{"id":3752,"date":"2018-07-07T08:48:09","date_gmt":"2018-07-07T06:48:09","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3752"},"modified":"2018-07-07T08:48:09","modified_gmt":"2018-07-07T06:48:09","slug":"postmoderne-sprachpolitik-als-sinnverkehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3752","title":{"rendered":"Postmoderne Sprachpolitik als Sinnverkehrung"},"content":{"rendered":"<p><em>Richard Albrecht.<\/em> Nat\u00fcrlich gibt es in Deutschland Sprachpolitik.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Dies besonders ausgepr\u00e4gt in der ganzdeutschen Postmoderne. In der, auch in dekonstruktivistischerer Weise, Sprache<!--more--> als das Hauptmittel gilt, um politisch erw\u00fcnschte Inhalte im Sinne einer vorgeblich linksliberalen\u00a0<em>political correctness,<\/em>\u00a0die weder links noch liberal ist,<em>\u00a0<\/em>blank\u00a0durchzusetzen, oft auch: zu erzwingen. Nicht nur \u00fcber das bekannte Sternchen. Sondern auch \u00fcber aktuelle, zu Formeln geronnene, Schlagworte. Die zunehmend auch Vergangenheiten \u00fcbergest\u00fclpt werden. Grad so, als h\u00e4tte es \u00b468 in der Altbundesrepublik keine Studentenbewegung. Sondern eine\u00a0\u2013\u00a0geschlechtsneutrale\u00a0\u2013\u00a0<em>Studierendenbewegung<\/em>\u00a0gegeben.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Das geht inzwischen im massenwirksamen Unterhaltungsbereich sogar soweit, da\u00df nach dem bekannten Palmstr\u00f6m\u00b4schen Muster des Christian Morgenstern<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>\u00a0\u2013\u00a0Und er kommt zu dem Ergebnis: \u00bbNur ein Traum war das Erlebnis. Weil\u00ab, so schlie\u00dft er messerscharf, \u00bbnicht sein\u00a0<em>kann<\/em>, was nicht sein\u00a0<em>darf<\/em>\u00ab\u00a0\u2013\u00a0der prominente Fernsehunterhalter Florian Silbereisen als S\u00e4nger mit Begleitgruppe ganz im Sinne antihistorischer politischer Korrektheit den bekannten, von Hans Albers nachhaltig vorgetragenen, 1912 entstandenen, Seeleuteshanty\u00a0<em>Auf der Reperbahn nachts um halb eins<\/em>\u00a0von Ralph Arthur Roberts f\u00e4lscht: Da kommt\u00b4n Seemann eben nicht wie im Orginaltext\u00a0<em>braungebrannt wie\u00b4n Hottentott.<\/em>\u00a0Sondern in der Textf\u00e4lschung\u00a0<em>braungebrannt wie\u00b4n Sonnengott<\/em>\u00a0nach St. Pauli zur\u00fcck<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>. Damit kann auch niemand mehr verstehen, da\u00df es im reichsdeutschen Sprachduktur\u00a0<em>Hottentotten<\/em>\u00a0und Deutschen Reich Anfang 1907 tats\u00e4chlich umgangssprachlich\u00a0<em>Hottentottenwahlen<\/em>\u00a0genannte Wahlen zum damaligen Berliner Reichstag gab. (Diese konnten kurzfristig den best\u00e4ndigen wahlpolitischen Erfolg der damaligen Sozialdemokratie aufhalten<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>.)<\/p>\n<p>Die\u00a0<em>politisch durchschlagendste Begriffsverkehrung<\/em>\u00a0freilich wird im gegenw\u00e4rtigen Ganzdeutschand heute typischerweise gar nicht mehr und schon gar nicht von politisch Korrekten aller Formate, Farben und Preisklassen bemerkt. Sie ist seit Generationen so allgegenw\u00e4rtig wie unbemerkt \u00fcber wirtschaftlichen und rechtlichen Jargon habitualisiert oder eingeschliffen. Und in Alltagsleben und allt\u00e4glichen Sprachgebrauch eingegangen als\u00a0<em>Arbeitgeber<\/em>\u00a0und\u00a0<em>Arbeitnehmer.\u00a0<\/em>Dies ist die Interessen falsifizierende\u00a0<em>Umkehrung von Geben und Nehmen:\u00a0<\/em>Kapitalisten oder Unternehmer besch\u00e4ftigen wohl Arbeiter und vernutzen dabei deren Arbeitsverm\u00f6gen. Das nicht sie, sondern Arbeiter allerlei Geschlechts \u2013 m\u00e4nnliche, weibliche und andere \u2013 besitzen.<\/p>\n<p>So gesehen, ist die sowohl sachlich angemessene als auch politisch korrekte Bezeichnung nicht &#8222;Arbeitgeber&#8220; und &#8222;Arbeitnehmer&#8220; (im Revier alltagssprachlich bis heute gelegentlich noch: Arbeitsgeber und Arbeitsnehmer). Sondern\u00a0<em>Arbeitskraftgeber\u00a0<\/em>und\u00a0<em>Arbeitskraftnehmer.\u00a0<\/em>Auf diesen schlichten Sachverhalt machte bereits der Altmarxist Friedrich Engels 1883 im Zusammenhang mit seiner Bearbeitung der beiden Folgeb\u00e4nde von Marx\u00b4\u00a0<em>Kapital<\/em>aufmerksam:\u00a0\u201eEs konnte mir nicht in den Sinn kommen, in das \u201aKapital\u2018 den landl\u00e4ufigen Jargon einzuf\u00fchren, in welchem deutsche \u00d6konomen sich auszudr\u00fccken pflegen, jenes Kauderwelsch, worin z. B. derjenige, der sich f\u00fcr bare Zahlung von andern ihre Arbeit geben l\u00e4\u00dft, der Arbeit<em>geber\u00a0<\/em>hei\u00dft, und Arbeit<em>nehmer\u00a0<\/em>derjenige, dessen Arbeit ihm f\u00fcr Lohn abgenommen wird.\u00a0Auch im Franz\u00f6sischen wird travail im gew\u00f6hnlichen Leben im Sinn von &#8222;Besch\u00e4ftigung&#8220; gebraucht. Mit Recht aber w\u00fcrden die Franzosen den \u00d6konomen f\u00fcr verr\u00fcckt halten, der den Kapitalisten donneur de travail, und den Arbeiter receveur de travail nennen wollte.&#8220;<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Die drei Beispiele sprachpolitischer Sinnverkehrung in der ganzdeutschen Postmoderne ergeben in ihrer Wirksamkeit etwas, das Reinhard Opitz bereits 1974 als\u00a0<em>Bewu\u00dfseitsfalsifikation\u00a0<\/em>beschrieben hat.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/trd0718\/t120718.html\">trend.infopartisan.net&#8230;<\/a> vom 7. Juli 2018<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Damit meine ich nicht nur spezielle Erscheinungsformen und Varianten wie das bereits Mitte der 1980er Jahre von mir kritisierte\u00a0<em>Denglisch<\/em>; s. Richard Albrecht, Bilder-Welten: Aspekte ver\u00e4nderter Wahrnehmungsprozesse durch elektronische Medien; in: Alphons Silbermann (Hg.),\u00a0<em>Die Rolle der elektronischen Medien in der Entwicklung der K\u00fcnste<\/em>. Frankfurt\/Main 1987: 83-99<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Als aktuelles Beispiel s. Dieter Boris, Die &#8222;68er Revolte&#8220; aus der Sicht ihrer Mentoren; in:\u00a0<em>Forum Wissenschaft<\/em>, 35 (2018) 2, Juni 2018: 43-46<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <a href=\"http:\/\/freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de\/fa\/fa.pl?cmd=gedichte&amp;sub=show&amp;add=&amp;noheader=1&amp;id=1384\">http:\/\/freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de\/fa\/fa.pl?cmd=gedichte&amp;sub=show&amp;add=&amp;noheader=1&amp;id=1384<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=UUc6CauwCjE\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=UUc6CauwCjE<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Als erste \u00dcbersicht\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reichstagswahl_1907\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reichstagswahl_1907<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Im Vorwort zur 3. Auflage von\u00a0<em>Das Kapital. Kritik der politischen \u00d6konomie<\/em>. Erster Band (Marx-Engels-Werke; MEW Band 23, Zitat 34); s. jetzt auch die begriffsgeschichtliche Aufarbeitung von\u00a0Roland Karassek in der Fachzeitschrift<em>\u00a0Arbeit \u2013 Bewegung &#8211; Geschichte<\/em>(Maiheft 2017); im Netz\u00a0<a href=\"http:\/\/www.arbeiterbewegung-jahrbuch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/ABG2017-2_Karassek_Arbeitnehmer_Arbeitgeber.pdf\">http:\/\/www.arbeiterbewegung-jahrbuch.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/ABG2017-2_Karassek_Arbeitnehmer_Arbeitgeber.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Richard Albrecht. Nat\u00fcrlich gibt es in Deutschland Sprachpolitik.[1] Dies besonders ausgepr\u00e4gt in der ganzdeutschen Postmoderne. 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