{"id":3758,"date":"2018-07-10T08:06:27","date_gmt":"2018-07-10T06:06:27","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3758"},"modified":"2018-07-10T08:06:27","modified_gmt":"2018-07-10T06:06:27","slug":"tendenzen-der-weltwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3758","title":{"rendered":"Tendenzen der Weltwirtschaft"},"content":{"rendered":"<p><em>Markus Lehner. <\/em>Die lange Phase der Stagnation nach der gro\u00dfen Rezession 2008\/2009 und der Krise in der Eurozone 2011\/2012 scheint 2017 beendet worden zu sein. W\u00e4hrend es im Jahr 2015\/2016<!--more--> sogar m\u00f6glich schien, dass die Weltwirtschaft in eine weitere Rezession geriet, wendete sich die Kurve \u2013 auch zur \u00dcberraschung vieler professioneller WirtschaftsanalystInnen \u2013 nach oben. 2017 lag das Weltwirtschaftswachstum laut IWF-Statistik bei 3,8 % und wird nach dem IWF-Bericht \u201eGlobal Outlook\u201c auch in diesem und im n\u00e4chsten Jahr auf diesem Niveau (3,9 %) bleiben.<\/p>\n<p><strong>Zyklische Erholung<\/strong><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen dies als eine echte zyklische Erholung beurteilen, da sie nicht nur in einigen Regionen oder L\u00e4ndern einen Aufschwung zum Ausdruck bringt, sondern auch ein globaleres Muster aufweist. Es enth\u00e4lt eine durchschnittliche Zunahme von 0,6 % in den \u201efortgeschrittenen Volkswirtschaften\u201c (in den \u00fcblichen Statistiken wird dies f\u00fcr imperialistische L\u00e4nder ohne China und Russland verwendet) auf Wachstumsraten um 2 % (alle f\u00fcr 2017) und eine Zunahme von 0,4 % in den Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern auf Wachstumsraten um 5 %.<\/p>\n<p>Die Erholung wird durch eine unerwartete Investitionst\u00e4tigkeit (sowohl in den exportorientierten Volkswirtschaften als auch in den sich berappelnden Rohstoffexportl\u00e4ndern) mit einem entsprechenden Anstieg des Verbrauchs und der Lagerbest\u00e4nde in den Schwellenl\u00e4ndern getrieben. Auch der Abw\u00e4rtseffekt der Restrukturierung der Anlageinvestitionen in China und Indien scheint beendet zu sein. In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften ist die lange Phase seit 2008\/09, in der fast keine realen (und nicht nur Ersatzinvestitionen) Nettoinvestitionen get\u00e4tigt wurden, definitiv zu Ende gegangen. Die realen Nettoinvestitionen stiegen 2017 in den Industriel\u00e4ndern um 5 %.<\/p>\n<p>In China ist das Investitionswachstum, das nach den Initiativen nach der globalen Krise bei 10 % lag, auf 5 % gesunken \u2013 scheint aber nun den Tiefpunkt der Investitionsrestrukturierungsprogramme erreicht zu haben. Chinas BIP-Wachstumsrate hat sich in diesem Jahr wieder bei 6,6 % stabilisiert.<\/p>\n<p>Die allgemeine Erholung hat auch die Wachstumsraten des Welthandels wieder stabilisiert. Zusammen mit der Industrieproduktion (+6 %) stieg auch die Zunahmequote des Welthandels im Jahr 2017 von 4 % auf 10 %. Davon profitierten vor allem die gro\u00dfen Exportwirtschaften wie China, Deutschland, Japan und die USA. Andererseits dr\u00fcckte die Erholung der Industrieproduktion auch die Rohstoffpreise, insbesondere f\u00fcr \u00d6l und Metalle, nach oben. Der IWF-Prim\u00e4rrohstoffpreisindex stieg zwischen August 2017 und Februar 2018 um 16,9 Punkte. Die \u00d6lpreise kletterten (von einem Tiefstand von 30 US-Dollar pro Barrel) auf 65 US-Dollar pro Barrel ab Beginn dieses Jahres. Der Erdgaspreisindex stieg deutlich um 45 Prozent, w\u00e4hrend die Metallpreise (insbesondere Aluminium!) sich um 8,3 Prozent erh\u00f6hten. All dies gab den rohstoffexportierenden L\u00e4ndern in der Tat wieder einen Handlungsspielraum und sie zeigten sich erneut als starke KonsumentInnen und ImporteurInnen von Waren auf den Weltm\u00e4rkten (z. B. Brasilien).<\/p>\n<p>Offensichtlich wurde der Aufschwung durch eine lange Zeit der Umstrukturierung, von Aufnahme neuer Schulden (auf der Grundlage von nahezu Nullzinsen in bestimmten imperialistischen L\u00e4ndern) und einigen weiteren Angriffen auf die ArbeiterInnenklasse (Verbesserung der \u201eArbeitsproduktivit\u00e4t\u201c) vorbereitet. W\u00e4hrend es sicherlich eine Ausweitung der Produktion und in den meisten fortgeschrittenen Volkswirtschaften einen R\u00fcckgang der Arbeitslosigkeit gibt, steigen die L\u00f6hne nicht oder bleiben einfach hinter den Produktivit\u00e4tssteigerungen zur\u00fcck. Dies zeigt sich auch daran, dass die Inflation in den entwickelten Volkswirtschaften nicht nennenswert zunimmt (d. h. unter oder um 2 % bleibt). Niedrige Arbeitslosenquoten und ein wachsender Bedarf an qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften bedeuten dagegen, dass sich die Verhandlungsmacht der ArbeiterInnenklasse wie in allen H\u00f6hepunkten des Zyklus verbessert. Dies l\u00e4sst sich bereits an den moderaten Erfolgen gewerkschaftlicher Auseinandersetzungen in Deutschland und einigen seiner osteurop\u00e4ischen Lieferketten ablesen.<\/p>\n<p><strong>Wie lange wird der Zyklus dauern?<\/strong><\/p>\n<p>AnalystInnen erkl\u00e4ren, dass das aktuelle Wachstum \u00fcber dem \u201ePotenzial\u201c liegt. D. h. wenn es keine Ver\u00e4nderungen in der Arbeitsproduktivit\u00e4t oder strukturelle Gr\u00fcnde f\u00fcr die Nachfrageausweitung gibt, muss der Zyklus in \u00fcbliche Beschr\u00e4nkungen (\u00dcberkapazit\u00e4ten, erweiterter Preiswettbewerb usw.) geraten. So erwarten die KommentatorInnen die Gefahr eines konjunkturellen Abschwungs f\u00fcr 2019\/20, w\u00e4hrend f\u00fcr die USA die Sondereffekte der Steuerreform bis Ende 2020 anhalten k\u00f6nnten (wann sie, insbesondere im Hinblick auf Schuldenprobleme, den Abschwung dann sch\u00e4rfer als anderswo machen werden). AnalystInnen weisen auch darauf hin, dass keine der entwickelten Volkswirtschaften gut auf den Abschwung vorbereitet ist, da ihre Schuldenprobleme weitaus mehr als bisher Gegenma\u00dfnahmen verhindern werden.<\/p>\n<p>Es gibt in der Tat auch weitere Risiken f\u00fcr den Aufschwung, die ihn viel schneller zunichte machen k\u00f6nnten. Der erste dieser Faktoren ist ein unerwarteter Nebeneffekt aus dem Auftauchen aus der Stagnationsphase: Durch die Erholung der Investitionen und Zinsen im imperialistischen Kern kommt es zu einem nachhaltigen Kapitalr\u00fcckfluss dorthin. Mehrere \u201eSchwellenl\u00e4nder\u201c befanden sich in einer unerwarteten Geschwindigkeit vom Kapitalabfluss ergriffen. In unterschiedlichem Ausma\u00df waren die folgenden L\u00e4nder von der Wende der Ereignisse stark betroffen: Argentinien, T\u00fcrkei, \u00c4gypten, Brasilien, Mexiko, Peru, S\u00fcdafrika. Besonders Argentinien brauchte die Unterst\u00fctzung des IWF, die T\u00fcrkei und \u00c4gypten befinden sich in heftigen Turbulenzen. Brasilien mag sich leicht erholt haben, aber wegen der politischen Instabilit\u00e4t kann es schnell zur IWF-\u00dcberwachung zur\u00fcckkehren. Offensichtlich sind Lateinamerika und Afrika als Ganzes die (Halb-)Kontinente, die sich auf der Gegenseite des Erholungszyklus befinden. Angesichts der Unbest\u00e4ndigkeit der Finanzm\u00e4rkte h\u00e4tte jeder Zahlungsausfall eines dieser \u201eSchwellenl\u00e4nder\u201c in der Art Argentiniens in den Jahren 2000\/2001 heute weitaus schwerwiegendere Auswirkungen.<\/p>\n<p>Der zweite Risikofaktor ist die Krise der Europ\u00e4ischen Union. Eine m\u00f6gliche Schuldenkrise Italiens hinterlie\u00dfe einen weitaus heftigeren Einschlag als die Griechenland-Krise 2012-2015. W\u00e4hrend die gr\u00f6\u00dften Teile der Staatsschulden im Besitz italienischer Banken sind, geh\u00f6ren diese zum R\u00fcckgrat des europ\u00e4ischen Bankensystems. Ein Ausfall einer der gro\u00dfen italienischen Banken (z. B. Unicredit) entspr\u00e4che einem Lehman-2.0. Auch wenn die drittgr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft der verbleibenden EU (nach Gro\u00dfbritanniens Austritt) den Euro verlassen w\u00fcrde, w\u00fcrde dies das gesamte EU-Projekt sicherlich erheblich ver\u00e4ndern. Es w\u00fcrde wahrscheinlich einen endg\u00fcltigen R\u00fcckfall Europas und Deutschlands\/Frankreichs in der internationalen Konkurrenz weit hinter die gro\u00dfen imperialistischen M\u00e4chte bedeuten. Auch die Auswirkungen des Brexit werden die britische wie auch die EU-Restwirtschaft in bisher nicht absehbarer Weise schw\u00e4chen. Insbesondere ein ungeregelter Ausstieg Anfang 2019 k\u00f6nnte zu Turbulenzen mit Abschw\u00e4chungseffekten auf den Aufschwungszyklus f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Drohender Handelskrieg<\/strong><\/p>\n<p>Neben diesen eher regionalen Unsicherheiten gibt es eine konstante Volatilit\u00e4t (Unbest\u00e4ndigkeit) der Finanzm\u00e4rkte im Allgemeinen. Die Kurs-Gewinn-Beziehungen an den Aktienm\u00e4rkten sind nach wie vor jenseits jeglicher wirtschaftlicher Vernunft, d. h. Ausdruck einer Verm\u00f6genswerteinflation. Hierzu z\u00e4hlt auch die Preisinflation in anderen Immobilienwerten, z. B. Mieten und Immobilienpreisen. W\u00e4hrend die Bankregulierungsbestimmungen aus der Zeit nach 2009 teilweise abgeschafft werden (z. B. durch die Gesetzgebung der Trump-Regierung), werden sie ohnehin durch die Entwicklung alternativer M\u00f6glichkeiten der Kreditbereitstellung umgangen. So haben z. B. Verm\u00f6gensverwaltungsgesellschaften wie BlackRock die Investmentbanken als die wichtigsten Akteurinnen bei der finanziellen Unterf\u00fctterung gro\u00dfer Deals ohne viel Regulierung in den Schatten gestellt. Wie die Turbulenzen an den Finanzm\u00e4rkten im Februar und M\u00e4rz um mehrere politische und wirtschaftliche Ereignisse herum zeigten, haben die Schwankungen an den Finanzm\u00e4rkten und die Stressindikatoren (z. B. spezifische Zinsdifferenzen) wieder zugenommen. Die M\u00f6glichkeit einer neuen Finanzkrise, insbesondere am Ende des Zyklus, ist also nicht geringer geworden.<\/p>\n<p>Eine der wichtigsten Fragen f\u00fcr die weitere Entwicklung ist die Kl\u00e4rung des Welthandelsregimes oder allgemeiner die der k\u00fcnftigen Weltwirtschaftsordnung. Die Ank\u00fcndigung von Z\u00f6llen auf Stahl und Aluminium f\u00fcr Importe in die USA durch die Regierung Trump hat die M\u00f6glichkeit eines erweiterten Handelskrieges und der Abschaffung des WTO-basierten Handelsregimes er\u00f6ffnet. Im Gegensatz zu dem, was Trump der Welt erz\u00e4hlt, hatten die USA tats\u00e4chlich lange Zeit von der bestehenden Handelsordnung profitiert (sogar von den enormen Handelsdefiziten seit einigen Jahrzehnten). Das Problem ist in der Tat, dass die Ursachen, die die USA vom System profitieren lie\u00dfen, die Konkurrenz zu den USA gest\u00e4rkt und auch die Position des US-Kapitals geschw\u00e4cht haben, um diese Vormachtstellung in der Zukunft sehr lange halten zu k\u00f6nnen. Dies ist der wahre Grund f\u00fcr die Bestrebungen einiger Teile der US-Bourgeoisie (die hinter der Trump-Administration stehen), das bestehende Handelsregime in Frage zu stellen. Ihr Hauptangriffsziel ist in der Tat China, gefolgt von einem m\u00f6glichen EU\/Russland-Block unter deutscher F\u00fchrung als zweitem Kandidaten.<\/p>\n<p>Es stimmt zwar, dass die USA im Moment ein j\u00e4hrliches Handelsbilanzdefizit von 800 Mrd. Dollar einfahren, doch wird dieses andererseits aufgewogen durch einen \u00dcberschuss im Dienstleistungssektor (250 Mrd.), einen Nettoeinkommenszufluss (v. a. Profite) von 150 Mrd. und einen Nettokapitalinvestitionszustrom (400 Mrd.). Die beiden letzten Ph\u00e4nomene bedeuten, dass auf der einen Seite \u201edie Welt\u201c (besonders China, Japan und Deutschland) gewillt ist, zur Finanzierung der US-Importe (ihrer Exporte) massiv Kredit zu gew\u00e4hren. Zum anderen sind die USA gleichzeitig eine\/r der wenigen BorgerInnen, der\/die zugleich eine\/n der gr\u00f6\u00dften Empf\u00e4ngerInnen von Profiten und Zinseink\u00fcnften aus dem Ausland darstellen. In gewissem Sinn funktioniert das US-Modell wie eine gigantische Investmentbank: zu niedrigem Zinsfu\u00df borgen und zu viel h\u00f6herem ausleihen.<\/p>\n<p><strong>Internationales W\u00e4hrungssystem und Konkurrenz<\/strong><\/p>\n<p>Offensichtlich basiert diese profitable Position des US-Kapitals auf seiner Rolle als Welthegemon, als Zentrum der Finanzm\u00e4rkte, als Dominator des auf Regeln beruhenden Welthandels und nicht zuletzt als Eigent\u00fcmer der zentralen Weltreservew\u00e4hrung Dollar. Mit dem Zusammenbruch von Bretton-Woods in den fr\u00fchen 70er Jahren kann man pointiert sagen, dass das Weltw\u00e4hrungssystem endlich vom Goldstandard zum System einer \u201eUS-Goldkreditkarte\u201c \u00fcbergegangen ist. Ausgehend von den gro\u00dfen Auslands-Dollar-Verm\u00f6genswerten der Rohstoffexporteure (\u201ePetrodollars\u201c) entwickelte sich das W\u00e4hrungssystem zu einer Beziehung, in der ein wachsender Anteil des Dollars durch US-Auslandsverschuldung gest\u00fctzt wird. Auf diese Weise beruht das ganze System auf dem Vertrauen in die gro\u00dfe \u201eKreditkarte\u201c der USA, indem es die Geldexpansion auf Weltebene auf die steigenden Defizite der USA aufbaut (nicht nur die Handelsdefizite; die USA sind mit Abstand die gr\u00f6\u00dfte Schuldnerin mit mehr als 8 Billionen Dollar) und schlie\u00dflich auf das Vertrauen, dass das amerikanische Finanzsystem bei Bedarf auch liquide sein wird.<\/p>\n<p>Die Hauptgl\u00e4ubigerInnen der USA sind China, Japan und mehrere EU-Staaten. Die ber\u00fchmten 3 Billionen Dollar, die China als W\u00e4hrungsreserve h\u00e4lt, sind f\u00fcr das Land nicht nur positiv. Tats\u00e4chlich wird ein gro\u00dfer Teil des \u00dcberschusses, den China erzielt, unproduktiv in diesen Reserven angesammelt. Einer der wichtigsten positiven Effekte f\u00fcr China besteht darin, die W\u00e4hrung stabil zu halten und sie gegen Kapitalabfl\u00fcsse sowie gegen Aufwertungsdruck zu verteidigen. F\u00fcr viele L\u00e4nder ist die riesige Menge an Dollarreserven, die sie halten m\u00fcssen, eine gro\u00dfe Belastung f\u00fcr ihre Entwicklung, die sie zum Zwecke der Stabilit\u00e4t in Kauf nehmen m\u00fcssen. Man sieht die Auswirkungen daran, dass aus politischen Gr\u00fcnden L\u00e4nder wie die T\u00fcrkei und Argentinien ihre Dollarreserven viel st\u00e4rker reduziert haben als andere \u2013 und das Problem sofort in ihrer neuen Wirtschaftslage sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass es mehrere Gr\u00fcnde und verschiedene Bestrebungen gibt, die \u201eUS-Goldkreditkarte\u201c loszuwerden. Seit einiger Zeit sind der Euro und der Yen in der Tat zu Ersatzw\u00e4hrungen aufger\u00fcckt und erhalten einen stetig steigenden Anteil. Nicht nur im Zusammenhang mit Abkommen mit der Initiative Shanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit (SOZ) versucht auch China, den Yuan (Renminbi) als Ersatzw\u00e4hrung zu f\u00f6rdern und damit die unproduktive Masse an Dollarreserven abzusto\u00dfen. Der Trend ist hier sehr deutlich und be\u00e4ngstigend f\u00fcr die US-Vorherrschaft: W\u00e4hrend in den 1990er Jahren noch drei Viertel der Weltreserven in US-Dollars bestanden, ist dieser Anteil heute auf unter 65 % gefallen, mit einem klaren Trend zum Ende der Dollar-Dominanz.<\/p>\n<p>Aber nicht nur der Dollar ist in Gefahr. Die angenehme Rolle eines gr\u00f6\u00dften Weltschuldners und Herrschers der Finanzm\u00e4rkte hat die US-Dominanz in wichtigen Industriesektoren untergraben. D. h. die Verlagerung vieler Branchen nach China, Japan oder Europa birgt in der Tat die Gefahr, dass sich diese WettbewerberInnen in der \u201eWertsch\u00f6pfungskette\u201c auch in Wirtschaftszweigen klettern, die den USA vorbehalten schienen.<\/p>\n<p><strong>Aufholen der Konkurrenz<\/strong><\/p>\n<p>Auch in der IT- und Hightechbranche sp\u00fcren US-Unternehmen inzwischen den Atem des Drachen \u2013 Bedrohung f\u00fcr die nationale Sicherheit! Eine der gewinnbringendsten Ma\u00dfnahmen der Globalisierungsphase war die Entwicklung gro\u00dfer internationaler Liefer-\/Produktions-\/Handelsketten, der so genannten Wertsch\u00f6pfungsketten. Der Welthandel hat Produktions-\/Logistik-\/Entwicklungskapazit\u00e4ten intensiv \u00fcber die Grenzen hinweg vernetzt, nicht nur extensiv. Die deutsche Automobilindustrie hat ihre Hauptproduktionsstandorte in den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern und verbindet sie eng und zeitnah (just in time) mit den zentralen Werken in Deutschland selbst. Die Krise von 2008\/2009 konnte einige dieser Wertsch\u00f6pfungsketten nur kurz unterbrechen. Insbesondere die deutschen und chinesischen Industriekomplexe haben diese Wertsch\u00f6pfungsketten in den letzten Jahren erweitert. Mit dem chinesischen Projekt der neuen \u201eSeidenstra\u00dfe\u201c besteht sogar eine strategische M\u00f6glichkeit, die Lieferketten dieser beiden regionalen Bl\u00f6cke zu verbinden. Ein weiteres Element besteht im Potenzial der russischen Energiekomplexe als wichtigem Lieferanten von Gas und \u00d6l f\u00fcr diese beiden Bl\u00f6cke (siehe die Sorgen der USA \u00fcber die neuen Gasleitungen von Russland nach Deutschland).<\/p>\n<p>Die US-Industrie ist in diesem Wettbewerb um das Kn\u00fcpfen effektiver Wertsch\u00f6pfungsketten zur\u00fcckgefallen. Ihr bisheriges Hauptprojekt war der NAFTA-Block. Da dies seine Grenzen im Hinblick auf die Konkurrenzf\u00e4higkeit gegen\u00fcber dem China- und dem deutschen Block zeigt, versucht die Trump-Administration offensichtlich, Kanada und Mexiko zu Abkommen mit weiter verschlechterten Bedingungen zu zwingen. Ein weiteres Ziel der US-Bourgeoisie ist die Aufhebung der Beschr\u00e4nkungen, direkt in China zu investieren und das Land mit US-Investitionen zu durchdringen. Das w\u00fcrde es ihr erm\u00f6glichen, ihre bereits bestehenden Lieferketten, z. B. in der IT-Branche, unter ihrer direkteren Kontrolle auszubauen. Beide Projekte k\u00f6nnen nur unter hohem politischen Druck erreicht werden.<\/p>\n<p>All diese Faktoren erkl\u00e4ren, warum das US-Kapital derzeit offen als aggressiver Imperialist agieren muss, wobei Trump als Pr\u00e4sident die geeignetste Figur ist, diese Rolle zu verk\u00f6rpern. Es muss auch einen enormen inneren Widerstand \u00fcberwinden. Der Handelskrieg, den Trump jetzt f\u00fchrt, trifft auch die US-Industrie stark. Die Z\u00f6lle auf Aluminium wirken wie eine Steuer auf eine gro\u00dfe Menge von Produkten (97 % der Aluminiumindustrie in den USA verarbeitet tats\u00e4chlich importiertes Aluminium). Die Vergeltungsz\u00f6lle werden ebenfalls wehtun. Ein vollst\u00e4ndig ausgeweiteter Handelskrieg wird in der Tat bald den Welthandel verringern und die gegenw\u00e4rtige Erholung treffen, wobei der IWF eine um 1 % geringere Wachstumsrate erwartet. D. h. die Ma\u00dfnahmen k\u00f6nnten bald zu einem Zusammenbruch des Zyklus und zu einer neuen Rezession f\u00fchren. Das wird die Teile der US-Bourgeoisie, die hinter der aggressiven Politik stehen, nicht einsch\u00fcchtern: Sie werden dies als ein notwendiges \u00dcbel betrachten, das die US-KonkurrentInnen am meisten treffen und die USA wieder in eine Position bringen wird, in der sie die Regeln des Welthandels und der Kapitalstr\u00f6me diktieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Kampf um die Neuaufteilung der Welt<\/strong><\/p>\n<p>Die Katastrophe des G7-Gipfels in Kanada, das Fehlen eines Kompromisses bei den Zollstreitigkeiten sowie die internationalen Turbulenzen um den Ausstieg aus dem Iran-Atomabkommen (das zu schweren Wirtschaftssanktionen z. B. gegen europ\u00e4ische Unternehmen wie Airbus f\u00fchren k\u00f6nnte) \u2013 all dies bedeutet, dass wir in eine hei\u00dfe Phase politisch\/wirtschaftlich scharfer Kontroversen zwischen den USA und dem Rest der Welt eintreten. Im Moment ist nicht klar, ob, wie und bis zu welchem Grad die anderen ImperialistInnen zusammenarbeiten werden, um der US-Aggression zu begegnen. Es k\u00f6nnte einige geben, die versuchen, den Konflikt zu beruhigen und spezielle Vereinbarungen zu treffen (wie es Australien bereits getan hat). Deutschland versucht nach wie vor zu verhandeln und die aggressivere franz\u00f6sische Linie zu m\u00e4\u00dfigen (Angst vor Z\u00f6llen auf deutsche Autos). Auch China und Japan scheinen einen offenen Konflikt noch zu vermeiden. Kanada und Mexiko werden an vorderster Front stehen, da sie unmittelbar vom NAFTA-Streit betroffen sind. So k\u00f6nnte es Trump am Ende gelingen, seine Agenda durchzusetzen, indem er alle anderen spaltet, bevor der Handelskrieg wirklich eskaliert. Auf der anderen Seite war Trumps Umkippen des G7-Gipfels keine kluge Tat. Zusammen mit dem Treffen der SOZ k\u00f6nnten sich die USA einer weitaus gr\u00f6\u00dferen Anti-US-Front gegen\u00fcbersehen, als sie vielleicht gedacht haben. Vielleicht sind wir Zeugen des Anfangs des Endes der US-Hegemonie, mit Trump als \u00e4hnlichem Sinnbild wie ein dekadenter r\u00f6mischer Kaiser.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2018\/07\/10\/tendenzen-der-weltwirtschaft\/\"><em>Neue Internationale 230&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. Juli 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Markus Lehner. Die lange Phase der Stagnation nach der gro\u00dfen Rezession 2008\/2009 und der Krise in der Eurozone 2011\/2012 scheint 2017 beendet worden zu sein. 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