{"id":3786,"date":"2018-07-18T08:23:15","date_gmt":"2018-07-18T06:23:15","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3786"},"modified":"2018-07-18T08:23:15","modified_gmt":"2018-07-18T06:23:15","slug":"amazon-prime-day-gewerkschaften-unterlaufen-streiks-in-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3786","title":{"rendered":"Amazon Prime Day: Gewerkschaften unterlaufen Streiks in Europa"},"content":{"rendered":"<p><em>Will Morrow und Genevieve Leigh.\u00a0<\/em>Tausende Amazon-Besch\u00e4ftigte in Spanien, Deutschland und Polen stehen am so genannten \u201ePrime Day\u201c im Kampf gegen Amazon. Diesen Tag hat der Konzern<!--more--> als besonderen Schn\u00e4ppchentag eigens erfunden, und er erwartet ein dementsprechend hohes Bestellvolumen.<\/p>\n<p>In jedem Land bem\u00fchen sich die Gewerkschaften, den Streik so gut es geht zu begrenzen und jede sinnvolle Koordinierung der Arbeiter \u00fcber die Grenzen hinweg zu verhindern.<\/p>\n<p>In den Vereinigten Staaten ist der Prime Day die Gelegenheit f\u00fcr eine riesige Medienkampagne des Konzerns. Er kommt einem kommerziellen Feiertag wie dem \u201eBlack Friday\u201c gleich, dem hohen Feiertag nach dem amerikanischen Thanksgiving. Die Medien tun ihr M\u00f6glichstes, um Amazon eine riesige kostenlose Werbeplattform f\u00fcr seinen mit Abstand st\u00e4rksten Umsatztag des Jahres zu bieten.<\/p>\n<p>2017 belief sich der Umsatz am Prime Day auf sch\u00e4tzungsweise 2,41 Milliarden Dollar, 60 Prozent mehr als im Jahr davor. In den 30 Stunden, die dieses Ereignis insgesamt dauerte, \u00fcbertraf Amazon seine addierten Verk\u00e4ufe von \u201eBlack Friday\u201c und \u201eCyber Monday\u201c vom Vorjahr und gewann mehr neue Prime-Kunden als jemals zuvor.<\/p>\n<p>Auch diesmal stiegen in Erwartung neuer Rekordzahlen die Amazon-Aktien schon am Montag um ein halbes Prozent. Jeff Bezos, Amazons gr\u00f6\u00dfter Anteilseigner, steigerte sein Nettoverm\u00f6gen auf 150 Milliarden Dollar. Einen derartigen Reichtum konnte er nur durch die brutale Ausbeutung der globalen Amazon-Belegschaft anh\u00e4ufen, die mehr als eine halbe Million Arbeiterinnen und Arbeiter umfasst.<\/p>\n<p>F\u00fcr Amazon-Besch\u00e4ftigte sind der Prime Day und die Wochen davor gleichbedeutend mit versch\u00e4rfter Ausbeutung und zerm\u00fcrbender Knochenarbeit. In hei\u00dfen und schlecht bel\u00fcfteten Lagerh\u00e4usern sind sie mit Arbeitsverdichtung und zwangsweisen \u00dcberstunden konfrontiert. Das enorme technologische Potential, das es m\u00f6glich macht, dass Amazon am gleichen oder am n\u00e4chsten Tag liefern kann, bedeutet im Kapitalismus immer schwerere Arbeitsbedingungen f\u00fcr die Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>In Europa findet der gr\u00f6\u00dfte Streik in Spanien statt. Dort befindet sich das Auslieferungslager San Fernando (MAD4 im Amazon-Jargon) in der N\u00e4he von Madrid. Dort wird von Montag bis Mittwoch drei Tage lang gestreikt. Das 77.000 Quadratmeter gro\u00dfe Geb\u00e4ude ist das gr\u00f6\u00dfte und \u00e4lteste spanische Amazon-Fullfillment Center. Es wurde 2012 er\u00f6ffnet und besch\u00e4ftigt 2.000 Arbeiter, etwa 1100 Festangestellte und 900 Zeitarbeiter.<\/p>\n<p>Vor dem Streik bei MAD4 gab es Ende M\u00e4rz schon einen zweit\u00e4gigen Streik, nachdem ein Tarifvertrag zwischen den Arbeitern und Amazon schon 2016 ausgelaufen war, ohne dass seither ein neuer vereinbart wurde. Amazon greift schon seit Bestehen des Lagers die Nachtschichtzulagen und Zusch\u00fcsse zur Gesundheitsversorgung an. 2016 wiesen die Arbeiter den Tarifvertragsentwurf zur\u00fcck, den die Firma offerierte, weil Amazon darin nur eine \u201eLohnerh\u00f6hung\u201c unterhalb der Inflationsrate zugestehen wollte. Der Durchschnittslohn in dem Logistikcenter liegt nur bei etwa 19.000 Euro im Jahr, und der Vertrag sah zus\u00e4tzlich eine Absenkung der Nachtschicht- und \u00dcberstundenzulagen vor.<\/p>\n<p>Besonders prek\u00e4r ist die Lage f\u00fcr die Zeitarbeiter. Manchmal werden sie nur f\u00fcr Monate oder auch nur f\u00fcr Wochen eingestellt.<\/p>\n<p>Amazon-Arbeiter in ganz Spanien, Europa und weltweit sind bereit, gegen ihre unertr\u00e4glichen Arbeitsbedingungen und f\u00fcr bessere L\u00f6hne, Arbeitssicherheit und Gesundheitsversorgung zu k\u00e4mpfen. Die Gewerkschaften unterdr\u00fccken jedoch einen solchen echten Arbeitskampf und hindern die Arbeiter daran, sich \u00fcber die Grenzen zusammenzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>In Spanien haben die Gewerkschaften den Streik auf ein einziges Auslieferungslager und auf einzelne, kurze Streiks begrenzt, um sicherzustellen, dass Amazon die Auftr\u00e4ge in andere Zentren umdirigieren und die Auswirkungen auf sein Gesch\u00e4ft so gering wie m\u00f6glich halten kann. Amazon verf\u00fcgt in Europa insgesamt etwa f\u00fcnfzig Lagerh\u00e4user und Auslieferungslager.<\/p>\n<p>Ein Gewerkschaftsf\u00fchrer, Marc Balmes von der CGT, erkl\u00e4rte gegen\u00fcber der lokalen Presse, dass Amazon mehr als einen Monat Zeit hatte, seine Waren und sein Gesch\u00e4ft in San Fernando umzuorganisieren, sodass der Streik keine negativen Auswirkungen auf seine Lieferkette f\u00fcr den Prime Day f\u00fcrchten musste. Andere spanische und europ\u00e4ische Lager haben die L\u00fccken gef\u00fcllt.<\/p>\n<p>In Deutschland hat Verdi zu einem Streik am Dienstag in sechs seiner Lagerh\u00e4user aufgerufen. An dem Streik beteiligten sich im Ganzen etwa 2400 Mitarbeiter. In Bad Hersfeld waren rund 600, in Leipzig und Graben bei Augsburg je etwa 500 und an den \u00fcbrigen drei Standorten \u2013 Rheinberg und Werne (NRW) und Koblenz (Rheinland-Pfalz) \u2013 zwischen 200 und 300 Mitarbeiter im Streik.<\/p>\n<p>Verdi konzentriert ihre Forderungen seit f\u00fcnf Jahren darauf, dass Amazon den deutschen Einzelhandels-Tarifvertrag akzeptieren solle. Im Besonderen betonte Verdi an diesem Tag die Frage eines \u201eGesundheitstarifvertrags\u201c, ohne genauer darauf einzugehen, was dessen Inhalt sein w\u00fcrde, vorausgesetzt, der Konzern lie\u00dfe sich darauf ein. Im Wesentlichen geht es der Dienstleistungsgewerkschaft darum, vom Amazon-Konzern als verl\u00e4sslicher Verhandlungspartner akzeptiert und ernst genommen zu werden.<\/p>\n<p>Wie in Spanien gab Amazon auch in Deutschland provokativ bekannt, dass der Streik die Gesch\u00e4ftsabl\u00e4ufe und die Auftragsabwicklung beim Prime Day nicht beeintr\u00e4chtigen werde. Der Konzern behauptet, nur ein kleiner Teil der insgesamt 16.000 Besch\u00e4ftigten in Deutschland habe an dem Streik teilgenommen, und dieser habe keine Auswirkungen gehabt.<\/p>\n<p>In Polen haben die Gewerkschaften lediglich zu einer \u201eSafe Package\u201c-Aktion aufgerufen, also zu einem Dienst nach Vorschrift, der kein offizieller Streik ist. Weil die Gewerkschaft sich weigert, einen wirklich grenz\u00fcberschreitenden gemeinsamen Arbeitskampf zu f\u00fchren, sind es oft gerade Lagerh\u00e4user in Polen und Tschechien, die bei Streiks in Deutschland in die Bresche springen.<\/p>\n<p>Die Streiks bei Amazon in Europa sind Teil der wachsenden Militanz von Arbeitern auf der ganzen Welt. Gerade auch in Lagerh\u00e4usern und in der Logistik-Branche kommt es vermehrt zu Streiks. Auch den Arbeitern bei United Parcel Services (UPS), FedEx und anderen Paketdiensten drohen am Prime Day in gro\u00dfem Umfang Mehrarbeit. In den Vereinigten Staaten haben die Arbeiter bei UPS im vergangenen Monat zu 93 Prozent f\u00fcr Streik gestimmt, um einen besseren Tarifvertrag durchzusetzen.<\/p>\n<p>Bei UPS und Amazon stehen den Arbeitern nicht nur die Konzerne als Feinde gegen\u00fcber, sondern auch die Gewerkschaften, die sie angeblich vertreten. Die Teamster Gewerkschaft, die bei UPS die meisten der fast eine Viertelmillion Besch\u00e4ftigten vertritt, hat einen Tarifvertrag abgeschlossen, der die Interessen der Arbeiter ausverkauft. Er umfasst eine neue Tarifgruppe f\u00fcr niedrig bezahlte Fahrer. Es gilt weiter eine siebzig-Stunden-Woche, und es ist dauerhaft ist daf\u00fcr gesorgt, dass die Teilzeitarbeiter, die bis zu 70 Prozent der Belegschaft ausmachen, Armutsl\u00f6hne erhalten.<\/p>\n<p>Letzte Woche gab die Gewerkschaft bekannt, dass sie den Zeitrahmen f\u00fcr die Verhandlungen um mindestens 60 Tage, bis zum 31. Juli, verl\u00e4ngern werde, d.h. \u00fcber die Laufzeit des alten Vertrags hinaus. Der Zweck dieses Man\u00f6vers besteht darin, dass die Gewerkschaft Zeit gewinnen will, um die Opposition gegen den neuen Tarifvertrag unter den Mitgliedern zu unterlaufen.<\/p>\n<p>Die Antwort auf die globalen Operationen der riesigen Logistikkonzerne wie Amazon muss die Vereinigung der K\u00e4mpfe der Arbeiter \u00fcber nationale Grenzen hinweg sein. Die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.gleichheit.de\/service\/kontakt\/\"><strong>Sozialistische Gleichheitspartei<\/strong><\/a>\u00a0(SGP) und ihre internationalen Schwesterorganisationen schlagen die Bildung von Basiskomitees bei Amazon und UPS und bei anderen Teilen der Arbeiterklasse vor. Nur solche Komitees, die unabh\u00e4ngig von den arbeiterfeindlichen Gewerkschaften arbeiten, k\u00f6nnen einen vereinten Kampf wirklich ernsthaft f\u00fchren, ohne dass die Gewerkschaften ihre Aktionen gegen die Konzerne jedesmal wieder abw\u00fcrgen.<\/p>\n<p>Die riesigen Verteiler und Logistiker, die gegenw\u00e4rtig noch unter der Kontrolle von Milliard\u00e4ren wie Bezos stehen, m\u00fcssen enteignet und unter die demokratische Kontrolle der arbeitenden Bev\u00f6lkerung gestellt werden. Das muss als Bestandteil der rationalen Reorganisierung der Gesellschaft auf sozialistischer Grundlage geschehen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/07\/18\/amaz-j18.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. Juli 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Will Morrow und Genevieve Leigh.\u00a0Tausende Amazon-Besch\u00e4ftigte in Spanien, Deutschland und Polen stehen am so genannten \u201ePrime Day\u201c im Kampf gegen Amazon. 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