{"id":3867,"date":"2018-08-03T09:25:57","date_gmt":"2018-08-03T07:25:57","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3867"},"modified":"2018-08-03T10:28:58","modified_gmt":"2018-08-03T08:28:58","slug":"weder-israelische-besatzung-noch-hamas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3867","title":{"rendered":"&#8222;Weder israelische Besatzung noch Hamas&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Anselm Schindler. <\/em><strong>In einem Dorf im Westjordanland diskutieren pal\u00e4stinensische und israelische Linke gemeinsam mit Internationalist*innen aus Europa und Kurdistan<!--more--> \u00fcber Perspektiven des Widerstandes.<\/strong><\/p>\n<p>Auf den \u00c4ckern von Farkha tummeln sich Menschen aus verschiedenen L\u00e4ndern, aus Portugal, aus Italien, Kurdistan und Deutschland. Die Internationalist*innen schwitzen, sie sind dabei Steinmauern zu bauen, damit die Gartenterrassen nicht abrutschen. Farkha, das ist ein kleiner Ort in der N\u00e4he von Ramallah, der\u00a0De-Facto\u2013Hauptstadt des Westjordanlandes in Pal\u00e4stina. Einer Region die seit Jahrzehnten umk\u00e4mpft ist und die immer st\u00e4rker von israelischen Siedlungen, Milit\u00e4rzonen und Grenzanlagen zerrissen wird.\u00a0Vom h\u00f6chsten Punkt in Farkha aus reicht der Blick bis zu den Silhouetten der Wolkenkratzer von Tel Aviv. Davor erstrecken sich\u00a0weitl\u00e4ufige\u00a0H\u00fcgelketten. Es ist eine idyllische Landschaft, hier ein Dorf, dort ein Olivenhain. Doch es ist auch ein zerrissenes Land, von den D\u00e4chern von Farkha aus\u00a0sieht\u00a0man auch die Lichter von den Landstra\u00dfen, die sich durch das Westjordanland schl\u00e4ngeln. Viele von ihnen d\u00fcrfen von Pal\u00e4stinensern nicht benutzt werden, sondern nur von den j\u00fcdisch-israelischen Siedlern.<\/p>\n<p>Jedes Jahr kommen linke Pal\u00e4stinenser*innen aus verschiedenen Teilen des Westjordanlandes und immer wieder auch israelische Linke nach Farkha, um dort ein Solidarit\u00e4tsfestival zu veranstalten. Und jedes Jahr sind auch Internationalist*innen dabei, die die pal\u00e4stinensische Linke unterst\u00fctzen wollen. Das Festival l\u00e4uft gut eine Woche lang, die meisten Tage beginnen mit Freiwilligenarbeit, Schulen werden gestrichen, ein Platz gepflastert. Schwerpunkt ist in diesem Jahr die Unterst\u00fctzung der \u00f6kologischen Landwirtschaftskooperative.<\/p>\n<p>Am heutigen Sonntag endet das diesj\u00e4hrige Farkha-Festival. F\u00fcr viele Jugendliche aus Farkha und\u00a0dem\u00a0Umland ist es eine willkommene Abwechslung von einer Gesellschaft, die sich zwar im Wandel befindet, die aber in Teilen immer noch strengen religi\u00f6sen und traditionellen Dogmen folgt. F\u00fcr die pal\u00e4stinensisch Linke, allen voran f\u00fcr die kommunistische Palestinian Peoples Party (PPP) ist das Festival eine Gelegenheit, um auf die Lage der Pal\u00e4stinenser*innen aufmerksam zu machen und mit Genoss*innen aus Israel und aus anderen Teilen der Welt \u00fcber Perspektiven zu diskutieren. Und das Festival ist auch eine Gelegenheit f\u00fcr die Frauen in der Region, sich Geh\u00f6r zu verschaffen. Viele Jahre lang waren auf dem Fest\u00a0kaum Frauen zu sehen, doch seit einigen Jahren hat sich das ge\u00e4ndert, auch einige Vortr\u00e4ge werden von Frauen geleitet und die Frauen im Dorf haben die M\u00e4nner dazu gedr\u00e4ngt, bei diesem Festival mit in der K\u00fcche zu stehen, um hunderte Menschen mit Essen zu versorgen.<\/p>\n<p>Dominiert werden die Reden und Diskussionen auf dem diesj\u00e4hrigen Festival, das bereits zum 25. Mal stattfindet, von der Emp\u00f6rung und der Wut, die das neue israelische\u00a0Nationalit\u00e4tengesetz ausl\u00f6st. In dem Gesetz wird die j\u00fcdisch-israelische Hegemonie, die seit langem Praxis ist, nachtr\u00e4glich juristisch legitimiert. Pal\u00e4stinenser*innen waren seit Gr\u00fcndung des Staates Israel Rassismus und oftmals auch milit\u00e4rischer Besatzung ausgesetzt, seitdem das Gesetz in Kraft getreten ist, sind die Pal\u00e4stinenser*innen aber auch offiziell B\u00fcrger zweiter Klasse. Doch das Gesetz ist nicht nur rassistisch, sondern auch eine Kriegserkl\u00e4rung an alle s\u00e4kularen und fortschrittlichen Kr\u00e4fte, egal ob mit arabischem oder j\u00fcdischem Hintergrund. Deshalb treibt es auch die Linke auf die Barrikaden.<\/p>\n<p>W\u00fctend sind viele Menschen in Farkha und den anderen D\u00f6rfern und St\u00e4dten im Westjordanland nicht nur auf die Politik des Israelischen Staates sondern auch auf die herrschenden Parteien der Pal\u00e4stinensischen Autonomiebeh\u00f6rde, die im Westjordanland und im Gaza-Streifen an der Macht sind. Namentlich auf die \u201esozialdemokratische\u201c Fatah und die islamistische Hamas. \u201eDenen geht es nur um Posten, um Geld und um den Erhalt der eigenen Macht\u201c, schimpft Hadeel Shatara, eine junge Kommunistin, als wir uns beim Farkha-Festival in der Schlange f\u00fcrs Mittagessen einreihen. Hadeel ist in der Palestinian Peoples Party aktiv und hilft auch auf dem Festival mit. \u201eDen beiden Parteien geht es mehr darum, sich gegenseitig zu bek\u00e4mpfen und Posten streitig zu machen als um die Menschen in Pal\u00e4stina.\u201c<\/p>\n<p>Aktuell haben die Reibereien zwischen den beiden Parteien auch Einfluss auf die Lage im Gaza-Streifen, das wie das Westjordanland zu den Pal\u00e4stinensischen Autonomiegebieten z\u00e4hlt. Die Fatah hat ihren Anh\u00e4ngern, die in Gaza unter der Herrschaft der Hamas im \u00f6ffentlichen Dienst arbeiten, vor einiger dazu gedr\u00e4ngt, die Arbeit niederzulegen und ihre L\u00f6hne gek\u00fcrzt. Die ohnehin schlechte Versorgung der Menschen in Gaza ist dadurch noch weiter zusammengebrochen, die Wirtschaft ist teilweise lahmgelegt, vielen Menschen fehlt es an \u00fcberlebensnotwendigen Dingen und die Krankenh\u00e4user funktionieren noch schlechter als sonst. Die Anweisung zur Arbeitsniederlegung sollte, geht es nach der Fatah, die Hamas-Vorherrschaft in Gaza schw\u00e4chen, doch getroffen hat sie in erster Linie die Zivilbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Diese Politik f\u00fchrt auch im von der Fatah gef\u00fchrten Westjordanland zu Protesten. Gerade in den letzten Wochen gab es immer wieder gro\u00dfe Demos, die inzwischen Ausdruck der allgemeinen Unzufriedenheit mit den Zust\u00e4nden in Pal\u00e4stina sind. Auch immer mehr Frauen nehmen an den Protesten teil. Die Demos w\u00fcrden von paramilit\u00e4rischen Einheiten der\u00a0Fatah immer wieder angegriffen, Menschen w\u00fcrden verpr\u00fcgelt, verschleppt und inhaftiert. Hadeel hat in Ramallah immer wieder Demos mitorganisiert, sie w\u00fcrden vor Allem von linken Kr\u00e4ften angef\u00fchrt und von der Normalbev\u00f6lkerung getragen. Immer wieder mischten sich auch Islamisten unter die Demonstrant*innen, doch die wolle man auf den Demos nicht haben, betont Hadeel.<\/p>\n<p>Um die komplizierte Lage im Westjordanland zu verstehen muss man wissen, dass die Pal\u00e4stinenser*innen die dort leben zwar eine Autonomieregierung haben, diese aber nur \u00fcber begrenzte M\u00f6glichkeiten verf\u00fcgt. In vielen Lebensbereichen stehen die Menschen unter Kontrolle des israelischen Staates. \u00dcberall ragen Mauern und Z\u00e4une in den Himmel die Pal\u00e4stinenser*innen den Zugang zu einem Teil des Westjordanlandes verwehren.\u00a0Innerhalb des Westjordanlandes d\u00fcrfen Pal\u00e4stinenser*innen nur in bestimmten Zonen siedeln, der Bau von Wohngebieten wird durch den israelischen Staat kontrolliert. Wenn sich der israelische Staat dazu entscheidet, ein ehemaliges pal\u00e4stinensisches Gebiet zu israelischem Siedlungsgebiet zu machen, dann gibt es kaum M\u00f6glichkeiten des Einspruchs f\u00fcr die pal\u00e4stinensischen Einwohner*innen, sie werden im Regelfall einfach zwangsger\u00e4umt und vertrieben.<\/p>\n<p>Auch \u00f6konomisch besteht eine krasse Ungleichheit, was man vor Allem sieht, wenn man an den zahlreichen mit Stacheldraht und Stromz\u00e4unen gesicherten israelischen Siedlungen vorbeif\u00e4hrt. Auf Siedler-Seite stehen in Reihen aufgestellte gepflegte Einfamilienh\u00e4user, oft von Palmen eingerahmt. Auf der anderen Seite ist die Welt eine andere, auch im Westjordanland sind gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung arm, von den Hamas- und Fatah- Eliten und einigen wenigen Kapitalisten mal abgesehen. Verbunden ist das mit der \u00f6konomischen Dominanz Israels \u00fcber die pal\u00e4stinensischen Gebiete, die Wirtschaftspolitik wird vom israelischen Staat mittels Aus- und Einfuhrbeschr\u00e4nkungen kontrolliert. Das f\u00fchrt dazu, dass die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung im Westjordanland stark von israelischen Waren abh\u00e4ngig ist. Mit Boykottaufrufen gegen israelische Waren versuchen sich die Leute im Westjordanland gegen diese Politik zu wehren, doch der Erfolg ist bislang m\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p>Der Widerstand gegen die israelische Besatzungspolitik scheitert wohl am meisten daran, dass die widerst\u00e4ndischen Kr\u00e4fte heillos zersplittert sind und von korrupten und teils islamistischen Kr\u00e4ften dominiert werden. Und auch die progressiven und linken Kr\u00e4fte, die einzigen Kr\u00e4fte, die f\u00fcr ein s\u00e4kulares, friedliches und solidarisches Zusammenleben von Menschen mit muslimischem, j\u00fcdischem und christlichem Hintergrund eintreten, sind zerstritten. Was nicht hei\u00dft, dass keine Hoffnung besteht. Auf dem Farkha-Festival wird deshalb auch viel dar\u00fcber diskutiert, wie man die Linke in Israel und Pal\u00e4stina einen kann. Die kommunistische Palestinian Peoples Party (PPP) und ihre israelische Schwesterpartei, die Kommunistische Partei Israel (IKP) haben in den vergangenen Monaten immer wieder verst\u00e4rkt versucht, alle Parteien an einen Tisch zu bringen, wie Mohammed Barakeh erkl\u00e4rt, der bis 2015 f\u00fcr die IKP im israelischen Parlament sa\u00df. \u201eWir brauchen eine starke linke Bewegung die in der Lage ist, den Widerstand anzuf\u00fchren\u201c, stimmt ihm Kommunistin Hadeel zu. \u201eWir brauchen eine Alternative. Wir wollen hier weder israelische Besatzung noch Hamas\u201c.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist die Frage wie es mit Pal\u00e4stina weitergeht auch eine Frage der Internationalen Solidarit\u00e4t. Die Frage, wie viel Unterst\u00fctzung die Menschen im Westjordanland und Gaza von au\u00dferhalb bekommen und inwieweit linke Bewegungen weltweit ihre Genoss*innen in Pal\u00e4stina und Israel unterst\u00fctzen. Am vorletzten Tag des Farkha-Festivals werden Gru\u00dfw\u00f6rter aus Rojava\/ Nordsyrien verlesen. Die Revolution\u00e4re Jugend Rojavas (YCR) und die Internationalistische Kommune von Rojava erkl\u00e4ren ihre Solidarit\u00e4t mit den Genoss*innen in Farkha. Man wolle k\u00fcnftig Verbindungen nach Pal\u00e4stina aufbauen um gemeinsam eine feministische, demokratische und \u00f6kologische Perspektive voranzubringen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2018\/07\/wir-wollen-hier-weder-israelische-besatzung-noch-hamas\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 3. August 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anselm Schindler. 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