{"id":3734,"date":"2018-07-04T16:12:11","date_gmt":"2018-07-04T14:12:11","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3734"},"modified":"2018-07-04T18:39:08","modified_gmt":"2018-07-04T16:39:08","slug":"misere-am-italienischen-arbeitsmarkt-studieren-bis-50","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3734","title":{"rendered":"Misere am italienischen Arbeitsmarkt &#8211; Studieren bis 50"},"content":{"rendered":"<p><em>Jenny Perelli. <\/em><strong>In Italien sind die Folgen der Wirtschaftskrise erheblicher, verh\u00e4ngnisvoller und langanhaltender als in anderen L\u00e4ndern.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Europa w\u00e4chst, stagniert Italiens Wirtschaft immer noch. Seit \u00fcber 15 Jahren hat sich das Pro-Kopf-Einkommen nicht wesentlich ver\u00e4ndert. Zwar sind die Arbeitslosenzahlen im Februar 2018 auf 10,9%\u00a0<a href=\"http:\/\/www.ilroma.net\/news\/economia\/istat-disoccupazione-scende-al-109\">zur\u00fcckgegangen<\/a>, doch die Jugendarbeitslosigkeit steigt stetig an. Sie liegt jetzt bei 32,8%. Nur Griechenland und Spanien stehen schlechter da als Italien. Laut der Gesellschaft f\u00fcr Verbraucherschutz Codacons wird es noch 10 Jahre dauern, bis Italien wieder das Besch\u00e4ftigungsniveau von 2007 erreicht, als die Arbeitslosenquote 6,1% betrug und die Krise noch nicht begonnen hatte.<\/p>\n<p>Die Stellenangebote sind meistens skandal\u00f6s: unterbezahlt, projektbasiert, auf wenige Monate oder sogar Wochen begrenzt. Oft antworten Tausende von Bewerbern auf eine ausgeschriebene Stelle. Besonders Akademiker verkaufen ihr Arbeitspotential meist unter Wert. Korruption, Klientel- und Vetternwirtschaft herrschen landesweit, jedoch gibt es immer noch ein starkes Nord-S\u00fcd-Gef\u00e4lle; w\u00e4hrend es im Norden wieder wirtschaftlichen Aufwind gibt, h\u00e4lt die Konjunktur im S\u00fcden nach wie vor an.<\/p>\n<p>Der Arbeitsmarkt ist von Unsicherheit und Prekarit\u00e4t, aber auch von veralteten Vorstellungen gepr\u00e4gt. Niemandem w\u00fcrde es hier einfallen zu protestieren, oder einen unterbezahlten Job einfach nicht anzunehmen; schon gar nicht, wenn es sich um eine \u00f6ffentliche Anstellung in der Heimatstadt handelt. Es herrscht nach wie vor der Mythos der festen, unbefristeten Anstellung, wobei es ganz gleichg\u00fcltig ist, auf welchem Niveau und bei welcher Institution oder Firma. Besonders begehrt sind auch bei Akademikern Stellen als Postbote oder als Pf\u00f6rtner. Man hat ja dann ein Leben lang Zeit, sich zum Direktor hochzuarbeiten.<\/p>\n<p><strong>Es kann Jahrzehnte dauern, bis es zur Festanstellung kommt<\/strong><\/p>\n<p>Sind italienische Arbeitnehmer unterw\u00fcrfige Mitl\u00e4ufer? Nur wenige b\u00e4umen sich auf. Manchmal tun sie es, indem sie in ein anderes Land ziehen. Viele junge Italiener wandern etwa innerhalb Europas aus, nach Deutschland, England, Frankreich oder in die Schweiz. Weil die Lage auf dem Arbeitsmarkt so unberechenbar und desolat ist, wohnen viele Italiener bis ins hohe Erwachsenenalter noch bei den Eltern, woraus sich das bekannte Bamboccioni- oder Riesenbaby-Ph\u00e4nomen entwickelt hat.<\/p>\n<p>Das Durchschnittsgehalt eines Italieners liegt bei etwa 1500 \u20ac netto pro Monat. Ein Arbeitnehmer im S\u00fcden verdient allerdings bis zu 20% weniger als seine Kollegen in Norditalien. In Mittelitalien liegt der Unterschied bei 5%. Auch zwischen den Geschlechtern gibt es abweichungen: M\u00e4nner verdienen im Durchschnitt pro Jahr fast 3000 Euro mehr als Frauen. Akzentuiert wird die Misere zweifelsohne auch durch die besch\u00e4ftigungsfeindliche Steuer- und Abgabenschere.<\/p>\n<p>L.R., 43 Jahre alt, ist Mittelschullehrerin in Perugia. Sie unterrichtet Italienisch und Geschichte, hat einen Diplomabschluss in italienischer Literatur und hat auch einen Masterstudium in Italienisch als Fremdsprache absolviert. Ein Lehrer verdient hier ca. 1200 \u20ac netto im Monat (1500 \u20ac am Ende seiner Karriere). Der Haken ist, dass es Jahrzehnte dauern kann, bis es zur Festanstellung kommt.<\/p>\n<p>Wie die meisten ihrer Kollegen, hat auch L.R. in den letzten Jahren immer einen befristeten Jahresvertrag erhalten, der jeweils im September beginnt und Anfang Juli endet. In den Sommermonaten muss sie Arbeitslosengeld beantragen, denn die Schule zahlt nichts. Auch kommt die Schule, bzw. das Ministerium nicht f\u00fcr berufliche Weiterbildung, Anfahrtskosten oder Spesen f\u00fcr Schulausfl\u00fcge und dergleichen auf. L.R. hatte im vergangenen Jahr ein Kurs in Geb\u00e4rdensprache belegt, den sie vollst\u00e4ndig aus eigenen Mitteln gezahlt hat. Meist arbeitet ein Lehrer au\u00dferdem sehr viel l\u00e4nger als vertraglich vereinbart &#8211; doch die \u00dcberstunden bleiben unbezahlt.<\/p>\n<p>Erst im September erfahren Lehrer, ob sie wieder einen Jahresvertrag bekommen oder nicht. Manchmal sind es auch Vertr\u00e4ge f\u00fcr einen k\u00fcrzeren Zeitraum oder nur f\u00fcr wenige Wochenstunden als Vertretungslehrer. In welcher Schule und welche F\u00e4cher sie im anstehenden Schuljahr unterrichten werden und wie viel sie folglich verdienen werden, bleibt also bis zum letzten Moment ungewiss. Aus Institutslisten, die alle drei Jahre vom Ministerium erneuert werden, werden nach einem komplizierten Punktesystem irgendwann die Festanzustellenden herausgepickt.<\/p>\n<p><strong>Ingenieure werden zu Kellnern, Mathematiker zu Callcenter-Telefonisten<\/strong><\/p>\n<p>L.R.: &#8222;Das Problem ist die Kontinuit\u00e4t im Bildungswesen, weil ein Lehrer seine Klasse nicht \u00fcber mehrere Jahre begleiten darf. Ich habe weder f\u00fcr mein pers\u00f6nliches noch f\u00fcr mein berufliches Leben mittelfristige oder gar langfristige Perspektiven. Vielleicht \u00e4ndert sich alles mit der neuen Regierung &#8211; obwohl ich das nicht glaube. Unter einer derartigen Situation leidet die Kultur und auch deren Vermittlung. Das spiegelt gewisserma\u00dfen die gesamtitalienische Lage wider. Ich habe nie daran gedacht, den Job zu wechseln, obwohl ich gerne Kunstkritikerin geworden w\u00e4re. Aber davon kann man hier wirklich nicht leben. Mir fehlt jede finanzielle Sicherheit. Bevor ich Lehrerin wurde, war ich auch Promoter, Babysitter, habe Nachhilfestunden gegeben. Man muss sich anpassen, denn der Arbeitsmarkt ist sehr deprimierend.<\/p>\n<p>Mir wurde zwar angeboten, in den Vereinigten Arabischen Emiraten Italienisch zu unterrichten, aber dazu hatte ich schlicht keinen Mut. Wir Italiener h\u00e4ngen an unserem Land und bleiben gern bei der Familie. Sehr oft ziehen wir es vor, gar nicht zu arbeiten, nur um zuhause bleiben zu k\u00f6nnen. Dann werden Ingenieure eben zu Kellnern und Mathematiker zu Callcenter-Telefonisten. Mobilit\u00e4t hat hier einen eher geringen Stellenwert.<\/p>\n<p>Ich will mich gar nicht beklagen, denn wie mir geht es wie den meisten meiner verzweifelten Kollegen. Das schafft allerdings die Voraussetzungen f\u00fcr einen Krieg unter Armen. Das ganze Leben lang bleibt man Aushilfslehrer. Alle haben wir den Wunsch nach mehr Stabilit\u00e4t, denn viele sind ungef\u00e4hr in meiner Altersklasse. Ich w\u00fcrde mir z.B. gern eine eigenen Wohnung kaufen, daf\u00fcr eventuell einen Kredit aufnehmen. Oder zumindest von zuhause ausziehen, um endlich alleine zu wohnen. Das Ganze bremst meine pers\u00f6nliche und soziale Weiterentwicklung.<\/p>\n<p>Ich hoffe, bald eine Festanstellung zu erhalten. Wenn nicht, werde ich mich neuorientieren m\u00fcssen. Wenn man so viel in die eigene Bildung und das eigene Wachstum investiert hat, vom Arbeitsmarkt allerdings nie ein positives Feedback erh\u00e4lt, ist man irgendwann einfach m\u00fcde. Es scheint eine reine Energieverschwendung zu sein. Ein ewiges Warten, ein Aufschub auf unbestimmte Zeit. Obwohl ich meine Arbeit sehr liebe und sie mit Leidenschaft aus\u00fcbe, kann ich doch nicht selbst bis 50 ein lebenslanger Student bleiben.&#8220;<\/p>\n<p>Auf die ihr sichtlich unangenehme Frage, ob die \u00f6ffentlichen Wettbewerbe und Auswahlverfahren f\u00fcr Lehramtsstellen immer sauber verlaufen oder ob Korruption mit im Spiel sei, gibt sie eine ausweichende Antwort: &#8222;Pers\u00f6nlich habe ich keine Korruption erlebt. Ich wei\u00df aber, dass sie existiert und ein gro\u00dfes Problem darstellt. Wenn Italien nur endlich die eigene Gr\u00f6\u00dfe und den Wert seines immensen Kulturerbes erkennen w\u00fcrde und anfangen w\u00fcrde, es geschickter auszunutzen, g\u00e4be es vielleicht noch Hoffnung. Wer wei\u00df, was die neue Regierung bringen wird. Obwohl es eine Protestwahl war. Wir waren sehr desorientiert. Wir sind es immer noch.&#8220;<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Misere-Arbeitsmarkt-Studieren-bis-50-4093853.html\"><em>Telepolis.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. Juli 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jenny Perelli. 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