{"id":3885,"date":"2018-08-08T15:19:27","date_gmt":"2018-08-08T13:19:27","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3885"},"modified":"2018-08-08T15:20:10","modified_gmt":"2018-08-08T13:20:10","slug":"erntehelfer-sterben-bei-unfaellen-sklaverei-auf-italiens-feldern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3885","title":{"rendered":"Erntehelfer sterben bei Unf\u00e4llen. Sklaverei auf Italiens Feldern"},"content":{"rendered":"<p><em>Anna Maldini. <\/em>Man nennt sie die \u00bbneuen Sklaven\u00ab. Es sind die Wanderarbeiter, die auf den Tomaten- oder Melonenfeldern in S\u00fcditalien f\u00fcr einen Hungerlohn und ohne Rechte<!--more--> die Ernte einfahren. In den vergangenen Tagen sind bei zwei Unf\u00e4llen 16 von ihnen gestorben. Und wie in vorherigen F\u00e4llen hei\u00dft es auch jetzt von offizieller Seite: Das ist furchtbar und wir werden alles tun, um so etwas in Zukunft zu verhindern.<\/p>\n<p>Die Arbeiter kommen meist aus Afrika, manchmal aber auch aus armen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern wie Polen, Bulgarien und Rum\u00e4nien oder aus Italien selbst. F\u00fcr wenige Euro pro Tag &#8211; mal mit und mal ohne Vertrag &#8211; arbeiten die Erntehelfer bis zu zw\u00f6lf Stunden am Tag bei rund 40 Grad Celsius auf den Feldern, streng von \u00bbVorarbeitern\u00ab kontrolliert, die ihnen sogar vorschreiben, wann und wie viel sie trinken d\u00fcrfen. Sie leben meist in sogenannten Ghettos, eine Umschreibung f\u00fcr Barackenlager ohne hygienische Einrichtungen und mit nur einem Wasserhahn f\u00fcr rund 100 Arbeiter.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich waren auch die zw\u00f6lf Afrikaner, die am Montagnachmittag bei Foggia in Apulien gestorben sind, auf dem Weg zur\u00fcck in \u00bbihr\u00ab Lager. Sie waren zusammen mit drei weiteren Personen in einem Kleintransporter eingepfercht, der eigentlich nur f\u00fcr acht Personen zugelassen ist. Manchmal sitzen sie auf einfachen Holzdielen, manchmal m\u00fcssen sie sogar stehen. Der Transporter ist auf der viel befahrenen K\u00fcstenstra\u00dfe pl\u00f6tzlich von der Fahrbahn abgekommen, mit einem Laster zusammengeprallt und hat sich mehrmals \u00fcberschlagen. Die meisten der Toten hatten keine Dokumente bei sich und es wird schwer werden, sie zu identifizieren &#8211; denn Stillschweigen ist das oberste Gesetz in diesem neuen Sklavenhandel.<\/p>\n<p>Ein fast identischer Unfall ereignete sich am vergangenen Samstag nur wenige Kilometer s\u00fcdlich. Dabei starben vier Landarbeiter, vier weitere wurden schwer verletzt. Einer der \u00dcberlebenden ist Bubacarr Djallo aus Sierra Leone. Er ist knapp 24 Jahre alt und dies war sein erster Arbeitstag auf den Feldern von Foggia. In einem Interview in der Tageszeitung \u00bbRepubblica\u00ab erkl\u00e4rt er, dass er f\u00fcr 23 Euro acht Stunden unter der sengenden Sonne gearbeitet hatte. Auch er musste f\u00fcr den Transport f\u00fcnf Euro zahlen. Bei dem Unfall wurde er aus dem Transporter geschleudert. Als die Journalistin sagt, er habe Gl\u00fcck gehabt, weil er \u00fcberlebt hat, unterbricht Bubacarr sie: \u00bbIch und Gl\u00fcck? Nein, dieses Wort sollten Sie nicht benutzen. Ich bin kein Gl\u00fcckpilz &#8211; ich habe einfach \u00fcberlebt.\u00ab<\/p>\n<p>Das Problem des neuen Sklavenhandels wird seit Jahren in Italien diskutiert. Vor zwei Jahren wurde ein Gesetz verabschiedet, das das Ph\u00e4nomen des \u00bbCaporalato\u00ab eind\u00e4mmen sollte. \u00bbCaporali\u00ab sind Personen, die die Landarbeiter in den Ghettos anheuern, sie vor Morgengrauen auf die Felder und abends wieder zur\u00fcck bringen. Sie \u00bbvermieten\u00ab den Landarbeitern die Baracken und f\u00fcr den \u00bbTransport\u00ab verlangen sie f\u00fcnf Euro pro Tag. Das Geld wird direkt vom Lohn abgezogen, den sie bei der Ernte verdienen und der selten \u00fcber drei Euro pro Stunde liegt. Bei der Tomatenernte in Apulien erhalten die neuen Sklaven 4,50 Euro f\u00fcr jede Kiste, in die drei Zentner passen. Wenn sie \u00bbgut\u00ab arbeiten k\u00f6nnen sie pro Tag bis zu 15 dieser gro\u00dfen Kisten f\u00fcllen. Aber das ist ein Spitzenlohn: h\u00e4ufig sind es auch nur 20 oder 30 Euro f\u00fcr einen Arbeitstag von bis zu zw\u00f6lf Stunden. Die \u00bbCaporali\u00ab, so haben Kritiker ausgerechnet, die dieses Ph\u00e4nomen untersuchen, verdient hingegen bis zu 500 Euro pro Tag.<\/p>\n<p>Foggia, wo sich der Unfall am Montag ereignete, ist die italienische Provinz mit den meisten Landarbeitern. Einen regul\u00e4ren Vertrag haben etwa 50 000 von ihnen, aber nach Sch\u00e4tzungen der Gewerkschaft CGIL arbeitet mindestens die gleiche Anzahl vollkommen unkontrolliert und ist somit vollkommen rechtlos.<\/p>\n<p>Gewerkschafter haben ausgerechnet, dass hinter den \u00bbCaporali\u00ab ein Business von rund f\u00fcnf Milliarden Euro j\u00e4hrlich steckt. Bei solchen Summen ist die organisierte Kriminalit\u00e4t nat\u00fcrlich nicht weit. Das Gesetz dagegen, darin ist man sich einig, ist gut, wird aber nicht wirklich angewandt, auch weil es viel zu wenige Kontrollen gibt. Don Luigi Ciotti, Vorsitzender der Antimafia-Bewegung \u00bbLibera\u00ab, sagt dazu: \u00bbDas Gesetz muss auch funktionieren. Denn ohne Rechte, ohne W\u00fcrde und ohne einen gerechten Lohn ist die Arbeit nur Sklaverei.\u00ab<\/p>\n<p>Gegen diese neue Form von Sklaverei haben die Gewerkschaften in Foggia f\u00fcr Mittwoch einen Generalstreik der Landarbeiter ausgerufen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1096610.moderne-sklaverei-erntehelfer-sterben-bei-unfaellen.html\"><em>neues-deutschland.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 8. August 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna Maldini. Man nennt sie die \u00bbneuen Sklaven\u00ab. 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