{"id":3852,"date":"2018-07-31T11:46:56","date_gmt":"2018-07-31T09:46:56","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3852"},"modified":"2018-07-31T11:46:56","modified_gmt":"2018-07-31T09:46:56","slug":"was-steckt-hinter-den-toedlichen-waldbraenden-in-griechenland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3852","title":{"rendered":"Was steckt hinter den t\u00f6dlichen Waldbr\u00e4nden in\u00a0Griechenland?"},"content":{"rendered":"<p><em>Gregor Kritidis. <\/em>Am 24.7.2018 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Reportage mit dem Titel \u201eFeuerwehr, die kein Feuer l\u00f6schen darf\u201c \u00fcber die gegenw\u00e4rtigen Waldbr\u00e4nde in Attika, bei<!--more--> denen zahlreiche Menschen ums Leben gekommen sind. In diesem Beitrag wird die These verbreitet, der griechische Staat habe 2014 auf Druck der Berufsfeuerwehr ein Gesetz erlassen, dass die Aktivit\u00e4ten der Freiwilligen Feuerwehren massiv einschr\u00e4nke. Als Kronzeuge wird von FAZ-Korrespondent Michael Martens Nikos Sachinidis benannt, der Leiter des \u201eFreiwilligenverbandes griechischer Feuerwehrleute und Wiederauff\u00f6rster\u201c (ESEPA). Diese wird als \u201egr\u00f6\u00dfte Organisation ihrer Art in Griechenland\u201c vorgestellt: \u201eSie wurde nicht zuletzt mit Unterst\u00fctzung aus Deutschland und \u00d6sterreich aufgebaut und ist auf die Bek\u00e4mpfung von Waldbr\u00e4nden spezialisiert. Ihr Chef behauptet nun im Gespr\u00e4ch mit der F.A.Z., Esepa sei vor einigen Jahren systematisch und aus politischen Gr\u00fcnden geschw\u00e4cht worden.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Sollte Sachinidis \u201eglaubhaft nachweisen k\u00f6nnen, dass eine andere Struktur der Feuerwehren Leben h\u00e4tte retten k\u00f6nnen\u201c, so Martens, \u201ewird die griechische Regierung wom\u00f6glich Schwierigkeiten bekommen\u201c.<\/p>\n<p>B\u00fcrokraten behindern freiwilliges Engagement \u2013 diese These scheint zun\u00e4chst plausibel, ist sie doch durch zahlreiche Erfahrungen dokumentiert. In diesem Fall kann davon aber keine Rede sein, Sachinidis hat aus guten Gr\u00fcnden in Griechenland keinen guten Leumund. In den griechischen Medien gilt er als Scharlatan, nachdem die Staatsanwaltschaft wegen Bestechungsvorw\u00fcrfen gegen ihn ermittelt hat. So hatte z.B. der B\u00fcrgermeister der Kleinstadt Zagora behauptet, Sachinidis habe ihm Geld angeboten, wenn es zu einer Kooperation k\u00e4me.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Angesichts des geringen Umfangs der Mittel ist der Vorwurf sicherlich vernachl\u00e4ssigbar, angesichts des verbreiteten Missbrauches des Labels \u201eNichtregierungsorganisation\u201c ist die Kritik in den Medien aber nachvollziehbar. In vielen F\u00e4llen handelt es sich bei MKO (Min Kyvernitikes Organosis, Nichtregierungsorganisationen) n\u00e4mlich nicht um Vereine von Freiwilligen, sondern um Gr\u00fcndungen mit kommerziellen oder anderen Interessen ohne gemeinn\u00fctzige Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Die ESEPA wurde 1999 von Sachinidis gegr\u00fcndet und konnte von verschiedenen Sponsoren \u00fcber 2,5 Mio \u20ac sowie vor allem aus Deutschland zahlreiche ausrangierte Feuerwehrfahrzeuge als Sachspenden einwerben. Diese Sachspenden wurden u.a. von Hans-Joachim Fuchtel, Staatssekret\u00e4r in verschiedenen Bundesministerien und ehemaliger THW-Vorsitzender, vermittelt, der seit 2011 als Beauftragter der Bundesregierung f\u00fcr die Deutsch-Griechischen Versammlung fungiert, mit der die deutsch-griechische Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene gef\u00f6rdert werden soll. Durch seine Kenntnisse der Verh\u00e4ltnisse in Deutschland schien Sachinidis der richtige Mann, eine freiwillige Feuerwehr nach deutschem Vorbild aufzubauen. Der Ansatz war aber mehr durch die politischen Interessen der Bundesregierung als durch sachliche Erw\u00e4gungen bestimmt. Denn das A und O der Waldbrandbek\u00e4mpfung im mediterranen Raum ist ein funktionierendes Fr\u00fchwarnsystem. So sind nach den Brandkatastrophen der letzten Jahrzehnte Organisationen zur Waldbeobachtung gegr\u00fcndet worden, die in den Sommermonaten insbesondere bei kritischen Wetterlagen Beobachtungsposten mit Freiwilligen besetzen. Bemerken sie ein Feuer, informieren sie die Berufsfeuerwehr. Das hat freilich mit dem Modell der freiwilligen Feuerwehr in Deutschland kaum etwas zu tun. Mit derartigen Details wollte man sich aber offenbar nicht aufhalten, zumal Sachinidis versprach, den Brandschutz viel effektiver und vor allem billiger als die Berufsfeuerwehr garantieren zu k\u00f6nnen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Der Aufbau eines Feuerwehrverbandes im gro\u00dfen Stil scheiterte daher bald am Wichtigsten, den Freiwilligen. Sachinidis konnte zwar dank der Unterst\u00fctzung aus Deutschland Fahrzeuge und Ger\u00e4te vorweisen, reale soziale Strukturen wurden dabei aber, wenn \u00fcberhaupt nur im bescheidenen Umfang geschaffen. Kaum jemand wollte offenbar seine Zeit und sein Engagement in ein derartig undurchdachtes und zudem von oben nach unten organisiertes Projekt stecken. Auf der Website der ESEPA sind daher auch kaum Aktivit\u00e4ten, daf\u00fcr aber jede Menge Fahrzeuge und Material dokumentiert.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Die ESEPA verdankte ihre Existenz mehr der von offizieller deutscher Seite gen\u00e4hrten Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung ihres Gr\u00fcnders als realen sozialen Organisierungsprozessen.<\/p>\n<p>Das Verfahren gegen Sachinidis wurde zwar eingestellt, an der Fragw\u00fcrdigkeit des gesamten Projektes \u00e4ndert das aber nichts. Die Verb\u00e4nde der Freiwilligen Feuerwehren Griechenlands hielten daher von Beginn an Abstand von der ESEPA.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Die Kathimerini zitierte 2014 in einem Bericht einen Aktivisten der freiwilligen Feuerwehr treffend mit den Worten, Sachinidis sei ein \u201eEngel ohne Fl\u00fcgel\u201c.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Weiter hei\u00dft es in dem Beitrag, Sachinidis habe lange in Deutschland gelebt, \u00fcber seine beruflichen Aktivit\u00e4ten sei jedoch nichts bekannt. In Griechenland beziehe er eine Behindertenrente. Die Kathimerini stellt zudem in Frage, dass es sich bei der ESEPA um eine Nichtregierungsorganisation, in der sich Freiwillige f\u00fcr einen gemeinn\u00fctzigen Zweck organisieren, handele. Sachinidis, so die Zeitung, habe mit seinen Aktivit\u00e4ten Merkels Staatssekret\u00e4r Fuchtel der L\u00e4cherlichkeit preisgegeben.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Sachinidis\u2018 Behauptung, durch das Gesetz 4249\/2014 werde die Aktivit\u00e4t freiwilliger Feuerwehren eingeschr\u00e4nkt, ist zudem unzutreffend.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Tats\u00e4chlich wird in dem Gesetz geregelt, unter welchen Bedingungen gemeinn\u00fctzige Organisationen in Griechenland t\u00e4tig werden k\u00f6nnen. Ein wichtiges Kriterium war dabei die Existenz lokal verankerter Gruppen. Damit sollte dem zunehmenden Missbrauch des Labels \u201eNichtregierungsorganisation\u201c f\u00fcr kommerzielle Zwecke ein Riegel vorgeschoben werden. Die ESEPA selbst k\u00fcndigte in ihrer Stellungnahme 2014 an, unter ihrer \u00c4gide lokale Feuerwehren auf Basis des neuen Gesetzes gr\u00fcnden zu wollen. Passiert ist seitdem jedoch kaum etwas, weil die ESEPA \u00fcber keine hinreichende Basis aktiver Freiwilliger in Griechenland verf\u00fcgt. Die deutsche Partnerorganisation, die \u201eFreunde der ESEPA e.V.\u201c, ist dagegen ein Verein auf freiwilliger Basis mit realen Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Sachinidis Behauptung, dass durch das Gesetz 4249\/2014 die Entwicklung der ESEPA geschw\u00e4cht worden sei, ist zudem falsch. To Vima berichtete schon Anfang 2014, also vor der Gesetzes\u00e4nderung, dass die meisten Fahrzeuge der ESEPA ohne Zulassung, technische Pr\u00fcfung und Versicherungen seien, es zwar Fahrzeuge, aber kaum Aktivit\u00e4ten gebe. Bei der Bek\u00e4mpfung von Waldbr\u00e4nden habe die ESEPA keine nennenswerte Rolle gespielt.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Die Aktivit\u00e4ten der ESEPA scheinen weitgehend in ehrenamtlichen Engagement, das von internationalen Freiwilligen getragen wird, zu bestehen, etwa den Waldbrand-Camps in den\u00a0Sommermonaten.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>\u00a0Mit einem Aufbau von freiwilligen Feuerwehren in Griechenland hat das allerdings wenig zu tun.<\/p>\n<p>All das h\u00e4tte Michael Martens von der FAZ problemlos bei seinen griechischen Kollegen auf dem kurzen Dienstweg erfragen oder bei Spiegel-Online nachlesen k\u00f6nnen.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>\u00a0Es stellt sich daher die Frage nach den Motiven f\u00fcr diesen Bericht. Es mag eine Rolle spielen, dass Staatschef Alexis Tsipras Martens 2015 w\u00e4hrend eines Interviews die T\u00fcr gewiesen hat und es daher eine besondere Offenheit f\u00fcr Kritik an der Regierung Tsipras gibt. Auch mag er gewisse Sympathien f\u00fcr den \u201eSchwarzwald-Griechen\u201c (Die Zeit) Hans-Joachim Fuchtel hegen, der ansonsten mit rassistischen \u00c4u\u00dferungen (1.000 deutsche Arbeitnehmer leisten die Arbeit von 3.000 Griechen) oder homosexuellenfeindlichen Positionen re\u00fcssiert, die denen des Bischoffs von Kalavryta nur wenig nachstehen.<\/p>\n<p>Offenbar soll aber eher einem sehr naheliegenden Gedanken entgegengewirkt werden: Dass aufgrund der Austerit\u00e4tspolitik die \u00f6ffentliche Infrastruktur mittlerweile in einem derart desolaten Zustand ist, dass es an einem effektiven Fr\u00fchsystem ebenso mangelt wie an hinreichend ausgebildeten Katastrophenschutz-Einheiten. Es sei nur daran erinnert, dass der Etat f\u00fcr die Berufsfeuerwehren seit 2009 um \u00fcber 100 Mio \u20ac gek\u00fcrzt worden ist und sowohl die Fahrzeuge als auch die Flugzeuge veraltet sind. Angesichts des Klimawandels ist mit der Zunahme derartiger Brandkatastrophen wie jetzt in Attika zu rechnen. Nur auf der Basis von Freiwilligen ist dieser Herausforderung kaum zu begegnen. Wenn man an der griechischen Regierung etwas kritisieren muss, dann dass sie eine von der Bundesregierung ma\u00dfgeblich betriebene Politik umsetzt, die einen wirksamen Katastrophenschutz strukturell unm\u00f6glich macht. Seit dem Kabinett Schr\u00f6der\/Fischer geh\u00f6rt es zur offiziellen Linie, die \u00f6ffentliche Daseinsvorsorge auf die Schultern von ehrenamtlichen Strukturen zu verlagern. Dieses Modell auf Griechenland zu \u00fcbertragen, ist auch ein Schlag ins Gesicht aller ehrenamtlich Engagierten in Deutschland, wenn dazu derart fragw\u00fcrdige Organisationen wie die ESEPA herangezogen werden. Der deutsch-griechischen Verst\u00e4ndigung wird mit derartigen Praktiken gr\u00f6\u00dfter Schaden zugef\u00fcgt. Aber das scheint nicht im Fokus der FAZ zu liegen.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/griechenlandsoli.com\/2018\/07\/26\/engel-ohne-fluegel-untiefen-in-der-berichterstattung-ueber-griechenland\/\">griechenlandsoli.com&#8230;<\/a> vom 31. Juli 2018<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/waldbraende-in-griechenland-gesetzesaenderung-traegt-mitschuld-15706508.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/waldbraende-in-griechenland-gesetzesaenderung-traegt-mitschuld-15706508.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.avgi.gr\/article\/10813\/1920114\/nees-katangelies-kata-sachinide\">http:\/\/www.avgi.gr\/article\/10813\/1920114\/nees-katangelies-kata-sachinide<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.tovima.gr\/society\/article\/?aid=569234\">http:\/\/www.tovima.gr\/society\/article\/?aid=569234<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.esepa.com.gr\/el\/\">https:\/\/www.esepa.com.gr\/el\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.fire.gr\/?cat=76\">https:\/\/www.fire.gr\/?cat=76<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.kathimerini.gr\/755272\/article\/epikairothta\/ellada\/o-pantaxoy-parwn-saxinidhs\">http:\/\/www.kathimerini.gr\/755272\/article\/epikairothta\/ellada\/o-pantaxoy-parwn-saxinidhs<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.esepa.com.gr\/apofaseis-ds.pdf\">https:\/\/www.esepa.com.gr\/apofaseis-ds.pdf<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.tovima.gr\/society\/article\/?aid=569234\">http:\/\/www.tovima.gr\/society\/article\/?aid=569234<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Vgl. ESEPA \u2013 Alarm am Olymp \u2013 Deutsche Feuerwehrleute in Griechenland\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=EQMW6MvHthA\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=EQMW6MvHthA<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/griechenland-wie-die-feuerwehr-hans-joachim-fuchtel-reinlegte-a-954926.html\">http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/griechenland-wie-die-feuerwehr-hans-joachim-fuchtel-reinlegte-a-954926.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gregor Kritidis. 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