{"id":3860,"date":"2018-08-02T08:37:28","date_gmt":"2018-08-02T06:37:28","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3860"},"modified":"2018-08-02T08:37:28","modified_gmt":"2018-08-02T06:37:28","slug":"alexandra-kollontai-erste-ministerin-der-weltgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3860","title":{"rendered":"Alexandra Kollontai: Erste Ministerin der Weltgeschichte"},"content":{"rendered":"<p><em>Steve Hollasky. <\/em>Als Alexandra Kollontai am 9. M\u00e4rz 1952 verstarb, nahm die Welt\u00f6ffentlichkeit keinerlei Notiz von ihrem Tod. In der UdSSR weigerte sich die gesamte Presse, einen Nachruf auf Kollontai zu verfassen.<!--more--><\/p>\n<p>Im Grunde war das kein Wunder, war die gesamte sowjetische Presselandschaft durch die politische Konterrevolution Stalins in den zwanziger Jahren doch gleichgeschaltet worden. Trotz ihrer Anpassung an den Stalinismus war Kollontai l\u00e4ngst keine Person mehr, an die man sich erinnern sollte, also sparte man sich jeden Kommentar.<\/p>\n<p>Dabei ist Kollontais Leben eng verbunden mit der Revolution in Russland und der internationalen ArbeiterInnenbewegung, die Kollontai so h\u00e4ufig kritisiert hatte, weil sie sich f\u00fcr das Leben der Arbeiterinnen viel zu wenig interessieren w\u00fcrde, so Kollontais Wahrnehmung und weil sie zu wenig f\u00fcr die Gleichberechtigung von Frauen und M\u00e4nnern k\u00e4mpfen w\u00fcrde. \u201eOhne Sozialismus keine Gleichstellung der Frau und ohne Gleichstellung der Frau kein Sozialismus\u201c, so ihr ebenso oft wiederholter wie einpr\u00e4gsamer Merksatz.<\/p>\n<p>Kollontais Leben war nicht ohne Widerspr\u00fcche: Sie entstammte der russischen Upperclass und stellte sich auf die Seite der Unterdr\u00fcckten; sie konnte sich zwischen Menschewiki und Bolschewiki lange nicht entscheiden, aber brannte von aktionistischer Ungeduld; sie war lange eine aufrechte Revolution\u00e4rin und reihte sich dennoch in Stalins Parteifl\u00fcgel ein.<\/p>\n<p><strong>Umgeben von Dienstboten<\/strong><\/p>\n<p>Kollontai h\u00e4tte es in ihrem Leben wesentlich leichter haben k\u00f6nnen. Ihr Vater war ein Milit\u00e4r im Generalsrang und entsprechend wuchs sie in einem Herrenhaus in St. Petersburg heran. Umgeben von Dienstboten, K\u00f6chen und Kinderm\u00e4dchen erblickte sie im M\u00e4rz 1872 das Licht der Welt. W\u00e4hrend sie in sch\u00f6nen Kleidern beh\u00fctet im Garten spielte; rafften Hunger, Krankheiten und Verwahrlosung ungez\u00e4hlte Kinder aus Arbeiter- und Bauernhaushalten dahin, ohne dass davon \u00fcberhaupt Notiz genommen wurde. Kollontais Schulbildung war exzellent; w\u00e4hrend dessen konnten 75 Prozent der russischen Bev\u00f6lkerung bestenfalls den eigenen Namen schreiben.<\/p>\n<p>Renommierte Privatlehrer unterwiesen das wissbegierige M\u00e4dchen in Literatur und Mathematik. Neben ihrer Muttersprache lernte Kollontai Finnisch, Englisch, Franz\u00f6sisch \u2013 die Sprache der europ\u00e4ischen Herrenh\u00e4user war ein Muss in jener Klasse, der Kollontai entstammte \u2013 und Deutsch. Wie es sich f\u00fcr Familien wie jener von Alexandra Kollontai geh\u00f6rte, hielten die Eltern bereits Ausschau nach einem adligen Gatten f\u00fcr ihre junge Tochter.<\/p>\n<p>Nur wenig deutete daraufhin, dass ihr Leben anders verlaufen sollte, als von allen erwartet und verlangt. Vielleicht nervten die junge Frau auch die ellenlangen Verhaltensvorschriften, denen sie sich auf all den B\u00e4llen und in den Theaterbesuchen zu unterwerfen hatte, die man f\u00fcr sie organisiert hatte, einfach zu dem Zweck einen \u201eguten\u201c Ehemann zu finden, was auch immer in diesem Zusammenhang \u201egut\u201c bedeuten sollte. Entgegen diesen Erwartungen suchte sie sich selbst ihren Geliebten aus, der \u00fcberhaupt nicht den Anspr\u00fcchen ihrer Eltern gen\u00fcgte:<\/p>\n<p>Wladimir Kollontai war polnischer Abstammung, im zaristischen Russland war das schon Grund genug f\u00fcr Ablehnung und Hass. Noch dazu war Wladimir Kollontai auch noch weitgehend mittellos \u2013 ganz anders als die junge Frau aus gutem Hause, deren Eltern die H\u00e4nde \u00fcber den K\u00f6pfen zusammenschlugen, ob der Partnerwahl ihrer geliebten Alexandra. Sie lie\u00dfen nichts unversucht, um die nicht ebenb\u00fcrtige Beziehung der beiden zu beenden, doch Alexandra setzte sich durch. Schon 1893 l\u00e4uteten die Hochzeitsglocken und ein Jahr sp\u00e4ter brachte Alexandra Kollontai ihren Sohn Michail zur Welt.<\/p>\n<p><strong>Unertr\u00e4glichkeit der herrschenden Verh\u00e4ltnisse<\/strong><\/p>\n<p>Wann und wo Kollontai mit marxistischen Ideen erstmals in Ber\u00fchrung kam ist vielfach diskutiert worden. H\u00e4ufig wird das Gymnasium in St. Petersburg, wo sie nach Jahren des Hausunterrichts ihren Abschluss machte, genannt. Sicher ist das nicht. Eines jedoch ist unumstritten. Kollontai zeichnete in ihrem ganzen Leben ein ehrliches Mitgef\u00fchl mit Armen und Unterdr\u00fcckten aus. Menschliches Leid empfand sie als eigene Verletzung. Unter den Ungerechtigkeiten, die der Kapitalismus tagt\u00e4glich produziert, kann das schon reichen, um auf ewig mit den existierenden Machtverh\u00e4ltnissen zu brechen.<\/p>\n<p>Kollontai selbst beschrieb h\u00e4ufig den Besuch einer estnischen Textilfabrik 1896 als eine Art von Erweckungserlebnis. Was sie dort erlebte, hatte die wohl beh\u00fctete Alexandra Kollontai noch nie aus der N\u00e4he gesehen.<\/p>\n<p>Die Industrie in Russland wuchs in jenen Jahren rasant. Mit ihr wuchsen Russlands St\u00e4dte und in ihnen wuchsen ebenso schnell die Klassenunterschiede heran. Nur f\u00fcnf Prozent der russischen Bev\u00f6lkerung waren ArbeiterInnen, aber sie produzierten die H\u00e4lfte des Nationaleinkommens des Riesenreiches. Die Besitzer der an sich hochmodernen Fabriken waren meistens Ausl\u00e4nder. Eine russische Kapitalistenklasse gab es in dem Sinne des Wortes, bis auf wenige Ausnahmen, nicht. Die Arbeits- und Lebensbedingungen waren erschreckend, ganz egal, ob die Besitzer Russen waren \u2013 wie Putilow oder, was weitaus h\u00e4ufiger der Fall war, Engl\u00e4nder oder Franzosen. Noch immer war die russische ArbeiterInnenbewegung schwach, illegal und wurde brutal durch den Staatsapparat des Zaren verfolgt. F\u00fcr viele Kapitalisten war dies der Grund, in Russland zu produzieren. Sie flohen quasi vor den in ihren L\u00e4ndern erstarkenden Arbeiterorganisationen ins noch immer absolutistische Russland.<\/p>\n<p>Nichts und niemand konnte sich gegen die erb\u00e4rmlichen Bedingungen zur Wehr setzen, unter denen die FabrikarbeiterInnen dahinvegetierten. Sogar Familien schliefen vielfach in modrigen S\u00e4len, auf stinkenden Pritschen, von der Arbeit ausgelaugt, unterern\u00e4hrt und oft krank. Viren und Bakterien hatten leichtes Spiel mit den bedauernswerten Menschen, die dort leben mussten.<\/p>\n<p><strong>Kollontai wollte sehen<\/strong><\/p>\n<p>Niemand hatte Kollontai gezwungen, diese Schlafst\u00e4tten zu besuchen. Die meisten Menschen ihres Standes vermieden derartige Begegnungen, schon aus Furcht sich mit Seuchen zu infizieren. Kollontai hingegen wollte ihre Augen nicht verschlie\u00dfen. Und was sie sah, ersch\u00fctterte sie.<\/p>\n<p>Kleine Kinder tapsten verwahrlost die engen Gassen zwischen den Betten entlang. Als sie sich einem mitleiderregenden Jungen widmete, der wie ihr eigener Sohn etwa drei Jahre alt war und still auf seiner Pritsche lag, stellte sie schockiert fest, dass der kleine Junge l\u00e4ngst gestorben war. Niemand schien das auch nur zur Kenntnis zu nehmen.<\/p>\n<p>Kollontai verstand, anders als ihre Standesgenossen, dass diese Zust\u00e4nde nicht im mangelnden Mitgef\u00fchl plumper und dumpfer Menschen begr\u00fcndet waren, sondern dass die sozialen Verh\u00e4ltnisse Bedingungen schufen, unter denen der Tod auch eines Kindes kaum noch von Interesse ist, weil jede und jeder t\u00e4glich um sein eigenes \u00dcberleben k\u00e4mpfen musste.<\/p>\n<p>F\u00fcr Kollontai war dies der Stein, der die Lawine ins Rollen brachte. Sie war nicht bereit diese Situation weiter zu dulden!<\/p>\n<p>Sie verlie\u00df ihren Mann und immatrikulierte sich an der Universit\u00e4t in Z\u00fcrich. Das Studium war jedoch zweitrangig f\u00fcr sie. L\u00e4ngst hatte sie Kontakt zur marxistischen ArbeiterInnenbewegung aufgenommen. Sie las die Klassiker und zeitgen\u00f6ssische Literatur, trat der SDAPR bei und diskutierte mit Clara Zetkin, Rosa Luxemburg und Luise Kautsky. Die westeurop\u00e4ische Sozialdemokratie wurde von Kollontai wiederholt mit harten Worten attackiert: Sie interessiere sich einfach zu wenig f\u00fcr das Los der Arbeiterinnen.<\/p>\n<p>Nicht selten von ihrem Sohn begleitet, reiste sie von Frauenkongress zu Frauenkongress durch halb Europa, hielt Reden und publizierte mit zunehmendem Erfolg in der sozialistischen Presse Westeuropas.<\/p>\n<p><strong>Kollontai und Lenin<\/strong><\/p>\n<p>Es soll 1905 gewesen sein, als Kollontai erstmals Lenin begegnete. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die junge Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAPR) bereits in Fl\u00fcgelk\u00e4mpfen zerlegt. Lenin war einer der Hauptprotagonisten und f\u00fchrte den revolution\u00e4ren Fl\u00fcgel der SDAPR an. Kollontai war durchaus begeistert von Lenins Charisma und seiner F\u00e4higkeit, Probleme tiefgehend zu durchdringen. Dennoch geh\u00f6rte sie in den n\u00e4chsten Jahren zu den Warnern vor Lenin, weil sie seine Aktivit\u00e4ten als spalterisch ansah.<\/p>\n<p>Wenn sie auch selten inhaltlich Stellung bezog zum Streit zwischen den zwei Hauptfraktionen innerhalb der SDAPR, bezog sie letzten Endes auf diese Weise dennoch Stellung in dieser Auseinandersetzung.<\/p>\n<p>Dabei war der Streit in der russischen Sozialdemokratie alles anderes als unwichtig, oder nebens\u00e4chlich und keineswegs nur pers\u00f6nlich motiviert, wie damals so mancher sozialdemokratischer Funktion\u00e4r im Westen vorschnell urteilte. Die Leninsche Str\u00f6mung, die Bolschewiki, setzten auf eine revolution\u00e4re Umgestaltung der Gesellschaft; die Menschewiki hingegen, verfolgten einen reformistischen Ansatz. In jenem Jahr als Kollontai Lenin traf, 1905, wurden beide Positionen in der Praxis getestet. In Russland war Revolution: ArbeiterInnen bildeten R\u00e4te, Leo Trotzki leitete den Petersburger Sowjet, Einheiten der Armee liefen zur Revolution \u00fcber und der Zar musste unter dem Druck der Massen auf den Stra\u00dfen ein Zugest\u00e4ndnis nach dem anderen einr\u00e4umen: Ein Parlament, die Duma sollte gew\u00e4hlt werden, ArbeiterInnenorganisationen wurden legalisiert und eine Verfassung mit Grundrechten versprochen. Die Menschewiki verlangten, dass das Proletariat gemeinsam mit der \u2013 de facto nicht existenten \u2013 kapitalistischen Klasse eine reformistische Transformation des Zarenreichs hin zu einer parlamentarischen Demokratie vornehmen sollte. Im Grunde sollten sich die ArbeiterInnen in ihren Forderungen selbst begrenzen. Diese Strategie war schon deshalb undurchf\u00fchrbar, weil sich die wenigen Kapitalisten Russlands, im Gef\u00fchl der eigenen Schw\u00e4che, eher an den zaristischen Staatsapparat anlehnten, als mit den ArbeiterInnen, deren potentielle St\u00e4rke sie f\u00fcrchteten, gemeinsam gegen den Absolutismus des Zaren zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Lenin propagierte damals die \u201edemokratische Diktatur der Arbeiter und Bauern\u201c, da er wusste, dass nur diese beiden Klassen ein Interesse an echten Ver\u00e4nderungen in Russland hatten.<\/p>\n<p>Kollontai besch\u00e4ftigten diese Fragen nur am Rande. Das war schon insofern eigent\u00fcmlich, als gerade Arbeiterinnen in Russland \u00fcber diese Probleme nachdachten und dar\u00fcber stritten. Kollontais politische Vorbehalte gegen\u00fcber Lenins Positionen versperrten ihr lange Zeit den Weg zum revolution\u00e4ren Fl\u00fcgel der SDAPR.<\/p>\n<p><strong>Kollontais Weg zu den Bolschewiki<\/strong><\/p>\n<p>Der argentinische revolution\u00e4r Ernesto Che Guevara sagte einmal, er lerne empirisch \u2013 durch Erfahrung also. Scheinbar war es bei Alexandra Kollontai genauso. Und je mehr sie als K\u00e4mpferin agierte, desto mehr n\u00e4herte sie sich den Positionen der Bolschewiki an.<\/p>\n<p>Sie war 1908 anl\u00e4sslich eines Frauenkongresses nach Russland zur\u00fcckgekehrt. Ihre Rede war derart mutig und revolution\u00e4r, dass die im Saal anwesende Geheimpolizei \u201eOchrana\u201c sie noch an Ort und Stelle in Haft nehmen wollte. In letzter Minute konnte sich Kollontai der Verhaftung durch Flucht entziehen. Eine Flucht, die sie durch halb Europa f\u00fchren sollte. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, hielt sich Kollontai gerade in Deutschland auf. Nun sa\u00df sie im kaiserlichen Deutschen Reich fest und weigerte sich \u2013 wie Lenin, der gerade im Schweizer Exil war \u2013 die Meldungen zu glauben, die da \u00fcber sie hereinbrachen: Die Reichstagsfraktion der SPD trug den Kriegskurs der eigenen Regierung mit. Kein Ausscheren, kein Widerstand mehr, obwohl noch ein paar Wochen zuvor Hunderttausende gegen den drohenden Krieg demonstriert hatte, keine Streiks. Die F\u00fchrung der SPD marschierte mit und die II. Internationale zerfiel.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die F\u00fchrungen der sozialdemokratischen Parteien \u2013 abgesehen von den serbischen und russischen GenossInnen \u2013 den Kriegskurs verteidigten und w\u00e4hrend auch Anarchisten wie Erich M\u00fchsam entschieden f\u00fcr den Krieg trommelten, reihte sich Alexandra Kollontai ins Lager der KriegsgegnerInnen ein. Sie organisierte in Deutschland Antikriegstreffen f\u00fcr Arbeiterinnen. Schnell geriet sie damit ins Visier der Polizei, die \u2013 obwohl der Krieg nun lief und man gegen Russland hetzte \u2013 mit den zaristischen Beh\u00f6rden zusammenarbeitete und Kollontai nach Russland abschieben wollte, wo ihr Haft und Verbannung drohten. Die Herrschenden arbeiteten selbst in Kriegszeiten gemeinsam gegen die Unterdr\u00fcckten!<\/p>\n<p>Die pers\u00f6nliche Intervention Karl Liebknechts erm\u00f6glichte jedoch Kollontais Ausreise nach D\u00e4nemark, von wo sie mit der Zwischenstation Schweden nach Norwegen ging. Dort arbeitete sie unerm\u00fcdlich an dem Versuch, eine Opposition gegen den Kriegskurs der F\u00fchrungen der sozialdemokratischen Parteien aufzubauen.<\/p>\n<p>Noch in Norwegen wurde sie \u2013 wie noch h\u00e4ufiger in ihrem Leben \u2013 ein Opfer der Ger\u00fcchtek\u00fcche. Sie verliebte sich in Alexander Schljapnikow, einen Vertrauten Lenins, der zu dieser Zeit in Norwegen weilte. Gleichzeitig besch\u00e4ftigte sich Kollontai mit Lenins Positionen zum Krieg. Als sie \u00f6ffentlich erkl\u00e4rte, dass dessen Idee den Weltkrieg in einen \u201eWeltb\u00fcrgerkrieg\u201c umzuwandeln \u2013 die Waffen, die sich in der Hand der Massenheere des Krieges befanden, gegen die Herrschenden zu kehren \u2013 von ihr geteilt wurde, waren die Schockwellen, die sie innerhalb des gem\u00e4\u00dfigten Fl\u00fcgels der Sozialdemokratie hinterlie\u00df, gro\u00df. Und als fiele ihren Gegnern nichts Besseres ein, war die Erkl\u00e4rung, die man allerorten vernahm, ihre Aff\u00e4re mit Schljapnikow. Dass sich eine Frau aus anderen Gr\u00fcnden f\u00fcr bestimmte politische Positionen entschied, schien einem gro\u00dfen Teil der kriegsbef\u00fcrwortenden sozialdemokratischen Funktion\u00e4re einfach nicht glaubw\u00fcrdig.<\/p>\n<p><strong>Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Februarevolution st\u00fcrzte sich Kollontai sofort in den Kampf: Sie eilte nach Petrograd und zog Reden haltend von Stadtteil zu Stadtteil und von Betrieb zu Betrieb. Lenins Ankunft aus dem Exil nahm sie als Einschnitt wahr. Sofort ergriff sie Partei f\u00fcr seine \u201eAprilthesen\u201c, die den Sturz der provisorischen Regierung proklamierten; ebenso wie die Machtergreifung durch die ArbeiterInnen- und B\u00e4uerinnen- und Bauernr\u00e4ten.; Landverteilung an arme Bauernfamilien und ArbeiterInnenkontrolle in den Betrieben. Im Grunde wandte Lenin Trotzkis Theorie der \u201epermanenten Revolution\u201c an, die proklamierte, dass die Schw\u00e4che der Kapitalistenklasse Russlands eine b\u00fcrgerliche Revolution unter deren F\u00fchrung unm\u00f6glich mache und daher die ArbeiterInnenklasse diese Aufgaben zu \u00fcbernehmen habe. Diese k\u00f6nne aber bei der Etablierung einer kapitalistischen Gesellschaft nicht stehen bleiben, sondern m\u00fcsse die Revolution in Permanenz zur sozialistischen weiterentwickeln.<\/p>\n<p>F\u00fcr Kollontai waren diese Ansichten nun unumstritten. Nun geh\u00f6rte sie zu den ungeduldigen Teilen der Bolschewiki. Selbst als Lenin und Trotzki im Juli 1917 die aufstandsbereiten Massen der russischen Hauptstadt bremsten, aus der berechtigten Furcht heraus, die Erhebung komme zu fr\u00fch, wollte Kollontai davon \u00a0nichts h\u00f6ren. Als Lenin vom Balkon der Villa Kscheschinskaja, dem Hauptquartier der Bolschewiki aus, den dahin gestr\u00f6mten Massen zurief, der Zeitpunkt zur Erhebung sei noch nicht gekommen, war sie wie viele um sie herum schwer entt\u00e4uscht. Sie forderte die Massen auf, dennoch zu handeln. Doch der Zeitpunkt war zu fr\u00fch. Die Erhebung wurde besiegt, Lenin musste fliehen, Trotzki wurde in die Peter- und Pauls-Festung verschleppt. Auch Kollontai geriet in Haft. Erst der Sieg der Bolschewiki gegen den Putschversuch des zaristischen Generals Kornilow erm\u00f6glichte ihre Befreiung.<\/p>\n<p><strong>Rat der Volkskommissare<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem siegreichen Aufstand im Oktober 1917 holte Lenin Kollontai \u2013 allen Differenzen zum Trotz \u2013 in die erste Sowjetregierung. Im \u201eRat der Volkskommissare\u201c war sie zust\u00e4ndig f\u00fcr soziale Wohlfahrt. Kollontai war damit weltweit die erste Frau auf einem Ministerposten. Damit hatte sie nicht nur zahlreiche v\u00f6llig neue Aufgaben zu bew\u00e4ltigen, sie konnte auch erstmals ihre Ansichten Realit\u00e4t werden lassen. Die Verbesserungen f\u00fcr Frauen im Zuge der russischen Revolution \u2013 unter der Leitung von Kollontai \u2013 \u00a0waren gewaltig.<\/p>\n<p>\u00d6ffentliche K\u00fcchen wurden eingerichtet, Kindererziehung sollte \u00f6ffentliche Aufgabe werden. Erstmals wurden in gro\u00dfen Stil reformp\u00e4dagogische Ans\u00e4tze erprobt. Ein Schritt, auf den sich die Bildungsministerien der westlichen Welt bis heute nicht einigen konnten. Obwohl ihre Ziele selbst innerhalb der Bolschewiki h\u00e4ufig als viel zu weitgehend wahrgenommen wurden, unterst\u00fctzte Lenin ihre Aktivit\u00e4ten immer wieder. Und nat\u00fcrlich hie\u00df es im Lager der Revolutionsgegner und des gem\u00e4\u00dfigten Fl\u00fcgels der ArbeiterInnenbewegung wieder, Kollontai sei Lenins Geliebte.<\/p>\n<p>Sie, die in Wahrheit l\u00e4ngst mit Dybenkow, dem 17 Jahre j\u00fcngeren Kommandeur der Kronst\u00e4dter Matrosen liiert war, interessierte das Getuschel wenig. Sie setzte mit Lenins Hilfe die Vereinfachung des Scheidungsrechts durch, beschlagnahmte mit Hilfe der Roten Matrosen Kl\u00f6ster und quartierte ledige M\u00fctter und Waisenkinder dort ein.<\/p>\n<p>Als sie im Januar 1918 gemeinsam mit Dybenkow alles stehen und liegen lie\u00df, um auf der Krim zu heiraten, machte schnell der Ruf von Desertation die Runde. Nicht wenige verlangten f\u00fcr Kollontai und Dybenkow entsprechende Parteistrafen. Lenin intervenierte und gl\u00e4ttete die Wogen. Kollontai und Dybenkow entstanden keinerlei Nachteile. Mit nicht wenig spitzer Ironie \u201everurteilte\u201c Lenin beide in einem Gespr\u00e4ch hinter verschlossenen T\u00fcren zu gegenseitiger f\u00fcnfj\u00e4hriger Treue.<\/p>\n<p><strong>Sexualmoral<\/strong><\/p>\n<p>Doch auch Lenin gingen Kollontais Ansichten h\u00e4ufig zu weit: Beispielsweise als sie vom Rat der Volkskommissare forderte, gesetzliche Grundlagen f\u00fcr das Zusammenleben in Kommunen zu schaffen, in denen Kinder gemeinsam aufgezogen und freie Liebe praktiziert wurde. F\u00fcr Kollontai waren solche \u00dcberlegungen integraler Bestandteil ihrer Suche nach den Formen des Zuammenlebens in der befreiten Gesellschaft. Liebe und Sexualit\u00e4t w\u00fcrden sich, so ihre feste \u00dcberzeugung ver\u00e4ndern: \u201eJede geschichtliche (und daher \u00f6konomische Epoche in der Entwicklung der Gesellschaft hat ihr eigenes Eheideal und ihre eigene Sexualmoral [\u2026] Unterschiedliche wirtschaftliche Systeme haben unterschiedliche Moralkodizes. [\u2026] \u00a0Je fester die Grunds\u00e4tze des Privateigentums etabliert sind, desto strikter ist der Moralkodex.\u201c<\/p>\n<p>Was Kollontai dem b\u00fcrgerlichen Eheideal entgegen hielt, liest sich auch heute noch \u2013 in einer Zeit, in der selbsternannte Moralw\u00e4chter von Rechtsau\u00dfen am liebsten jede Errungenschaft der Frauenbewegung infrage stellen wollen \u2013 unglaublich modern. Die \u00dcber- und Unterordnungen, die Abh\u00e4ngigkeiten wollte Kollontai \u00fcberwinden. Menschliche Beziehungen sollten nach ihrem Willen drei Grundlagen haben: \u201e1. Gleichheit in den Beziehungen \u2026 2. beiderseitige Anerkennung der Rechte des anderen, der Tatsache, dass niemand des Anderen Herz und Seele besitzt (jenes Gef\u00fchl des Eigentums, das sich in der b\u00fcrgerlichen Kultur entwickelt hat), 3. genossenschaftliche Sensibilit\u00e4t, das Verm\u00f6gen, sich in die Vorg\u00e4nge der Seele des vertrauten und geliebten Menschen hineinzuversetzen und sie zu verstehen (die b\u00fcrgerliche Kultur forderte diese Feinf\u00fchligkeit in der Liebe nur von der Frau).\u201c<\/p>\n<p>Trotzdem soll Lenin wenig begeistert gewesen sein. Die Konterrevolution griff der Sowjetmacht mit ihrer m\u00e4chtigen Hand erbarmungslos an die Gurgel. Das und die Tatsache, dass sich Kollontais Pl\u00e4ne ausschweifend anh\u00f6rten, machte Lenin skeptisch. Allerdings zeichnete die Sowjetmacht damals aus, dass sie auch Dinge erm\u00f6glichte, die nicht unbedingt den Ansichten der f\u00fchrenden Personen in den Bolschweiki, den Linken Sozialrevolution\u00e4ren oder dem Rat der Volkskommissare entsprachen.<\/p>\n<p>Lenin und Trotzki waren sich durchaus dar\u00fcber im Klaren, dass der Sowjetstaat auch Labor f\u00fcr das zuk\u00fcnftige Zusammenleben sein m\u00fcsse. Die Kommuneh\u00e4user wurden ins Leben gerufen.<\/p>\n<p>Dennoch kam es zwischen Kollontai und Lenin zum Zerw\u00fcrfnis. Im M\u00e4rz 1918 legte die erste Ministerin der Welt ihre \u00c4mter aus Protest gegen den Friedensschluss von Brest-Litowsk nieder. Wie der linke Fl\u00fcgel der Bolschewiki und die Linken Sozialrevolution\u00e4re, verlangte sie einen \u2013 damals v\u00f6llig aussichtslosen \u201erevolution\u00e4ren Volkskrieg\u201c gegen die deutsche Kaiserliche Armee.<\/p>\n<p>Noch einmal w\u00fcrden Lenin und Kollontai eng zusammenarbeiten. Als Vorsitzende der Frauenabteilung im Zentralkomitee der Bolschewiki setzte sie mit ihm gemeinsam ein Gesetz zur Straffreiheit von Abtreibungen durch, welches selbst innerhalb der F\u00fchrungsebenen der Partei hoch umstritten war. Nur ein Jahr sp\u00e4ter jedoch, auf dem Parteitag der Bolschewiki 1921 warf sie ausgerechnet Lenin und Trotzki \u2013 die die B\u00fcrokratisierung von Partei und Staat bek\u00e4mpften \u2013 vor, sie w\u00fcrden genau diese Entwicklung betreiben. Nun war der Bruch endg\u00fcltig.<\/p>\n<p><strong>Unterwerfung unter Stalin<\/strong><\/p>\n<p>Kollontais Leben bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhundert hinein war ein steter Akt der Rebellion gegen ihr vorgesetzte Autorit\u00e4ten: Ihre Familie, die russische Gesellschaft, die F\u00fchrung der II. Internationale. Sie versp\u00fcrte keine Scheu alles zu kritisieren und sich auch innerhalb der Bolschewiki heftige Auseinandersetzungen zu liefern. Selbst Lenin griff sie \u2013 in diesem Falle nicht selten ungerechtfertigt, aber dennoch mutig und entschlossen \u2013 an. Als Stalins Aufstieg nach Lenins Tod die Errungenschaften der Oktoberrevolution auf allen Gebieten infrage stellte, schloss sie sich zun\u00e4chst der \u201eArbeiter-opposition\u201c an. Sie verfasste, zu diesem Zeitpunkt als Botschafterin im Ausland t\u00e4tig, programmatische Schriften f\u00fcr diese Fraktion innerhalb der Bolschewiki.<\/p>\n<p>Doch im Laufe des Jahres 1927, als sich die B\u00fcrokratie in Stalins Gefolge durchsetzte, als jene von demokratischen Kontrollmechanismen g\u00e4nzlich unber\u00fchrte Schicht, privilegierter Funktion\u00e4re die Macht \u00fcber Partei und Staat endg\u00fcltig an sich riss; als Revolution\u00e4re wie Karl Radek oder Leo Trotzki in die Verbannung geschickt wurden und Stalins Hauptgegner innerhalb der Partei, die \u201eLinke Opposition\u201c zerschlagen wurde, senkte Kollontai ihr bislang so stolzes Haupt vor dieser neuen Autorit\u00e4t.<\/p>\n<p>Sie kritisierte und bek\u00e4mpfte Stalin weder, als der das Scheidungsrecht wieder wesentlich erschwerte und das Abtreibungsrecht abschaffte. Auch dann nicht, als er alle reformp\u00e4dagogischen Konzepte aus den Bildungs- und Erzeiehungseinrichtungen verbannte und dort ein rauer Ton von Gehorsam und Unterwerfung Einzug hielt. Kollontai schaute weg, als die Frauenabteilung im Zentralkomitee der Bolschewiki durch Stalin aufgel\u00f6st wurde und als zahlreiche Freundinnen und Freunde im Gulag endeten. Auch die Aufl\u00f6sung der Kommuneh\u00e4user kommentierte Kollontai nicht.<\/p>\n<p>Sie frisierte ihre Lebenserinnerungen so h\u00e4ufig, dass es HistorikerInnen nach ihrem Tod schwer fiel die urspr\u00fcngliche Fassung herzustellen. Damit nahm sie sich jede M\u00f6glichkeit ihre eigenen Ansichten zur politischen Konterrevolution Stalins wenigstens nach ihrem Tod der Nachwelt darzustellen. Ihre angeblichen Erinnerungen strotzen vor F\u00e4lschungen und bewusst formulierten Ungenauigkeiten. Doch am vielleicht Erschreckendsten ist, dass sie selbst als Dybenkow, der Mann mit dem sie einst in Richtung Krim \u201edurchbrannte\u201c, von Stalin ermordet wurde, schwieg. Zu diesem Zeitpunkt hatten beide sich bereits getrennt, waren jedoch weiterhin sehr eng befreundet.<\/p>\n<p>So sah Kollontai unt\u00e4tig zu, als in den letzten 25 Jahren ihres Lebens Stalins B\u00fcrokraten ihr Lebenswerk fast komplett zerst\u00f6rten. Dass sie den Ma\u00dfnahmen Stalins innerlich voll zustimmte, ist nicht wahrscheinlich. Doch sie protestierte, anders als Leo Trotzki oder auch Clara Zetkin \u2013 nie \u00f6ffentlich gegen Stalins Repressionen.<\/p>\n<p>Das dahinterstehende Motiv liegt im Dunkeln: War es die Angst vor dem Verlust ihrer eigenen Privilegien? Furcht vor Stalins Henkern? Wollte sie dem Ansehen des ersten Staates, der den Kapitalismus \u00fcberwunden hatte, nicht schaden? Was auch immer Kollontai dazu veranlasste Stalin nie in die Parade zu fahren, es stellt ihr gesamtes Lebenswerk zur Disposition.<\/p>\n<p><strong>Was bleibt?<\/strong><\/p>\n<p>Doch die Kollontai der 30er und 40er Jahre war nicht die ganze Alexandra Kollontai. Kennt man ihr Leben, so bleibt sie auch eine entschlossene K\u00e4mpferin f\u00fcr die Sache der Unterdr\u00fcckten, f\u00fcr Frauenrechte und f\u00fcr eine entschiedene Verbesserung der Bildung. Man darf auch nicht vergessen, dass Alexandra Kollontai nicht die einzige Bolschewistin war, die vor Stalin kapitulierte; Radek, Sinowjew, Kamenjew, Bucharin \u2013 und viele mehr hielten dem Druck Stalins und den Verlockungen der Privilegien nicht stand. Sie alle bezahlten diesen pers\u00f6nlichen Kurs am Ende mit dem Leben und mit der Zerst\u00f6rung der Werte und Ideen, f\u00fcr die sie ein Leben lang gek\u00e4mpft hatten.<\/p>\n<p>Dennoch werden die Ideen Kollontais \u00fcber das Zusammenleben in der Familie, \u00fcber die Gleichstellung von Frau und Mann, \u00fcber P\u00e4dagogik ein Teil des revolution\u00e4ren Erbes der ArbeiterInnenbewegung bleiben. Ihr entschlossenes Eintreten f\u00fcr die Interessen der Arbeiterinnen muss heute wie damals Auftrag f\u00fcr uns alle sein.<\/p>\n<p>Dass der Sowjetstaat unmittelbar nach 1917 ihren Versuchen so viel Raum gab, zeigt ebenso wie das Verhalten Lenins Kollontai gegen\u00fcber, dass so manches M\u00e4rchen der b\u00fcrgerlichen Geschichtsschreibung \u00fcber die toleranzlose H\u00e4rte von Lenin und Trotzki eben nur ein M\u00e4rchen ist. Entscheidungen trafen nicht eine Handvoll abgehobener \u201eF\u00fchrer\u201c, sondern die ehemaligen Unterdr\u00fcckten, die sich in Sowjets organisiert hatten. Dass zahlreiche Ma\u00dfnahmen f\u00fcr ein erneuertes Zusammenleben von Menschen zustande kamen war diesem Umstand zu verdanken; dass so mancher Versuch im Ansatz stecken bleiben musste, war den widrigen Umst\u00e4nden geschuldet, unter denen die Revolution voranzuschreiten hatte: In einem unterentwickelten Land; bedroht von konterrevolution\u00e4ren Armeen aus dem In- und Ausland. Dass es den Bolschewiki in ihrer Mehrheit sehr ernst war mit einer Ver\u00e4nderung des Geschlechterverh\u00e4ltnisses zeigt nicht zuletzt auch die Rolle, die Alexandra Kollontai in diesen Ereignissen gespielt hat.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.sozialismus.info\/2018\/08\/erste-ministerin-der-weltgeschichte\/\"><em>sozialismus.info&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. 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