{"id":3872,"date":"2018-08-03T15:51:22","date_gmt":"2018-08-03T13:51:22","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3872"},"modified":"2018-08-03T15:51:59","modified_gmt":"2018-08-03T13:51:59","slug":"arbeiterinnen-klassenkampf-und-patriarchat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3872","title":{"rendered":"Arbeiterinnen, Klassenkampf und Patriarchat"},"content":{"rendered":"<p><em>Andrea D\u2019Atri. <\/em><strong>Anfang 2018 ver\u00f6ffentlichte der spanische Verlag \u201eTraficantes de Sue\u00f1os\u201c das Buch\u00a0<em>\u201eEl patriarcado del salario\u201c<\/em>\u00a0von Silvia Federici. Inmitten des Wiedererstarkens<!--more--> der\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/feministinnen-dankt-der-frauenbewegung-ueberwindet-den-kapitalismus\/\">feministischen Bewegung<\/a>\u00a0auf internationaler Ebene kehrt die Debatte \u00fcber die Beziehungen zwischen Patriarchat und Kapitalismus zur\u00fcck.<\/strong><\/p>\n<p>Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts kollidierte die Eingliederung von Frauen in die au\u00dferh\u00e4usliche Arbeit mit dem Mangel an politischen Rechten f\u00fcr Frauen. Die Eingliederung wurde zun\u00e4chst durch die kapitalistische Entwicklung gef\u00f6rdert und durch die \u201eKnappheit\u201c der m\u00e4nnlichen Arbeitskr\u00e4fte wegen des Ersten Weltkriegs sp\u00e4ter verst\u00e4rkt. Die relative Gleichstellung mit den M\u00e4nnern auf dem Arbeitsmarkt, zu der die weiblichen Massen vom Kapital gedr\u00e4ngt wurden, wie es auch in der industriellen Revolution mit Kindern der Fall war, hat ihre Ungleichheit in der Zivilgesellschaft hervorgehoben oder ans Tageslicht gebracht. Man k\u00f6nnte sagen, dass die relative und neue \u201eGleichheit in [einigen Aspekten des] Lebens\u201c die unangemessene und uralte \u201eUngleichheit vor dem Gesetz\u201c zwischen M\u00e4nnern und Frauen unhaltbar machte. Der Kampf f\u00fcr B\u00fcrgerinnenrechte \u2013 vor allem f\u00fcr das Frauenwahlrecht \u2013, gef\u00fchrt von aufgekl\u00e4rten Frauen in England und anderen fortgeschrittenen L\u00e4ndern und begleitet von gro\u00dfen Sektoren der Arbeiterinnen, war von diesem Widerspruch gen\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Zu Beginn des 20. Jahrhunderts etablierte der aus der Russischen Revolution hervorgegangene Arbeiterstaat Ma\u00dfnahmen, die zur Vergesellschaftung der Hausarbeit von Frauen tendierten. Dies war einer der Grundpfeiler der bolschewistischen Politik zur Emanzipation der Frauen. Obwohl die Sozialisierungsma\u00dfnahmen durch den Krieg und die Wirtschaftskrise an viele Grenzen stie\u00dfen, war es eine fortschrittliche Erfahrung, die Isolation der Frauen im Haushalt zu beenden und ihre Eingliederung in das \u00f6ffentliche Leben zu f\u00f6rdern <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>In den 1970er Jahren hat die zweite Welle des Feminismus die Beziehung zwischen dem Pers\u00f6nlichen und dem Politischen aufgedeckt. Indem sie diese mystifizierte Beziehung enth\u00fcllten, stellten die Frauen in unvorhersehbarer Weise in Frage, was das Kapital seit Mitte des 20. Jahrhunderts institutionalisiert und naturalisiert hatte: die Trennung zwischen dem \u00d6ffentlichen (Produktion, Lohnarbeit) und dem Privaten (Reproduktion, unbezahlte Arbeit). Die ersten Debatten \u00fcber die Hausarbeit und ihre Rolle in der kapitalistischen Produktionsweise gehen auf diese Jahre zur\u00fcck: Produziert Hausarbeit einen Mehrwert? Gibt es eine patriarchale Produktionsweise, gest\u00fctzt auf die Hausarbeit, die sich von der kapitalistischen Produktionsweise unterscheidet? Oder gibt es ein einziges kapitalistisch-patriarchales System, in dem die Reproduktion die Arbeitskraft bestimmt und der Produktion von Tauschwerten untergeordnet wird?<\/p>\n<p>1972 ver\u00f6ffentlichte die autonome marxistische Feministin Mariarosa Dalla Costa in Italien und Gro\u00dfbritannien \u201eDie Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft\u201c in Zusammenarbeit mit der US-Amerikanerin Selma James. Dort weisen sie darauf hin, dass die Reproduktionsarbeit f\u00fcr das Funktionieren des Kapitalismus von grundlegender Bedeutung ist, sein wesentlicher Charakter durch die fehlende Bezahlung jedoch unsichtbar gemacht wird. Gemeinsam mit Silvia Federici in New York und Brigitte Galtier in Paris gr\u00fcndeten sie die \u201eInternational Wages for Housework Campaign\u201c, um diese Debatte zu f\u00f6rdern und durch ein Netzwerk von Komitees in verschiedenen L\u00e4ndern Aktionen \u201ef\u00fcr einen Lohn f\u00fcr Hausarbeit\u201c zu koordinieren.<\/p>\n<p>Neben vielen anderen Texten mit unterschiedlichen Ans\u00e4tzen, die diese Debatte pr\u00e4gten, erscheint 1983 \u201eMarxism and the Oppression of Women. Toward a Unitary Theory\u201c (dt. \u201eDie Frau im Kapitalismus: Eine feministische Kritik der politischen \u00d6konomie\u201c) von der US-Amerikanerin Lise Vogel. Als die neoliberale Gegenoffensive voranschritt und die Periode der Massenradikalisierung des vorangegangenen Jahrzehnts beendete, postulierte Vogel, dass die Geschlechterordnung des Kapitalismus strukturell auf der sozialen Artikulation zwischen der kapitalistischen Produktionsweise und den Haushalten der Arbeiterinnenklasse beruht. Damit argumentierte sie gegen die Vorstellung von einem ahistorischen Patriarchat oder einer h\u00e4uslichen Produktionsweise, die radikal getrennt ist von dem, was die Beziehung zwischen Kapital und Arbeit festlegt.<\/p>\n<p>In den letzten Jahrzehnten hat die au\u00dferordentliche Feminisierung der Arbeitskraft, die sich unter prek\u00e4ren Bedingungen vollzogen hat, und die relative Eroberung demokratischer Rechte, die gewisserma\u00dfen \u201eB\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger verschiedener Geschlechter\u201c gleichsetzt, die Anspr\u00fcche der Frauen erh\u00f6ht, die heute unter dem bemerkenswerten Kontrast zwischen dieser \u201eGleichheit vor dem Gesetz\u201c und der weiterhin anhaltenden \u201eUngleichheit vor dem Leben\u201c leiden. In diesem Kontrast sollten wir nach den Grundlagen dieser neuen internationalen Welle der Frauenbewegung suchen, die sich weltweit unterschiedlich ausdr\u00fcckt: auf den Stra\u00dfen der Vereinigten Staaten in Solidarit\u00e4t mit Migrantinnen und Migranten und gegen die\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/meinungsstark-politik\/donald-trump-angela-merkel-und-die-nato-eine-anleitung-zum-untergang-des-westens\/\">Regierung Trump<\/a>\u00a0und ihre fremdenfeindliche Politik; in Argentinien f\u00fcr das Recht auf Abtreibung; im Spanischen Staat gegen sexualisierte Gewalt, die von den Institutionen des politischen Regimes unterst\u00fctzt wird, um nur einige Beispiele zu nennen. Diese neue Welle nimmt, wenn auch mit anderen Zielen, die Sprache und Formen wieder auf, welche historisch die Arbeiterinnenklasse in ihrem Kampf gegen die Ausbeutung aufgebaut hat: Frauenstreik, internationale Arbeitsniederlegung der Frauen, \u201ewenn euch unsere Leben nichts wert sind, produziert ohne uns\u201c.<\/p>\n<p>Werden diese Demonstrationen die Vorboten einer subjektiven Neuzusammensetzung dieser Arbeiterklasse des 21. Jahrhunderts sein, die ihr Gesicht ver\u00e4ndert hat? Und wird aus dieser Neuformierung der Arbeiterinnenklasse ein antikapitalistischer und sozialistischer Feminismus hervorgehen, der f\u00e4hig ist, breite Teile dieser weiblichen Massen zu organisieren? Dieser Feminismus wird heute nur von kleinen Fraktionen der internationalen Frauenbewegung repr\u00e4sentiert. Wir k\u00f6nnen die Antwort nicht vorwegnehmen, sondern nur mit unseren Aktionen und unserer Militanz in diese Richtung arbeiten. Wie auch immer das Ergebnis dieses Wiederauflebens der Frauenbewegung mit einem Proletariat, das sich von dem der 70er Jahren stark unterscheidet, aussehen wird, ist es notwendig, die inzwischen klassischen Debatten zwischen Feminismus und Marxismus neu zu lesen und zu aktualisieren: \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zwischen Patriarchat und Kapitalismus und wie es sich in der reproduktiven Arbeit, die meist von Frauen durchgef\u00fchrt wird, manifestiert.<\/p>\n<p>Schon heute, mit dem Wiederaufleben dieser Debatten \u00fcber die Theorie der sozialen Reproduktion, bekommt Vogels klassischer Text einen neuen Wert. US-amerikanische Akademikerinnen und Aktivistinnen wollen im Dialog mit der neuen Frauenbewegung einen \u201eFeminismus der 99%\u201c aufbauen. Wie Lise Vogel sagte und was immer noch G\u00fcltigkeit hat:<\/p>\n<p>Politisch steht sowohl die sozialistische Bewegung als auch die feministische sozialistische Bewegung vor der schwierigen Aufgabe, f\u00fcr Frauen zu k\u00e4mpfen, ohne zwei gleicherma\u00dfen heimt\u00fcckischen Gefahren zu erliegen. Einerseits m\u00fcssen sie auf der Hut sein vor dem b\u00fcrgerlichen Feminismus und seinem begrenzten Kampf um Gleichheit im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft. Andererseits d\u00fcrfen sie nicht zulassen, dass vereinfachende oder \u00f6konomistische Vorstellungen vom Klassenkampf den Kampf um die Befreiung der Frauen an einen untergeordneten Platz schiebt. Mit anderen Worten, Sozialistinnen und Sozialisten, die sich f\u00fcr die Befreiung der Frauen einsetzen, m\u00fcssen einen geeigneten Weg finden, um den feministischen Kampf mit dem langfristigen Kampf um politische Macht und der sozialen Umgestaltung zu verbinden. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Diese Perspektive kommt in unserer Militanz in der internationalistischen, sozialistischen und revolution\u00e4r-feministischen Frauenbewegung\u00a0<em>Pan y Rosas (\u201eBrot und Rosen\u201c)<\/em>\u00a0zum Ausdruck. Ohne die Diskussion hier vollst\u00e4ndig aussch\u00f6pfen zu k\u00f6nnen, wollen wir uns in diesem Sinne einer ersten Lekt\u00fcre von Silvia Federicis \u201eEl patriarcado del salario\u201c n\u00e4hern, die ihre j\u00fcngsten Artikel \u00fcber diese alte und erneuerte Debatte zusammenfasst.<\/p>\n<p><strong>Die Arbeit des Werts und der Wert der Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>Silvia Federici findet in der Definition der produktiven Arbeit als wertsch\u00f6pfend eine \u201em\u00e4nnliche\u201c Verzerrung, mit der als Gegenst\u00fcck die Nicht-Bezahlung der mehrheitlich, weiblichen reproduktiven Arbeit gerechtfertigt w\u00fcrde. Diese Arbeit sei sozial \u201eentwertet\u201c im Vergleich zur anderen Arbeit, die der Kapitalismus als einzige wirklich n\u00fctzliche Arbeit sieht.<\/p>\n<p>Marx hat nicht gesehen, dass im Prozess der urspr\u00fcnglichen Akkumulation nicht nur die Bauernschaft von ihrem Land getrennt wird, sondern auch eine Trennung zwischen dem Produktionsprozess (Produktion f\u00fcr den Markt, Produktion von Waren) und dem Reproduktionsprozess (Produktion der Arbeitskraft) stattfindet. Diese beiden Prozesse beginnen sich physisch zu trennen und au\u00dferdem von verschiedenen Subjekten durchgef\u00fchrt zu werden. Der erste Prozess ist mehrheitlich m\u00e4nnlich, der zweite weiblich; der erste lohnabh\u00e4ngig, der zweite unbezahlt. <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Aber weder \u201eproduktiv\u201c noch \u201eWert\u201c werden im\u00a0<em>Kapital<\/em>\u00a0von Marx moralisch bewertet. Dass eine Arbeit keinen Wert produziert, darf nicht damit verwechselt werden, dass diese Arbeit unn\u00fctz w\u00e4re. Marx selbst bemerkt den nicht-produktiven, das hei\u00dft nicht-wertsch\u00f6pfenden, Charakter des Handels und der Finanzen, die f\u00fcr die Zirkulation des Kapitals zentral sind, ohne dass sie selbst Mehrwert schaffen. Sie sind also f\u00fcr Marx nicht produktiv, aber niemand w\u00fcrde sagen, dass deshalb der Autor des\u00a0<em>Kapitals<\/em>\u00a0die unabdingbare Rolle beider Aktivit\u00e4ten in dieser Produktionsweise nicht anerkannt h\u00e4tte. Auch wenn diese beiden Aktivit\u00e4ten im Gegensatz zur Hausarbeit reichlich belohnt werden.<\/p>\n<p>Marx definiert die produktive Arbeit als diejenige Arbeit, die Tauschwert produziert: Diese Definition ist spezifisch und bezieht sich auf die Beschreibung der Logik einer Produktionsweise des Kapitalismus:<\/p>\n<p>\u2026 produktive Arbeit [ist] eine Bestimmung der Arbeit [\u2026], die zun\u00e4chst absolut nichts zu tun hat mit dem bestimmten Inhalt der Arbeit, ihrer besonderen N\u00fctzlichkeit oder dem eigent\u00fcmlichen Gebrauchswert, worin sie sich darstellt. Dieselbe Sorte Arbeit kann produktiv oder unproduktiv sein.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Marx besch\u00e4ftigt sich nicht spezifisch mit den Charakteristika der reproduktiven Arbeit, aber er\u00a0<em>\u201ebeschreibt die notwendige Verbindung von Produktion und Reproduktion, unabh\u00e4ngig von ihrer augenscheinlichen Trennung\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. In der Einleitung zu den\u00a0<em>Grundrissen<\/em>, dem monumentalen Entwurf zum\u00a0<em>Kapital<\/em>\u00a0von 1857, bestimmt er, wie die Kategorien der kapitalistischen \u00d6konomie \u2013 Produktion, Zirkulation und (\u00f6konomische) Reproduktion des Kapitals \u2013 innerhalb eines viel breiteren gesellschaftlichen Austauschs verstanden werden m\u00fcssen. Darin sind all die fundamentalen Aktivit\u00e4ten f\u00fcr die Reproduktion der Gesellschaft enthalten, die die politische \u00d6konomie mit ihrem ausschlie\u00dflichen Blick auf den Markt beiseitel\u00e4sst. In diesem Sinne bietet Marx eine Grundlage, um zu verstehen, wie die Hausarbeit in die Totalit\u00e4t der Produktionsweise eintritt: mit ihrer Produktion von Gebrauchswerten, die sich nicht in Tauschwerte umwandeln, sondern durch einen \u201eproduktiven Konsum\u201c in derselben Privatsph\u00e4re verbraucht werden, in der sie hergestellt wurden. Das ist f\u00fcr die Reproduktion der Arbeitskraft von entscheidender Bedeutung. Tithi Bhattacharya, eine feministische Intellektuelle aus der Str\u00f6mung der so genannten \u201eTheorie der sozialen Reproduktion\u201c sieht in der menschlichen Arbeit \u2013 genau wie Marx \u2013 die \u201ePr\u00e4misse der menschlichen Geschichte\u201c. Sie analysiert, dass<\/p>\n<p>\u2026 der Kapitalismus jedoch die produktive Arbeit f\u00fcr den Markt als einzige legitime Form der Arbeit anerkennt. W\u00e4hrenddessen wird die enorme Menge an Arbeit in der Familie und der Gemeinschaft, die f\u00fcr das \u00dcberleben und die Reproduktion der Arbeiterin \u2013 oder spezifischer gesprochen ihrer Arbeitskraft \u2013 n\u00f6tig ist, naturalisiert, als ob sie nicht existieren w\u00fcrde. <a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Der Kapitalismus verbannt die Frauen zur unbezahlten Reproduktionsarbeit. Oder genauer auf die heutige Zeit angewendet: Er \u00fcberlastet sie damit. Auf diese Weise rechnet der Kapitalist mit dieser unbezahlten Arbeit f\u00fcr die Reproduktion der Arbeitskraft. Auch wenn er aus dieser Aktivit\u00e4t keinen Mehrwert herauszieht, weil diese Arbeit keinen Tauschwert erzeugt, das hei\u00dft, sie kann nicht auf dem Markt getauscht werden. Daher ist die Reproduktionsarbeit unabdingbar, auch wenn sie keinen Tauschwert und damit auch keinen Mehrwert schafft; das hei\u00dft, auch wenn sie aus einem strikten Blickwinkel der Kapitallogik eine unproduktive Arbeit ist.<\/p>\n<p>Die Reproduktionsarbeit ist n\u00fctzlich, auch wenn sie aus Sicht des Kapitals nicht als produktiv definiert ist. Es ist nicht notwendig, einen Weg zu suchen, wie wir sie in die Logik der Mehrwertabsch\u00f6pfung einbinden, damit sie sozial anerkannt und \u201egewertsch\u00e4tzt\u201c werden kann. Das war indes der Weg, den einige feministische Theoretikerinnen gew\u00e4hlt haben. Sie versuchten zu erkl\u00e4ren, dass, wenn die Reproduktionsarbeit die Arbeitskraft \u201eproduziert\u201c, sie deshalb als produktiv anzusehen sei, w\u00e4hrend nur die Existenz von (ideologischer, kultureller) patriarchaler Unterdr\u00fcckung sie im Innern der Privathaushalte hielte, wo sie unbezahlt von Frauen erledigt werde <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>. Aber wie Daniel Bensa\u00efd warnt:<\/p>\n<p>Die Normen, die eine wirklich dem Kapital durch den Markt unterworfene Arbeit und eine private Aktivit\u00e4t regulieren, sind dennoch schwierig zu vergleichen (Taylorisierung der Arbeit in Gro\u00dfk\u00fcchen und im Hotelgewerbe). Die Vergleichswerte h\u00e4ngen von einer zuf\u00e4lligen und unbefriedigenden Auswahl ab: Es geht darum, zu berechnen, wie viel eine Person in der Zeit auf dem Arbeitsmarkt verdienen k\u00f6nnte, die sie f\u00fcr Hausarbeiten ben\u00f6tigt (potenzielle Lohnkosten), oder zu berechnen, wie viel man auf dem Markt bezahlen m\u00fcsste, um eine gleichwertige Dienstleistung zu bekommen (Marktanschaffungskosten) <a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>.<\/p>\n<p>Was die Debatten zwischen Feministinnen\/Feministen und Marxistinnen\/Marxisten in den vergangenen Jahrzehnten angeht, k\u00f6nnen wir die Worte Bensa\u00efds nur teilen, der bemerkte, dass\u00a0<em>\u201edie unpassende \u00dcbertragung der Konzepte von Marx auf Bereiche au\u00dferhalb ihres spezifischen Feldes die Probleme oft verdunkelt hat, wie die grobe Handhabung der Begriffe von Tauschwert und produktiver Arbeit zeigt\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><strong>[9]<\/strong><\/a><\/em>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/gesellschaft\/der-feminismus-hat-sich-nicht-ueberholt-im-gespraech-mit-nina-eumann\/\"><strong>(Re)produktion der Familie<\/strong><\/a><\/p>\n<p>In derselben Interpretationslinie wie ihre besondere Lekt\u00fcre der \u201em\u00e4nnlichen Verzerrung\u201c, die die Definition produktiver Arbeit im Kapitalismus hat, fragt sich Federici,<\/p>\n<p>\u2026 wie die Geschichte der Entwicklung des Kapitalismus lauten w\u00fcrde, wenn wir sie statt aus dem Blickwinkel des lohnabh\u00e4ngigen Proletariats aus den K\u00fcchen und Schlafzimmern erz\u00e4hlen w\u00fcrden, in denen Tag f\u00fcr Tag und Generation f\u00fcr Generation die Arbeitskraft produziert wird <a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>.<\/p>\n<p>Mittels dieser Frage etabliert Federici ihre Kritik dessen, was sie f\u00fcr die Vision oder besser die Blindheit von Marx und des Marxismus bez\u00fcglich der Rolle der Frau in der Reproduktion der Arbeitskraft und zugleich bez\u00fcglich der Rolle der sozialen Reproduktion im kapitalistischen System h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Auch wenn im\u00a0<em>Kapital<\/em>\u00a0nicht tiefer auf die Natur dieser besonderen Produktion der Ware \u201eArbeitskraft\u201c eingegangen wird, ist es n\u00f6tig zu betonen, dass davon ausgegangen wird, dass die geschlechtliche Arbeitsteilung \u2013 eine Charakteristik der patriarchalen Gesellschaften \u2013 dem Kapitalismus historisch vorausgeht und nicht erst mit seiner urspr\u00fcnglichen Akkumulation entsteht. Das Patriarchat war schon vorhanden. Was der Kapitalismus tat, war diese Beziehungen an seine eigene Logik anzupassen und sie seinen Notwendigkeiten zu unterwerfen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Marx ist der Kapitalismus eine organische Totalit\u00e4t, ein System, dessen Gravitationsszentrum in der Schaffung von Tauschwerten und der Absch\u00f6pfung von Mehrwert besteht. Aus diesem Blickwinkel dreht sich die Funktionsweise der kapitalistischen Produktionsweise um die Ausbeutung von Arbeitskraft \u2013 jener einzigartigen und besonderen Ware, die Tauschwerte produzieren kann. Wenn der Kapitalismus sich die Ausbeutung von Lohnarbeit zu Nutze macht, bedeutet das jedoch nicht, dass er nicht auch andere, nicht-lohnf\u00f6rmige Arbeit ausnutzen kann, die dieser zentralen Form untergeordnet sind, welche die Absch\u00f6pfung von Mehrwert m\u00f6glich macht. Bhattacharya bemerkt, dass Marx im\u00a0<em>Kapital<\/em>\u00a0<em>\u201ediesen zweiten Kreislauf nicht [theoretisiert], sondern nur notiert, dass die \u201abest\u00e4ndige Erhaltung und Reproduktion der Arbeiterklasse [\u2026] best\u00e4ndige Bedingung f\u00fcr die Reproduktion des Kapitals\u2018 bleibt\u201c <a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\"><strong>[11]<\/strong><\/a>.<\/em><\/p>\n<p>In diesem Sinn ist es auch interessant, was Lise Vogel zur Rolle der Familie, der \u201eReproduktionseinheit\u201c\u00a0<em>par excellence<\/em>\u00a0sagt, auch wenn es sich um eine vor dem Kapitalismus existente Institution handelt. Vogel gibt der Arbeiterfamilie, das hei\u00dft der Familie, in der die Arbeitskraft reproduziert wird, eine unabdingbare Rolle im kapitalistischen System und\u00a0<em>\u201everschiebt den Fokus von der Besch\u00e4ftigung mit der internen Struktur und den Dynamiken der Familienform hin zu ihrer strukturellen Beziehung zur Reproduktion des Kapitals\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a>. Die Familie in den Kontext der herrschenden kapitalistischen, sozialen Beziehungen zu setzen, erm\u00f6glicht es, die Rolle dieser vorher bestehenden Institution, die sich angepasst hat und eine spezifische Form (Arbeiterinnenfamilie) angenommen hat, zu sehen, und ihre interne Dynamik, wo Geschlechter- und Altershierarchien herrschen, nicht isoliert von ihrer Funktion im Kapitalismus zu betrachten.<\/p>\n<p><strong>Der Widerspruch als M\u00f6glichkeit<\/strong><\/p>\n<p>In ihrer Beschreibung der Arbeiterfamilie bemerkt Federici, dass es seit der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts einen Transformationsprozess gegeben habe, der die Familie der Industriellen Revolution hinter sich gelassen habe. Und sie sagt, dass Marx zwar die Zerst\u00f6rung der Familie durch die kapitalistische Ausbeutung gesehen habe, aber dennoch der Meinung war \u2013 wie auch Engels \u2013, dass der Eintritt der Frauen in die Arbeitswelt positiv sei, ohne zu bemerken, dass\u00a0<em>\u201eder Prozess der Reform, der stattfindet, neue Formen des Patriarchats, neue Formen patriarchaler Hierarchien schafft\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a>. F\u00fcr Federici stellt es sich so dar:<\/p>\n<p>Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts der Familienlohn \u2013 der Lohn des m\u00e4nnlichen Arbeiters (der sich zwischen 1860 und dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts verdoppelt) \u2013 eingef\u00fchrt wurde, wurden die Frauen, die in den Fabriken gearbeitet hatten, wieder zur\u00fcck nach Hause geschickt, sodass die Hausarbeit zu ihrer ersten Arbeit wurde und sie in Abh\u00e4ngigkeit gerieten. <a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Laut Federici hat der Kapitalismus die Form der Arbeiterinnenfamilie geschaffen, um das Proletariat ruhig zu stellen, das gegen die Ausbeutung im Akkord rebelliert hatte. So sollte eine produktivere und weniger widerspenstige Klasse geschaffen werden. In ihrer Perspektive fehlen jedoch die widerspr\u00fcchlichen Prozesse des Klassenkampfes, da bei ihr in einer fast schon verschw\u00f6rerischen Vision die herrschende Klasse als Tr\u00e4gerin einer unbegrenzten Macht zur Durchsetzung nicht nur der Bedingungen der Ausbeutung, sondern auch der Bedingungen der Reproduktion der Arbeiterklasse erscheint, ohne jegliche Hindernisse oder Widerst\u00e4nde.<\/p>\n<p>Die von Federici beschriebene Transformation, die in der Herausbildung der Kernfamilie gipfelt ist ein historischer Prozess. Die Kernfamilie ist dabei eine Familieneinheit, die sich durch den m\u00e4nnlichen Arbeiterlohn und eine zur Haush\u00e4lterin verwandelte Frau auszeichnet, die von diesem Lohn abh\u00e4ngig ist, der die Reproduktion der Arbeitskraft garantiert. Bei Federici erscheint dieser aber ohne K\u00e4mpfe f\u00fcr Lohnerh\u00f6hungen, f\u00fcr die Verringerung des Arbeitstages, ohne Teilsiege und Teilniederlagen. Er erscheint auch ohne Zugest\u00e4ndnisse, die die Kapitalistinnen auch zu geben gezwungen waren, um die Ausbeutung der Lohnarbeit in die f\u00fcr sie besten Bedingungen, die die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse zwischen den Klassen zulie\u00dfen, aufrechterhalten zu k\u00f6nnen. Demgegen\u00fcber ist es notwendig hervorzuheben, dass dieser Prozess, wie auch andere Prozesse, die wir in der kapitalistischen Produktionsweise beobachten k\u00f6nnen, widerspr\u00fcchlich ist: Auf der einen Seite werden die Frauen aus der produktiven Sph\u00e4re herausgedr\u00e4ngt, um die Reduzierung der Kosten der Arbeitskraft durch ihre ausschlie\u00dfliche Besch\u00e4ftigung mit unbezahlter Reproduktionsarbeit sicherzustellen. Aber so wird zugleich die zur Ausbeutung zur Verf\u00fcgung stehende Bev\u00f6lkerung reduziert, das hei\u00dft, der Teil, aus dem die Kapitalisten Mehrwert absch\u00f6pfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Arbeiterklasse bedeutete die Verteidigung der famili\u00e4ren Bande gegen\u00fcber der Gefr\u00e4\u00dfigkeit der Industrie, die in der Ausbeutung nicht zwischen M\u00e4nnern und Frauen, oder zwischen Erwachsenen und Kindern unterscheidet, auch eine Konfrontation mit dem Kapital zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Mit dem massenhaften Zugang zu Schulen, Krankenh\u00e4usern und anderen \u00f6ffentlichen Dienstleistungen verbessern sich auch die Lebensbedingungen der arbeitenden Massen und ein Teil der Reproduktionsarbeit wird vom Privathaushalt auf den kapitalistischen Staat \u00fcbertragen. Diese f\u00fcr die Arbeiterinnenklasse \u201evorteilhaften\u201c Konsequenzen k\u00f6nnen auch im Negativen gesehen werden: Die Privatisierung oder die Streichung von \u00f6ffentlichen Dienstleistungen wird immer vom Widerstand der Massen begleitet, weil daraus ein Angriff auf die \u201eBrieftasche\u201c der Arbeiterfamilien und\/oder ein Anstieg der Reproduktionsarbeit im Privathaushalt folgt, der haupts\u00e4chlich die Frauen der Familien betrifft.<\/p>\n<p>In den letzten Jahrzehnten hat der Kapitalismus in seiner \u201eneoliberalen\u201c Form die Gewerkschaften und andere eigene Organisationen der lohnabh\u00e4ngigen Arbeiterinnenklasse angegriffen, um die Produktion umzustrukturieren und die Ausbeutung auf verschiedenen Wegen zu steigern. Aber er hat auch den Prozess der sozialen Reproduktion der Arbeitskraft angegriffen: die Privatisierung \u00f6ffentlicher Betriebe, K\u00fcrzungen und Streichungen von verschiedenen Sozialprogrammen, Haushaltsanpassungen, die die Bildung und die Gesundheitsversorgung verschlechtern, massive Preiserh\u00f6hungen im Nahverkehr und anderen lebenswichtigen Dienstleistungen, die Auswirkungen auf die famili\u00e4re \u00d6konomie der arbeitenden Massen haben. Davon sprechen wir, wenn wir anprangern, dass die Verschuldung der dem Imperialismus unterworfenen L\u00e4nder Sparpolitiken mit sich bringt, die zur Erh\u00f6hung der unbezahlten, von Frauen und M\u00e4dchen durchgef\u00fchrten Reproduktionsarbeit f\u00fchren. Der Kampf gegen diese Offensive des Kapitals gegen die Massen\u00a0<em>\u201eist auch eine Anstrengung der Klasse, ihren Anteil an der Zivilisation zu beanspruchen\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a>.<\/p>\n<p>Dass die Form der Familie, die vom \u201ePatriarchat des Lohns\u201c reguliert wird, auch einen f\u00fcr den Kapitalismus funktionalen Aspekt hat, bedeutet nicht, dass in ihr nicht Widerspr\u00fcche enthalten sind, die vom Ringen zwischen Kapital und Arbeit gezeichnet und vom Klassenkampf bestimmt sind.<\/p>\n<p>Der Widerspruch ist unvermeidbar, weil die kapitalistische Produktion auf der Absch\u00f6pfung des Mehrwerts basiert, der in der Ausbeutung der Lohnarbeit geschaffen wird, aber auf die soziale Reproduktion dieser Arbeitskraft nicht verzichten kann. Das bedeutet, die Tendenz zur Transformation von immer breiteren Sektoren der Massen in Arbeitskr\u00e4fte destabilisiert die Prozesse der Reproduktion, die ebenfalls notwendig sind. Das, was Nancy Fraser als Triebkraft wiederkehrender Krisen beschreibt, ist ein Widerspruch, der sich f\u00fcr die US-amerikanische Feministin\u00a0<em>\u201enicht \u201ainnerhalb\u2018 der kapitalistischen \u00d6konomie befindet, sondern an der Grenze von dem, was Produktion und Reproduktion gleichzeitig voneinander trennt und miteinander verbindet. Weder innerhalb des Marktes noch innerhalb des Haushaltes, handelt es sich um einen Widerspruch zwischen zwei konstitutiven Elementen der kapitalistischen Gesellschaft.\u201c<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a>.<\/p>\n<p>Aus dieser Perspektive ist der Kern der Funktionsweise des Kapitalismus nicht \u201ein den K\u00fcchen und Schlafzimmern\u201c zu finden, wie Federici sagt \u2013 auch wenn das, was dort passiert, durch die kapitalistische Produktionsweise auf der Grundlage archaischer, patriarchaler Formen geschaffen ist, um diese Prozesse der sozialen Reproduktion dem Profitdurst des Kapitals zu unterwerfen.\u00a0<em>\u201eDie indirekte Integration der Hausarbeit in die Bestimmung des Lohns schafft somit eher eine Verbindung personalisierter (und h\u00e4ufig juristisch kodierter) Abh\u00e4ngigkeit, als eine Ausbeutungsbeziehung im spezifischen Sinne der Absch\u00f6pfung von Mehrwert. Diese Verbindung ist hierarchischen Herrschaftsbeziehungen n\u00e4her als den modernen Klassenbeziehungen\u201c<\/em>, sagt der franz\u00f6sische Marxist Daniel Bensa\u00efd <a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a>. Das ist, was die Theoretikerin Tithi Bhattacharya fast schon aphoristisch definiert, wenn sie sagt, dass\u00a0<em>\u201edie Lohnbeziehung die nicht-lohnf\u00f6rmigen R\u00e4ume des t\u00e4glichen Lebens durchtr\u00e4nkt\u201c<\/em> <a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a>.<\/p>\n<p>In dieser unvermeidbaren Verbindung wurzelt die Notwendigkeit einer antikapitalistischen, pr\u00e4ziser, einer sozialistischen und revolution\u00e4ren Perspektive f\u00fcr den Kampf gegen die Unterdr\u00fcckung der Frauen. Zugleich darf kein Kampf der Arbeiterinnenklasse gegen die kapitalistische Ausbeutung auf ein Aktionsprogramm gegen die Frauenunterdr\u00fcckung verzichten, die unter diesem System in der Naturalisierung der unbezahlten Reproduktion der Arbeitskraft verankert ist.<\/p>\n<p><strong>Schlussfolgerung<\/strong><\/p>\n<p>Die Debatte \u00fcber das widerspr\u00fcchliche Verh\u00e4ltnis zwischen Produktion und Reproduktion sollte jedoch eine Tatsache nicht au\u00dfer Acht lassen, die den Blick auf diese theoretischen Debatten sowie den politischen Blick derjenigen von uns ver\u00e4ndert, die an der Befreiung von jeglicher Form von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung interessiert sind. Zum ersten Mal in der Geschichte des Kapitalismus machen Frauen etwa 40% der Arbeiterklasse der Welt aus. Das hei\u00dft, dass 54% der Frauen im erwerbst\u00e4tigen Alter als lohnabh\u00e4ngige Arbeiterinnen Teil des Arbeitsmarktes sind <a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a>. Wie viele dieser mehr als 1,3 Milliarden Frauen wiederum tragen die Last der unbezahlten Arbeit, die es ihnen erm\u00f6glicht, ihre eigene Arbeitskraft zu reproduzieren, wie die von anderen? Wie viele von ihnen machen Hausarbeit im Tausch f\u00fcr einen Lohn, damit ihre Arbeitgeberin sich auf dem Arbeitsmarkt ausbeuten lassen kann, und mit ihrem Lohn die Kosten f\u00fcr diese Dienstleistung deckt, die ihre eigene reproduktive Arbeit reduziert? Der ph\u00e4nomenale Wandel der globalen Erwerbsbev\u00f6lkerung hat auch die Familien der Arbeiter*innenklasse radikal ver\u00e4ndert: Wie hoch ist die Zahl der Haushalte, die vom Gehalt einer Frau gest\u00fctzt werden, wie hoch ist der Anteil von alleinerziehenden Frauen? Wie gro\u00df sind die Netzwerke von Frauen, die mit oder ohne Lohn die Haus- und Pflegearbeit anderer lohnabh\u00e4ngiger Frauen \u00fcbernehmen?<\/p>\n<p>In dieser komplexen und neuen Realit\u00e4t gibt es keinen Platz f\u00fcr den Reduktionismus eines \u00f6konomistisch-syndikalistischen Korporatismus, der nur eine m\u00e4nnliche (und, warum nicht auch wei\u00dfe, einheimische und heterosexuelle) Arbeiterklasse betrachtet. Aber wir k\u00f6nnen den Kampf der Frauen f\u00fcr ihre Emanzipation auch nicht auf ein stereotypes Subjekt \u2013 die Hausfrau \u2013 beschr\u00e4nken, dessen Existenz sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich ver\u00e4ndert hat. Denn das w\u00fcrde bedeuten, die Perspektive des Kapitalismus in seiner organischen Gesamtheit zu ignorieren, der dieses neue weibliche Gesicht des Proletariats einschlie\u00dft. Welche Auswirkungen werden die K\u00e4mpfe der Frauen in den R\u00e4umen der Reproduktion auf die K\u00e4mpfe einer zunehmend weiblichen Arbeiterinnenklasse haben? Wie wird sich das neue Selbstbewusstsein der Frauen durch den weltweit wiedererstarkenden Feminismus auf die ausgebeuteten Frauen auswirken? Was werden die Folgen f\u00fcr die m\u00e4nnlich gepr\u00e4gte Gewerkschaftsbewegung sein, die unf\u00e4hig ist, die am st\u00e4rksten unterdr\u00fcckten Sektoren der Klasse zu integrieren?<\/p>\n<p>Feminismen, die die Emanzipation der Frauen von allen heute noch bestehenden Formen patriarchaler Unterdr\u00fcckung anstreben, k\u00f6nnen sich den Hindernissen, die der Kapitalismus dieser Perspektive entgegensetzt, nicht entziehen. Angefangen beim offensichtlichsten: Auf der einen Seite einer imagin\u00e4ren Linie, die die Weltbev\u00f6lkerung nach ihrem Reichtum ordnet, haben acht M\u00e4nner einen Geldbetrag angeh\u00e4uft, der dem entspricht, was am anderen Ende f\u00fcr das \u00dcberleben von 3,5 Milliarden Menschen ausreichen muss, von denen 70% Frauen und M\u00e4dchen sind. Frauen sind in den Statistiken von Armut, Prekarit\u00e4t und irregul\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen am Arbeitsplatz \u00fcberrepr\u00e4sentiert und dies ist daher nicht von den Bedingungen getrennt, unter denen unsere reproduktive Arbeit geleistet wird.<\/p>\n<p>Der Kampf gegen die Geschlechterungleichheit kann nicht ohne die Frage auskommen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, um die volle Gleichheit zu erreichen: Wollen wir daf\u00fcr k\u00e4mpfen, dass vier Frauen unter den acht reichsten Menschen der Welt sind und dass wir 50% der \u00e4rmsten Menschen sein k\u00f6nnen? Wenn das Gravitationszentrum des Kapitalismus weiterhin auf der Ausbeutung der Lohnarbeit und der Gewinnung von Mehrwert liegt, kann man dann an die Emanzipation der Frauen denken, ohne diesen entscheidenden Knoten im Funktionieren der Gesellschaft, in der wir leben, zu durchbrechen? Denn obwohl die K\u00e4mpfe um die Beziehung zwischen Kapital und Arbeit und den K\u00e4mpfen in den R\u00e4umen der sozialen Reproduktion von ihren Besonderheiten gepr\u00e4gt sind, sollten wir nach Wegen suchen, der von der herrschenden Klasse auferlegten Spaltung und dem Antagonismus entgegenzutreten, um das zu vereinen, was der Kapitalismus historisch gespalten hat. Heute ist es mehr denn je m\u00f6glich, diesen Weg zu gehen, weil wir vielleicht zum ersten Mal sagen k\u00f6nnen, dass es um uns Frauen, das Proletariat, geht.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien auf Spanisch in\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.laizquierdadiario.com\/Nosotras-el-proletariado%20\"><em>Ideas de Izquierda Nr. 43<\/em><\/a><em>. Geschrieben wurde er von Andrea D\u2019Atri und \u00fcbersetzt von Klasse gegen Klasse<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/arbeiterinnen-klassenkampf-und-patriarchat\/\">diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/a> vom 3. August 2018<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Wendy Goldman: \u201eEl Estado, la mujer y la Revoluci\u00f3n,\u201c Buenos Aires, Ediciones IPS, 2010.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Lise Vogel: \u201cQuestions on the Woman Question\u201d, Monthly Review 31, Nr 2, Juni 1979. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Silvia Federici:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.traficantes.net\/sites\/default\/files\/pdfs\/TDS_map49_federici_web_0.pdf\">\u201eEl patriarcado del salario\u201c<\/a>, Madrid, Traficantes de sue\u00f1os, S. 19. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Karl Marx: \u201eTheorien \u00fcber produktive und unproduktive Arbeit\u201c, MEW 26.1, S. 376f..<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Daniel Bensa\u00efd: \u201eLa discordancia de los tiempos\u201c, \u201cEl sexo de las clases\u201d, S. 137 (in\u00e9dito).. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Tithi Bhattacharya: \u201eSocial Reproduction Theory\u201c, London, Pluto Press, 2017, S. 2. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Tithi Bhattacharya gibt einen interessanten \u00dcberblick \u00fcber diese Debatten aus der Sicht der Theorie der Sozialen Reproduktion in \u201eSocial Reproduction Theory\u201c, a.a.O..<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Daniel Bensa\u00efd, a.a.O., S. 131. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Ebd., S. 132. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Silvia Federici, a.a.O., S. 65. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Tithi Bhattacharya:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.viewpointmag.com\/2015\/10\/31\/how-not-to-skip-class-social-reproduction-of-labor-and-the-global-working-class\/\">\u201cHow Not To Skip Class: Social Reproduction of Labor and the Global Working Class\u201d<\/a>, Viewpoint Magazine Nr. 5, November 2015. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Susan Ferguson, David McNally: \u201cCapital, Labour-Power, and Gender Relations\u201d. Einleitung zu: Lise Vogel: \u201eMarxism and the Oppression of Women. Toward a Unitary Theory\u201c, Chicago, Haymarket Books. 2013. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Silvia Federici, a.a.O., S. 16. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Ebd., S. 16f.. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Tithi Bhattacharya:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.viewpointmag.com\/2015\/10\/31\/how-not-to-skip-class-social-reproduction-of-labor-and-the-global-working-class\/\">\u201cHow Not To Skip Class: Social Reproduction of Labor and the Global Working Class\u201d<\/a>, a.a.O.. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Nancy Fraser:\u00a0<a href=\"https:\/\/newleftreview.org\/II\/100\/nancy-fraser-contradictions-of-capital-and-care\">\u201eContradictions of Capital and Care\u201c<\/a>, New Left Review 100, Juli-August 2016. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Daniel Bensa\u00efd, a.a.O. S. 129. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Tithi Bhattacharya:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.viewpointmag.com\/2015\/10\/31\/how-not-to-skip-class-social-reproduction-of-labor-and-the-global-working-class\/\">\u201cHow Not To Skip Class: Social Reproduction of Labor and the Global Working Class\u201d<\/a>, a.a.O. Eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Anteil der Frauen, die lohnabh\u00e4ngig sind (in Prozent der weiblichen Bev\u00f6lkerung zwischen 15 und 64 Jahren), nach einer Sch\u00e4tzung der ILO. Anteil der Frauen an der lohnabh\u00e4ngigen Bev\u00f6lkerung insgesamt, nach Zahlen der Weltbank, <a href=\"https:\/\/data.worldbank.org\/\">https:\/\/data.worldbank.org\/<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrea D\u2019Atri. Anfang 2018 ver\u00f6ffentlichte der spanische Verlag \u201eTraficantes de Sue\u00f1os\u201c das Buch\u00a0\u201eEl patriarcado del salario\u201c\u00a0von Silvia Federici. 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