durch diese traditionellen kulturellen Werte gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend aber das letzte K\u00f6nigreich Koreas nicht militaristisch war, ist Nordkorea dies in potenziertem Ma\u00dfe. Die Leitlinie Kim Jong-ils, des Vaters des derzeitigen Machthabers, lautete \u00absongeun\u00bb, das hei\u00dft \u00abdas Milit\u00e4r zuerst\u00bb. Nordkoreas Armee ist 1,1 Millionen Mann stark und hat die knappen Ressourcen f\u00fcr die Entwicklung strategischer Waffen ausgegeben. Die permanente milit\u00e4rische Bedrohung durch die USA erlaubt dem Regime, sich als Verteidiger des Volkes darzustellen, was manchmal paranoide Z\u00fcge annimmt.<\/p>\n<p>Gibt oder gab es vergleichbare Systeme? Die hervorstechenden Merkmale des nordkoreanischen Staates \u2013 eine Herrscherdynastie, sein aggressiver Nationalismus, die militarisierte Gesellschaft, die autorit\u00e4re \u00dcberwachung \u2013 machen ihn vergleichbar mit der Nation, die es stets gef\u00fcrchtet und verachtet hat: das kaiserliche Japan.<\/p>\n<p>\u00d6konomisch sieht die Sache anders aus. Die Kommandowirtschaft brach in den 90er Jahren zusammen, als die kommunistischen Partner in Europa zum Kapitalismus \u00fcbergingen; dabei w\u00fctete eine f\u00fcrchterliche Hungersnot, die Hunderttausende das Leben kostete, einige sprechen von \u00fcber einer Million. Das staatliche Zuteilungssystem brach zusammen und es entstanden Schwarzm\u00e4rkte f\u00fcr Nahrungsmittel und Medikamente. Die Wende der 90er Jahre Seitdem sind die M\u00e4rkte ein fester Bestandteil der nordkoreanischen Wirtschaft. Andray Abrahamian, nordkoreanischer Forscher am Pacific Forum CSIS, h\u00e4lt Nordkorea f\u00fcr eine \u00abgemischte Wirtschaft, die sich von ihren Kommandostrukturen weit entfernt hat\u00bb. \u00abBesser, man stellt sich eine Marktwirtschaft mit einem riesigen Staatssektor vor, der teilweise in die Wirtschaft integriert ist, teilweise nicht.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Staatsunternehmen sind zu marktwirtschaftlichen Kriterien \u00fcbergegangen um zu \u00fcberleben und florieren im Gro\u00dfen und Ganzen. Es werden aber auch kleine Unternehmen gegr\u00fcndet, die ebenfalls konkurrieren. Offiziell wird das Privateigentum nicht anerkannt, so spielt sich vieles in der Grauzone ab.\u00bb In dieser Grauzone operieren die Akteure offen, so kann der Staat sie kontrollieren. Der Staat h\u00e4lt zwar das Eigentum an den Produktionsmitteln, doch betreiben viele Menschen die Produktionsanlagen f\u00fcr ihren pers\u00f6nlichen Gewinn \u2013 so etwa die Fischereiflotte im Nordosten, deren Crew den Fang nach China verkauft.<\/p>\n<p>Viele sind in solchen \u00f6ffentlich-privaten Partnerschaftsprojekten aktiv. Kims Frau, Ri Sol-ju, wird das auch nachgesagt, und viele von Kims \u00f6konomischen Vorzeigeprojekten sind in Freizeitbereichen f\u00fcr die Wohlhabenden angesiedelt, wie etwa Skifahren oder Feriensiedlungen am Strand. Die meisten G\u00fcter auf den M\u00e4rkten stammen aus China, dar\u00fcber ist ein anderer, quasi legaler Markt entstanden: ein grenz\u00fcbergreifendes Netzwerk von Schmugglern, die die Ware verteilen und in dem die Grenzbeamten eine aktive Rolle spielen. Dank dieser vielen Grauzonen haben Bestechung und Korruption stark zugenommen.<\/p>\n<p>Doch der Staat besteht weiterhin auf seiner Kontrolle \u00fcber das Wirtschaftssystem und will es mit eigenen Vorgaben beeinflussen. Die Markt\u00f6ffnung hat Nordkorea einen Puffer gegen die internationalen Sanktionen beschafft; heute kann man alles dort finden, bis hin zu elektronischen G\u00fctern. Experten sch\u00e4tzen, dass Nordkorea, das keine Wirtschaftsdaten ver\u00f6ffentlicht, ein Wachstum des Bruttosozialprodukts um j\u00e4hrlich 3 Prozent hat. Wenn das stimmt, w\u00e4re der Durchschnittskoreaner heute wohlhabender als je zuvor seit den 60er Jahren, der Hoch-Zeit der Kommandowirtschaft.<\/p>\n<p>Das erkl\u00e4rt die marktfreund\u00adliche Haltung von Kim Jong-un. Es scheint, dass er derjenige ist, der bestimmt, wer das Recht erh\u00e4lt zu kaufen und zu verkaufen.<\/p>\n<p><em>Quelle:<\/em>\u00a0<em>Asia Times<\/em>, 11.?Juni 2018,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.atimes.com\/article\/what-really-is-north-korea\/\">www.atimes.com\/article\/what-really-is-north-korea\/<\/a><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.sozonline.de\/2018\/07\/kommunismus-oder-monarchie\/\">sozonline.de&#8230;<\/a> vom 2. Juli 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrew Salmon. Vergesst, was ihr \u00fcber Nordkorea wisst, das meiste davon ist falsch. Es ist allerdings auch nicht leicht, das Land in eine Schublade zu stecken. 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