{"id":3769,"date":"2018-07-13T09:40:56","date_gmt":"2018-07-13T07:40:56","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3769"},"modified":"2018-07-13T09:40:56","modified_gmt":"2018-07-13T07:40:56","slug":"der-klassenkampf-um-die-loehne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3769","title":{"rendered":"Der Klassenkampf um die L\u00f6hne"},"content":{"rendered":"<p><em>Eric London.<\/em> In einem Artikel mit dem Titel \u201eWorkers Welcome Wage Gains, But Companies Feel Squeeze\u201c (\u201eArbeiter begr\u00fc\u00dfen Lohnzuw\u00e4chse, doch Unternehmen sehen sich bedr\u00e4ngt\u201c) warnt<!--more--> das\u00a0<em>Wall Street Journal<\/em>, dass die Forderungen der Arbeiter nach h\u00f6heren L\u00f6hnen die Bonanza an den B\u00f6rsen zu beenden drohen.<\/p>\n<p>Der Artikel erkennt an, dass das Bestreben der Arbeiter, die Jahre stagnierender und sinkender L\u00f6hne r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, im Widerspruch zum Profitstreben der amerikanischen Unternehmen steht. Die Zeitung r\u00e4umt damit implizit ein, dass sich die Arbeiterklasse und die Kapitalistenklasse in einem Klassenkrieg befinden, in dem die Gewinne auf der einen mit den Verlusten auf der anderen Seite unmittelbar verkn\u00fcpft sind.<\/p>\n<p>\u201eSteigende L\u00f6hne beginnen, die Gewinne einiger US-Unternehmen aufzufressen\u201c, beginnt der Artikel. \u201eIn den letzten Monaten warnten Unternehmen von Dollar-L\u00e4den \u00fcber Hotelbetreiber bis hin zu Fast-Food-Ketten, dass h\u00f6here Lohnkosten ihre Gewinne belasten &#8211; ein potenzieller Gegenwind f\u00fcr die neunj\u00e4hrige B\u00f6rsenrallye, die vor der Gewinnsaison im zweiten Quartal um Schwung k\u00e4mpft.\u201c<\/p>\n<p>Arbeiter wissen, dass das durchschnittliche Lohnwachstum von 2,5 Prozent in den letzten 16 Monaten nicht ausreicht, um mit den steigenden Lebenshaltungskosten Schritt zu halten. Aus Sicht des\u00a0<em>Wall Street Journal<\/em>\u00a0ist dieser leichte Anstieg jedoch eine \u201eBedrohung\u201c.<\/p>\n<p>Der Artikel bezieht sich auf einen Bericht von Goldman Sachs, in dem festgestellt wird, dass ein Anstieg der Arbeitskosten um ein Prozent die Unternehmensgewinne um 0,8 Prozent verringert. Mit anderen Worten: der Boom der Unternehmensgewinne h\u00e4ngt von Angriffen auf L\u00f6hne und von der verst\u00e4rkten Ausbeutung der Arbeiterklasse ab.<\/p>\n<p>Vor dem Artikel im\u00a0<em>Wall Street Journal\u00a0<\/em>wurden bereits die Protokolle eines Treffens der F\u00fchrung der US-Notenbank (Fed) im Juni ver\u00f6ffentlicht. Aus ihnen geht hervor, dass die Zentralbanker des Landes vor allem die Gefahr eines Anstiegs der Inflation umtreibt. Damit meinen sie in erster Linie die L\u00f6hne. Das\u00a0<em>Wall Street\u00a0Journal<\/em>\u00a0berichtete am Mittwoch, dass eine Mehrheit des F\u00fchrungspersonals der Fed-Regionalbanken inzwischen eine schnellere Erh\u00f6hung der Zinss\u00e4tze bef\u00fcrwortet. Das Ziel dieses Kurswechsels besteht darin, das Wirtschaftswachstum und die Rate der Neueinstellungen zu verlangsamen, um den Anzeichen eines wachsenden Lohndrucks der amerikanischen Arbeiterklasse zuvorzukommen.<\/p>\n<p>Im Jahrzehnt nach der Finanzkrise 2007\/2008 hat die Kapitalistenklasse der sozialen Stellung der Arbeiterklasse m\u00e4chtige Schl\u00e4ge versetzt. Als Folge ist die Arbeiterklasse in den USA, dem \u201ereichsten Land der Welt\u201c, mit einem Ausma\u00df an wirtschaftlichem Elend konfrontiert, wie man es seit den 1930er Jahren nicht mehr gesehen hat.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Unternehmensgewinne auf neue H\u00f6hen klettern, wird die Lebenswirklichkeit von Millionen von Arbeitnehmern durch das Anwachsen der Faktoren sozialen Elends bestimmt: zunehmender Opioidmissbrauch, steigende M\u00fcttersterblichkeit, ersch\u00f6pfende und gef\u00e4hrliche Arbeitsbedingungen, sinkende Lebenserwartung, br\u00f6ckelnde Infrastruktur und Berge von Studienkrediten.<\/p>\n<p>Es handelt sich dabei um ein internationales Ph\u00e4nomen. Die Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat k\u00fcrzlich ihren Global Employment Outlook Report 2018 ver\u00f6ffentlicht. Darin hei\u00dft es: \u201eEnde 2017 stiegen die Nominall\u00f6hne im OECD-Raum nur halb so schnell wie kurz vor der Gro\u00dfen Rezession bei vergleichbaren Arbeitslosenzahlen.\u201c Als Folge sei \u201edie Armut in der Bev\u00f6lkerung im erwerbsf\u00e4higen Alter gewachsen.\u201c<\/p>\n<p>Die L\u00f6hne haben nicht nur nicht mit den steigenden Unternehmensgewinnen Schritt gehalten, sondern sind zudem hinter der Produktivit\u00e4tssteigerung zur\u00fcckgeblieben. Im OECD-Bericht hei\u00dft es: \u201eW\u00e4ren die realen mittleren L\u00f6hne dem Produktivit\u00e4tswachstum in den Jahren 1995 bis 2014 in einer Linie gefolgt, w\u00e4ren sie am Ende dieses Zeitraums um 13 Prozent h\u00f6her ausgefallen.\u201c<\/p>\n<p>Die herrschenden Klassen der USA und Europas nutzten die Finanzkrise und die daraus resultierende Massenarbeitslosigkeit, um die L\u00f6hne zu dr\u00fccken, die Unternehmensgewinne zu steigern und die Ausbeutung zu intensivieren. Diese Entwicklung hat sich in j\u00fcngster Zeit trotz nominal niedrigerer Arbeitslosenquoten fortgesetzt.<\/p>\n<p>Von 1995 bis 2013 sank der Gesamtanteil der Arbeiterklasse am Bruttoinlandsprodukt in der OECD um 3,5 Prozentpunkte &#8211; ein Wert, der bis zum Ende dieses Zeitraums einer Umverteilung von Verm\u00f6gen in H\u00f6he von etwa 1,89 Billionen Dollar pro Jahr entspricht.<\/p>\n<p>In den Vereinigten Staaten sank der Anteil der Arbeiter am nicht landwirtschaftlichen Nationaleinkommen von 66,4 Prozent im Jahr 2000 auf 58,9 Prozent im Jahr 2018 &#8211; ein Verm\u00f6genstransfer, der allein im Jahr 2018 1,4 Billionen Dollar betragen wird.<\/p>\n<p>Diese massiven Verschiebungen sind nicht das Ergebnis von \u201ezuf\u00e4lligen\u201c Wirtschaftsprozessen, sondern einer bewussten Politik der herrschenden Klassen der gro\u00dfen Finanzm\u00e4chte in den USA und Europa. Ab 2008 begann die US-Notenbank damit, hunderte Milliarden Dollar in die Tresore der Banken und Unternehmen zu pumpen, die Zinss\u00e4tze auf oder nahe Null zu halten und den Aktienmarkt aufzublasen.<\/p>\n<p>Die Obama-Regierung f\u00fchrte, nachdem sie bei der Bankenrettung mit der Regierung unter Bush zusammengearbeitet hatte, eine Strategie ein, um die L\u00f6hne und Sozialleistungen der Arbeiter drastisch zu k\u00fcrzen. Bei der Rettung der Autokonzerne im Jahr 2009 hat das Wei\u00dfe Haus unter Obama den neu eingestellten Arbeitern mit voller Unterst\u00fctzung der Gewerkschaft United Auto Workers eine pauschale Lohnk\u00fcrzung von 50 Prozent aufgen\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Mit der Verabschiedung von Obamacare im Jahr 2010 gaben die Demokraten den Unternehmen Anreize, die Kosten der Arbeiter f\u00fcr ihre Gesundheitsversorgung zu erh\u00f6hen und gleichzeitig die Leistungen zu k\u00fcrzen oder die betriebliche Gesundheitsversorgung ganz abzuschaffen. Die Insolvenz von Detroit in den Jahren 2013 und 2014 war ein Meilenstein bei den Angriffen auf die Renten- und Gesundheitsleistungen der Besch\u00e4ftigten des \u00f6ffentlichen Diensts.<\/p>\n<p>Die Arbeitspl\u00e4tze, die nach dem Finanzcrash geschaffen wurden, waren in ihrer gro\u00dfen Mehrheit Teilzeit-Jobs und schlecht bezahlt. Wie die San Francisco Federal Reserve letzte Woche best\u00e4tigte, wird sich am \u201ehohen Anteil unfreiwilliger Teilzeitarbeit nichts \u00e4ndern.\u201c Die Ungleichheit hat Ausma\u00dfe erreicht, die historisch beispiellos sind: Die Verm\u00f6gen der drei reichsten Menschen in den USA entspricht heute dem Nettowert der \u00e4rmeren H\u00e4lfte der US-Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Diese soziale Konterrevolution wurde durch die Unterdr\u00fcckung des Klassenkampfes erm\u00f6glicht. Die entscheidende Rolle spielten dabei die Gewerkschaften. Die Gesamtzahl der Streikaktivit\u00e4ten in den USA sank w\u00e4hrend der letzten zehn Jahre auf den niedrigsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen durch die Regierung im Jahr 1947.<\/p>\n<p>Der schnell wachsende Zahl von Streikaktivit\u00e4ten in diesem Jahr, angef\u00fchrt von den Streiks der Lehrer in West Virginia, Oklahoma und Arizona, und vor allem die Tatsache, dass die Streiks auf Initiative der Lehrer \u2013 nicht der Gewerkschaften \u2013 begonnen wurden, jagten der herrschenden Klasse einen Schrecken ein und haben sie dazu veranlasst, wirtschaftliche Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, um die Militanz der Arbeiter zu untergraben.<\/p>\n<p>Die soziale Konterrevolution wird weltweit vorangetrieben. In ganz Europa \u00fcberbieten sich die Regierungen bei der Umsetzung von Ma\u00dfnahmen, die darauf abzielen, das zu beseitigen, was von den sozialen Sicherheitsnetzen noch \u00fcbrig ist: die K\u00fcrzungen im Gesundheitswesen und im \u00f6ffentlichen Wohnungsbau in Gro\u00dfbritannien, die Verabschiedung von drakonischen Arbeitsgesetzen und die Angriffe auf die Eisenbahner in Frankreich, neue Sparma\u00dfnahmen in Deutschland und die von der EU diktierten Sparma\u00dfnahmen in Spanien, Italien und Griechenland.<\/p>\n<p>Arbeiter auf der ganzen Welt, die in wachsendem Ma\u00dfe durch internationale Kommunikations- und Versorgungslinien miteinander verbunden sind, fordern erhebliche Lohnerh\u00f6hungen. In den USA forderten die Lehrer in Arizona 20.000 Dollar mehr Lohn. In Deutschland forderten die Metaller eine 6-prozentige Lohnerh\u00f6hung f\u00fcr 3,9 Millionen Besch\u00e4ftigte. In Frankreich streiken die Eisenbahner weiterhin gegen Angriffe auf L\u00f6hne und Sozialleistungen. Norwegische \u00d6larbeiter streikten am Dienstag und forderten eine 8-prozentige Lohnerh\u00f6hung.<\/p>\n<p>In Brasilien und China haben Lkw-Fahrer f\u00fcr deutliche Lohnerh\u00f6hung gestreikt, w\u00e4hrend ihre Kollegen in Argentinien 30 Prozent mehr verlangen. In S\u00fcdafrika stimmten am Freitag Tausende von Besch\u00e4ftigten der \u00f6ffentlichen Versorgungsbetriebe gegen ein Angebot ihres Arbeitgebers Eskom \u00fcber eine Lohnerh\u00f6hung von 7 Prozent. Textilarbeiter in Bangladesch versammeln sich zu Protesten und fordern, dass ihnen der Mindestlohn ausgezahlt wird.<\/p>\n<p>Die Sorge des\u00a0<em>Wall Street Journals<\/em>\u00a0besteht darin, dass jeglicher Lohndruck die B\u00f6rse wie ein Kartenhaus zum Einsturz bringt. Doch bei jedem Streik und jedem Protest stellt sich der Arbeiterklasse die grundlegende Frage: Wer kontrolliert, wie der Reichtum der Welt verteilt wird?<\/p>\n<p>Die amerikanische Sektion der Vierten Internationale, die Socialist Equality Party, fordert die Enteignung der Gro\u00dfunternehmen und Banken und deren Umwandlung in \u00f6ffentliche Versorgungsbetriebe.<\/p>\n<p>Die immensen wirtschaftlichen und technologischen Kapazit\u00e4ten, die derzeit zur Ausbeutung der Arbeiter und zur Vergr\u00f6\u00dferung des Reichtums der Finanzoligarchie genutzt werden, m\u00fcssen in Instrumente f\u00fcr die Reorganisation der Weltwirtschaft umgewandelt werden, um den menschlichen Bed\u00fcrfnissen gerecht zu werden. Die Billionen Dollar, die von den L\u00f6hnen und Sozialleistungen abgezogen und an die B\u00f6rse geleitet werden, m\u00fcssen in ein Programm zur Finanzierung \u00f6ffentlicher Arbeiten flie\u00dfen, um Wohnungen, Gesundheitsversorgung, Bildung, angemessene Ern\u00e4hrung, sauberes Wasser und Zugang zu Kultur f\u00fcr Milliarden Menschen weltweit zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/p>\n<p>Dies erfordert den revolution\u00e4ren Sturz des Kapitalismus und den Aufbau des Sozialismus.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/07\/13\/pers-j13.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 13. Juli 2018 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eric London. In einem Artikel mit dem Titel \u201eWorkers Welcome Wage Gains, But Companies Feel Squeeze\u201c (\u201eArbeiter begr\u00fc\u00dfen Lohnzuw\u00e4chse, doch Unternehmen sehen sich bedr\u00e4ngt\u201c) warnt<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[87,41,26,45,22,46],"class_list":["post-3769","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-international","tag-arbeitswelt","tag-europa","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-politische-oekonomie","tag-usa"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3769","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3769"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3769\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3770,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3769\/revisions\/3770"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3769"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3769"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3769"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}