{"id":3828,"date":"2018-07-25T10:46:07","date_gmt":"2018-07-25T08:46:07","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3828"},"modified":"2018-07-25T10:46:07","modified_gmt":"2018-07-25T08:46:07","slug":"der-politische-widerspruch-der-kritischen-theorie-adornos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3828","title":{"rendered":"Der politische Widerspruch der Kritischen Theorie Adornos"},"content":{"rendered":"<p><em>Hans-J\u00fcrgen Krahl.<\/em> Adornos intellektuelle Biographie ist bis in ihre \u00e4sthetischen Abstraktionen hinein von der Erfahrung des Faschismus gezeichnet. Die Reflexionsweise dieser Erfahrung, die<!--more--> an den Gebilden der Kunst den unaufl\u00f6sbaren Zusammenhang von Kritik und Leiden abliest, macht die Kompromisslosigkeit des Anspruchs auf Negation aus und weist ihn zugleich in seine Grenzen. In der Reflexion auf die durch die \u00f6konomischen Naturkatastrophen der kapitalistischen Produktion hervorgetriebene faschistische Gewalt, weiss das \u00bbbesch\u00e4digte Leben\u00ab, dass es sich der Verstrickung in die ideologischen Widerspr\u00fcche der b\u00fcrgerlichen Individualit\u00e4t, deren unwiderruflichen Zerfall es erkannt hat, gleichwohl nicht entziehen kann. Der faschistische Terror produziert nicht nur die Einsicht in den hermetischen Zwangscharakter der hochindustrialisierten Klassengesellschaften, er verletzt auch die Subjektivit\u00e4t des Theoretikers und verfestigt die Klassenschranke seines Erkenntnisverm\u00f6gens. Das Bewusstsein davon spricht Adorno in der Einleitung der \u00bbminima moralia\u00ab aus: \u00bbDie Gewalt, die mich vertrieben hatte, verwehrte mir zugleich ihre volle Erkenntnis. Ich gestand mir noch nicht die Mitschuld zu, in deren Bannkreis ger\u00e4t, wer angesichts des Uns\u00e4glichen, das kollektiv geschah, von Individuellem \u00fcberhaupt redet.\u00ab<\/p>\n<p>Es scheint, als sei Adorno durch die schneidende Kritik am ideologischen Dasein des b\u00fcrgerlichen Individuums hindurch unwiderstehlich in dessen Ruine gebannt. Dann aber h\u00e4tte Adorno die Vereinsamung der Emigration nie wirklich verlassen. Das monadolo\u00adgische Schicksal des durch die Produktionsgesetze der abstrakten Arbeit vereinzelten Individuums spiegelt sich in seiner intellektuellen Subjektivit\u00e4t. Daher vermochte Adorno die private Passion angesichts des Leidens der Verdammten dieser Erde nicht in eine organisierte Parteilichkeit der Theorie zur Befreiung der Unterdr\u00fcckten umzusetzen.<\/p>\n<p>Adornos gesellschaftstheoretische Einsicht, der zufolge &#8222;das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie\u00ab anzusehen sei, liess seine progressive Furcht vor einer faschistischen Stabilisierung des restaurierten Monopolkapitals in regressive Angst vor den Formen praktischen Widerstands gegen diese Tendenz des Systems umschlagen.<\/p>\n<p>Er teilte die Ambivalenz des politischen Bewusstseins vieler kritischer Intellektueller in Deutschland, die projizieren, die sozialisti\u00adsche Aktion von links setze das Potential des faschistischen Terrors von rechts, das sie bek\u00e4mpft, \u00fcberhaupt erst frei. Damit aber ist jede Praxis a priori als blind aktionistisch denunziert und die M\u00f6glichkeit politischer Kritik schlechthin boykottiert n\u00e4mlich die Unterscheidung zwischen einer im Prinzip richtigen vorrevolution\u00e4ren Praxis und deren kinderkranken Erscheinungsformen in entstehenden revolution\u00e4ren Bewegungen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum franz\u00f6sischen Proletariat und seinen politischen Intellektuellen fehlen in Deutschland eine ungebrochene Tradition gewaltsamer R\u00e9sistance und damit die geschichtlichen Voraussetzungen f\u00fcr eine von Irrationalisierungen entlastete Diskussion der historischen Legitimit\u00e4t von Gewalt. Die herrschende Gewalt, die Adornos eigener Analyse zufolge auch nach Auschwitz zur neuen Faschisierung dr\u00e4ngte, w\u00e4re keine, wenn die marxistische, &#8222;Waffe der Kritik&#8220; nicht durch die proletarische &#8222;Kritik der Waffen&#8220; erg\u00e4nzt werden m\u00fcsste. Nur dann ist Kritik das theoretische Leben der Revolution.<\/p>\n<p>Dieser objektive Widerspruch in der Theorie Adornos dr\u00e4ngte zum offenen Konflikt und liess die sozialistischen Sch\u00fcler zu politischen Gegnern ihres philosophischen Lehrers werden. Sosehr Adorno die b\u00fcrgerliche Ideologie des interesselosen Aufsuchens der Wahrheit als Schein des Tauschverkehrs durchschaute, so sehr misstraute er den Spuren des politischen Richtungskampfes im wissenschaftlichen Dialog.<\/p>\n<p>Doch seine kritische Option, ein Denken, dem Wahrheit zukommen soll, m\u00fcsse sich aus sich selbst heraus auf die praktische Ver\u00e4nderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit ausrichten, verliert an Verbindlichkeit, wenn es sich nicht auch in organisatorischen Kategorien zu bestimmen vermag. Immer weiter entfernte sich Adornos dialektischer Begriff der Negation von der historischen Notwendigkeit einer objektiven Parteilichkeit des Denkens, die in Horkheimers spezifischer Differenzbestimmung der kritischen zur traditionellen Theorie zumindest in der Programmatik von der &#8222;dynamischen Einheit\u00ab des Theoretikers mit der beherrschten Klasse enthalten war.<\/p>\n<p>Die Abstraktion von diesen Kriterien hat Adorno schliesslich im Konflikt mit der studentischen Protestbewegung in eine fatale und von ihm selbst kaum durchschaute Komplizit\u00e4t mit den herrschenden Gewalten getrieben. Die Kontroverse bezog sich keineswegs allein auf das Problem privater Praxisabstinenz, sondern das Unverm\u00f6gen zur Organisationsfrage verweist auf eine objektive Unzul\u00e4nglichkeit der Theorie Adornos, die dennoch gesellschaftliche Praxis als erkenntniskritisch und gesellschaftstheoretisch zentrale Kategorie unterstellt.<\/p>\n<p>Gleichwohl vermittelte die Reflexion Adornos den politisch bewussten Studenten die herrschaftsentschleiernden Emanzipationskategorien, die unausdr\u00fccklich den ver\u00e4nderten geschichtlichen Bedingungen revolution\u00e4rer Situationen in den Metropolen entsprechen, welche nicht mehr aus unmittelbaren Verleumdungserfahrungen bestimmt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Adornos mikrologische Darstellungskraft f\u00f6rderte aus der Dialektik von Warenproduktion und Tauschverkehr die versch\u00fcttete emanzipative Dimension der Marxschen Kritik der politischen \u00d6konomie zutage, deren Selbstbewusstsein als einer revolution\u00e4ren Theorie, also einer Lehre, deren Aussagen die Gesellschaft unter dem Aspekt radikaler Ver\u00e4nderung konstruieren, den marxistischen Wirtschaftstheoretikern der Gegenwart zumeist verlorengegangen ist. Adornos wesenslogische Reflexion auf die Kategorien der Verdinglichung und Fetischisierung, der Mystifikation und zweiten Natur, \u00fcberlieferte das Emanzipationsbewusstsein des westlichen Marxismus der zwanziger und dreissiger Jahre, Korschs und Lukacs&#8216;, Horkheimers und Marcuses wie er sich in Opposition zum offiziellen Sowjetmarxismus ausbildete.<\/p>\n<p>Ursprung und Identit\u00e4t entschl\u00fcsselte Adorno in seiner Philosophiekritik der fundamentalontologischen Seins- und positivistischen Faktizit\u00e4tsideologie als Herrschaftskategorie der Zirkulationssph\u00e4re, deren liberale Legitimationsdialektik b\u00fcrgerlicher Sittlichkeit, der Schein des gerechten Tausches gleicher Warenbesitzer, sich l\u00e4ngst aufgel\u00f6st hat.<\/p>\n<p>Doch dasselbe theoretische Instrumentarium, vermittels dessen Adorno diese gesamtgesellschaftliche Erkenntnis zu realisieren vermochte, verstellte ihm auch den Blick auf die historischen M\u00f6glichkeiten einer befreienden Praxis.<\/p>\n<p>In seiner Ideologiekritik am Tod des b\u00fcrgerlichen Individuums zittert ein Moment berechtigter Trauer nach. Doch \u00fcber diese radikalisierte letzte B\u00fcrgerlichkeit seines Denkens konnte Adorno im hegelschen Sinn dieses Begriffs nicht immanent hinausgehen. Er blieb an sie mit furchtsamem Blick auf die schreckliche Vergangen\u00adheit fixiert: das immer zu sp\u00e4t kommende Bewusstsein dessen, der erst in der D\u00e4mmerung zu begreifen anf\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Adornos Negation der sp\u00e4tkapitalistischen Gesellschaft ist abstrakt geblieben und hat sich dem Erfordernis der Bestimmtheit der bestimmten Negation verschlossen, jener dialektischen Kategorie also, der er sich aus der Tradition Hegels und Marxens verpflichtet wusste. Der Praxisbegriff des Historischen Materialismus wird in seinem letzten Werk, der &#8222;Negativen Dialektik\u00ab, nicht mehr auf den sozialen Wandel seiner geschichtlichen Formbestimmungen hin befragt, den b\u00fcrgerlichen Verkehrs- und proletarischen Organisationsformen. In seiner kritischen Theorie spiegelt sich das Absterben der Klassenk\u00e4mpfe als Verk\u00fcmmerung der materialistischen Geschichtsauffassung.<\/p>\n<p>Zwar war einst f\u00fcr Horkheimer die Zurechnung der Theorie zur befreienden Praxis des Proletariats programmatisch; doch die b\u00fcrgerliche Organisationsform der Kritischen Theorie brachte schon damals Programm und Durchf\u00fchrung nicht zur Deckung. Die Zer\u00adschlagung der Arbeiterbewegung durch den Faschismus und ihre scheinbar unwiderrufliche Integration in der Rekonstruktion des westdeutschen Nachkriegskapitalismus ver\u00e4nderten den Sinn der Begriffe der Kritischen Theorie. Sie mussten notwendig an Bestimmtheit verlieren, doch vollzog sich dieser Abstraktionsprozess blind.<\/p>\n<p>Die konkrete und materiale Geschichte, die Adorno dem &#8222;Geschichtslosen Begriff der Geschichte\u00ab, der Geschichtlichkeit Heideggers kritisch entgegensetzte, wanderte immer mehr aus seinem Begriff gesellschaftlicher Praxis aus und ist in seinem letzten Werk, der &#8222;Negativen Dialektik\u00ab, derart verdunstet, dass sie der transzendentalen Armut der Heideggerschen Kategorie assimiliert er\u00adscheint.<\/p>\n<p>Zwar bestand Adorno in seinem Referat auf dem deutschen Soziologentag zu Recht mit Nachdruck auf einer Geltung der marxistischen Orthodoxie: die industriellen Produktivkr\u00e4fte seien immer noch in kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnissen organisiert, und die politische Herrschaft beruhe nach wie vor auf der \u00f6konomischen Ausbeutung der Lohnarbeiter. Doch so sehr seine Orthodoxie auch in Konflikt mit der herrschenden westdeutschen Soziologie auf jener Tagung geriet, so musste sie doch folgenlos bleiben, denn die kategorialen Formen waren nicht auf die materiale Geschichte bezogen.<\/p>\n<p>Dieser fortschreitende Abstraktionsprozess von der geschichtlichen Praxis hat Adornos Kritische Theorie in die kaum noch legitimierbaren Kontemplationsformen der traditionellen Theorie zur\u00fcckverwandelt.<\/p>\n<p>Der Traditionalisierungsprozess seines Denkens erweist seine Theorie als eine altgewordene Gestalt der Vernunft in der Geschichte. Die materialistische Dialektik der gefesselten Produktivkr\u00e4fte reflektiert auf der Ebene seines Denkens in die Vorstellung der sich selber fesselnden Theorie, welche unentrinnbar in die Immanenz ihrer Begriffe verstrickt ist. &#8222;Ist das Zeitalter der Interpretation der Welt vor\u00fcber und gilt es, sie zu ver\u00e4ndern, dann nimmt die Philoso\u00adphie Abschied. . . nicht die Erste Philosophie ist an der Zeit, sondern eine letzte.\u00ab Diese letzte Philosophie Adornos hat sich von ihrem Abschied nicht verabschieden wollen und k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Beitrag von Hans-J\u00fcrgen Krahl zum Tode \u00a0Theodor W. Adornos ist am 13.8.1969 in der \u00bbFrankfurter Rundschau erschienen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.krahl-seiten.de\/der%20politische%20widerspruch.htm\"><em>krahl-seiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 25. Juli 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-J\u00fcrgen Krahl. 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