{"id":3762,"date":"2018-07-11T08:03:06","date_gmt":"2018-07-11T06:03:06","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3762"},"modified":"2018-07-11T08:03:06","modified_gmt":"2018-07-11T06:03:06","slug":"finanzkrise-ohne-ende-der-naechste-kollaps-eine-frage-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3762","title":{"rendered":"Finanzkrise ohne Ende \u2013 der n\u00e4chste Kollaps eine Frage der Zeit"},"content":{"rendered":"<p><em>Paul Neumann. <\/em>Anfang Februar 2018 ereignete sich Merkw\u00fcrdiges. Die US-Regierung meldete positive Wirtschaftsdaten: Ein kr\u00e4ftiger Konjunkturaufschwung stellte sich in der US-Wirtschaft <!--more-->mit einem ebenso kr\u00e4ftigen R\u00fcckgang der Arbeitslosigkeit und einen Lohn- und Preisanstieg von ca. 2 % ein, der die Bef\u00fcrchtungen der letzte Jahre wegen einer Deflation zerstreute. \u00c4hnlich positive Daten kamen aus Europa und Japan. Selbst die durch das deutsche Spardiktat verw\u00fcstete Euro-Zone S\u00fcd-Osteuropas vermeldete, auf der Basis sozialen Kahlschlags, zartes Wirtschaftswachstum. Die Folgen an den Finanzm\u00e4rkten l\u00f6sten Erstaunen aus. Es kam zu erheblichen B\u00f6rsenturbulenzen in den USA, Asien und auch in Europa. Der Dow Jones (US-Leitindex) verlor in den ersten Februartagen 1000 Punkte, alleine am 05. Februar dann nochmals fast 1200 Punkte, insgesamt 4,6 %. \u201eDie Wirtschaft l\u00e4uft bestens, doch an den B\u00f6rsen herrscht gro\u00dfe Nervosit\u00e4t\u201c, berichtet \u201eSpiegel Online\u201c am 06.02.2018.<\/p>\n<p><strong>Angst<\/strong><\/p>\n<p>An den B\u00f6rsen weltweit geht die Angst umher, die Zeit des \u201ebilligen Geldes\u201c (quantitative easing) und der Nullzinspolitik k\u00f6nnte sich dem Ende zuneigen und damit die Grundlage des 10-j\u00e4hrigen Dauerbooms an den B\u00f6rsen ein Ende finden. Der Dow Jones hat seit 2009 um ca. 260 % zugelegt. Der deutsche Leitindex DAX tendierte in die gleiche Richtung, ohne dass jedoch die Wirtschaftsdaten der Realwirtschaften sowohl in den USA als auch im EU-Raum dieses Wachstum rechtfertigen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Nur dank der historisch einmaligen expansiven Nullprozent-Geldpolitik der US- und EU-Notenbanken, mit der diese auf die Weltfinanzkrise von 2007\/2008 reagierten, war dieses m\u00f6glich. 2007 platzten zun\u00e4chst in den USA und anschlie\u00dfend in mehreren L\u00e4ndern der EU die Spekulationsblasen an den Immobilienm\u00e4rkten, weil hunderttausende Arbeitsloser in den USA ihre Immobilienkredite nicht mehr bedienen konnten. Aber das war nicht der Grund, nur der Ausl\u00f6ser, der eine gewaltige Welle an \u00fcberakkumulierten Kapital, versteckt in faulen Finanzwetten wie \u201eDerivaten\u201c, entwertete. Mit klassischen Finanzprodukten wie z.\u00a0B. Lebensversicherungen war schon seit den 1980er Jahren immer weniger Rendite zu machen (\u00fcbrigens eine indirekte Kennziffer als Beleg f\u00fcr die Marx\u2018sche These vom \u201etendenziellen Fall der Profirate\u201c, bedingt durch den relativen R\u00fcckgang der allein produktiven menschlichen Arbeitskraft im Produktionsprozess). So war die Erfindung der \u201eDerivate\u201c, eines \u201ek\u00fcnstlichen\u201c Finanzproduktes mit weitgehend unbekanntem Inhalt, die selbst BankerInnen kaum verstanden und die ihren Wert allein aus dem Vertrauen in die (erkauften) \u201eTriple-A\u201c Bewertungen der Ratingagenturen sch\u00f6pften, ein letztlich vergeblicher Versuch des amerikanischen Finanzkapitals, eine ansehnliche Profitrate zu realisieren. Mit dem Platzen der spekulativen Immobilienblase 2007 rissen die faulen Immobilienkredite in Form von \u201eDerivaten\u201c weltweit Banken in den Abgrund und drohten, die Realwirtschaft in den kapitalistischen Zentren mit an die Wand zu fahren. Da viele Banken ihr Eigenkapital in Form von \u201elukrativen\u201c Derivaten verzinsen wollten, die jetzt nur noch Schrottwert repr\u00e4sentierten, kam auch der Kapitalfluss zwischen den konkurrierenden Banken zum Erliegen und damit war die Kreditierung der Realwirtschaft bedroht.<\/p>\n<p>Massive kreditfinanzierte staatliche Konjunkturprogramme erschienen als die einzige systemimmanente M\u00f6glichkeit, die Krisenfolgen zu begrenzen. Die Zinsen wurden auf \u201eNull\u201c gesetzt. Monatlich pumpten die Zentralbanken zusammen \u00fcber 140 Milliarden US-Dollar und Euro in die Finanzm\u00e4rkte. Dieses billige Geld landete nur zum geringen Teil als Kredit in der Realwirtschaft, da Investitionen sich kaum rentierten. Sein gro\u00dfer Anteil landete beim Finanzkapital zur Refinanzierung des maroden Bankenwesens. Durch das billige Geld wurde eine k\u00fcnstliche Nachfrage an den B\u00f6rsen geschaffen und die Kurse schossen in die H\u00f6he, weitgehend unabh\u00e4ngig von den realen Marktperspektiven der notierten Unternehmen. Neben massivem Zufluss in Aktien floss das billige Geld erneut auch in den Immobilienmarkt und befeuerte so dessen n\u00e4chste Blase.<\/p>\n<p>Zur Finanzierung dieser jahrelangen Nullzins-Konjunkturprogramme warfen die Notenbanken die Gelddruckmaschinen an. Mit dem frisch gedruckten Geld kauften die Notenbanken zudem all die Schrottpapiere der Banken auf, die w\u00e4hrend der Immobilienblase vor 2018 als Verbriefung der Subprime-Hypotheken die Weltfinanzm\u00e4rkte \u00fcberschwemmten und Investitionen an den Aktienm\u00e4rkten wurden dank des billigen Geldes wieder rentabel und ein nie gekannter Aktienboom folgte. Heute sind die Finanzm\u00e4rkte \u201e\u2026weiterhin wie Drogenabh\u00e4ngige auf das billige Geld der Notenbanken angewiesen.\u201c (\u201eSpiegel Online\u201c)<\/p>\n<p>Allerdings ist durch die Gelddruckerei und Nullzinspolitik kein einziges Problem des globalen Finanzkapitals gel\u00f6st worden. Im Gegenteil, es wurde zwar aktuell der gro\u00dfe Kollaps verhindert, aber die internationale Geldpolitik steht heute, 10 Jahre sp\u00e4ter, noch vor den gleichen Problemen wie 2007 vor dem Platzen der Immobilienblase in den USA. Genau betrachtet ist das Problem heute noch gr\u00f6\u00dfer, da sich mittlerweile eine gigantische Liquidit\u00e4tsblase gebildet hat.<\/p>\n<p>Diese historisch beispiellose expansive Geld- und Zinspolitik war auf der Basis der kapitalistischen \u00d6konomie tats\u00e4chlich (vor\u00fcbergehend) erfolgreich. Der Einbruch der Weltwirtschaft als Folge des Platzens der Immobilienblase in den USA 2007 und Europa 2008 (besonders in Spanien, Portugal und Griechenland) war zwar heftig, aber nicht von Dauer. Auch die b\u00fcrgerliche Politik hat also ihre Lektion aus der Weltwirtschaftskrise von 1929 gelernt.<\/p>\n<p>Allerdings haben die ergriffenen Ma\u00dfnahmen der Imperialistischen Regierungen ihre Nebenwirkungen. \u201eDie Kapitalistische Krisenpolitik l\u00f6scht n\u00e4mlich das Spekulationsfeuer mit Benzin.\u201c (T. Konicz, Konkret 3\/18). Die Gelddruck- und Nullzinspolitik leitet nur die erneute Blasenbildung auf h\u00f6herer Stufe wieder ein. Seit 2008 hat sich als Folge von \u201equantitative easing\u201c eine gigantische globale Liquidit\u00e4tsblase gebildet, die sich zuerst in den \u201eSchwellenl\u00e4ndern\u201c und anschlie\u00dfend in den imperialistischen Zentren weiter aufbl\u00e4hte. T\u00e4gliche sollen 4-6 Billionen Dollar\/Euro Anlage suchendes Kapital um den Erdball kreisen \u2013 eine gigantische Blase von \u00fcberakkumuliertem Kapital.<\/p>\n<p><strong>Gefangene ihres Systems<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Sinne ist die b\u00fcrgerliche Finanzpolitik tats\u00e4chlich zu einer Gefangenen der finanzmarktgetriebenen Blasen\u00f6konomie geworden. Es existiert f\u00fcr sie kein Weg, aus der Spekulationsdynamik zu entkommen. Sie kann nur eine Blase mit der n\u00e4chsten noch gr\u00f6\u00dferen bek\u00e4mpfen. Gr\u00f6\u00dfer, weil es offensichtlich nicht mehr gelingt, das \u201e\u00fcbersch\u00fcssige\u201c Kapital vollst\u00e4ndig zu vernichten und die M\u00e4rkte f\u00fcr eine gewisse Zeit zu bereinigen, wie der durch die Obama-Regierung verhinderte Bankrott von General Motors 2009 belegt: \u201eToo big to fail\u201c. Diese Ma\u00dfnahme rettete die Obama-Regierung, aber nicht den Kapitalismus.<\/p>\n<p>So wird durch die b\u00fcrgerliche Finanzpolitik lediglich der Boden f\u00fcr die n\u00e4chste Bonanza ged\u00fcngt und die Krisenpolitik ist nach jedem Absturz gezwungen, noch drastischere Ma\u00dfnahmen zu ergreifen.<\/p>\n<p>Weltweit sehen B\u00f6rsengurus schon die ersten Anzeichen, dass der aktuellen Liquidit\u00e4tsblase die Luft ausgeht. Den Einbr\u00fcchen auf den Aktienm\u00e4rkten Anfang Februar 2018 gingen steigende Zinsen bei Anleihen voraus.<\/p>\n<p>Die schlauen K\u00f6pfe der FAZ wollen wissen, dass die gute Konjunkturentwicklung gerade der \u00fcbersch\u00fcssigen Liquidit\u00e4t zu verdanken sein soll, die nicht nur die Finanzm\u00e4rkte, sondern auch die Konjunktur belebt. Es mangelt den klugen K\u00f6pfen allerdings an einem tiefgreifenden Verst\u00e4ndnis der Zusammenh\u00e4nge, so ist dieser Kommentar nur die \u00fcbliche Gesundbeterei der FreundInnen der freien \u201eMarktwirtschaft\u201c. Marx hat schon darauf hingewiesen, dass der Kapitalismus nie ges\u00fcnder aussieht als vor dem n\u00e4chster Crash. Auch 2008 hatte der spekulative Immobilienhype die Wirtschaft anst\u00e4ndig angekurbelt \u2013 bis zum unvermeidlichen Crash \u2013 ebenso 2003, als die Dotcom-Blase platzte<\/p>\n<p>Welche Instrumente k\u00f6nnten die Regierungen beim n\u00e4chsten Crash noch einsetzen? Zinsen tiefer als Null geht kaum, Geld Drucken ohne Limit? Diese Mittel sind schon aktuell ausgereizt. Das Instrumentarium der b\u00fcrgerlichen Krisenpolitik scheint sehr begrenzt zu sein. Die Zentralbanken der USA (FED) und der EU (EZB) k\u00f6nnten den ohnehin niedrigen Leitzins von 1,5-1,75 % (USA) und 0,00 % (EU), England 0,5\u00a0% (BoE), Japan 0,1\u00a0% (BoJ), Schweiz 0,75\u00a0% (SNB), China 2,55\u00a0% (PBoC) wieder stufenweise auf 0,0 % senken, was in der EURO-Zone schon wegf\u00e4llt. Eine Absenkung w\u00fcrde die Inflation anheizen, die in den USA jetzt schon \u00fcber 2 % liegt und im Deutschland bei 2,3 %. (laut ARD-Tagesschau vom 20.05.2018). Die Finanzpolitik befindet sich in einer Klemme: Einerseits m\u00fcssten die Zinsen erh\u00f6ht werden, um die Inflation in Grenzen zu halten, andererseits d\u00fcrfen sie nicht steigen, um die Aktienm\u00e4rkte nicht zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Eine steigende Inflation wird aber mittelfristig wahrscheinlich sein. \u00dcbrigens: Die KeynesianistInnen d\u00fcrfen sich keineswegs auf die Schulter klopfen, indem sie darauf verweisen, dass die expansive Geldpolitik keineswegs zur Inflation f\u00fchrt, wie es ja seit fast 10 Jahren den Anschein hat. Das ist so nicht zutreffend. Die Inflation fand nur nicht bei den Verbrauchsg\u00fctern statt, sondern auf dem Wertpapiermarkt. Dieser Inflationsdruck sickert nun in die Realwirtschaft durch. Zudem sind sowohl die L\u00e4nder der Peripherie als auch die des imperialistischen Kerns beiderseits des Atlantik 2018 viel h\u00f6her verschuldet, als sie es 2008 waren. Dieser Umstand bedroht vor allem die Euro-Zone, die sich nach der verheerenden Austerit\u00e4tspolitik Deutschlands erst allm\u00e4hlich erholt und einen erneuten schweren Einbruch kaum unbeschadet \u00fcberstehen wird. Italien d\u00fcrfte, nach Griechenland, Spanien, Portugal, Zypern und Island, das n\u00e4chste \u201eschw\u00e4chste Glied der Kette\u201c in der EU werden. Die ersten Banken in Italien wackeln schon, die Wirtschaft hinkt weit hinter der Produktivit\u00e4t der f\u00fchrenden L\u00e4nder wie Deutschland hinterher, die Lasten (Zinsen) der Staatsschulden steigen unabl\u00e4ssig. Und die politische F\u00fchrung befindet sich in einer tiefen Krise. Schlie\u00dflich dr\u00fccken die alten Schrottpapiere von 2008 noch auf die Bilanzen der Notenbanken. Die EZB hat ihr Aufkaufprogramm gerade erst verl\u00e4ngert.<\/p>\n<p>Die aktuellen Nervosit\u00e4ten auf den Finanzm\u00e4rkten sind wahrscheinlich ausgel\u00f6st worden, weil die Regierungen zum kapitalistischen \u201eNormalzustand\u201c von vor 2008, weg von der expansiven Geldpolitik, zur\u00fcckkehren wollen. Die Psychologie, das Vertrauen der FinanzakteurInnen in die M\u00e4rkte, spielt in der Konkurrenz eine wichtige Rolle. Eine R\u00fcckkehr zur \u201eNormalit\u00e4t\u201c scheint augenblicklich nicht m\u00f6glich. Das nimmt der Liquidit\u00e4tsblase die Luft zum Atmen. Die Steuerungsinstrumente sind vorwiegend verbraucht und stumpf. So bleibt angesichts des kommenden Krisenschubs eigentlich nur ein Ausweg: die Entwertung des Werts, die Vernichtung von Billionen von Dollar und Euro an Kapital. In der Finanzmarktkrise 2007 \u201ehat die Finanzkrise weltweit Verm\u00f6genswerte im Umfang von 50 Billionen Dollar vernichtet.\u201c (FAZ-Online, 09.03.2009). Zu wenig f\u00fcr eine richtige kapitalistische Marktbereinigung und wahrscheinlich \u201ePeanuts\u201c f\u00fcr die kommende Weltwirtschaftskrise.<\/p>\n<p>Der IWF hat die Reichen dieser Welt schon vor ein paar Jahren vor dieser Art Zwangsenteignung als Krisenl\u00f6sung gewarnt. Nat\u00fcrlich hat, wie Marx schon wusste, wie immer keine\/r richtig zugeh\u00f6rt, weil es jede\/r wei\u00df oder ahnt, aber doch hofft, dass es allein die KonkurrentInnen trifft. Unabh\u00e4ngig davon kann auch der\/die Superreiche die Logik des Systems nicht \u00e4ndern.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2018\/07\/10\/finanzkrise-ohne-ende-der-naechste-kollaps-eine-frage-der-zeit\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em>Vom 11. Juli 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Neumann. Anfang Februar 2018 ereignete sich Merkw\u00fcrdiges. 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