{"id":3932,"date":"2018-08-21T14:33:59","date_gmt":"2018-08-21T12:33:59","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3932"},"modified":"2018-08-21T14:33:59","modified_gmt":"2018-08-21T12:33:59","slug":"marx-ein-theoretiker-der-befreiung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3932","title":{"rendered":"Marx \u2013 Ein Theoretiker der Befreiung"},"content":{"rendered":"<p><em>Terry Eagleton, <\/em><strong>britischer Marxist und Autor des Buches \u201eWarum Marx recht hat\u201c \u00fcber die\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/kultur\/die-revolutionaeren-ideen-von-karl-marx\/\">Aktualit\u00e4t von Karl Marx<\/a>, die Frage warum man ihn nicht seinen Gegnern \u00fcberlassen darf<!--more--> und wie wenig Marx mit stalinistischen Diktaturen zu tun hat.<\/strong><\/p>\n<p>Marx zu loben mag so verdreht klingen, wie ein gutes Wort f\u00fcr einen M\u00f6rder einzulegen. Waren Marx\u2018 Ideen nicht verantwortlich f\u00fcr Tyrannei, Massenmord, Arbeitslager, wirtschaftliche Katastrophen und den Verlust der Freiheit f\u00fcr Millionen Menschen?<\/p>\n<p>War nicht einer seiner ergebenen Sch\u00fcler ein paranoider Bauer aus Georgien mit dem Namen Stalin und einer anderer ein brutaler chinesischer Diktator, an dessen H\u00e4nden wohl das Blut von rund 30 Millionen Menschen klebt?<\/p>\n<p><strong>Marx ist unschuldig<\/strong><\/p>\n<p>Die Wahrheit ist, dass Marx f\u00fcr die monstr\u00f6se Unterdr\u00fcckung in der kommunistischen Welt nicht mehr Verantwortung tr\u00e4gt als Jesus f\u00fcr die Inquisition. Zun\u00e4chst einmal h\u00e4tte Marx die Vorstellung weit von sich gewiesen, dass der Sozialismus in so erb\u00e4rmlich armen, chronisch r\u00fcckst\u00e4ndigen Gesellschaften wie Russland oder China aufgebaut werden k\u00f6nnte. Der Versuch m\u00fcsste darin enden, was er den \u201everallgemeinerten Mangel\u201c nannte, womit er meinte, dass alle Not leiden w\u00fcrden, nicht nur die Armen. Er w\u00fcrde eine Neuauflage des \u201ealten schmutzigen Gesch\u00e4fts\u201c bedeuten oder, wie er es an einer Stelle nannte, der \u201eganzen alten Schei\u00dfe\u201c.<\/p>\n<p>Der Marxismus ist eine Theorie dar\u00fcber, wie wohlhabende kapitalistische L\u00e4nder ihre gewaltigen Ressourcen einsetzen k\u00f6nnten, um f\u00fcr alle Menschen Gerechtigkeit und Wohlstand zu erreichen. Er ist kein Programm, mit dem Nationen, denen es an materiellen Ressourcen, einer lebendigen Kultur des \u00f6ffentlichen Lebens, einer demokratischen Tradition, einem hohen Stand der technischen Entwicklung, liberaler Traditionen der Aufkl\u00e4rung und einer qualifizierten, gut ausgebildeten Arbeiterschaft mangelt, sich in die Moderne katapultieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr Gerechtigkeit und Wohlstand<\/strong><\/p>\n<p>Marx wollte nachdr\u00fccklich, dass Gerechtigkeit und Wohlstand auch in solchen bedauernswerten L\u00e4ndern herrschen. Er schrieb mit Zorn und gro\u00dfem Wissen \u00fcber mehrere der zugrunde gerichteten britischen Kolonien wie nicht zuletzt Irland und Indien. Und die politische Bewegung, die sein Werk angesto\u00dfen hat, hat mehr dazu beigetragen, dass kleine Nationen sich ihrer imperialistischen Herren entledigt haben, als jede andere politische Str\u00f6mung. Aber Marx war nicht so verr\u00fcckt zu glauben, dass der Sozialismus in solchen L\u00e4ndern aufgebaut werden k\u00f6nne, ohne dass die weiter entwickelten L\u00e4nder ihnen zu Hilfe k\u00e4men.<\/p>\n<p>Und das bedeutete, dass die einfachen Menschen in diesen entwickelten Staaten ihren Herrschern die Produktionsmittel entrei\u00dfen und sie in den Dienst der Verzweifelten dieser Erde stellen m\u00fcssten. Wenn das im Irland des 19. Jahrhunderts geschehen w\u00e4re, dann h\u00e4tte es keine Hungersnot gegeben, die eine Million Menschen das Leben kostete und weitere zwei bis drei Millionen dazu zwang, in alle Welt zu fliehen.<\/p>\n<p><strong>Marx\u2018 peinliche Fragen<\/strong><\/p>\n<p>In gewissem Sinne ist Marx\u2018 Werk um eine kleine Anzahl peinlicher Fragen aufgebaut: Wie kommt es, dass der kapitalistische Westen mehr Ressourcen angeh\u00e4uft hat, als es das in der Menschheitsgeschichte je gegeben hat, und trotzdem unf\u00e4hig scheint, Armut, Hunger, Ausbeutung und Ungleichheit zu \u00fcberwinden? Durch welche Mechanismen scheint der Wohlstand einer Minderheit ein hartes und unw\u00fcrdiges Leben f\u00fcr die Mehrheit hervorzubringen? Wieso scheint privater Wohlstand Hand in Hand mit \u00f6ffentlicher Armut zu gehen?<\/p>\n<p>Ist es tats\u00e4chlich so, wie die gutherzigen liberalen Reformisten versprechen, dass wir einfach noch nicht dazu gekommen sind, diese letzten \u00dcberbleibsel der Armut zu beseitigen, das aber beizeiten tun werden? Oder ist es plausibler anzunehmen, dass es irgendwie in der Natur des Kapitalismus liegt, Mangel und Ungleichheit mit derselben Sicherheit hervorzubringen, wie Charlie Sheen f\u00fcr Schlagzeilen sorgt?<\/p>\n<p><strong>Mehr Lob als das\u00a0<em>Wall Street Journal<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Marx war der erste Theoretiker, der diese Fragen stellte. Dieser mittellose j\u00fcdische Emigrant, ein Mann, der einmal anmerkte, dass niemand au\u00dfer ihm so viel \u00fcber Geld geschrieben und dabei selbst so wenig davon gehabt habe, hat uns die Sprache gegeben, mit der wir das System, unter dem wir leben, als Ganzes begreifen k\u00f6nnen. Seine Widerspr\u00fcche wurden analysiert, seine innere Dynamik offengelegt, seine historischen Urspr\u00fcnge untersucht und sein m\u00f6glicher Niedergang beschrieben.<\/p>\n<p>Dabei hat Marx den Kapitalismus keinen Augenblick lang einfach als etwas B\u00f6ses angesehen wie Bewunderung f\u00fcr Sarah Palin oder Kindern Tabakrauch ins Gesicht zu blasen. Er war im Gegenteil voll des Lobes f\u00fcr die Klasse, die ihn erschaffen hat, und \u00fcber diese Tatsache sehen seine Kritiker ebenso geflissentlich hinweg wie seine Anh\u00e4nger. Kein anderes Gesellschaftssystem, schrieb er, habe sich als so revolution\u00e4r erwiesen. In nur wenigen Jahrhunderten hatten die kapitalistischen Mittelschichten jede Spur ihrer feudalen Gegner aus der Welt geschafft.<\/p>\n<p>Sie hatten kulturelle und materielle Reicht\u00fcmer angeh\u00e4uft, die Menschenrechte erfunden, die Sklaven befreit, Diktatoren gest\u00fcrzt, Imperien zerst\u00f6rt, f\u00fcr die menschliche Freiheit gek\u00e4mpft und ihr Leben gelassen und die Grundlage f\u00fcr eine wahrhaft globale Zivilisation gelegt. Kein Dokument, nicht einmal das\u00a0<em>Wall Street Journal<\/em>, bedenkt diese gewaltige historische Leistung mit so \u00fcberschw\u00e4nglichem Lob wie das Kommunistische Manifest.<\/p>\n<p><strong>Barbarei geh\u00f6rt zum Kapitalismus<\/strong><\/p>\n<p>Das war allerdings nur der eine Teil der Geschichte. Manche sehen die Geschichte der Moderne einfach als eine beeindruckenden Fortschritts, andere als einen lang gezogenen Alptraum. Marx sah sie in seiner \u00fcblichen Verdrehtheit als beides. Jeder Fortschritt der Zivilisation war mit neuen M\u00f6glichkeiten zur Barbarei einhergegangen. Die gro\u00dfen Losungen der Revolution der Mittelschicht \u2013 Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit \u2013 dienten auch ihm als Leitfaden. Er stellte nur einfach die Frage, warum diese Vorstellungen nie ohne Gewalt, Armut und Ausbeutung in die Tat umgesetzt werden konnten.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus hat die menschlichen Kr\u00e4fte und M\u00f6glichkeiten \u00fcber jedes bekannte Ma\u00df hinaus entwickelt. Aber er hat diese M\u00f6glichkeiten nicht dazu eingesetzt, die Menschen von fruchtloser Arbeit zu befreien. Sie mussten im Gegenteil schwerer als je zuvor schuften. Die reichsten Zivilisationen der Erde mussten sich ihr Brot genauso im Schwei\u00dfe ihres Angesichts erarbeiten wie ihre Vorfahren in der Steinzeit.<\/p>\n<p><strong>Eigenartig widerspr\u00fcchlich<\/strong><\/p>\n<p>Das, \u00fcberlegte Marx, war nicht mit nat\u00fcrlicher Knappheit zu begr\u00fcnden. Es lag vielmehr an der eigenartig widerspr\u00fcchlichen Art und Weise, in der das kapitalistische System seinen Wohlstand hervorbrachte. Gleichheit f\u00fcr einige bedeutete Ungleichheit f\u00fcr andere, und die Freiheit einiger brachte Unterdr\u00fcckung und Ungl\u00fcck f\u00fcr andere.<\/p>\n<p>Die blindw\u00fctige Gier des Systems nach Macht und Profit verwandelte fremde Nationen in versklavte Kolonien und Menschen in Spielsteine wirtschaftlicher Kr\u00e4fte, die sich ihrer Kontrolle komplett entzogen. Es \u00fcberzog den Planeten mit Umweltzerst\u00f6rung, millionenfachem Hunger und grauenhaften Kriegen.<\/p>\n<p><strong>Mit zweierlei Ma\u00df<\/strong><\/p>\n<p>Einige von Marx\u2018 Kritikern verweisen geradezu wutentbrannt auf die\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/kultur\/kommunisten-gegen-hitler-und-stalin-im-gespraech-mit-marcel-bois\/\">Massenmorde im kommunistischen Russland und China.<\/a>\u00a0An die v\u00f6lkermord\u00e4hnlichen Verbrechen des Kapitalismus erinnern sie sich meist nicht mit derselben Entr\u00fcstung: die Hungersn\u00f6te in Afrika und Asien, an denen Ende des 19. Jahrhunderts unz\u00e4hlige Millionen zugrunde gingen; das Gemetzel des Ersten Weltkriegs, bei dem die imperialistischen Staaten ihre Arbeiter im Kampf um globale Ressourcen massakrierten; und das Grauen des Faschismus, eines Regimes, auf das der Kapitalismus gern zur\u00fcckf\u00e4llt, wenn er mit dem R\u00fccken zur Wand steht. Ohne die Opfer, die die Sowjetunion und andere brachten, w\u00e4re das Nazi-Regime wom\u00f6glich immer noch an der Macht.<\/p>\n<p>Marxisten warnten vor den Gefahren, die vom Faschismus ausgingen, als die Politiker der so genannten freien Welt sich noch immer dar\u00fcber berieten, ob Hitler tats\u00e4chlich so ein schlimmer Kerl sei, wie es hie\u00df. Fast alle Anh\u00e4nger von Marx verurteilen heute die Untaten von Stalin und Mao, w\u00e4hrend viele nicht-Marxisten weiterhin leidenschaftlich die Zerst\u00f6rung Dresdens oder Hiroshimas verteidigen.<\/p>\n<p><strong>Zwei\u00a011. September<\/strong><\/p>\n<p>Die modernen kapitalistischen Nationen sind in ihrer Mehrzahl Ergebnisse einer Geschichte von V\u00f6lkermorden, Gewalt und der Ausrottung von Bev\u00f6lkerungsgruppen, die in ihrem Schrecken den Verbrechen des Kommunismus in nichts nachsteht. Auch der Kapitalismus wurde in Blut und Tr\u00e4nen geformt, und Marx erlebte das als Zeitzeuge. Das System besteht nur schon so lange, dass die meisten von uns davon nichts mehr wissen.<\/p>\n<p>Die Selektivit\u00e4t der politischen Erinnerung nimmt mitunter eigenartige Formen an. Nehmen wir zum Beispiel den 11. September, und zwar den ersten. Ich meine den 11. September, der sich fast 30 Jahre vor dem Einsturz des World Trade Center ereignete, als die USA dabei halfen, die demokratisch gew\u00e4hlte Regierung von\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/die-letzten-worte-allendes\/\">Salvador Allende<\/a>\u00a0in Chile gewaltsam zu st\u00fcrzen, um an ihrer Stelle einen schlimmen Diktator einzusetzen, der sich dann daran machte, weit mehr Menschen ermorden zu lassen, als an diesem verh\u00e4ngnisvollen Tag in New York und Washington ums Leben kamen. Wie viele Menschen in der westlichen Welt wissen das? Wie oft wird dar\u00fcber im Fernsehen berichtet?<\/p>\n<p><strong>Realistisch die Welt verbessern<\/strong><\/p>\n<p>Marx war kein vertr\u00e4umter Utopist. Er begann seine Karriere im Gegenteil in der scharfen Auseinandersetzung mit den vertr\u00e4umten Utopisten, die ihn umgaben. Er hat an einer perfekten Gesellschaft ungef\u00e4hr so wenig Interesse wie die Charaktere, die Clint Eastwood spielt, und verwendet an keiner Stelle solche absurden Begriffe. Er glaubte nicht daran, dass reale Menschen den Erzengel Gabriel an Gutm\u00fctigkeit \u00fcberfl\u00fcgeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber er glaubte, dass es sehr wohl m\u00f6glich sei, die Welt ganz deutlich zu verbessern. Darin war er ein Realist, kein Idealist. Die moralischen Strau\u00dfenv\u00f6gel dieser Welt, die ihren Kopf tief in den Sand gesteckt haben, bestreiten, dass irgendeine radikale Ver\u00e4nderung m\u00f6glich sein k\u00f6nnte. Sie benehmen sich, als ob es noch im Jahre 4000 Gute Zeiten, Schlechte Zeiten und bunte Zahnpasta geben werde. Die gesamte Geschichte der Menschheit belegt das Gegenteil.<\/p>\n<p><strong>Ein Prophet im biblischen Sinn<\/strong><\/p>\n<p>Radikale Ver\u00e4nderung, das sollte klar sein, muss keine Verbesserung bedeuten. M\u00f6glicherweise ist die einzige Form von Sozialismus, die wir je erleben werden, eine, die Menschen aufgezwungen wird, wenn sie nach einem Atomkrieg oder einer Umweltkatastrophe aus ihren Schutzbehausungen kriechen. Marx spricht bitter von der M\u00f6glichkeit der \u201egemeinsamen Untergangs\u201c aller Beteiligten. Wer die Grauen des Fr\u00fchkapitalismus in England erlebt hatte, konnte kaum Illusionen in seine Mitmenschen hegen. Was er nur meinte, war, dass es auf dem Planeten mehr als genug Ressourcen gibt, um die meisten unserer materiellen Probleme zu l\u00f6sen, genau wie es in Gro\u00dfbritannien 1840 weit mehr als genug Nahrungsmittel gab, um die hungernde Bev\u00f6lkerung Irlands zu versorgen.<\/p>\n<p>Entscheidend ist, wie wir unsere Produktion organisieren. Marx ist bekannt daf\u00fcr, dass er uns keine Blaupausen dar\u00fcber lieferte, wie wir die Dinge anders betreiben sollten. Er hat beeindruckend wenig \u00fcber die Zukunft zu sagen. Das einzige Bild der Zukunft ist das Versagen der Gegenwart. Er ist kein Prophet, der in eine Glaskugel schaut. Er ist ein Prophet in dem urspr\u00fcnglichen biblischen Sinne, jemand, der uns warnt, dass wir unseren Pfad der Ungerechtigkeit verlassen m\u00fcssen, wenn die Zukunft nicht zutiefst unangenehm werden soll. Oder es gar keine Zukunft mehr geben wird.<\/p>\n<p><strong>Die Natur des Menschen<\/strong><\/p>\n<p>Der\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/fltv\/ist-der-mensch-geeignet-fuer-den-sozialismus\/\">Sozialismus braucht also keine wundersame Ver\u00e4nderung der menschlichen Natur<\/a>. Einige der Verteidiger des Feudalismus predigten im sp\u00e4ten Mittelalter, dass der Kapitalismus nie funktionieren werde, weil er der menschlichen Natur zuwider laufe. Einige Kapitalisten behaupten heute das Gleiche vom Sozialismus. Bestimmt gibt es im Amazonasbecken irgendwo einen Stamm, der davon \u00fcberzeugt ist, dass keine Gesellschaftsordnung \u00fcberleben kann, in der jemand die Frau seines verstorbenen Bruders heiraten darf. Wir tendieren alle dazu, unsere eigenen Lebensbedingungen zu verabsolutieren.<\/p>\n<p>Im Sozialismus g\u00e4be es wohl weiterhin Rivalit\u00e4ten, Neid, Aggressionen, Besitzanspr\u00fcche, Herrschaftssucht und Konkurrenz. Die Welt h\u00e4tte weiterhin ihre kleinen Tyrannen, Betr\u00fcger, Qu\u00e4lgeister, Trittbrettfahrer und gelegentlichen Psychopathen. Es w\u00e4re nur so, dass Rivalit\u00e4t, Aggressionen und Konkurrenz nicht die Form annehmen w\u00fcrden, dass Banker sich beschweren, weil ihre Boni auf ein paar magere Millionen reduziert wurden, w\u00e4hrend Millionen anderer auf der Welt mit weniger als zwei Dollar am Tag um ihr \u00dcberleben k\u00e4mpfen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Der moralische Marx<\/strong><\/p>\n<p>Marx war ein zutiefst moralischer Denker. Er spricht im Kommunistischen Manifest von einer Welt, in der \u201edie freie Entfaltung des Einzelnen die Bedingung der freien Entfaltung aller ist\u201c. Dieses Ideal kann uns als Leitfaden dienen, auch wenn wir es nie vollst\u00e4ndig erreichen werden k\u00f6nnen. Die Formulierung ist dennoch bedeutsam. Als guter Humanist der Romantik glaubte Marx an die Einzigartigkeit des Individuums. Diese Vorstellung zieht durch sein gesamtes Werk. Er hatte eine Leidenschaft f\u00fcr das sinnlich Einzigartige und eine ausdr\u00fcckliche Abneigung gegen abstrakte Vorstellungen, wie notwendig er sie auch gelegentlich fand.<\/p>\n<p>Sein so genannter Materialismus dreht sich im Kern um den menschlichen K\u00f6rper. Wieder und wieder spricht er von der gerechten Gesellschaft, in der jeder Mann und jede Frau seine und ihre besonderen Kr\u00e4fte und F\u00e4higkeiten in ihrer besonderen Art ausleben und umsetzen kann. Sein moralisches Ziel ist vergn\u00fcgliche Selbstverwirklichung. Darin ist er sich mit seinem gro\u00dfen geistigen Ziehvater Aristoteles einig, der verstand, dass es in der Morallehre darum geht, wie der Mensch am vollst\u00e4ndigsten und lustvollsten gedeihen kann, und nicht in erster Linie (wie in der Moderne fatalerweise angenommen wird) um Gesetze, rechtliche und moralische Pflichten und Verantwortung.<\/p>\n<p><strong>Sozialismus ist Liebe<\/strong><\/p>\n<p>Inwiefern unterscheidet sich dieses moralische Ziel vom liberalen Individualismus? Der Unterschied besteht darin, dass Marx annimmt, dass Menschen die wahre Erf\u00fcllung ihres Selbst in und durch andere finden m\u00fcssen. Es geht nicht nur darum, dass jeder und jede isoliert von andern ihr eigenes Ding machen. Das w\u00e4re nicht einmal m\u00f6glich. Der Andere muss die Grundlage der eigenen Selbstverwirklichung werden, wie wir diese Grundlage f\u00fcr ihn bieten. Auf der zwischenmenschlichen Ebene ist das als Liebe bekannt. Auf der politischen Ebene hei\u00dft es Sozialismus.<\/p>\n<p>Sozialismus bedeutete f\u00fcr Marx einfach die Anordnung von Institutionen, die dieser Gegenseitigkeit die gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Entfaltungsm\u00f6glichkeiten einr\u00e4umen w\u00fcrde. Denken wir an den Unterschied zwischen einem kapitalistischen Unternehmen, in dem die Mehrheit f\u00fcr den Nutzen einiger weniger arbeitet, und einer sozialistischen Kooperative, in der meine eigene Beteiligung an dem Projekt dem Wohlergehen aller n\u00fctzt, und umgekehrt. Das ist keine Frage moralistischer Selbstaufopferung. Der gegenseitige Nutzen ist in die Struktur der Einrichtung eingebaut.<\/p>\n<p><strong>Die Befreiung der Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>Marx\u2018 Ziel ist frei verf\u00fcgbare Zeit, nicht harte Arbeit. Der beste Grund, Sozialist zu sein \u2013 abgesehen davon, dass man damit Leute nerven kann, die man nicht mag \u2013 ist, dass man den Zwang zur Arbeit verabscheut. Marx fand, dass der Kapitalismus die Produktionskr\u00e4fte so weit entwickelt hatte, dass es unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen m\u00f6glich sei, die Mehrheit der Menschen von den erniedrigendsten Formen der Arbeit zu befreien.<\/p>\n<p>Was, meinte er, sollten wir danach tun? Was auch immer wir wollen. Falls wir wie der gro\u00dfe irische Sozialist Oscar Wilde uns entschlie\u00dfen sollten, den lieben langen Tag in wallenden tiefroten Kleidern herumzulungern, Absinth zu nippen und einander die eine oder andere Seite aus Homer vorzulesen, dann soll es so sein. Allerdings sollten diese kreativen T\u00e4tigkeiten allen offen stehen. Wir w\u00fcrden nicht l\u00e4nger eine Situation tolerieren, in der eine Minderheit freie Zeit h\u00e4tte, weil eine Mehrheit schuftet.<\/p>\n<p><strong>Ein gro\u00dfer Ketzer<\/strong><\/p>\n<p>Was Marx mit anderen Worten letztlich interessierte, war, wie man es etwas irref\u00fchrend nennen k\u00f6nnte, das Geistige, nicht das Materielle. Die materiellen Bedingungen m\u00fcssten ver\u00e4ndert werden, um uns von der Tyrannei des Wirtschaftslebens zu befreien. Marx selbst war unglaublich belesen, freute sich an Kunst, Kultur und anregenden Unterhaltungen, genoss Humor und ausgelassenes Vergn\u00fcgen und wurde einmal von einem Polizisten gejagt, weil er im Zuge einer Kneipenrangelei eine Stra\u00dfenlaterne zerbrochen hatte.<\/p>\n<p>Er war selbstverst\u00e4ndlich Atheist, aber man muss nicht religi\u00f6s sein, um eine spirituelle Ader zu haben. Er war einer der gro\u00dfen j\u00fcdischen Ketzer, und sein Werk steckt voll der gro\u00dfen Themen des Judaismus: Gerechtigkeit, Emanzipation, der Tag der Abrechnung, das Reich der Freiheit und des \u00dcberflusses, die Erl\u00f6sung der Armen.<\/p>\n<p><strong>Ein Revolution\u00e4r f\u00fcr Reformen<\/strong><\/p>\n<p>Wie steht es aber mit dem gef\u00fcrchteten Tag der Abrechnung? Ruft Marx\u2018 Vision f\u00fcr die Menschheit nicht nach einer blutigen Revolution? Er selbst glaubte, dass einige L\u00e4nder wie Gro\u00dfbritannien, die Niederlande und die USA den Sozialismus friedlich erreichen k\u00f6nnten. Obgleich er Revolution\u00e4r war, war er ein gro\u00dfer Anh\u00e4nger von Reformen.<\/p>\n<p>In jedem Fall meinen die Leute, die sich gegen Revolutionen aussprechen, normalerweise, dass sie gegen bestimmte Revolutionen sind, nicht aber gegen andere. Haben Amerikaner, die gegen Revolutionen sind, genau so viel gegen die amerikanische Revolution einzuwenden wie gegen die in Kuba? Dr\u00fccken sie den j\u00fcngsten Erhebungen in \u00c4gypten und Libyen die Daumen oder denen, die in Afrika und Asien die Kolonialm\u00e4chte verjagten?<\/p>\n<p>Wir sind selbst Produkte revolution\u00e4rer Erhebungen in der Vergangenheit. Einige Reformprozesse waren weit blutiger als die Akte von Revolutionen. Es gibt genau so samtene wie gewaltsame Revolutionen. Die bolschewistische Revolution war bemerkenswert unblutig. Die Sowjetunion, die aus ihr hervorging, zerfiel 70 Jahre sp\u00e4ter, fast ohne dass Blut geflossen w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr die Befreiung der Frau<\/strong><\/p>\n<p>Einige Marx-Kritiker lehnen eine vom Staat beherrschte Gesellschaft ab. Aber das haben sie mit ihm gemein. Er verabscheute den politischen Staat genau so leidenschaftlich wie die FDP, aber aus weniger konservativen Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>War er, wie Feministinnen fragen, ein viktorianischer Patriarch? Mit Sicherheit. Aber, wie einige (nicht-marxistische) moderne Forscher betonen, waren es M\u00e4nner aus den sozialistischen und kommunistischen Bewegungen, die bis zum neuen Aufleben der Frauenbewegung in den 1960er Jahren die Gleichberechtigung der Frauen als entscheidend f\u00fcr andere Formen der politischen Befreiung ansahen.<\/p>\n<p>Das Wort Proletarier meint urspr\u00fcnglich Menschen in den Gesellschaften des Altertums, die zu arm waren, um dem Staat irgendetwas anderes zu geben als die Fr\u00fcchte ihre Scho\u00dfes. \u201eProl\u201c hei\u00dft urspr\u00fcnglich Nachwuchs. In den Sweatshops und auf den kleinen Bauernh\u00f6fen der Dritten Welt sind die typischen Proletarier auch heute noch Frauen.<\/p>\n<p><strong>Und die antikoloniale Befreiung<\/strong><\/p>\n<p>Dasselbe gilt im Groben auch f\u00fcr die ethnischen Fragen. In den 1920er und 30er Jahren waren praktisch die einzigen M\u00e4nner und Frauen, die f\u00fcr die Gleichberechtigung der Rassen eintraten, Kommunisten. Viele anti-koloniale Bewegungen wurden vom Marxismus beeinflusst. Der erzkonservative Theoretiker Ludwig von Mises beschrieb den Sozialismus als \u201edie m\u00e4chtigste Reformbewegung, die die Geschichte je gesehen hat, der erste ideologische Trend, der sich nicht auf einen Teil der Menschheit beschr\u00e4nkt, sondern von Menschen aller Rassen, Nationen, Religionen und Kulturen getragen wird.\u201c<\/p>\n<p>Marx, der historisch besser beschlagen war als von Mises, h\u00e4tte ihn vielleicht an das Christentum erinnert, aber das schm\u00e4lert von Mises\u2018 Einsch\u00e4tzung kaum. In Bezug auf die Umweltproblematik nahm Marx erstaunlich viel von der heutigen Programmatik der Gr\u00fcnen vorweg. Der Umgang mit der Natur und die Notwendigkeit, sie als Verb\u00fcndeten und nicht als Gegner zu betrachten, war eines seiner zentralen Themen.<\/p>\n<p><strong>Marx macht\u2019s m\u00f6glich<\/strong><\/p>\n<p>Warum k\u00f6nnte Marx heute wieder aktuell werden? Die Antwort gibt ironischerweise der Kapitalismus selbst. Wer heute Kapitalisten \u00fcber den Kapitalismus reden h\u00f6rt, wei\u00df, dass dieser sich in ernsten Schwierigkeiten befindet. Normalerweise w\u00e4hlen sie allerdings lieber einen hom\u00f6opathischeren Begriff wie \u201efreies Unternehmertum\u201c. Die Zusammenbr\u00fcche des Finanzwesens zwingen uns einmal mehr, uns \u00fcber das System, unter dem wir leben, als Ganzes Gedanken zu machen, und Marx machte dies als erster m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Das Kommunistische Manifest sagte voraus, dass der Kapitalismus global werden und dass seine Ungleichheiten sich versch\u00e4rfen w\u00fcrden. Hat Marx falsch gelegen? In hunderten von Fragen. Aber er ist als Denker zu kreativ und originell, um ihn den plumpen Stereotypen seiner Gegner zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>(Zuerst erschienen in der Zeitschrift\u00a0<a href=\"http:\/\/chronicle.com\/article\/In-Praise-of-Marx\/127027\">Chronicle<\/a>. Aus dem Englischen von David Meienreis \u00fcbersetzt und erstmals erschienen bei Marx21).<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/marx-ein-theoretiker-der-befreiung\/\"><em>diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21. August 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Terry Eagleton, britischer Marxist und Autor des Buches \u201eWarum Marx recht hat\u201c \u00fcber die\u00a0Aktualit\u00e4t von Karl Marx, die Frage warum man ihn nicht seinen Gegnern \u00fcberlassen darf<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[25,12,13,38],"class_list":["post-3932","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-arbeiterbewegung","tag-lenin","tag-marx","tag-russische-revolution"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3932","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3932"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3932\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3933,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3932\/revisions\/3933"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3932"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3932"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3932"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}