{"id":3938,"date":"2018-08-22T09:36:07","date_gmt":"2018-08-22T07:36:07","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3938"},"modified":"2018-08-22T09:36:07","modified_gmt":"2018-08-22T07:36:07","slug":"vom-unrentablen-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3938","title":{"rendered":"Vom unrentablen Menschen"},"content":{"rendered":"<p><em>Hansgeorg Hermann. <\/em><strong>Der Neofaschismus ist in Europas Regierungen angekommen. Die Konsequenzen insbesondere f\u00fcr Gefl\u00fcchtete und Minderheiten sind m\u00f6rderisch.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die Athener Architektin Maria Barkitzi erz\u00e4hlt unter Freunden gerne die lustige Geschichte von dem \u00bbGiftos\u00ab (griechisch f\u00fcr \u00bbZigeuner\u00ab), der eines Tages in ihr B\u00fcro am Hafen von Pir\u00e4us kam. Der dunkelh\u00e4utige Mann habe sich gesetzt, eine ziemlich \u00fcbel qualmende Zigarette angesteckt und dann sein \u00bbProjekt\u00ab beschrieben: Er sei in den Besitz eines St\u00fcck Landes am Rande der griechischen Hauptstadt gekommen und wolle dort ein Haus bauen. \u00bbEin Haus?\u00ab habe sie gefragt. Seit wann denn Leute seines Schlags in festen Mauern wohnen wollten? Er weiche damit einer staatlichen Ordnungsma\u00dfnahme aus, habe der seltsame Kunde l\u00e4chelnd geantwortet. Die Finanzbeh\u00f6rden h\u00e4tten von ihm, dem fahrenden H\u00e4ndler, eine feste Adresse verlangt, der sie den j\u00e4hrlichen Steuerbescheid zuordnen k\u00f6nnten und die f\u00fcr einen Gesch\u00e4ftsmann ohnehin obligatorisch sei.<\/p>\n<p>Von Maria Barkitzi verlangte der bis zu diesem Tag auf allen Stra\u00dfen des Landes heimische Verk\u00e4ufer von Blument\u00f6pfen, Damenschuhen und M\u00e4nnerunterhosen damals \u2013 die Sache habe sich vor rund 30 Jahren zugetragen \u2013 die Konstruktion eines Bungalows, in dem es keine Innenw\u00e4nde geben sollte. Auch T\u00fcren und Fenster seien nicht unbedingt notwendig, daf\u00fcr aber ein regensicheres Dach und vielleicht \u2013 das k\u00f6nne sicher nicht schaden \u2013 eine Toilette mit Dusche, vor allem mit Blick auf die bisweilen dringend ge\u00e4u\u00dferten Bed\u00fcrfnisse seiner Ehefrau und der vier T\u00f6chter. \u00bbWirklich lustig\u00ab sei aber gewesen, dass ihr Kunde gar nicht in dem Haus habe wohnen wollen. Die Familie habe vielmehr ihren zwanzig Jahre alten Wohnwagen samt Zugmaschine im Garten aufgestellt und in dem neuen innenwandfreien, aber gut verputzten Ziegelbau die Ware gelagert, deren Verkauf ihren bescheidenen Lebensunterhalt gesichert habe.<\/p>\n<p>Warum der \u00bbH\u00e4uptling\u00ab dieses Roma-Klans ausgerechnet zu ihr gekommen sei, wusste Maria auch. Er kenne die Geschichte ihrer Familie, habe er ihr sp\u00e4ter erz\u00e4hlt, eine Geschichte, die ihm Vertrauen eingefl\u00f6\u00dft habe. In der Tat ist die heute 68 Jahre alte freischaffende Bauexpertin Spross kleinasiatischer Fl\u00fcchtlinge, die im Rahmen der 1922 in Lausanne getroffenen Vereinbarungen zum V\u00f6lkeraustausch zwischen der T\u00fcrkei des Mustafa Kemal Atat\u00fcrk und dem Griechenland des Eleftherios Venizelos ihre Heimatstadt Smyrna (Izmir,\u00a0<em>jW<\/em>) verlassen mussten und sich \u2013 \u00bbmit viel Gl\u00fcck\u00ab \u2013 in Pir\u00e4us eine neue Existenz aufbauten. Nicht zuletzt: Der Name Barkitzi weise auf einen Kupferschmied als Urahnen hin, ein Metier, das \u00fcber viele Generationen auch die Roma in Osteuropa leidlich ern\u00e4hrte.<\/p>\n<p>Was haben nun in der gegenw\u00e4rtigen politischen Realit\u00e4t die \u2013 wie einst Marias Familie \u2013 in Griechenland und anderswo gestrandeten Kriegs- und Hungerfl\u00fcchtlinge aus dem Mittleren Osten und Afrika mit den Roma in Ungarn, Rum\u00e4nien oder Italien, den Leuten des \u00bbH\u00e4uptlings\u00ab und Bauherrn in Pir\u00e4us, zu tun? Nichts auf den ersten Blick \u2013 oder fast nichts. Erst der neofaschistische italienische Innenminister Matteo Salvini stellte j\u00fcngst eine Verbindung zwischen den beiden so unterschiedlichen, aber gleicherma\u00dfen ge\u00e4chteten und bedrohten Minderheiten her und machte sie damit zur Schicksalsgemeinschaft.<\/p>\n<p><strong>Kontrollieren und schikanieren<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr den Philosophen und Altphilologen Luciano Canfora, emeritierter Griechenland-Spezialist der Universit\u00e4t Bari, ist die Situation der italienischen \u00bbZingari\u00ab, wie er sie j\u00fcngst in einem Briefwechsel mit\u00a0<em>jW<\/em>\u00a0beschrieb, offenbar be\u00e4ngstigend: \u00bbAm Rand der Hauptstadt (Rom,\u00a0<em>jW<\/em>) sind sie zahlreich; sie werden verfolgt und gejagt \u2013 und verantwortlich ist das Rathaus, das sich in den H\u00e4nden der F\u00fcnf-Sterne-Bewegung befindet.\u00ab Innenminister Salvini, der nicht nur die H\u00e4fen zumacht, wenn Hilfsorganisationen ihre aus Seenot geretteten afrikanischen Passagiere an Land bringen wollen, sondern die vielen hundert vor Krieg und Elend geflohenen Menschen gleich wieder in ihre miserablen Heimatregionen zur\u00fcckschicken will, hetzt gleichzeitig gegen die Roma, die f\u00fcr ihn \u00bbnichts als Diebe\u00ab sind. Ausweisen k\u00f6nne er sie \u00bbleider nicht\u00ab, weil mehr als die H\u00e4lfte von ihnen ja die italienische Staatsb\u00fcrgerschaft besitze. Kontrollieren und schikanieren will er die auf 120.000 bis 180.000 Menschen gesch\u00e4tzte Bev\u00f6lkerungsgruppe trotzdem.<\/p>\n<p>Der linke Philosoph und Publizist Robert Kurz sprach 2006 in einem Vortrag von \u00bbunrentablen Menschen\u00ab, zu denen \u2013 nicht erst gegenw\u00e4rtig \u2013 sicher auch die Roma gez\u00e4hlt werden m\u00fcssten, sofern Menschen tats\u00e4chlich in den Kategorien des Finanzmarktes beschrieben werden k\u00f6nnten. Kurz: \u00bbEs gibt soziale Spaltung nicht nur zwischen immer weniger Gewinnern und immer mehr Verlierern, sondern auch unter den Verlierern selbst. Noch-Besch\u00e4ftigte und Arbeitslose, Frauen und M\u00e4nner, Junge und Alte, prospektive Erben und Kinder von Verm\u00f6genslosen, Gesunde und Kranke, Nichtbehinderte und Behinderte, Inl\u00e4nder und Ausl\u00e4nder stehen gerade auf Armutsniveau einander gegen\u00fcber; und es geht darum, \u203af\u00fcr wen es noch reicht.\u2039\u00ab<\/p>\n<p>Und es geht auch darum, wer \u00bbnoch dazugeh\u00f6rt\u00ab. Wer einen Ausweis bekommt und wer bleiben darf. Nun wissen Roma, Sinti (franz\u00f6sisch: Manouches, \u00bbMenschen\u00ab) und anderes \u00bbfahrendes Volk\u00ab seit Jahrhunderten, dass Reisep\u00e4sse und Passierscheine noch nie f\u00fcr deren Inhaber, sondern schon immer f\u00fcr diejenigen ausgestellt wurden, die derlei Dokumente vorgezeigt bekommen wollen. Ausweise waren und sind daher f\u00fcr eine afrikanische Mutter, die Nahrung f\u00fcr ihr hungerndes Kleinkind sucht, oder f\u00fcr einen vor Krieg und Zerst\u00f6rung fliehenden Syrer ziemlich nutzloses Papier. Gleichwohl haben sich die bedrohten Minderheiten einem System zu f\u00fcgen, das ihnen eben diesen Schutz mehr und mehr verweigert und sie statt dessen in einen Konkurrenzkampf unter ihresgleichen treibt.<\/p>\n<p>Noch einmal Robert Kurz: \u00bbMitten in den Demokratien findet eine strukturelle Entzivilisierung und Enthumanisierung statt, die man bisher weit drau\u00dfen in der sowieso schon gro\u00dfenteils abgeschriebenen Peripherie des Weltmarkts w\u00e4hnte (\u2026). Unter diesen Bedingungen befinden sich die klassischen Krisenreaktionen und Krisenideologien des Sexismus, Rassismus und Antisemitismus weltweit im Vormarsch, quer durch alle sozialen Schichten (\u2026). \u203aSurvival of the fittest\u2039 ist als gar nicht mehr klammheimliche Parole wieder angesagt. Die zugrundeliegende Logik besagt, dass nicht das zum Naturgesetz erkl\u00e4rte warenproduzierende Patriarchat zur Disposition steht, sondern das Lebensrecht und das Lebensinteresse der unrentablen Menschen.\u00ab<\/p>\n<p>Nicht nur das. Auch die Theorie der \u00bb\u00dcberbev\u00f6lkerung\u00ab des \u00bbHardcoreliberalen\u00ab Thomas Malthus, wie Kurz ihn nennt, ist l\u00e4ngst wieder zu Ehren gekommen und scheint einen der \u00bbF\u00fchrer\u00ab der westlichen Welt, US-Pr\u00e4sident Donald Trump, anzutreiben. Es ist anzunehmen, dass dem aktuellen Chef des Wei\u00dfen Hauses die m\u00f6rderische Devise der Nazis vom \u00bblebensunwerten Leben\u00ab als ein f\u00fcr die Zukunft ins Auge zu fassender Handlungsrahmen m\u00f6glich erscheint. In der Figur eines Trump zeigt sich der Kapitalismus, dessen Kriegswirtschaft den Europ\u00e4ern jetzt ihre Opfer auf den Hals schickt, in seiner reinsten Form: als galoppierender Irrsinn.<\/p>\n<p><strong>Toter auf Urlaub<\/strong><\/p>\n<p>Der vom Finanzkapital gewollte und bef\u00f6rderte Konkurrenzkampf der \u00bbUnrentablen\u00ab hat in Italien, aber auch in \u00d6sterreich, Polen, Ungarn, Griechenland und sogar in Frankreich oder Deutschland dem neuen Faschismus Tor und T\u00fcren ge\u00f6ffnet. Luciano Canfora, der mit seinem Buch \u00fcber die Demokratie und seinem Kampf gegen den Verlag C. H. Beck in deutschen Feuilletons einige Bekanntheit erreichte, schrieb in seinem erw\u00e4hnten Brief, was er f\u00fcr die Zukunft der italienischen Gesellschaft f\u00fcrchtet: \u00bbDer Erfolg einer rassistischen Partei wie der der Lega ist stabil und k\u00f6nnte andauern, zumal mehr als nur ein Teil der Verantwortlichen und Anh\u00e4nger der Partnerpartei \u203aF\u00fcnf-Sterne\u2039 von denselben animalischen Wallungen getrieben wird.\u00ab<\/p>\n<p>Anzuf\u00fcgen sei, schreibt Canfora, dass \u00bbdie Allianz der beiden gegenw\u00e4rtig an der Macht befindlichen Parteien eine direkte Folge des politischen Wahnsinns eines Herrn Matteo Renzi ist, der in brutaler Weise eine sich formierende Allianz zwischen der Sterne-Bewegung und der Demokratischen Partei verhindert hat.\u00ab Dann w\u00e4re Italien wenigstens ein Innenminister Salvini erspart geblieben, glaubt Canfora und warnt: \u00bbDer Faschismus, einmal an der Macht, k\u00f6nnte mit Hilfe seiner korrumpierenden Demagogie eine lange Lebensdauer haben.\u00ab<\/p>\n<p>In der gesellschaftlichen Wirklichkeit bedeutet das l\u00e4ngst Mord und Totschlag und offene Barbarei. Anfang August wurden vier \u00bbschwarze Sklavenarbeiter\u00ab (Canfora) auf dem Heimweg von ihrer f\u00fcrchterlichen Arbeit Opfer eines Verkehrsunfalls. Die Justiz habe den Fall bereits zu den Akten gelegt, klagt Canfora, die Medien schliefen oder h\u00e4tten l\u00e4ngst andere, neue Horrormeldungen im Visier. \u00bbJedermann wei\u00df, dass die an Sklaverei erinnernden Arbeitsbedingungen als Ursprung des Massakers zu nennen sind. Am \u00fcbern\u00e4chsten Tag wurden am selben Ort zw\u00f6lf Arbeiter get\u00f6tet.\u00ab Nach Feierabend waren sie, eingepfercht in einen klapprigen Kleinbus, frontal mit einem Lkw kollidiert.<\/p>\n<p>\u00bbSubstantiell ist jeder Mensch, der auf Dauer kein marktf\u00f6rmiges Wirtschaftssubjekt darstellen kann\u00ab, schreibt Kurz in seinem Essay \u00bbDie Aufhebung der Gerechtigkeit\u00ab, \u00bbnur noch ein Toter auf Urlaub. Die Zust\u00e4nde in den Verlierer- und Zusammenbruchs\u00f6konomien best\u00e4tigen diese barbarische Logik tagt\u00e4glich und in immer brutaleren Formen.\u00ab Der \u00bbreine Mensch\u00ab des totalen Warensystems ist durchgesetzt und \u2013 so Kurz \u2013 h\u00f6rt \u00bbin demselben Moment auf, ein Mensch zu sein\u00ab. Hannah Arendt hat in ihrer Analyse \u00fcber die \u00bbElemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft\u00ab die Anf\u00e4nge dieser Situation beschrieben. Im Kapitel \u00fcber die \u00bbAporien der Menschenrechte\u00ab stellt sie fest, \u00bbdass f\u00fcr staatenlose Fl\u00fcchtlinge und Gefangene der Konzentrationslager der Begriff der Menschenrechte sinnlos geworden war, weil diese Formeln in keinerlei Beziehung zu ihrer Situation mehr stehen.\u00ab<\/p>\n<p>Kurz: \u00bbWas damals noch eingebannt schien in den Zivilisationsbruch der faschistischen Regimes\u00ab \u2013 den Italiens aktuelle Regierung offenbar nicht mehr scheut und dem die Regierungen in Berlin und Paris tatenlos zusehen \u2013 \u00bboder in die Situation des \u203aregul\u00e4ren Weltkriegs\u2039, droht sich heute zu verallgemeinern durch den subjektlosen Weltmarktprozess. Die nicht mehr definierbaren Nichtpersonen werden nicht mehr eingesperrt, sondern umgekehrt igeln sich die Inseln warenf\u00f6rmiger Wirtschafts- und Rechtssubjektivit\u00e4t ein.\u00ab Die Staaten selbst, wie Polen, Ungarn, Italien und demn\u00e4chst auch \u00d6sterreich, Deutschland und Frankreich, werden zu Nicht-Orten (Non-lieux), wie der franz\u00f6sische Anthropologe Marc Aug\u00e9 jene Gefilde nennt, in denen nicht mehr das reale Leben, der sinnliche Inhalt der Produktivkr\u00e4fte und Ressourcen, sondern der irrationale, fetischistische \u00bbMarkt\u00ab den Tagesablauf der Gesellschaft bestimmt.<\/p>\n<p><strong>Die Freiheit der V\u00f6gel<\/strong><\/p>\n<p>Den Roma oder den franz\u00f6sischen \u00bbManouches\u00ab, erz\u00e4hlte der Filmregisseur Tony Gatlif vor einigen Jahren, seien Begriffe wie \u00bbrentabel\u00ab oder \u00bbunrentabel\u00ab fremd. Gatlif, der sich selbst einen \u00bbGitane\u00ab nennt und dessen Wurzeln bis ins kabylische Nordafrika reichen, hat mehr als ein Dutzend Filme zum Thema gedreht, darunter auch \u00bbLibert\u00e9\u00ab. In dem wunderbaren Streifen aus dem Jahr 2009 hat sich eine \u00bbZigeunerfamilie\u00ab gegen das korrupte, mit den deutschen Faschisten kollaborierende Vichy-Regime zu behaupten. Der B\u00fcrgermeister eines kleinen Dorfs kann sie zun\u00e4chst deshalb vor der Deportation bewahren, weil er ihr einen verlassenen Bauernhof des Gro\u00dfvaters und damit einen festen Wohnsitz mit entsprechenden B\u00fcrgerrechten \u00fcberschreibt. Doch die Manouches, nicht gewohnt, in festen Mauern zu schlafen und als Landbesitzer aufzutreten, verlassen das Dorf in der Nacht und ziehen wieder ihrer Wege durch Wiesen und W\u00e4lder. Am Ende ihrer Reise wartet der Tod in den Lagern der deutschen Faschisten auf sie. Was denn \u00bbFreiheit\u00ab f\u00fcr ihn, den \u00bbGitane\u00ab, bedeute, wurde Gatlif damals vom Autor gefragt. Antwort: \u00bbDie des Vogels in der Luft, die grenzenlos ist.\u00ab<\/p>\n<p>Eine Idee, die einst auch die junge Nachkriegsgeneration Europas beseelte. Eine Idee, mit der sich der dringende Wunsch verband, als selbstbewusste, tolerante, kultivierte Menschen ohne Staatsgrenzen zu leben und zu handeln \u2013 und nicht als von den unmenschlichen Regeln des multinationalen Finanzkapitals zerst\u00f6rte, Identit\u00e4t suchende Wracks.<\/p>\n<p>Im Alltag des \u00bbfreien\u00ab europ\u00e4ischen B\u00fcrgers sind Fernsehbilder zu ertragen, die von der Absurdit\u00e4t des \u00bbfreien Marktes\u00ab und der Zerst\u00f6rung der in Geldpreisen beschriebenen Ressourcen \u2013 menschlichen wie materiellen \u2013 des Planeten erz\u00e4hlen. \u00bbUnrentable\u00ab Menschen ertrinken zu Tausenden im Mittelmeer \u2013 Frauen, Kinder, M\u00e4nner. Bestraft werden nicht Kriegsverbrecher und kriminelle Finanzjongleure, die den Fl\u00fcchtlingsstrom vor sich her treiben, sondern die Retter in der Not, die Ertrinkende aus dem Wasser ziehen oder ihnen helfen, \u00fcber die verschneiten Alpen in L\u00e4nder zu kommen, in denen Hunger weitgehend unbekannt ist.<\/p>\n<p><strong>Gefangene der Despotie<\/strong><\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Regierung, die vor einigen Tagen \u2013 nach langem Hin und Her \u2013 einwilligte, dem Rettungsboot \u00bbAquarius\u00ab 60 seiner 255 geretteten afrikanischen Passagiere abzunehmen, als handelte es sich um Kartoffeln, und sich daf\u00fcr selbst lobte, schickte ein Kontingent strenger B\u00fcrokraten nach Malta, um die dort angelandeten Fl\u00fcchtlinge zu inspizieren, bevor sie ins sogenannte Land der Menschenrechte gelassen werden. Der Direktor einer eigens f\u00fcr solche Zwecke gegr\u00fcndeten Beh\u00f6rde mit dem eindrucksvollen Namen \u00bbOffice fran\u00e7ais de protection des r\u00e9fugi\u00e9s et apatrides\u00ab (OFPRA, Franz\u00f6sisches B\u00fcro zum Schutz von Fl\u00fcchtlingen und Staatenlosen) hei\u00dft derzeit Pascal Brice und sagt, man werde die 60 Leute \u00bbidentifizieren\u00ab, bevor sie nach Paris oder anderswohin gebracht werden k\u00f6nnten. Einziges Kriterium der \u00bbIdentifikation\u00ab sei die Beantwortung der Frage, ob die M\u00e4nner, Frauen oder Kinder \u00bbasylf\u00e4hig\u00ab im Sinne des entsprechenden franz\u00f6sischen Gesetzes seien.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Gefangenen des europ\u00e4ischen demokratischen Despotismus bedeutet dies, dass sie ihren Parcours von ihrem Zuhause bis an die Ufer des Mittelmeers, bis zum Besteigen eines morschen Schlauchboots, dem Sinken desselben und dem rettenden Sprung auf das Schiff der Hilfsorganisation \u00bbSOS Mittelmeer\u00ab im Detail beschreiben m\u00fcssen. \u00bbAsylf\u00e4hig\u00ab sind nach den Vorschriften des OFPRA nur jene, die \u00bbeine ihnen drohende Gefahr\u00ab nachweisen k\u00f6nnen, die sie schlie\u00dflich zum Verlassen ihres Heimatortes getrieben hat. \u00bbHunger\u00ab, so sieht es das Regelwerk der Inspektoren vor, ist nicht als \u00bbGefahr\u00ab zu bewerten. Immerhin, OFPRA-Chef Brice gab sich vor Journalisten \u00bbsicher, dass wir unsere 60 Leute finden werden\u00ab.<\/p>\n<p>In Deutschland ist man kreativ. Hier werden Fl\u00fcchtlinge zu \u00bbTouristen\u00ab umgedeutet, die \u2013 offenbar einer Art Masterplan namens \u00bbAsyltourismus\u00ab folgend \u2013 bei den schwer arbeitenden Menschen jenseits der Alpen um kostenloses Essen und Logis nachsuchen. Roma, die in ihrer ungarischen, rum\u00e4nischen oder italienischen \u00bbHeimat\u00ab wie wilde Tiere gejagt werden, m\u00fcssen sich neuerdings gegen den Vorwurf zur Wehr setzen, mit geheimnisvollen Schleusern zusammenzuarbeiten, die sie an den Rhein schicken, um dort Sozialhilfe abzustauben. Duisburgs SPD-Oberb\u00fcrgermeister S\u00f6ren Link steht mit solchen Geschichten nicht alleine da. \u00dcberall in Europa werden sogenannte \u00bbMissbrauchsf\u00e4lle\u00ab gemeldet \u2013 in Belgien, in Frankreich und in Italien sowieso. Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma sieht sich wieder einmal \u00bbin der Tradition der Herstellung von S\u00fcndenb\u00f6cken\u00ab \u2013 eine ernste Gefahr f\u00fcr jene Menschen, \u00bbdie sich noch nie an einem Krieg beteiligt haben\u00ab, wie der Regisseur Tony Gatlif nie m\u00fcde wird zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Gleiche Zwangslage<\/strong><\/p>\n<p>Genau das scheint eines der Kennzeichen der \u00bbUnrentablen\u00ab zu sein. Dass sie sich st\u00e4ndig weigern, ihre Friedfertigkeit dem kapitalistischen Gro\u00dfprojekt zur Vernichtung des Planeten zu opfern. 19.000 \u00bbArmutsfl\u00fcchtlinge\u00ab aus osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern lebten derzeit in Duisburg, sagt der SPD-Mann Link. Seine Partei, die in der Bundesregierung sitzt, st\u00fctzt und verfolgt \u2013 zusammen mit Leuten wie dem Innenminister Horst Seehofer \u2013 eine Politik, die diese Armut t\u00e4glich bef\u00f6rdert. Romani Rose will nun eine \u00bbunabh\u00e4ngige Kommission Antiziganismus\u00ab haben, die \u00bbkonkrete Aufkl\u00e4rung\u00ab betreiben soll. Das wird nicht reichen.<\/p>\n<p>Der Kommunist Luciano Canfora verlangt von den versprengten H\u00e4uflein der europ\u00e4ischen Linken nicht weniger als eine europaweite Allianz und \u00bbein simples Projekt, das sich radikal den herrschenden Regeln widersetzt\u00ab. Canfora: \u00bbDer st\u00e4hlerne K\u00e4fig, den man Europa nennt \u2013 oder, wenn man so will, auch Europ\u00e4ische Union \u2013, muss aufgebrochen werden. Das gegenw\u00e4rtige Europa ist das der Bankiers und des Elends. Wenn man darauf besteht, dass dieser K\u00e4fig unantastbar ist, dann wird keine soziale Politik der Linken m\u00f6glich sein.\u00ab<\/p>\n<p>In seiner gro\u00dfen Analyse menschlicher Widerstandskraft, \u00bbDer Mensch in der Revolte\u00ab, beschrieb Albert Camus in Anklang an Hegels ber\u00fchmtes Kapitel aus der \u00bbPh\u00e4nomenologie des Geistes\u00ab 1951 das Verh\u00e4ltnis von Sklaven und Herren. Die Bilder der in libyschen Lagern angeketteten afrikanischen Hungerfl\u00fcchtlinge oder der vor ihren feixenden J\u00e4gern fliehenden ungarischen Roma-Familien deuten auf eine Zukunft hin, deren Grauen Camus schon vor fast 70 Jahren schwante: \u00bbHerr und Knecht sind in der gleichen Zwangslage: Die zeitweilige Herrschaft des einen ist ebenso relativ wie die Unterwerfung des anderen. Die beiden Kr\u00e4fte erh\u00e4rten sich abwechslungsweise im Augenblick der Rebellion, bis sie aufeinandersto\u00dfen, um einander zu vernichten.\u00ab<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/338373.minderheiten-vom-unrentablen-menschen.html\"><em>jungewelt.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. August 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hansgeorg Hermann. Der Neofaschismus ist in Europas Regierungen angekommen. 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