{"id":3795,"date":"2018-07-19T08:14:19","date_gmt":"2018-07-19T06:14:19","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3795"},"modified":"2018-07-19T08:14:19","modified_gmt":"2018-07-19T06:14:19","slug":"revolution-und-katastrophe-in-syrien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3795","title":{"rendered":"Revolution und Katastrophe in Syrien"},"content":{"rendered":"<p><em>Manfred Ecker. <\/em>\u00dcber eine Niederlage zu schreiben ist eine wirklich schwierige Angelegenheit! Wir alle m\u00fcssen akzeptieren: die syrische Revolution ist endg\u00fcltig niedergeschlagen worden, und<!--more--> der Rachefeldzug Assads ist noch nicht vorbei. Jede Woche morden und vergewaltigen Assads Truppen \u00dcberlebende in den Gebieten, die sie zuvor mit Bomben und Raketen zerst\u00f6rt haben.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich scheinen die Kr\u00e4fte Recht bekommen zu haben, die immer schon negativ gegen\u00fcber der Revolution eingestellt waren. Und hier sind nicht nur die falschen Antiimperialisten angesprochen, die jeden Bl\u00f6dsinn wiederk\u00e4uen, der ihnen von Assads oder Putins Propagandamaschine eingetrichtert wird. Diese \u201eGenoss_innen\u201c gehen soweit, die Konterrevolution als Abwehrkampf eines \u201eantiimperialistischen Regimes\u201c gegen den Westen zu portr\u00e4tieren.<\/p>\n<p><strong>Natur des Regimes<\/strong><\/p>\n<p>Hier sind auch die oberfl\u00e4chlichen Kritiker der Revolution gemeint, die die syrische Revolution ohne irgendwelche seri\u00f6sen Recherchen als religi\u00f6sen Konflikt oder als Krieg zwischen arabischen Sekten abgetan haben.<\/p>\n<p>Der syrische Sozialist Joseph Daher bringt es ziemlich einfach auf den Punkt: Assads Regime ist kein alawitisches Regime, sondern das autorit\u00e4re Regime eines Familienclans, das Spannungen sowohl zwischen Religionsgruppen als auch zwischen Nationen und St\u00e4mmen erzeugt und eskaliert hat, um sie zugunsten ihres Machterhalts zu manipulieren. Au\u00dferdem haben sich Teile aller Bev\u00f6lkerungsgruppen \u2013 Sunniten, Christen, Alawiten, Kurden, und viele mehr \u2013 an der Revolution gegen das Regime beteiligt.<\/p>\n<p><strong>Rolle von Imperialismus<\/strong><\/p>\n<p>Genauso wenig f\u00fchrt das Regime gemeinsam mit seinen Verb\u00fcndeten Russland, Iran und Hisbollah einen Abwehrkampf gegen den westlichen Imperialismus. Imperialismus spielt zwar eine wichtige und schreckliche Rolle in Syrien, aber der russische Imperialismus spielt keine sauberere Rolle als der des Westens, der Golf-Staaten, der T\u00fcrkei oder des Iran.<\/p>\n<p>Immerhin stimmt eines: US-Imperialismus, bzw. seine Schw\u00e4chung infolge der f\u00fcrchterlichen Invasion im Irak, war mit ein Ausl\u00f6ser f\u00fcr den Arabischen Fr\u00fchling. Der Iran ist ein wirklicher Profiteur des US-Debakels im Irak und steht deshalb immer st\u00e4rker im Kreuzfeuer der US-treuen Staaten der Region um den arabischen Golf, allen voran Israel und Saudi-Arabien.<\/p>\n<p>Als die syrische Revolution im M\u00e4rz 2011 ausbrach, lehnten sich die USA noch zur\u00fcck und hofften auf eine entscheidende Schw\u00e4chung des mit dem Iran verb\u00fcndeten Assad-Regimes. Sie lie\u00dfen auch die arabischen Regierungen gew\u00e4hren, als diese verschiedenste dschihadistische Milizen ausr\u00fcsteten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter sahen sie sich gezwungen, direkt im syrischen B\u00fcrgerkrieg mitzumischen, als dessen Verlauf den Irak wieder destabilisierte. Alle internationalen Parteien, die in den vergangenen Jahren in Syrien mitgemischt haben, haben mit Assad eines gemeinsam: sie sind keine Freunde des Befreiungskampfs der syrischen Revolution.<\/p>\n<p><strong>Die syrische Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Die syrische Revolution begann im Kontext des Arabischen Fr\u00fchlings. Menschen versammelten sich um die Botschaften von Tunesien und \u00c4gypten und feierten die Aufst\u00e4nde. Am 15. M\u00e4rz 2011 kam es zur ersten gro\u00dfen Demonstration f\u00fcr die Freilassung von politischen Gefangenen. Die Slogans waren ganz bewusst gegen Sektierertum gerichtet:\u00a0\u201eDas syrische Volk ist eins und vereint!\u201c\u00a0oder\u00a0\u201eMeine Sekte hei\u00dft Freiheit!\u201c\u00a0Das Regime reagierte mit brutalsten Methoden \u2013 gezielten T\u00f6tungen, Massenverhaftungen, Folter.<\/p>\n<p>Um \u00fcberhaupt demonstrieren zu k\u00f6nnen, war die Bev\u00f6lkerung bald gezwungen, die Polizei und das Milit\u00e4r v\u00f6llig aus bestimmten Bezirken zu verbannen. Diese \u201ebefreiten Zonen\u201c verbreiteten sich wie ein Lauffeuer und bald waren drei Viertel des Landes nicht mehr unter der Kontrolle des Regimes. Truppen, die gesandt wurden, um die Bev\u00f6lkerung zu bestrafen, liefen mit ihrem gesamten Waffenarsenal \u00fcber. Assad hatte au\u00dfer seinen brutalen paramilit\u00e4rischen Sondereinheiten, genannt \u201eSchabiha\u201c, bald keine Einheiten mehr, auf die er sich verlassen konnte.<\/p>\n<p><strong>Selbstorganisation<\/strong><\/p>\n<p>In den befreiten Zonen entwickelte die Bev\u00f6lkerung den h\u00f6chsten Grad an Selbstorganisation unter all den Revolutionen und Aufst\u00e4nden im arabischen Raum und Nordafrika: Ganze St\u00e4dte wurden komplett von der Bev\u00f6lkerung kontrolliert. Die lokalen R\u00e4te improvisierten Spit\u00e4ler, betrieben unterirdische Schulen, sorgten f\u00fcr Wasser und Strom, sicherten lokale Nahrungsmittelproduktion, Verwaltung, Gesundheitsversorgung, politisches Leben und Gerichtsbarkeit \u2013 sie ersetzten alle staatlichen Strukturen durch meist demokratisch gew\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Diese Experimente in Selbstorganisation sind wohl die wichtigste Errungenschaft, die aus Syrien zu den Arabischen Revolutionen beigesteuert wurde.<\/p>\n<p><strong>Militarisierung der Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Das unabl\u00e4ssige Bombardement der befreiten Zonen hat der Revolution die Militarisierung aufgezwungen. Von Anfang an wurden mehr als 100 Menschen pro Woche durch das Regime ermordet. Das Regime r\u00e4chte sich f\u00fcr jeden Akt der Emanzipation. Befreite Regionen wurden systematisch bombardiert. An diesem Punkt gelang es den Nachbarstaaten, sich in die Revolution einzumischen, beziehungsweise sie mit dschihadistischen Milizen zu kapern.<\/p>\n<p>Wenn man waffentechnisch einem so grausamen Gegner wie Assads Einheiten machtlos gegen\u00fcbersteht, nimmt man bereitwillig jede Hilfe in Anspruch. Aber der soziale Aspekt der Revolution wurde abgew\u00fcrgt, als der Konflikt militarisiert wurde.<\/p>\n<p><strong>Nicht zu Ende<\/strong><\/p>\n<p>Noch ist der B\u00fcrgerkrieg nicht zu Ende. Eine Regionalmacht, die ebenfalls durch das Debakel der USA im Irak gest\u00e4rkt wurde, die T\u00fcrkei, f\u00fchrt noch immer Krieg gegen die kurdischen Regionen, bekannt unter dem Namen Rojava, die im Norden des Landes etabliert wurden. Und wir wissen noch nicht, welchen Preis Russland und der Iran von Assad f\u00fcr ihr Engagement fordern werden, oder ob die USA unter Trump sich in einen Krieg gegen den Iran ziehen lassen.<\/p>\n<p>Die Welt ist seit dem Irakkrieg instabiler geworden und das hat unter anderem die Arabischen Revolutionen ermutigt. Syrien war f\u00fcr lange Zeit ein leuchtendes Beispiel daf\u00fcr, was Menschen erreichen k\u00f6nnen, wenn sie sich gegen den Despotismus erheben. Es darf keinen Zweifel daran geben, dass dies nicht das letzte Kapitel im Kampf gegen diese f\u00fcrchterliche Weltordnung war.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/linkswende.org\/revolution-und-katastrophe-in-syrien\/\"><em>linkswende.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 19. Juli 2018 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manfred Ecker. \u00dcber eine Niederlage zu schreiben ist eine wirklich schwierige Angelegenheit! 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