{"id":3902,"date":"2018-08-11T08:13:58","date_gmt":"2018-08-11T06:13:58","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3902"},"modified":"2018-08-11T08:13:58","modified_gmt":"2018-08-11T06:13:58","slug":"europaweiter-streik-der-ryanair-piloten-und-ihre-gewerkschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3902","title":{"rendered":"Europaweiter Streik der Ryanair-Piloten &#8211; und ihre Gewerkschaften?"},"content":{"rendered":"<p><em>Marianne Arens und Robert Stevens.\u00a0<\/em>Ryanair war am gestrigen Freitag gezwungen, europaweit 400 von insgesamt 2400 Fl\u00fcgen zu streichen. Der Grund war ein Streik von Ryanair-Piloten, die gleichzeitig<!--more--> in f\u00fcnf europ\u00e4ischen L\u00e4ndern \u2013 Irland, Belgien, Schweden, Holland und Deutschland \u2013 24 Stunden lang streikten. Zwischen 55.000 und 74.000 Passagiere waren von dem Arbeitskampf betroffen.<\/p>\n<p>Grund f\u00fcr den Streik ist die Wut der Besch\u00e4ftigten \u00fcber regelrechte Sklavenbedingungen. Der Ryanair-Konzern scheffelt jedes Jahr Milliardengewinne, aber den Besch\u00e4ftigten zwingt er ungeregelte Arbeitszeiten und ausbeuterische Arbeitsbedingungen auf.<\/p>\n<p>Allerdings sind die Piloten, wie auch das Kabinenpersonal und die Bodenbesch\u00e4ftigten, damit konfrontiert, dass die national basierten Gewerkschaften den Streik sabotieren. Sie organisieren isolierte \u201esymbolische\u201c Aktionen und tun alles, um sich so schnell wie m\u00f6glich mit Ryanair zu einigen.<\/p>\n<p>In Deutschland, wo sich die Ryanair-Piloten an neun von zehn Standorten der Airline am Ausstand beteiligten, wurden 250 Fl\u00fcge gestrichen. 104 Fl\u00fcge von und nach Belgien fielen aus, und weitere 42 Fl\u00fcge wurden in Schweden und Irland, dem Heimatflughafen von Ryanair, gestrichen.<\/p>\n<p>In der arbeitenden Bev\u00f6lkerung traf der Streik auf gro\u00dfe Solidarit\u00e4t. Am Frankfurter Flughafen, wo Unterst\u00fctzer der\u00a0<em>World Socialist Web Site<\/em>\u00a0die Erkl\u00e4rung \u201e<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/08\/09\/pers-a09.html\"><strong>Der Ryanair-Streik und die Wiederkehr des internationalen Klassenkampfes<\/strong><\/a>\u201c als Flyer verteilten, erkl\u00e4rten viele Flughafen-Mitarbeiter spontan ihre Solidarit\u00e4t mit dem Streik.<\/p>\n<p>\u201eAber selbstverst\u00e4ndlich\u201c unterst\u00fctze sie diesen Streik, erkl\u00e4rte Jutta, die f\u00fcr eine Zuliefererfirma der Fraport AG am Rhein-Main Airport arbeitet. \u201eDas war schon l\u00e4ngst f\u00e4llig!\u201c Man m\u00fcsse doch menschlich mit dem Personal umgehen. Sie sagte: \u201eEs kann sich doch nicht immer alles nur um den Profit drehen. Wer denkt denn an die Leute, die dahinter stehen und die ganze Arbeit machen? Die Bosse wollen permanent mehr Geld einstreichen, aber das geht alles zu Lasten der Flugkapit\u00e4ne, der Stewardessen und des ganzen Personals.\u201c<\/p>\n<p>Auf dem Rollfeld, wo die Maschinen aller Fluggesellschaften starten und landen, beobachtet Jutta schon lange, wie der Druck zunimmt. Sie setzte hinzu: \u201eEs geht hier nicht blo\u00df um Ryanair. Die dr\u00fccken die Standards f\u00fcr alle runter, das sieht man doch. \u00dcberall kommt die Geiz-ist-geil-Mentalit\u00e4t zum Durchbruch.\u201c<\/p>\n<p>Ein anderer Arbeiter, Mustafa, der im Cargo-Bereich arbeitet, erkl\u00e4rte, er habe \u201esehr gro\u00dfes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr diesen Streik\u201c. Das sei ein deutliches Zeichen daf\u00fcr, \u201edass die nicht mehr alles hinnehmen. Es kann ja nicht ewig so weitergehen.\u201c Seine Arbeit besteht darin, die Frachtflugzeuge zu be- und entladen, und er best\u00e4tigte, dass auch am Frankfurter Flughafen \u201eimmer mehr Arbeit von immer weniger Leuten geleistet werden muss\u201c. Mustafa schloss: \u201eF\u00fcr die Passagiere ist es unangenehm, aber das Streikrecht ist schlie\u00dflich daf\u00fcr da, dass auch die Leute, die die ganze Arbeit machen, ihre Forderungen durchsetzen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Auch in den sozialen Medien gab es \u00fcberw\u00e4ltigende Zustimmung f\u00fcr die streikenden Piloten. Eine Frau aus Gro\u00dfbritannien schrieb: \u201eIch unterst\u00fctze eure Piloten, die im Streik stehen. Wie Ryanair sie behandelt, stinkt zum Himmel.\u201c Stefaan, ein Twitter-Nutzer aus Belgien, schrieb: \u201eMeine volle Zustimmung f\u00fcr die Piloten, die bei Ryanair heute streiken. Die Arbeitsbedingungen m\u00fcssen sich \u00e4ndern.\u201c<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu dieser gro\u00dfen Unterst\u00fctzung, die ein europaweiter Streik in der Bev\u00f6lkerung genie\u00dft, setzen die Gewerkschaften alles daran, den Streik zu sabotieren und jede ernsthafte Auswirkung auf das Unternehmen zu unterbinden. Ryanair berichtet, dass es trotz des Streiks 85 Prozent der Fl\u00fcge planm\u00e4\u00dfig ausf\u00fchren konnte.<\/p>\n<p>Die Billigfluglinie behauptet, von den Fl\u00fcgen der Niederlande habe sie keinen einzigen absagen m\u00fcssen, obwohl die Piloten dort am Streik teilnahmen. Hauptgrund daf\u00fcr ist, dass in den drei L\u00e4ndern, in denen Ryanair die meisten Flugkapit\u00e4ne hat \u2013 n\u00e4mlich in Gro\u00dfbritannien mit 880 Piloten, Italien mit 829 und Spanien mit 859 Piloten \u2013 die jeweiligen Gewerkschaften ihre Mitglieder in keiner Weise zur Unterst\u00fctzung der streikenden Kollegen aufgerufen haben. Auch die Gewerkschaften des Kabinenpersonals r\u00fchrten keinen Finger, um die Piloten zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Bezeichnenderweise hat Ryanair in den letzten sieben Monaten in zwei dieser L\u00e4nder schon \u00dcbereink\u00fcnfte mit den jeweiligen Gewerkschaften abgeschlossen: in Gro\u00dfbritannien mit der Pilotenvereinigung BALPA und in Italien mit ANPAC. Beide Gewerkschaften haben seither jegliche gemeinsame Offensive von Piloten und Flugbegleiter in Europa aktiv verhindert.<\/p>\n<p>Ryanair hat im vergangenen Dezember erstmals damit begonnen, Gewerkschaften anzuerkennen. Der Konzern legte Pl\u00e4ne vor, seine Operationen auszuweiten und seine Profite zu steigern. Gleichzeitig versicherte das Management, es gehe nicht davon aus, dass gewerkschaftlich ausgehandelte Vertr\u00e4ge die Kosten in die H\u00f6he treiben w\u00fcrden. Wie Eddie Wilson, Ryanairs oberster Personalleiter, erkl\u00e4rte, wird Ryanair sein Gesch\u00e4ftsmodell fortsetzen. Wilson erkl\u00e4rte: \u201eDas ist nicht das Ende unseres Modells. Es wird dasselbe Modell bleiben.\u201c<\/p>\n<p>Als Ryanair im Januar in Gro\u00dfbritannien den ersten Vertrag mit einer Gewerkschaft ausgehandelt hatte, erkl\u00e4rte der Generalsekret\u00e4r der britischen BALPA, er freue sich auf eine gute Zusammenarbeit mit diesem Konzern, der seit \u00fcber drei\u00dfig Jahren f\u00fcr seine Angriffe auf Arbeitsbedingungen ber\u00fcchtigt ist. Strutton sagte: \u201eWenn man die fr\u00fchere Feindschaft von Ryanair den Gewerkschaften gegen\u00fcber betrachtet, ist das heutige Abkommen von historischer Bedeutung. Am Anfang, als Ryanair uns und andere Gewerkschaften anerkannte, waren wir skeptisch, ob das ernst gemeint war. Aber unsere Gespr\u00e4che und Meetings mit ihnen haben gezeigt, dass sie eine konstruktive Beziehung zu den Gewerkschaften aufrichtig w\u00fcnschen.\u201c<\/p>\n<p>Praktisch \u00fcberall, wo es am gestrigen Freitag Streiks gab, hatten die Pilotengewerkschaften bis zur letzten Minute versucht, diese zu vermeiden.<\/p>\n<p>In Holland gab der Pilotenverband Vereniging Nederlandse Verkeersvliegers (VNV), der 50 Ryanair-Piloten vertritt, erst am Donnerstag seine Teilnahme am Freitag-Streik bekannt. Bis zuletzt hatte er versucht, mit der Airline zu einem Abschluss zu kommen. Dies war gescheitert, und Ryanair hatte an diesem Donnerstag vergeblich versucht, der Gewerkschaft eine Streikteilnahme gerichtlich verbieten zu lassen. Wie die VNV erkl\u00e4rte, hatte dieser Schritt von Ryanair sie \u00fcberrascht: Die Gewerkschaft hatte bis dahin gar nicht zum Streik aufgerufen.<\/p>\n<p>In Deutschland zeigte sich besonders deutlich, wie gro\u00df die Angst der Gewerkschaftsf\u00fchrer ist, dass sich der Streik ihrer Kontrolle entziehen und zum Anziehungspunkt f\u00fcr das Kabinen- und Bodenpersonal sowie f\u00fcr die gesamte Flugbranche werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Vereinigung Cockpit weigerte sich, irgendeinen Streikposten aufzustellen oder Aktionen an einem der zehn Ryanair-Standorte zu organisieren. Stattdessen rief die Gewerkschaft ihre Mitglieder auf, zu einer \u201eKundgebung\u201c ins Kellergeschoss ihrer Zentrale in Frankfurt zu kommen, weit abgeschieden vom Flughafen und von allen Kollegen der Ryanair-Piloten in den andern Fluggesellschaften.<\/p>\n<p>Im Keller des Hauptquartiers fand dann ein fein s\u00e4uberlich inszenierter Fototermin statt, bei dem die Funktion\u00e4re permanent darauf bedacht waren, ihre eigene Mitgliedschaft im Zaum zu halten. Den Vertretern der\u00a0<em>World Socialist Web Site<\/em>\u00a0verboten die B\u00fcrokraten, Flugbl\u00e4tter zu verteilen. Mehrfach riefen Gewerkschaftsvertreter die anwesenden Mitglieder auf, keinesfalls mit Vertretern der Presse zu sprechen. Dies d\u00fcrften ausschlie\u00dflich die Pressesprecher der Vereinigung, hie\u00df es immer wieder.<\/p>\n<p>Die angek\u00fcndigte \u201eKundgebung\u201c diente den Gewerkschaftern im Wesentlichen dazu, sich Ryanair als Partner anzudienen. Martin Locher, der VC-Pr\u00e4sident, zitierte den Ryanair Marketing-Chef Kenny Jacobs, der von \u201ediesem unn\u00f6tigen Streik\u201c gesprochen hatte, und sagte dazu, damit stimme er \u201ezu hundert Prozent \u00fcberein\u201c. Es w\u00e4re \u201esehr viel sinnvoller\u201c, so Locher, \u201esich in konstruktiven Verhandlungen zusammenzusetzen\u201c.<\/p>\n<p>Die Art und Weise, wie die Gewerkschaften die Entwicklung eines europaweiten Streiks bewusst verhindern, zeigte sich auch in Irland sehr deutlich, wo Ryanair seinen Heimatflughafen hat. Dort vertritt FORSA einen Teil der dort stationierten Ryanair-Piloten. FORSA f\u00fchrte die Tatsache, dass ihre Mitglieder am Freitag schon den f\u00fcnften 24-Stunden-Streik durchf\u00fchrten, darauf zur\u00fcck, dass Ryanair in Arbeitsk\u00e4mpfen noch \u201eunerfahren\u201c sei \u2013 was hei\u00dfen soll, dass Ryanair der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie bisher zu wenig zutraut, die Belegschaft unter Kontrolle zu alten.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaft\u00a0<em>Irish Air Line Pilots&#8216; Association (IALPA),<\/em>\u00a0die zu FORSA geh\u00f6rt, vertritt nur etwa ein Viertel der in Irland basierten Ryanair-Piloten. Sie akzeptiert, dass Ryanair f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil ihrer Operationen in Irland und auf dem Kontinenten Piloten \u00fcber Arbeitsagenturen besch\u00e4ftigt und \u00fcberhaupt nicht fest einstellt. In der kommenden Woche wird sich IALPA mit Ryanair bei einem Vermittler namens Kieran Mulvey zu Schlichtungsverhandlungen treffen. Schon im Vorfeld dieser Gespr\u00e4che hat IALPA bekannt gegeben, auf weitere Streiks zu verzichten.<\/p>\n<p>Die Arbeiter von Ryanair d\u00fcrfen nicht zulassen, dass die Gewerkschaften ihre Streiks sabotieren. Sie m\u00fcssen ihnen jede Vertretungsberechtigung entziehen und unabh\u00e4ngige Betriebskomitees aufbauen, die den Streik fortsetzen und ausweiten. Sie m\u00fcssen sofort Kontakt zu den Arbeitern aller Standorte und anderer Fluglinien aufnehmen und der nationalistischen Standortlogik die internationale Einheit der Arbeiter entgegensetzen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/08\/11\/ryan-a11.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. August 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marianne Arens und Robert Stevens.\u00a0Ryanair war am gestrigen Freitag gezwungen, europaweit 400 von insgesamt 2400 Fl\u00fcgen zu streichen. 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