{"id":3875,"date":"2018-08-06T10:18:27","date_gmt":"2018-08-06T08:18:27","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3875"},"modified":"2018-08-06T10:18:27","modified_gmt":"2018-08-06T08:18:27","slug":"klassenausbeutung-und-markt-das-geheimnis-von-apples-reichtum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3875","title":{"rendered":"Klassenausbeutung und Markt: Das Geheimnis von Apples Reichtum"},"content":{"rendered":"<p><em>Andre Damon.<\/em> Am Donnerstag erreichte Apple als erster amerikanischer Konzern eine Marktkapitalisierung von einer Billion Dollar. Mehrere seiner Rivalen unter den Technologiekonzernen sind ebenfalls<!--more--> nicht mehr weit davon entfernt. Der Wert des Online-Versandmonopolisten Amazon liegt bei 883 Milliarden Dollar. Die Marktkapitalisierung von Alphabet, dem Mutterkonzern von Google und YouTube, liegt bei 854 Milliarden Dollar, gefolgt von Microsoft mit 821 Milliarden Dollar.<\/p>\n<p>Der Aufstieg des Billionen-Dollar-Konzerns verdeutlicht das eigentliche Wesen des heutigen Kapitalismus: Er veranschaulicht, in welchem Ausma\u00df die \u00dcberh\u00f6hung der Aktienkurse ein Werkzeug f\u00fcr die Umverteilung des Reichtums geworden ist. Auf dem einen Pol der Gesellschaft w\u00e4chst das Verm\u00f6gen durch Aktienr\u00fcckk\u00e4ufe und Kapitalgewinne, auf dem anderen sinken zwangsl\u00e4ufig die L\u00f6hne.<\/p>\n<p>Wenn sich weltweit Arbeiter die Frage erlauben, warum sie weiterhin in Armut schuften m\u00fcssen, dann lautet die Antwort immer, es sei kein Geld da. Aber das ist nur um eine absurde und durchsichtige L\u00fcge.<\/p>\n<p>Apples Profite beruhen auf einem koordinierten und systematischen weltweiten Ausbeutungsprozess.<\/p>\n<p>In der ersten H\u00e4lfte dieses Jahres hat Apple 43,5 Milliarden Dollar f\u00fcr Aktienr\u00fcckk\u00e4ufe ausgegeben, das ist 40mal mehr, als es im gleichen Zeitraum den Arbeitern, die in China iPhones zusammenbauen, bezahlt hat. Der Kapitalbestand des Unternehmens liegt bei 250 Milliarden Dollar, der Nettoprofit ist aufgrund des Steuerrepatriierungssystems der Trump-Regierung noch weiter angestiegen.<\/p>\n<p>Apple ist zwar mengenm\u00e4\u00dfig nur der drittgr\u00f6\u00dfte Hersteller von Smartphones, f\u00e4hrt allerdings die gr\u00f6\u00dften Profite ein, da seine Produkte deutlich teurer sind als diejenigen anderer Marken. Das Unternehmen produziert nur achtzehn Prozent der weltweit verkauften Smartphones, erwirtschaftet aber 90 Prozent der Profite in diesem Sektor.<\/p>\n<p>Laut einer Studie machen die Arbeitskosten nur f\u00fcnf Prozent des Einzelhandelspreises f\u00fcr ein iPhone aus. 60 Prozent des Umsatzes streicht Apple als Profit ein.<\/p>\n<p>Die iPhones werden in riesigen Produktionsanlagen auf dem chinesischen Festland hergestellt. Beispielhaft daf\u00fcr ist ein Werk der Pegatron Corporation au\u00dferhalb von Shanghai, in dem rund um die Uhr bis zu 50.000 Arbeiter besch\u00e4ftigt sind, oder das Foxconn-Werk in Zhengzhou, das 500.000 iPhones an einem Tag produzieren kann.<\/p>\n<p>In diesen Fabriken herrscht h\u00f6chste Geheimhaltung. Die Arbeiter sind dort einschlie\u00dflich der \u00dcberstunden regelm\u00e4\u00dfig 60 Stunden pro Woche besch\u00e4ftigt und verdienen zwischen zwei und drei Dollar pro Stunde. Vor Schichtbeginn m\u00fcssen sie metallene Drehkreuze passieren, und ihre Gesichter werden gescannt. Dann treten sie in milit\u00e4rischer Formation zu Zw\u00f6lf-Stunden-Schichten an. Die Au\u00dfenfassaden ihrer Wohnkasernen sind mit Netzen gesichert, um zu verhindern, dass sich Arbeiter absichtlich in den Tod st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>An riesigen Flie\u00dfb\u00e4ndern f\u00fcgen die Arbeiter Teile von bis zu 200 Zulieferern aus dem asiatischen Pazifik, Nordamerika und Europa zusammen. Jede Fabrik kann bis zu 350 Smartphones pro Minute herstellen.<\/p>\n<p>Nach der Produktion durchl\u00e4uft jedes Smartphone auf dem Papier ein komplexes System von Zollverfahren, an dessen Ende die Profite durch die Steueroase Irland an das Unternehmen gehen. Auf diese Weise vermeidet Apple einen Gro\u00dfteil der f\u00e4lligen Steuern.<\/p>\n<p>Drei Viertel von Apples Smartphones sind f\u00fcr den Export aus China vorgesehen. Exporte in die USA werden zuerst per UPS und FedEx nach Anchorage (Alaska) gebracht, danach nach Louisville (Kentucky), und von dort aus im ganzen Land verteilt. Auf diesem Weg werden sie von UPS-Besch\u00e4ftigten sortiert, die zwischen neun und f\u00fcnfzehn Dollar pro Stunde verdienen.<\/p>\n<p>Einige Smartphones gehen an die Einzelhandelshandelsgesch\u00e4fte von Apple, wo Verk\u00e4ufer pro Stunde Produkte im Wert von \u00fcber 300 Dollar verkaufen, aber nur einen Stundenlohn von dreizehn Dollar erhalten. Andere gehen an Apples Onlineversand oder an Mobiltelefonh\u00e4ndler. Von dort aus werden sie von UPS-Fahrern ausgeliefert, deren Anfangsgehalt auch dann, wenn der Tarifvertrag der Teamster-Gewerkschaft durchgesetzt wird, gerade mal zwanzig Dollar pro Stunde betragen wird.<\/p>\n<p>Der Billionen-Dollar-Konzern ist also m\u00f6glich, weil seine Arbeitskr\u00e4fte w\u00f6chentlich 60 Stunden oder noch l\u00e4nger eint\u00f6nige Knochenarbeit leisten. Die meisten von ihnen k\u00f6nnen jederzeit entlassen werden und haben so gut wie keinen Anspruch auf Krankenversicherung und Rente.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich nicht leugnen, dass Apple und Google betr\u00e4chtliche technische Innovationen geleistet haben. Doch die Technologie, die ihren Produkten zugrunde liegt, wie das Graphical User Interface (GUI) oder das World Wide Web wurden in \u00f6ffentlichen Instituten oder in staatlich finanzierten Forschungseinrichtungen entwickelt. Als Beweis daf\u00fcr gen\u00fcgt die Tatsache, dass die mobilen Betriebssysteme von Apple (iOS) und Google (Android) auf kostenloser Open Source-Software basieren.<\/p>\n<p>Apples Verkaufszahlen haben sich seit 2009 verzehnfacht, doch der Aktienkurs ist um das achtzehnfache gestiegen. Im Jahr 2009 erreichte er einen Tiefststand von nur elf Dollar pro Aktie; Ende dieser Woche betrug er zuletzt 207 Dollar. Diese Steigerungen stellen auch den Gesamtanstieg des Dow Jones in den Schatten, der sich im gleichen Zeitraum nur viervierfacht hat.<\/p>\n<p>Am Freitag wurden die aktuellen Arbeitsmarktdaten ver\u00f6ffentlicht: Sie besagen, dass die Reall\u00f6hne der Arbeiter im letzten Jahr um 0,2 Prozent gesunken sind. Gleichzeitig hat sich die j\u00e4hrliche Anlagerendite der Ultrareichen aufgrund des boomenden Aktienmarktes weltweit um zwanzig Prozent erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Finanzoligarchie ist Apple eine unersch\u00f6pfliche Geldquelle. Fast zwei Drittel der Aktien des Unternehmens befinden sich im Besitz von Investmentgesellschaften wie Vanguard, Blackrock und Berkshire Hathaway, denen zahlreiche Million\u00e4re und Milliard\u00e4re ihren Reichtum anvertrauen, damit er sich etwa alle f\u00fcnf Jahre verdoppelt.<\/p>\n<p>Das gigantische Einkommen der Finanzoligarchie ergibt sich direkt aus der Rettung der Wall Street im Jahr 2008. In ihrem Rahmen hatte die Obama-Regierung Billionen Dollar aus Steuergeldern in die Bilanzen der gro\u00dfen Banken gepumpt und damit die gr\u00f6\u00dfte und l\u00e4ngste B\u00f6rsenbonanza der Weltgeschichte ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Seit dem Zweiten Weltkrieg lautete das halboffizielle Mantra des amerikanischen Kapitalismus: \u201eBei steigender Flut treiben alle Boote.\u201c Wenn die Konzerne Profite machen, w\u00fcrden diese angeblich an alle Sektionen der Gesellschaft durchgereicht, auch an die Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Der auff\u00e4lligste Wesenszug der B\u00f6rsenrallye seit der Krise von 2008 ist jedoch das ungeheure Ausma\u00df, in dem sowohl die Aktienkurse endlos steigen und gleichzeitig die L\u00f6hne zwangsl\u00e4ufig sinken.<\/p>\n<p>Das erkl\u00e4rt, warum auf scheinbar r\u00e4tselhafte Weise alle normalen Verh\u00e4ltnisse auf dem Arbeitsmarkt einbrechen. Viele reden von dem gr\u00f6\u00dften Arbeitskr\u00e4ftemangel seit 50 Jahren. Und doch sinken die L\u00f6hne in jedem Monat weiter.<\/p>\n<p>Zehn Jahre nach dem Finanzcrash von 2008 steht die Arbeiterklasse am Scheideweg. Seit Jahresbeginn gibt es bereits betr\u00e4chtliche Anzeichen f\u00fcr ein neues Ausbrechen des Klassenkampfs. Alleine diesen Monat werden 250.000 Besch\u00e4ftigte bei UPS \u00fcber einen Tarifvertrag abstimmen, auf den sich das Unternehmen und die Teamster-Gewerkschaft geeinigt haben. Er sieht vor, die Durchschnittsl\u00f6hne der derzeitigen Besch\u00e4ftigten durch die Schaffung einer neuen Kategorie von \u201eflexiblen\u201c Besch\u00e4ftigten zu halbieren. In Europa haben Besch\u00e4ftigte bei Ryanair faktisch eine internationale Streikbewegung organisiert. In Gro\u00dfbritannien fordern Besch\u00e4ftigte im National Health Service die Auszahlung von L\u00f6hnen, die ihnen vorenthalten wurden.<\/p>\n<p>In der nahen Zukunft wird sich der wachsende Widerstand der Arbeiterklasse gegen Ausbeutung und Ungleichheit auf viele Arten \u00e4u\u00dfern. Diese K\u00e4mpfe k\u00f6nnen nur erfolgreich sein, wenn die Arbeiter begreifen, dass sie nicht nur gegen ein Unternehmen, eine Gewerkschaft oder eine Regierung k\u00e4mpfen, sondern gegen das gesamte kapitalistische System. Seine Funktion besteht darin, die Finanzoligarchie permanent zu bereichern und gleichzeitig die Arbeiterk\u00e4mpfe zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/08\/06\/pers-a06.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 6. August 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andre Damon. Am Donnerstag erreichte Apple als erster amerikanischer Konzern eine Marktkapitalisierung von einer Billion Dollar. 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