{"id":3850,"date":"2018-07-31T11:26:27","date_gmt":"2018-07-31T09:26:27","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3850"},"modified":"2018-07-31T11:26:27","modified_gmt":"2018-07-31T09:26:27","slug":"ein-saechsischer-leuchtturm-der-arbeiterklasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3850","title":{"rendered":"Ein s\u00e4chsischer Leuchtturm der Arbeiterklasse"},"content":{"rendered":"<p><em>Benjamin Ru\u00df &amp; Max van Beveren.<\/em> <strong>Es ist nicht irgendein Arbeitskampf. Es ist ein sechsw\u00f6chiger Streik von 700 Besch\u00e4ftigten in der Kernindustrie der deutschen Wirtschaft. Die Besch\u00e4ftigten<!--more--> von Neue Halberg Guss (NHG) in Leipzig haben entschlossen ihre Kampfkraft bewiesen \u2013 auch wenn jetzt durch die Schlichtung\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/gegen-die-aussetzung-des-streiks-bei-halberg-guss-fuer-den-erhalt-aller-arbeitsplaetze\/\">der Streik pausiert wurde<\/a>. Mit nahezu 100%-iger Organisierung hatten sie seit dem 14. Juni gestreikt. Ein Beispiel, das Mut macht. Nicht nur den Halberg Guss Kolleg*innen in Saarbr\u00fccken.<\/strong><\/p>\n<p>Oskar Lafontaine forderte j\u00fcngst die Enteignung von Halberg Guss. Wenn Lafontaine von Enteignung spricht, so meint er eine Verstaatlichung im Sinne einer Entsch\u00e4digung der*des Eigent\u00fcmer*in durch Steuergelder. Das kann man schon machen, es w\u00e4re eventuell ein Fortschritt zur jetzigen Situation. Eine nachhaltige L\u00f6sung kann das aber nicht sein. Denn wessen Steuergelder m\u00fcssen f\u00fcr das missratene Gesch\u00e4ftsmodell der*des Eigent\u00fcmer*in herhalten? Genau, die der Arbeitenden. Nach solch einer Verstaatlichung wird die Regierung wieder erz\u00e4hlen, dass Schwimmb\u00e4der geschlossen bleiben m\u00fcssen und dass die Rentenkassen leerer werden. Kontrolle \u00fcber ihren Betrieb und ihre Arbeitsbedingungen h\u00e4tten die Besch\u00e4ftigten dar\u00fcber hinaus auch kaum. Denn der Staat, der den Betrieb verwalten w\u00fcrde, ist genau der Staat, der den Konzernen Steuergeschenke macht und den Arbeiter*innen Hartz4 aufs Auge dr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Die Forderung nach Enteignung kann aber auch ganz anders aussehen. Wenn wir von Enteignung sprechen, meinen wir: die Betriebe unter die Kontrolle der Arbeiter*innen stellen. Ohne Ausbezahlung der Eigent\u00fcmer*innen. Gleiche L\u00f6hne f\u00fcr alle. Sitzungen, in denen jede*r das gleiche Mitspracherecht hat. Keine Bosse, keine Vorgesetzten. Hierarchie im Sinne der gegenseitigen Verantwortlichkeit. Das sind keine Utopien. In den letzten Jahren machten durch Arbeiter*innen kontrollierte Betriebe weltweit Schule. Mitunter auch in Deutschland.<\/p>\n<p><strong>Strike Bike<\/strong><\/p>\n<p>So zum Beispiel im th\u00fcringischen Nordhausen. Im Jahr 2007 wurde das dortige Fahrradwerk der \u201eBike Systems GmbH\u201c geschlossen. Das ehemalige Fabrikgel\u00e4nde des \u201eVEB IFA Motorenwerk\u201c kam \u00fcber die Treuhand nach einer Reihe von \u00dcbernahmen 2005 an die amerikanischen Fondsgesellschaft \u201eLone Star\u201c. Nach nur zwei Jahren musste \u201eBike Systems\u201c trotz des amerikanischen Investors einen Insolvenzantrag stellen. Mit der abrupten Stilllegung Ende Juni 2007 war die Belegschaft schlagartig mit der Arbeitslosigkeit konfrontiert. Es folgte ein Aufruf zur Betriebsversammlung auf dem Werksgel\u00e4nde \u2013 f\u00fcr 115 Tage. Dadurch konnte zun\u00e4chst der vollst\u00e4ndige Abbau der Fertigungsanlagen verhindert werden. In dieser Zeit entschlossen sich die Angestellten f\u00fcr den Plan, die Fabrik in Eigenregie weiterzuf\u00fchren und das rote \u201eStrike Bike\u201c zu fertigen. Design, Auftr\u00e4ge, Materialbestellung, Fertigungsketten, Schichtpl\u00e4ne, Versand: alles ohne Bosse. Zum ersten Mal verdienten die Angestellten in etwa das, was sie an Arbeit leisteten. Bis nach Panama, Amerika und Island wurden die Fahrr\u00e4der verschickt. Trotz der weltweiten Solidarit\u00e4t war Ende Oktober des gleichen Jahres Schluss. Was blieb, war f\u00fcr Deutschland dennoch historisch: ein kompletter Betrieb in Arbeiter*innenhand und die Erkenntnis, dass die Arbeiter*innen sich selbst organisieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Vio.me<\/strong><\/p>\n<p>Ortswechsel: Thessaloniki, Griechenland. 2011 zeigte sich hier die Finanzkrise der vorangegangenen Jahre in ihrem ganzen Ausma\u00df. Massenhafte Arbeits- und Obdachlosigkeit, Arbeitslosengeld f\u00fcr maximal ein Jahr. Wer kein Arbeitslosengeld mehr bekam, verlor automatisch das Recht auf Krankenversicherung. Die L\u00f6hne waren stark gesunken, zahlreiche Betriebe mussten Insolvenz anmelden. Noch heute sind rund 20% der Griech*innen arbeitslos. Von diesem Schicksal betroffen waren auch die Arbeiter*innen von Vio.me, bis 2011 eine Tochterfirma des Fliesenproduzenten \u201ePhilkeram Johnson\u201c. Die Unternehmer*innenfamilie Philippou, die \u201ePhilkeram Johnson\u201c 1962 aufgebaut hatte, lie\u00df die Arbeiter*innen zu Beginn der Krise mit ihrem Schicksal allein. W\u00e4hrend sie mit mehreren Millionen Euro, also mit den L\u00f6hnen der Arbeiter*innen, sowie Steuern und Sozialabgaben f\u00fcr den Staat, verschwanden. Damit sich die Bosse nicht auch noch die Maschinen aneigneten, besetzten die ehemaligen Besch\u00e4ftigten die Fabrik und fingen selbstorganisiert an, Seife und Kosmetikartikel zu produzieren. Diese Selbstorganisation verfolgen sie bis heute nicht nur innerhalb der Fabrik, sondern auch in der Gesellschaft. In einer Arte-Dokumentation sagt ein Arbeiter von Vio.me dazu passend:<\/p>\n<p>Wir werden unseren letzten Blutstropfen geben, denn das hier ist nicht nur eine Fabrik, das ist die Gesellschaft. Es ist ein anderes Leben, wir sprechen hier von einer neuen Gesellschaft und die soll nicht nur f\u00fcr wenige sein, sondern f\u00fcr alle. Daf\u00fcr k\u00e4mpfen wir und darum sind wir hier.<\/p>\n<p><strong>Fabrica sin Patrones (FaSinPat, ehem. Zanon)<\/strong><\/p>\n<p>Gegen \u00e4hnlich Zust\u00e4nde wie in Griechenland mussten die Menschen in Argentinien ank\u00e4mpfen. Auch dort zeigte sich eine schwere Krise, die 2001\/2002 mehr als 50% der Menschen in die Armut trieb. Mehr als 20% wurden arbeitslos. Viele Bosse wollten ihre Firmen und Fabriken daher m\u00f6glichst schnell loswerden, um eine Stilllegungspr\u00e4mie zu erhalten. Das Wohl der Arbeiter*innen k\u00fcmmerte sie wie immer wenig. Bei Zanon, wie FaSinPat vor 2009 hie\u00df, zeigten sich diese untragbaren Zust\u00e4nde von Beginn an. Die Fliesenfabrik wurde 1979 von Luigi Zanon gegr\u00fcndet, mit bester Unterst\u00fctzung durch das diktatorische Obristenregime. Jedes Jahr gab es rund 300 Arbeitsunf\u00e4lle, manche*r Arbeiter*in starb sogar. Als Zanon im Zuge der Krise geschlossen werden sollte, traten die Besch\u00e4ftigten in einen Streik und besetzten die Fabrik, wobei sie gro\u00dfe Unterst\u00fctzung aus der Bev\u00f6lkerung erhielten. Nur ein Jahr sp\u00e4ter, also 2002, konnten sie bereits die ersten Produkte unter Selbstverwaltung ausliefern. Der ehemalige Chef, Luigi Zanon, versuchte daraufhin seine Anspr\u00fcche auf die Fabrik wieder geltend zu machen. Doch die Arbeiter*innen k\u00e4mpften gemeinsam und machten deutlich, dass sie die arbeiter*innenfeindlichen und neoliberalen Zust\u00e4nde nicht mehr ertragen wollten. Es war ein langer Kampf, doch 2009 wurde Luigi Zanon die Fabrik endg\u00fcltig genommen. Seither untersteht sie auch formell der Kooperative und hei\u00dft \u201eFabrica sin Patrones\u201c: Fabrik ohne Bosse.<\/p>\n<p><strong>Die Perspektive bei NHG<\/strong><\/p>\n<p>Die Ersch\u00fctterungen der letzten Krise sind noch gar nicht vorbei, da rollt die n\u00e4chste schon heran. Weltweit werden die Rechte von Frauen, von Gefl\u00fcchteten und von Arbeiter*innen angegriffen. Ob das die innere Militarisierung Deutschlands durch die neuen Polizeiaufgabengesetze ist, der 12-Stunden-Tag der der schwarz-blauen Regierung in \u00d6sterreich oder die R\u00fccknahme der sogenannten \u201eObamacare\u201c, der gesetzlichen Krankenversicherung in den USA. Der Rechtsruck ist vor allem in seiner sozialpolitischen Dimension erkennbar. Kommt es in Zukunft zu einer \u00e4hnlichen Situation wie 2007, was wird dann die Antwort der Eigent\u00fcmer*innen sein? Entlassungen, Insolvenz, Werksschlie\u00dfungen. Und die Folgen? Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit, eine Teuerung von Waren und eine wahrnehmbare Inflation. \u00c4hnlich wie jetzt die Kolleg*innen bei NHG, werden tausende Menschen sich in einer \u00e4hnlich ausweglos scheinenden Situation wiederfinden.<\/p>\n<p>Wenn wir also von Fabriken in Arbeiter*innenh\u00e4nden sprechen, dann schlagen wir eine Perspektive vor. Eine Perspektive, bei der wir nicht l\u00e4nger der Spielball der Bosse bleiben. Bei der wir selbst \u00fcber unsere Lebensbedingungen entscheiden k\u00f6nnen. Neue Halberg Guss in Leipzig ist \u2013 mit ihrer Kampfmoral, mit ihrem Organisationsgrad \u2013 ein Leuchtturm, der uns den Weg weisen k\u00f6nnte. Einen Weg, der aus der Erfahrung zahlreicher Arbeiter*innen vor uns schon mehrmals begangen worden ist.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/ein-saechsischer-leuchtturm\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 31. Juli 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Benjamin Ru\u00df &amp; Max van Beveren. Es ist nicht irgendein Arbeitskampf. Es ist ein sechsw\u00f6chiger Streik von 700 Besch\u00e4ftigten in der Kernindustrie der deutschen Wirtschaft. 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