{"id":3730,"date":"2018-07-04T15:23:19","date_gmt":"2018-07-04T13:23:19","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3730"},"modified":"2018-07-04T15:23:19","modified_gmt":"2018-07-04T13:23:19","slug":"25-jahre-brd-bourgeoisie-ueberrumpelte-die-arbeiterklasse-in-der-ddr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3730","title":{"rendered":"25 Jahre: BRD-Bourgeoisie \u00fcberrumpelte die Arbeiterklasse in der DDR"},"content":{"rendered":"<p><em>J\u00f6rg Roesler.<\/em> <strong>In der DDR z\u00e4hlte der Bischoffer\u00f6der Kalibergbau zu den profitablen Sektoren, aber nach der \u00bbWende\u00ab wurde die Grube geschlossen \u2013 im Interesse von BASF. Ein Bericht<!--more--> \u00fcber den Kampf der Th\u00fcringer Kumpel vor 25 Jahren. Der Widerstand der Bischoffer\u00f6der war ein wichtiger Bezugspunkt f\u00fcr die von Entlassungen betroffenen Arbeiter in Ostdeutschland.<\/strong><\/p>\n<p>Den kleinen Bergbauort Bischofferode im th\u00fcringischen Eichsfeld kannte vor einem Vierteljahrhundert kaum jemand. In der zweiten Maih\u00e4lfte 1993 \u00e4nderte sich das schlagartig. Damals demonstrierten die Kumpel des dortigen Kaliwerks \u00bbThomas M\u00fcntzer\u00ab im Zentrum Berlins vor dem Treuhandgeb\u00e4ude in der Leipziger Stra\u00dfe ausdauernd und eindrucksvoll gegen die beabsichtigte Schlie\u00dfung ihres Schachtes. Die Treuhandpr\u00e4sidentin Birgit Breuel sah sich gen\u00f6tigt, vor die T\u00fcr zu treten und mit den Demonstranten zu sprechen. \u00bbDa haben wir ihr unseren Empfang bereitet \u2013 eine Menge Eier ans Geb\u00e4ude gefeuert\u00ab, hat ein Mitglied des Betriebsrates sp\u00e4ter die Szene beschrieben. Die Medien wurden aufmerksam. Der Name Bischofferode ging durch Presse und Rundfunk.<\/p>\n<p>Mit dem Eierwurf auf Breuels Residenz demonstrierten die Kalikumpel ihre Wut auf die Privatisierungsanstalt, die ihren Betrieb, mit dem sie eng verbunden und auf den sie stolz waren, zu liquidieren beabsichtigte. Es war fast drei Jahre her, seit mit der Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion die Grenze zum nahen Hessen beseitigt worden war, die Westwaren ins Land str\u00f6mten und die \u00dcberf\u00fchrung der ostdeutschen Betriebe in die Marktwirtschaft begonnen hatte. Bei vielen Ostdeutschen herrschte damals Euphorie. So auch im Eichsfeld, der einzigen fl\u00e4chendeckend katholischen Region in der DDR. Viele Menschen dort glaubten sich in der Bundesrepublik, zumal bei dem katholischen Kanzler Helmut Kohl, gut aufgehoben. Als in Th\u00fcringen die ersten Betriebe pleite gingen, waren die Kumpel des Kaliwerks in Bischofferode noch nicht sonderlich beunruhigt. Sie glaubte, dass ihr Unternehmen im Gegensatz zu vielen anderen ostdeutsche Betrieben gute Aussichten h\u00e4tte, trotz harten Konkurrenzdrucks auf dem Markt zu bestehen.<\/p>\n<p><strong>Devisenbringer<\/strong><\/p>\n<p>Im Oktober 1990 sch\u00e4tzten westdeutsche Wirtschaftsexperten ein, dass 40 Prozent der ehemaligen DDR-Betriebe \u00bbauf den westlichen M\u00e4rkten nicht konkurrenzf\u00e4hig\u00ab seien, \u00bbwenn ihr unzureichendes Warenangebot f\u00fcr beinahe ges\u00e4ttigte, hart umk\u00e4mpfte M\u00e4rkte bestimmt ist\u00ab. Weitere 30 Prozent sahen die Wirtschaftsexperten \u00bbin ihrer Existenz gef\u00e4hrdet.\u00ab Nur \u00bbrund 30 Prozent der Unternehmen\u00ab, hie\u00df es, \u00bbk\u00f6nnen ihre Anpassungsprobleme aus eigener Kraft l\u00f6sen\u00ab.<\/p>\n<p>Zu dieser Gruppe, meinten die Bischoffer\u00f6der, geh\u00f6re auch ihr Betrieb. Von den Fachleuten wurde das vor allem mit der Exportf\u00e4higkeit der Kalibetriebe begr\u00fcndet. Etwa 80 Prozent des in der DDR erzeugten Salzes, das sich dem Umfang nach auf 87 Prozent der westdeutschen F\u00f6rderung belief und von der geologischen Qualit\u00e4t her mindestens so gut wie das westdeutsche war, wurden exportiert, in gro\u00dfem Umfang auch nach Westeuropa. In der in den 1980er Jahren im Westen stark verschuldeten DDR sch\u00e4tzte man die Kalibetriebe als Devisenbringer und f\u00f6rderte sie.<\/p>\n<p>Es erwies sich jedoch, dass auch die gegen\u00fcber manch anderem Zweig der DDR-Industrie besser ausger\u00fcsteten Betriebe des Kalibergbaus \u2013 insgesamt zehn, davon neun in Th\u00fcringen \u2013 von der Entlassungswelle, die seit der W\u00e4hrungs- und Wirtschaftsunion durch die \u00bbneuen Bundesl\u00e4nder\u00ab rollte und bis Dezember 1990 zu einer Zahl von 642.000 Arbeitslosen gef\u00fchrt hatte, nicht verschont blieben.<\/p>\n<p>In den ersten drei Jahren nach der \u00bbWende\u00ab kam es auch in Bischofferode zu Entlassungen. Von urspr\u00fcnglich 1.600 Besch\u00e4ftigten waren 1993 noch 726 \u00fcbrig. F\u00fcnf der th\u00fcringischen Kalisch\u00e4chte hatten bereits dichtgemacht. Teilweise handelte es sich um im Vergleich zu Bischofferode weniger ertragreiche F\u00f6rderst\u00e4tten. Als aber Anfang 1992 der Kalischacht im benachbarten Ro\u00dfleben schloss, schrillten bei den Bischoffer\u00f6dern die Alarmglocken. Sie wussten, Ro\u00dfleben war eine Lagerst\u00e4tte, deren Kalivorkommen f\u00fcr fast 100 Jahre reichten. Niemand konnte ihnen erkl\u00e4ren, warum ein solcher Betrieb geschlossen wurde.<\/p>\n<p>Der Betriebsrat wandte sich hilfesuchend an die zust\u00e4ndige Westgewerkschaft, die IG Bergbau und Energie. Deren Funktion\u00e4re wiesen auf die Verhandlungen der Treuhandanstalt (THA) mit der hessischen Kali und Salz AG hin, deren Ergebnis man abwarten m\u00fcsse. Die Verhandlungen der THA mit dem hessischen Unternehmen, das mehrheitlich zum BASF-Konzern geh\u00f6rte, f\u00fchrten Ende April 1993 zu einem Fusionsvertrag. Von der damit geschaffenen Mitteldeutschen Kali- und Salz AG (MDK) geh\u00f6rten der BASF 51 Prozent der Aktien, der Treuhandanstalt 49 Prozent, d. h. die BASF konnte von nun an bestimmen, was mit den th\u00fcringischen Bergwerken geschah.<\/p>\n<p>Die F\u00f6rderung sollte, um auf dem Weltmarkt konkurrenzf\u00e4hig zu sein, streng durchrationalisiert werden, hie\u00df es seitens des rheinland-pf\u00e4lzischen Konzerns, einschlie\u00dflich der Aufgabe weniger rentabler Sch\u00e4chte, die nach Meinung der MDK vor allem im Th\u00fcringischen lagen. Die Westgewerkschafter erkl\u00e4rten sich mit diesem Vorgehen, \u00bbdas der Markt diktiert\u00ab, einverstanden.<\/p>\n<p>Seitens der Gesch\u00e4ftsleitung der MDK wurde rasch verk\u00fcndet: Von den verbliebenen vier ostdeutschen Kalisch\u00e4chten sind 1993 zwei weitere zu schlie\u00dfen. Zum Betrieb in Bischofferode wurde vermerkt: \u00bbWird je nach Marktlage geschlossen.\u00ab In Hessen sollte nur ein Schacht aufgegeben werden. F\u00fcr den Bischoffer\u00f6der Betriebsrat war damit klar: \u00bbEs sollte eine Fusion stattfinden, bei der vom Osten fast nichts bleibt. Die l\u00e4stige Konkurrenz sollte eliminiert und au\u00dferdem sollten neue M\u00e4rkte f\u00fcr den Westen gewonnen werden.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Hungerstreik<\/strong><\/p>\n<p>Als Antwort auf die ver\u00e4nderte Situation entschieden die Kumpel: \u00bbWir werden uns nicht wie die K\u00e4lber zur Schlachtbank f\u00fchren lassen und dann noch f\u00fcr ein paar Mark danke sagen.\u00ab Bereits f\u00fcr den Heiligabend 1992 organisierte der Betriebsrat im Eichsfeld die erste Gro\u00dfdemonstration gegen die Schlie\u00dfung. \u00bbWir waren zun\u00e4chst nur unter uns; nur die regionale Presse war auch da.\u00ab Dabei sollte es nach Meinung der Protestierenden nicht bleiben. Um die Aufmerksamkeit f\u00fcr ihren Fall in ganz Th\u00fcringen und dar\u00fcber hinaus zu gewinnen, wurden Demonstrationen vor dem Landtag in Erfurt, vor dem Bundestag in Bonn und vor der Treuhandanstalt in Berlin organisiert. Ein Betriebsratsmitglied erzwang f\u00fcr sich sogar den Zugang zur Aktion\u00e4rsversammlung der BASF an ihrem Sitz in Ludwigshafen. \u00dcber diese spektakul\u00e4re Aktion berichteten die Medien, auch \u00fcber eine Delegation von Katholiken aus dem Eichsfeld, die ihre Beschwerden bez\u00fcglich des Umgangs mit dem Schacht dem Papst in Rom vortrug.<\/p>\n<p>Den H\u00f6hepunkt der Aufmerksamkeit gewannen die Bischoffer\u00f6der Kumpel aber, als zw\u00f6lf von ihnen am 1. Juli 1993 unter Tage in den Hungerstreik traten. Bald schlossen sich ihnen weitere 29 Kumpel an. Die Nachricht schlug ein. Fast t\u00e4glich waren von nun ab in dem kleinen verschlafenen Ort \u00dcbertragungswagen von Rundfunk und Fernsehen pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Je \u00f6fter die Medien etwas \u00fcber Bischofferode zu berichten hatten \u2013 der Betriebsrat informierte fast t\u00e4glich \u00fcber die Geschehnisse in und um den Schacht \u2013, desto mehr wuchs die Solidarit\u00e4t mit den Kumpeln. Nunmehr gab es auch Unterst\u00fctzung von gewerkschaftlicher Seite \u2013 von der IG Metall und der IG Medien zum Beispiel. Vor allem aber waren es die Belegschaften von seit 1990 vom Aus bedrohten ostdeutschen Betrieben, die mit Bischofferode sympathisierten und sich mit den Kalikumpel solidarisierten. Meist befand sich ihr Betrieb in \u00e4hnlicher Lage, waren sie von Entlassungen und von Schlie\u00dfung bedroht. Hatte in Ostdeutschland die Zahl der Kurzarbeiter im zweiten Halbjahr 1990 \u00bbnur\u00ab eine Dreiviertelmillion und die der Arbeitslosen eine Viertelmillion betragen, so arbeiteten ein Jahr sp\u00e4ter bereits anderthalb Millionen Menschen kurz, und fast eine Million Ostdeutsche war arbeitslos geworden. Im Bergbau und im verarbeitenden Gewerbe hatte es in den neuen Bundesl\u00e4ndern 1991 noch 1,8 Millionen Besch\u00e4ftigte gegeben, 1993 war ihre Zahl auf 1,2 Millionen gesunken. Hatten die meisten Menschen ihre Entlassung bzw. die Betriebsschlie\u00dfung als unvermeidlich hingenommen, so zeigte ihnen Bischofferode nunmehr, dass Widerstand gegen die von der Treuhand verordnete Liquidierungsstrategie m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Der Ruf \u00bbBischofferode ist \u00fcberall!\u00ab, der durch die neuen L\u00e4nder ging, bedeutete zweierlei. Erstens: Was in Bischofferode geschieht, die K\u00fcndigung und die finale Betriebsschlie\u00dfung, droht auch uns. Auch wir h\u00e4tten uns wehren k\u00f6nnen oder sollten uns wehren. Zweitens: Niemand kann sich sicher f\u00fchlen. Selbst wenn ein Betrieb gut aufgestellt ist und \u00fcber einen Absatzmarkt f\u00fcr seine Produkte verf\u00fcgt, sch\u00fctzt das nicht vor Entlassung und Schlie\u00dfung, wenn die Treuhand und die westdeutschen Konzerne es so wollen.<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t mit den Bischoffer\u00f6der Kumpeln gab es nicht nur im Osten, sondern auch in den westlichen Bundesl\u00e4ndern. Als der Aufsichtsrat der Mitteldeutschen Kali und Salz AG in Frankfurt am Main tagen sollte, fuhren die Bischoffer\u00f6der mit dem Bus hin (bis auf eine kleine Gruppe, die zu Hause Wache hielt, damit niemand die F\u00f6rderausr\u00fcstungen, die an diesem Tag verwaist waren, besch\u00e4digen konnte). Zusammen mit den Sympathisanten waren es an die 3.000 Menschen, die nach Frankfurt kamen. Der Aufsichtsrat wurde nerv\u00f6s. Man charterte ein Flugzeug. Die Sitzung wurde im letzten Moment nach M\u00fcnchen verlegt.<\/p>\n<p>Auch andere wurden angesichts der Proteste nerv\u00f6s. Zwar blieb die BASF hart. Aber die th\u00fcringische Landesregierung versuchte, die Kumpel mit Versprechungen zu beruhigen. F\u00fcr 700 Arbeitspl\u00e4tze werde sie sorgen, wenn der Hungerstreik beendet und der Kaliabbau eingestellt w\u00fcrde, hie\u00df es aus Erfurt. Die Kumpel lehnten ab. Die Grube sei intakt, Kalisalz werde gebraucht, in Deutschland wie weltweit. Warum sollte der Rohstoff nicht mehr gef\u00f6rdert werden? Warum sollten sie, die Einwohner des Ortes, die seit Jahrzehnten mehrheitlich in der Grube ihre Arbeit gefunden hatten, gen\u00f6tigt sein, irgendwo in Deutschland, weit weg von Familie und Heimat zu arbeiten?<\/p>\n<p><strong>West gegen Ost<\/strong><\/p>\n<p>Der MDK ging es mit ihren Schlie\u00dfungspl\u00e4nen um Verlustminimierung. Der westdeutsche Kalibergbau, dem seit den 1980er Jahren die internationale Konkurrenz aus Kanada und der Sowjetunion zu schaffen machte, sollte endlich wieder Gewinne abwerfen. Zuvor war im hessischen Kalibergbau stetig rationalisiert worden, immer wieder kam es zu Entlassungen. Die Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion vom Juli 1990 erlaubte es der hessischen Kali und Salz AG, die bereits in die Verlustzone abgerutscht war und seit einigen Jahren keine Dividende mehr auszahlte, die ostdeutsche Konkurrenz auszuschalten \u2013 und zwar mit Mitteln, die keineswegs marktkonform waren.<\/p>\n<p>Die Fusion mit den aus dem ostdeutschen Kombinat Kali Sondershausen hervorgegangenen Treuhandbetrieben bot der MDK die M\u00f6glichkeit, ein weiteres Sanierungskonzept zu beschlie\u00dfen, die \u00bbKalischwemme\u00ab mittels Stillegungen in Th\u00fcringen zu beseitigen und dadurch die Weiterexistenz hessischer Kalibergwerke (mit einer zugestandenen Ausnahme) zu sichern. Gegen\u00fcber den ostdeutschen Gesch\u00e4ftsleitungen und Belegschaften argumentierte man, dass es dem Gemeinschaftsunternehmen durch innerbetriebliche Rationalisierung gelingen werde, in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren wieder in die Gewinnzone zu gelangen. Das sei aber nur m\u00f6glich, wenn die nicht wirtschaftlichen F\u00f6rderkapazit\u00e4ten schrittweise um ein, zwei Millionen Tonnen Kali reduziert w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Kumpel in Bischofferode hatten, ohne die Details der geheimen \u00dcbereinkunft der Kali und Salz AG mit der Treuhand zu kennen, den Sinn dieses angesichts der schwierigen weltweiten Situation des Kalibergbaus als \u00bbVernunftehe\u00ab bezeichneten Vorhabens bald durchschaut. Sie lie\u00dfen sich von weiteren Protestaktionen gegen die Schlie\u00dfung ihres Werks aus \u00bbRationalisierungsgr\u00fcnden\u00ab nicht abhalten. Im Thomas-M\u00fcntzer-Schacht wurde weiter Kali gef\u00f6rdert. Der Anfang Juli 1993 begonnene Hungerstreik wurde fortgesetzt. Nach acht Wochen, am 1. September, sah sich der Betriebsrat allerdings veranlasst, den strapazi\u00f6sen Streik im Interesse der Gesundheit der beteiligten Kumpel einzustellen. Der Kampf um den Erhalt des Bergwerks wurde aber fortgesetzt. Die Grube f\u00f6rderte weiter \u2013 noch vier Monate lang.<\/p>\n<p>Ungeachtet der Proteste und ihres Widerhalls in ganz Deutschland hielten Treuhand und BASF an dem Schlie\u00dfungsbeschluss fest. Im Betriebsrat wurde im Dezember erneut beraten. Die Mitglieder wussten, dass die Belegschaft keine Kraft f\u00fcr die Fortsetzung des Kampfes mehr hatte. Das musste akzeptiert werden. Was konnte man noch tun? Sollte man jetzt einfach aufgeben, so argumentierte die Mehrheit, \u00bbwird das ganz schlimm f\u00fcr alle jene, die vielleicht auch einmal den Mut haben, sich gegen \u00e4hnliche Konzern- und Treuhandpraktiken zu wenden\u00ab. Man kam deshalb \u00fcberein, nur aufzugeben, wenn alle am Widerstand Beteiligten nach der Schlie\u00dfung der Grube Arbeit erhielten sowie eine angemessene finanzielle Entsch\u00e4digung.<\/p>\n<p><strong>Die Politik schaut weg<\/strong><\/p>\n<p>Die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung der MDK bot eine zweij\u00e4hrige Besch\u00e4ftigungsgarantie f\u00fcr alle Bischoffer\u00f6der Kaliwerker an. Sie sollten in dieser Zeit ihren Bergmannslohn behalten, unabh\u00e4ngig davon, ob sie in einer Besch\u00e4ftigungsgesellschaft t\u00e4tig wurden oder an Umschulungsma\u00dfnahmen teilnahmen. Hinzu kam f\u00fcr jeden ein \u00bbSchmerzensgeld\u00ab von 7.000 D-Mark. Am 31. Dezember 1993 einigte man sich. Der Betriebsrat billigte die Stillegung. Ganz wohl f\u00fchlten sich dessen Mitglieder dabei nicht. Einige sprachen von einem \u00bbJudaslohn\u00ab, f\u00fcr den man den Betrieb aufgegeben habe.<\/p>\n<p>Der Mitteldeutsche Kali AG konnte sich durchsetzen, weil hinter ihr zwei einflussreiche M\u00e4chte standen. Die BASF war und ist der gr\u00f6\u00dfte international agierende deutsche Chemiekonzern. Ihm geh\u00f6rten 80 Prozent des Aktienpakets der MDK, soweit es sich in Privathand befand. Die BASF war dabei, ihre Kalisparte wieder aus der Verlustzone bringen. Die soziale Folgen eines weitgehenden Kahlschlags unter den ostdeutschen Kalikumpeln interessierten dabei nicht.<\/p>\n<p>In dieser Situation h\u00e4tte die Politik Th\u00fcringen vor den Folgen der rigorosen Konzernpolitik sch\u00fctzen k\u00f6nnen. Nachdem sich Sympathisanten in allen neuen Bundesl\u00e4ndern und dar\u00fcber hinaus den Kampf der Bischoffer\u00f6der und ihre Losung \u00bbBischofferode ist \u00fcberall!\u00ab zur Herzenssache gemacht hatten, w\u00e4re es Sache der Bundesregierung gewesen, im Interesse der Allgemeinheit der BASF, dem letztlich verantwortlichen Konzern, in seiner Kahlschlagpolitik Einhalt zu gebieten.<\/p>\n<p>Warum kam es dazu nicht? Die Antwort lautet: weil Helmut Kohl, 1969 bis 1976 Ministerpr\u00e4sident von Rheinland-Pfalz, mit dem im Bundesland ans\u00e4ssigen Konzern verbandelt war. Kohl war im westlich von Ludwigshafen gelegenen Oggersheim aufgewachsen, gewisserma\u00dfen im Schatten der BASF-Zentrale. In Zusammenhang mit der CDU-Parteispendenaff\u00e4re von 1999 wurde bekannt, dass der Konzern wie einige andere Gro\u00dfunternehmen der deutschen Chemieindustrie Einfluss auf die Politik des Bundeskanzlers genommen hatte.<\/p>\n<p>Aber h\u00e4tte nicht die Landesregierung von Th\u00fcringen, dessen B\u00fcrger vom Niedergang der ostdeutschen Kaliindustrie in erster Linie betroffen waren, eingreifen m\u00fcssen? Zum Ministerpr\u00e4sidenten des nach 1990 gebildeten Bundesstaates Th\u00fcringen wurde von der CDU, die als Sieger aus den ersten Wahlen zum Landtag hervorgegangen war, 1992 ein gewisser Bernhard Vogel gew\u00e4hlt \u2013 ein Politiker aus Rheinland-Pfalz. Der war Helmut Kohl 1976, als dieser Kanzler wurde, als Ministerpr\u00e4sident gefolgt. Beide verband seit ihrer Studienzeit eine Freundschaft. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, warum weder die Bundes- noch die Landespolitik versuchten, zugunsten der Kaligruben im Eichsfeld und anderswo in Th\u00fcringen einzugreifen und die desastr\u00f6se Konzernpolitik der BASF zu stoppen. Die Mitglieder des Betriebsrats kannten diese Zusammenh\u00e4nge seinerzeit nicht. Sie konnten schlie\u00dflich nur resignierend erkennen: \u00bbWir hatten die Macht nicht. Die Macht hatten die anderen.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Ein Symbol<\/strong><\/p>\n<p>Doch mit der Schlie\u00dfung des Kalibergwerks im Dezember 1993 ist der Name Bischofferode nicht verschwunden. Volker Braun hat diesem und anderen K\u00e4mpfen 2011 in seiner Erz\u00e4hlung \u00bbDie hellen Haufen\u00ab ein literarisches Denkmal gesetzt. Ungeachtet des unbefriedigenden Ausgangs des Streiks f\u00fcr den Erhalt des Bergwerks ist Bischofferode zum Symbol geworden. Der Name f\u00e4llt immer dann, wenn behauptet wird, die Ostdeutschen h\u00e4tten um der D-Mark willen klaglos alles aufgegeben, was nicht in die Bundesrepublik gepasst h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich ist Bischofferode auch ein Argument gegen die westdeutsche M\u00e4r, dass nur diejenigen Ostbetriebe nach 1990 keine Chance in der vergr\u00f6\u00dferten Bundesrepublik gehabt h\u00e4tten, deren Entwicklung vor 1990 von der politischen F\u00fchrung der SED vernachl\u00e4ssigt worden war. Tatsache aber ist: Wenn der \u00bbMarkt\u00ab den potentiellen Ostkonkurrenten nicht aus dem Weg r\u00e4umte, dann wurden eben andere Mittel angewandt. Auch daf\u00fcr ist Bischofferode ein Beispiel, das nicht vergessen werden darf.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/335023.konkurrenz-ausgeschaltet.html\"><em>jungewelt.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. Juli 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00f6rg Roesler. 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