{"id":3891,"date":"2018-08-10T08:42:19","date_gmt":"2018-08-10T06:42:19","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3891"},"modified":"2018-08-10T08:42:19","modified_gmt":"2018-08-10T06:42:19","slug":"wirtschaftlicher-aufschwung-kommt-bei-den-lohnabhaengigen-nicht-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3891","title":{"rendered":"Wirtschaftlicher Aufschwung kommt bei den Lohnabh\u00e4ngigen nicht an"},"content":{"rendered":"<p><em>Dietmar Henning. <\/em>Trotz Wirtschaftswachstum und steigenden Besch\u00e4ftigungszahlen explodiert in Deutschland die Armut. Das ist das Fazit des f\u00fcnftens Jahresgutachtens zur sozialen Lage, das der<!--more--> Parit\u00e4tische Wohlfahrtsverband am Dienstag vorstellte.<\/p>\n<p>Die positive Entwicklung der Wirtschafts- und Besch\u00e4ftigtenzahlen habe zu keiner Milderung der sozialen Ungleichheit gef\u00fchrt, erkl\u00e4rte Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, der Vorsitzende des Parit\u00e4tischen Gesamtverbandes. Der wirtschaftliche Aufschwung komme bei den Arbeitern und ihren Familien nicht an. Eindringlich warnte der Verband vor einer \u201eGef\u00e4hrdung des sozialen Zusammenhalts\u201c.<\/p>\n<p>90 Prozent der Bev\u00f6lkerung, so der Wohlfahrtsverband, sorgen sich \u201eum den sozialen Zusammenhalt\u201c. Das ist eine besch\u00f6nigende Umschreibung von Wut und Emp\u00f6rung. W\u00e4hrend Konzerne, Aktienbesitzer und Manager Rekordsummen einstreichen, k\u00e4mpft der \u00fcberw\u00e4ltigende Teil der arbeitenden Bev\u00f6lkerung mit Reallohnsenkungen, Billiglohnarbeit, Armut und Arbeitsplatzabbau.<\/p>\n<p>Das sind die wichtigsten Zahlen des Gutachtens:<\/p>\n<ul>\n<li>2017 ist die Zahl der Erwerbst\u00e4tigen zum f\u00fcnften Mal in Folge gestiegen, von 43,6 auf 44,3 Millionen. Doch die Einkommen driften seit Beginn des Jahrhunderts, seit den Arbeitsmarktreformen und den Hartz-Gesetzen der rot-gr\u00fcnen Bundesregierung von Gerhard Schr\u00f6der (SPD), stark auseinander. \u201eBis in die Einkommensmitte hat es Reallohnverluste gegeben\u201c, stellt der Wohlfahrtsverband fest. Die atypische Besch\u00e4ftigung (Teilzeit, befristet, nicht sozialversicherungspflichtig) ist stark gewachsen. \u201eWer neu eingestellt wird, erh\u00e4lt heute nur in 44 Prozent der F\u00e4lle einen unbefristeten Vertrag.\u201c 39,1 Prozent aller Besch\u00e4ftigten arbeiten in Teilzeit.<\/li>\n<li>\u201eNahezu ein Viertel aller Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse\u201c, insgesamt 6,7 Millionen, sind sogenannte Mini-Jobs mit einem Monatseinkommen von maximal 450 Euro. Betroffen sind \u00fcberwiegend Frauen. 2,7 Millionen gehen einem Mini-Job neben ihrem eigentlichen Job nach.<\/li>\n<li>Das Jahresgutachten z\u00e4hlt \u00fcber eine Million Leiharbeiter. \u201eEtwa zwei Drittel der Leiharbeitenden erhalten Niedrigl\u00f6hne.\u201c Der Anteil der im Niedriglohnbereich Arbeitenden ist zwar gesunken, \u201eFakt bleibt aber: 22,6 Prozent der Besch\u00e4ftigten \u2013 mehr als ein F\u00fcnftel \u2013 arbeitet im Niedriglohnbereich mit einem Stundenlohn von unter 10,50 Euro.\u201c<\/li>\n<li>Der gesetzliche Mindestlohn \u2013 aktuell 8,84 Euro pro Stunde \u2013 wird noch immer nicht \u00fcberall bezahlt. \u201e2016 erzielten 2,6 Mio. Menschen \u2013 also etwa 10 Prozent aller Erwerbst\u00e4tigen \u2013 deutlich geringere Verg\u00fctungen, weil bei der Berechnung nicht die tats\u00e4chliche Arbeitszeit zugrunde gelegt wurde.\u201c<\/li>\n<li>1,2 Millionen Menschen beziehen zus\u00e4tzlich zum Erwerbseinkommen aufstockende ALG II-Leistungen (Hartz IV), \u201edie damit nicht nur eine \u201aGrundsicherung f\u00fcr Arbeitsuchende\u2018, sondern eben auch f\u00fcr Arbeitende geworden ist\u201c.<\/li>\n<li>Die Einf\u00fchrung des Mindestlohns im Januar 2015 hat h\u00f6chstens 60.000 von damals 1,3 Millionen Aufstockern aus der Grundsicherung gef\u00fchrt. Insbesondere die steigenden Mietkosten werden durch Anpassungen des Mindestlohns nicht ann\u00e4hernd kompensiert.<\/li>\n<li>Im Ergebnis wurde in Deutschland in den letzten 15 bis 20 Jahren \u201eder gr\u00f6\u00dfte Niedriglohnsektor Westeuropas geschaffen\u201c.<\/li>\n<li>Der Anstieg der Besch\u00e4ftigung hat f\u00fcr die Mehrheit der Arbeitslosen kaum Auswirkungen. 2016 sank die Zahl der Langzeitarbeitslosen, die seit zw\u00f6lf Monaten durchgehend arbeitslos sind, zwar erstmals seit fast einem Vierteljahrhundert wieder unter eine Million, nicht zuletzt aufgrund statistischer Tricks. Trotzdem gelten weiterhin mehr als ein Drittel aller Arbeitslosen als langzeitarbeitslos und haben es besonders schwer, Arbeit zu finden.<\/li>\n<li>Die Armutsquote lag 2016 wie im Vorjahr bei 15,7 Prozent. Ann\u00e4hernd 13 Mio. Menschen lebten damit in Deutschland unter der Armutsgrenze, die f\u00fcr einen Alleinstehenden bei einem Einkommen von 980 Euro im Monat liegt.<\/li>\n<li>Armut macht krank. Das Gutachten zitiert aus einer Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI): \u201eBezieht man die Unterschiede auf die mittlere Lebenserwartung bei Geburt, dann kann man die Aussage treffen, dass M\u00e4nner aus der niedrigsten im Vergleich zu M\u00e4nnern aus der h\u00f6chsten Einkommensgruppe eine um elf Jahre verringerte Lebensspanne haben. Bei Frauen betr\u00e4gt die entsprechende Differenz acht Jahre.\u201c<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Parit\u00e4tische Wohlfahrtsverband zieht die diplomatische Schlussfolgerung: \u201eKonjunktur und Besch\u00e4ftigung entwickeln sich ausgesprochen positiv, an den Quoten f\u00fcr Einkommensarmut \u00e4ndert sich aber wenig.\u201c Die wirtschaftliche Prosperit\u00e4t komme \u201eoffenkundig nicht allen zugute\u201c. Tats\u00e4chlich gleicht Deutschland einem sozialen Pulverfass. Die soziale Ungleichheit w\u00e4chst und w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Deshalb sieht der Verband \u201eden sozialen Zusammenhalt\u201c in Gefahr. Das Jahresgutachten versteht sich ausdr\u00fccklich als \u201eHandlungsempfehlung an die Politik zur St\u00e4rkung des sozialen Zusammenhalts\u201c. Der Gro\u00dfteil des 72-seitigen Gutachtens widmet sich daher der Bewertung der Politik und gibt aktuelle Handlungsempfehlungen. Es schl\u00e4gt alle m\u00f6glichen Reformen und soziale Verbesserungen vor.<\/p>\n<p>Doch die Gro\u00dfe Koalition im Bund und die Landesregierungen denken nicht daran, etwas am sozialen Niedergang breiter Bev\u00f6lkerungsschichten zu \u00e4ndern. Sie beschleunigen ihn sogar und r\u00fcsten den Staatsapparat massiv auf, um sozialen Widerstand zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Die Herrschenden bereiten sich auf unausweichliche soziale Auseinandersetzungen vor, indem sie die Polizei und die Geheimdienste personell und technisch st\u00e4rken, ihre Befugnisse ausweiten und demokratische Rechte beschneiden. Sie zensieren das Internet und weiten die staatliche \u00dcberwachung aus. Diesem Ziel dienen das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG), die von vielen L\u00e4ndern beschlossenen neuen Polizeigesetze und die St\u00e4rkung der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden<strong>.<\/strong>\u00a0Jede Opposition soll im Keim erstickt, unterdr\u00fcckt oder einfach niedergekn\u00fcppelt werden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/08\/10\/armu-a10.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. August 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dietmar Henning. 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