{"id":3942,"date":"2018-08-23T10:17:56","date_gmt":"2018-08-23T08:17:56","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3942"},"modified":"2018-08-23T10:17:56","modified_gmt":"2018-08-23T08:17:56","slug":"fallpauschalen-wie-der-markt-die-krankenhaeuser-ruiniert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3942","title":{"rendered":"Fallpauschalen: Wie der Markt die Krankenh\u00e4user ruiniert"},"content":{"rendered":"<p><em>Marco Blechschmidt.<\/em> <strong>F\u00fcr die gleiche Behandlung bekommen Krankenh\u00e4user \u00fcberall in Deutschland das gleiche Geld. Die Einf\u00fchrung dieser Fallpauschalen war ein weiterer Schritt<!--more--> zur Rationalisierung und \u00d6konomisierung der Gesundheitsversorgung \u2013 zulasten der Besch\u00e4ftigen und der Patient*innen.<\/strong><\/p>\n<p>Seit 2004 werden in Deutschland medizinische Behandlungen im Krankenhaus nicht nach den tats\u00e4chlich angefallenen Kosten abgerechnet, sondern anhand eines Systems von sogenannten Fallpauschalen, auch bekannt als Diagnosis Related Groups, kurz DRG. Dabei handelte es sich jedoch keineswegs um eine einfache buchhalterische Umstellung \u2013 die Auswirkungen der DRG haben zu einer verheerenden Ver\u00e4nderung der Gesundheitsversorgung gef\u00fchrt. Beispielhaft l\u00e4sst sich das an einer Herzoperation zeigen:<\/p>\n<p>Wenn bei ein*er Patient*in eine verengte Aortenklappe festgestellt wird, hilft oft nur der k\u00fcnstliche Ersatz, damit eine Herzinsuffizienz vermieden werden kann. Bis vor wenigen Jahren gab es daf\u00fcr einen Standardeingriff mit einer Spaltung des Brustbeins und dem Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine. Bei Patient*innen, f\u00fcr die diese Art der offenen Operation zu risikoreich war, wurde die sogenannte Transkatheter-Aortenklappenimplantation, kurz TAVI, angewandt. Im Jahr 2007 war das in 1,3 Prozent der F\u00e4lle n\u00f6tig. F\u00fcr Patient*innen mit niedrigem oder durchschnittlichen Risiko f\u00fchrt TAVI zu einer deutlich h\u00f6heren Sterblichkeit.<\/p>\n<p>Was haben nun DRG damit zu tun? Von 2007 bis 2014 ist der Anteil der TAVI an den Aortenklappenoperationen von den genannten 1,3 auf ganze 57 Prozent explodiert \u2013 wohl gemerkt, obwohl erwiesen ist, dass dieser Eingriff f\u00fcr die allermeisten Patient*innen viel gef\u00e4hrlicher ist. Der Grund daf\u00fcr ist einfach: F\u00fcr eine herk\u00f6mmliche Operation bekommen die Krankenh\u00e4user eine Pauschale zwischen 16.800 und 24.600 Euro, f\u00fcr eine TAVI sind es hingegen 33.600 Euro. Die Gewinnspanne ist f\u00fcr die riskantere Option erheblich h\u00f6her. Kurz: F\u00fcr den Profit werden Leben aufs Spiel gesetzt.<\/p>\n<p><strong>Wem n\u00fctzen Fallpauschalen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Fallpauschalen wurden urspr\u00fcnglich 2003 nach dem Vorbild des australischen Bundesstaats Victoria eingef\u00fchrt und gelten seit 2004 verpflichtend f\u00fcr alle Krankenh\u00e4user. Die Vorstellung hinter ihrer Einf\u00fchrung war, dass Krankenh\u00e4user sparsamer und wirtschaftlicher arbeiten w\u00fcrden, wenn sie in Konkurrenz zueinander treten w\u00fcrden. Daf\u00fcr wurden Patient*innengruppen nach Diagnosen einheitlich gruppiert \u2013 daher die Bezeichnung \u2013 und f\u00fcr die Behandlung eine einheitliche Bezahlung veranschlagt. Verantwortlich zeichnete f\u00fcr diese Entscheidung damals als Gesundheitsministerin in einem rot-gr\u00fcnen Regierungskabinett die Sozialdemokratin Ulla Schmidt.<\/p>\n<p>Schon damals war klar: Dieser Wettbewerb wird zulasten der Besch\u00e4ftigten und der Patient*innen gehen. Nach Fallpauschalen die Behandlung einer Patientin zu kalkulieren, bedeutet die Gesundheit eines Menschen wie eine Ware zu berechnen. Wie es das oben skizzierte Beispiel der Aortenklappenoperationen zeigt, geht es dann nicht mehr darum, wie einem Menschen m\u00f6glichst gut geholfen werden kann, sondern einzig und allein, wie am meisten Gewinn aus seiner Therapie geschlagen werden kann. Was lukrativ ist, wird gemacht, und was zu wenig bringt, wird vermieden. In der Regel gilt, dass lukrativ ist, was mit technischem Aufwand verbunden ist. Im Umkehrschluss bleiben beispielsweise wichtige Anamnesen oder Arzt-Patienten-Gespr\u00e4che auf der Strecke.<\/p>\n<p>Patient*innen sollen aus demselben Grund heute so schnell wie nur irgend m\u00f6glich wieder entlassen werden, denn jeder weitere Tag im Krankenhaus ohne neue Behandlung bedeutet, dass der Gewinn schmilzt. Dabei spielt fast schon eine untergeordnete Rolle, ob die Patientin tats\u00e4chlich schon geheilt ist. Sowohl eine solche Unterversorgung als auch medizinisch unn\u00f6tige, aber finanziell lohnenswerte Behandlungen sind letztlich nichts anderes als K\u00f6rperverletzung.<\/p>\n<p><strong>Steigende Belastung f\u00fcr Besch\u00e4ftigte<\/strong><\/p>\n<p>Nicht vergessen werden darf dabei, dass dieser Zustand nicht nur f\u00fcr Patient*innen gef\u00e4hrlich ist, sondern auch f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten sehr belastend ist. Auf \u00c4rzt*innen lastet st\u00e4ndig der Druck, nicht medizinisch, sondern \u00f6konomisch zu entscheiden. In der Krankenhaushierarchie gelangt dieser Druck von den Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer*innen \u00fcber Chef- und Ober\u00e4rzt*innen zu den Fach- und Assistenz\u00e4rzt*innen.<\/p>\n<p>Dass zu wenig Personal, besonders zu wenige Pflegekr\u00e4fte, vorhanden sind, resultiert aus demselben wirtschaftlichen Zwang. Wenn Kliniken sparen m\u00fcssen, liegt es f\u00fcr sie nur nahe, das bei den Personalkosten zu tun. Die daraus resultierenden Zust\u00e4nde sind f\u00fcr Patient*innen wie f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten fatal.<\/p>\n<p>Seit Jahren gibt es deshalb in verschiedenen Krankenh\u00e4usern bundesweit Streiks und Proteste f\u00fcr mehr Personal. Zugleich haben Solidarit\u00e4tskreise Volksbegehren gegen den Pflegenotstand gestartet, wie zuletzt in Bayern. Das Anliegen dieser Volksbegehren, mehr Personal durch die Festsetzung von Personal-Patient*innen-Schl\u00fcsseln zu gew\u00e4hrleisten, kann den Sparzwang an den Krankenh\u00e4usern zwar nicht beenden. Doch diese Schl\u00fcssel durchzusetzen bedeutet einen ersten, wenn auch noch kleinen Bruch mit dieser Logik.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr ein Gesundheitssystem im Dienste der Patient*innen und Besch\u00e4ftigten!<\/strong><\/p>\n<p>Es ist v\u00f6llig illusorisch zu glauben, dass ein System, das auf Gewinnmaximierung orientiert ist, gleichzeitig den Bed\u00fcrfnissen der Menschen gerecht werden kann. Das DRG-System muss als drastische Spitze dieses kapitalistischen Gesundheitssystems so schnell wie m\u00f6glich beseitigt werden. Streiks, Demonstrationen und Volksbegehren sind dazu erste Schritte.<\/p>\n<p>Doch die Abschaffung von DRG wird die \u00d6konomisierung des Gesundheitssystems nicht beenden. Die Zwei-Klassen-Medizin, die von privaten und gesetzlichen Krankenversicherungen gest\u00fctzt wird, die unzureichende Gesundheitsversorgung in der Altenpflege, der verheerende Personalmangel, das grassierende Outsourcing von Teilen des Krankenhausbetriebs \u2013 selbst von so zentralen Bereichen wie der Sterilisation von OP-Besteck, wie im Falle der Vivantes Service GmbH in Berlin \u2013, die gro\u00dfe Macht der Pharmakonzerne: Diese und noch viel mehr Elemente zeigen, dass es uns darum gehen muss, ein ganz anderes Gesundheitssystem zu etablieren. Ein Gesundheitssystem, welches wirklich im Dienste von Patient*innen und Besch\u00e4ftigten steht.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt perspektivisch die Abschaffung der privaten Krankenversicherungen und die Einf\u00fchrung eines vereinheitlichten staatlichen Pflichtversicherungssystem, zu 100% bezahlt von den Bossen und H\u00f6chstverdiener*innen, die Kontrolle von Personalst\u00e4nden und Dienstpl\u00e4nen durch Komitees von Besch\u00e4ftigten und Patient*innenvertretungen, die Enteignung der gro\u00dfen Pharmakonzerne, um nur einige Punkte zu nennen.<\/p>\n<p>Die Pflegevolksbegehren sind ein erster Schritt.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/pflegeaufstand-in-bayern-den-kampf-in-die-betriebe-tragen\/\"><strong>Sie m\u00fcssen kombiniert werden mit der Selbstorganisierung der Besch\u00e4ftigten in den Krankenh\u00e4usern<\/strong><\/a>, mit Streiks und einer gesamtgesellschaftlichen Kampagne f\u00fcr ein Gesundheitssystem im Interesse von Patient*innen und Besch\u00e4ftigten, statt im Interesse von Bossen und Versicherungen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/fallpauschalen-wie-der-markt-die-krankenhaeuser-ruiniert\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 23. August 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marco Blechschmidt. F\u00fcr die gleiche Behandlung bekommen Krankenh\u00e4user \u00fcberall in Deutschland das gleiche Geld. Die Einf\u00fchrung dieser Fallpauschalen war ein weiterer Schritt<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7,3],"tags":[87,39,45,22,37,4],"class_list":["post-3942","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","category-schweiz","tag-arbeitswelt","tag-deutschland","tag-neoliberalismus","tag-politische-oekonomie","tag-service-public","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3942","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3942"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3942\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3943,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3942\/revisions\/3943"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3942"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3942"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3942"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}