{"id":3975,"date":"2018-08-30T16:12:12","date_gmt":"2018-08-30T14:12:12","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3975"},"modified":"2018-08-30T16:12:12","modified_gmt":"2018-08-30T14:12:12","slug":"aufbruch-1968-der-prager-fruehling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3975","title":{"rendered":"Aufbruch 1968: Der Prager Fr\u00fchling"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Jahr 1968 ersch\u00fctterte eine gewaltige Revolte die Gesellschaft der damaligen Tschechoslowakei und von dort aus ganz Europa. Am 21. August 1968 walzten sowjetische Truppen<!--more--> den Prager Fr\u00fchling nieder. 50 Jahre danach blicken wir zur\u00fcck: Wie kam es zum Prager Fr\u00fchling? Wer waren die \u00bbReformer\u00ab? Und warum, brachte der Einmarsch sowjetischer Panzer Lenin zum Weinen? Frank Renken \u00fcber den Prager Fr\u00fchling und seine Folgen<\/strong><\/p>\n<p>Ende der 60er Jahre befanden sich die osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder im eisernen Griff kommunistischer Parteien, die ihre Politik den Interessen der russischen B\u00fcrokratie im Kreml unterordneten. Die Tschechoslowakei war eine der h\u00e4rtesten\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/1917-stalin-stalinismus-aufstieg-macht\/\">stalinistischen Diktaturen<\/a>.<\/p>\n<p>1952 wurden nach Schauprozessen zehn Minister hingerichtet, 60.000 Mitglieder der Kommunistischen Partei inhaftiert und 130.000 Menschen aus allen sozialen Schichten in Arbeitslager gesteckt. Danach herrschte in dem Land f\u00fcr f\u00fcnfzehn Jahre nahezu Friedhofsruhe.<\/p>\n<p>Dies \u00e4nderte sich in einem rasanten Tempo in den ersten Monaten des\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/1968-funken-einer-grossen-explosion\/\">Jahres 1968<\/a>, als eine tiefe politische Krise das Land ersch\u00fctterte. Der F\u00fchrer der Kommunistischen Partei, Antonin Novotny, wurde im Januar aus dem Amt des Ersten Sekret\u00e4rs gedr\u00e4ngt. Eine Gruppe sogenannter \u00bbReformer\u00ab um Alexander Dubcek \u00fcbernahm mit Billigung Moskaus die Macht und erkl\u00e4rte, einen \u00bbSozialismus mit menschlichem Antlitz\u00ab im Land schaffen zu wollen.<\/p>\n<p><strong>Machtkampf und Massenbewegung<\/strong><\/p>\n<p>In Dubceks Vorstellung sollte die Demokratisierung nicht viel mehr als die personelle Ver\u00e4nderung an der Spitze der Apparate in Politik und Wirtschaft bedeuten, um die Einf\u00fchrung von Marktmechanismen gegen den Widerstand alter Stalinisten und die Manager unrentabler Betriebe durchsetzen zu k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich hatte Dubcek seine f\u00fchrende Rolle selbst dem ganz gew\u00f6hnlichen Aufstieg zum f\u00fchrenden Parteifunktion\u00e4r im slowakischen Landesteil zu verdanken.<\/p>\n<p>Doch die aufgetretene Spaltung an der Spitze der Apparate entfachte den Geist der Selbstaktivit\u00e4t am Boden der Gesellschaft. Novotny suchte Unterst\u00fctzung unter den Arbeitern, indem er demagogisch die Angst vor sozialen Verschlechterungen im Zuge der angek\u00fcndigten \u00f6konomischen Einschnitte f\u00fcr seine eigenen Zwecke auszunutzen versuchte.<\/p>\n<p>Die Reformer um Dubcek ihrerseits ermutigten nun die \u00f6ffentliche Kritik an den \u00bbalten Kadern\u00ab, um die Novotny-Leute aus ihren Positionen dr\u00e4ngen zu k\u00f6nnen. Ein Machtkampf innerhalb der herrschenden Klasse entbrannte und entfesselte in der Folge eine echte Massenbewegung von unten, deren Ver\u00e4nderungsdrang weit \u00fcber das von den Parteireformern angepeilte Ma\u00df hinausging.<\/p>\n<p><strong>Prager Fr\u00fchling und Manifest der 2000 Worte<\/strong><\/p>\n<p>Die elektrisierte Atmosph\u00e4re des \u00bbPrager Fr\u00fchling\u00ab wird in einem Bericht aus einer der vielen Massenversammlungen deutlich, die dem Sturz Novotnys aus dem Pr\u00e4sidentenamt im M\u00e4rz vorausgingen.<\/p>\n<p>Der Saal des \u00bbSlawischen Hauses\u00ab war\u00a0\u00bb<em>\u00fcberf\u00fcllt mit aufgeregten M\u00e4nner und Frauen, die dichtgedr\u00e4ngt selbst auf den Treppen bis hinunter auf den B\u00fcrgersteig standen. Fragen auf kleinen Papierschnipseln kamen wie Schneeflocken von den Galerien heruntergerieselt. Die Redner sprachen wie freie Menschen. Eine Frau, lange Zeit inhaftiert, verurteilt Pr\u00e4sident Novotny wegen seines Anteils an den Schauprozessen [im Jahre 1952]. Ein B\u00fchnenautor sagt, da\u00df der Staatsanwalt elf Justizmorde auf seinem Gewissen habe. Ein Schriftsteller sagt, da\u00df der Verteidigungsminister die Mentalit\u00e4t eines halbgebildeten Unteroffiziers besitze.<\/em>\u00ab<\/p>\n<p>Der routiniert eingespielte Apparat der Repression h\u00f6rte auf zu funktionieren. Journalisten und Intellektuelle begannen, die gesamte Gesellschaft in ihren Fundamenten zu kritisieren.<\/p>\n<p>Im Juni 1968 unterzeichneten zahlreiche Prominente und Intellektuelle das Manifest der \u00bb2000 Worte\u00ab, das den versch\u00e4rften Kampf gegen die konservativen Kr\u00e4fte auf allen Ebenen der Gesellschaft forderte.<\/p>\n<p><strong>\u00bbGewerkschaften ohne Kommunisten\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Die anf\u00e4nglich abwartende Haltung in den Betrieben schlug bald um. Die Gewerkschaftszeitung Prace berichtete von\u00a0\u00bbunz\u00e4hligen \u00f6konomischen, sozialen und Lohnforderungen, die aus dem Verborgenen an die Oberfl\u00e4che kommen.\u00ab<\/p>\n<p>Ein Beispiel war etwa der siebzigmin\u00fctige Streik bei Electropristoje in Pisek gegen Ver\u00e4nderungen im Produktionsablauf, die sich nachteilig auf die L\u00f6hne auswirkten.\u00a0Die Arbeiter eroberten sich nicht nur das Streikrecht. Sie setzten auch den Aufruf der \u00bb2000 Worte\u00ab zur Hinausdr\u00e4ngung tausender Novotny-Leute aus den Gewerkschaften um.<\/p>\n<p>Auf einer Versammlung des Zentralkomitees der herrschenden Partei im April warnte ein Redner, dass sich in den Gewerkschaften ein\u00a0\u00bb<em>spontaner Proze\u00df entwickelt, der sich dem Parteieinflu\u00df entzieht. Die Parole \u203aGewerkschaften ohne Kommunisten\u2039 setzt sich an einigen Stellen durch. Vier Betriebskomitees, die sich bereits im Aero-Werk gebildet haben, sind g\u00e4nzlich ohne Kommunisten. Es fehlt auch nicht an Forderungen, da\u00df die alte Demokratie wieder hergestellt werden solle.<\/em>\u00ab<\/p>\n<p>Die organisatorische Br\u00fccke zwischen wirtschaftlichen und politischen Forderungen schlugen schlie\u00dflich Hunderte von Arbeiterkomitees zur Verteidigung der Pressefreiheit, die sich ab dem Mai bildeten.<\/p>\n<p><strong>Moskau schreitet ein<\/strong><\/p>\n<p>Diese Entwicklung war nicht tolerierbar in den Augen der russischen B\u00fcrokratie.<\/p>\n<p>Dubcek, dem die Moskauer F\u00fchrung noch im M\u00e4rz zutraute, den warmen Wind des Fr\u00fchlings rasch abk\u00fchlen zu k\u00f6nnen, wurde wiederholt gewarnt, endlich die Daumenschrauben anzuziehen. Und dieser lie\u00df auch keine Gelegenheit aus, um vor der drohenden \u00bbAnarchie\u00ab zu warnen. In seinen Worten sei es\u00a0\u00bbAnarchie, wenn man Demokratie als einen Zustand versteht, wo sich jeder in alles einmischt und tut, was er will.\u00ab<\/p>\n<p>Doch trotz aller Versuche, die Bewegung zur\u00fcckzuschrauben, wurde Dubcek die Geister nicht mehr los, die er gerufen hatte. Im Sommer 1968 schien er trotz pers\u00f6nlicher Popularit\u00e4t nicht mehr in der Lage, die Dynamik der Bewegung kontrollieren zu k\u00f6nnen. So entschloss sich die russische F\u00fchrung das zu tun, was sie schon\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/17-juni-1953-geschichte\/\">1953 in der DDR<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/ungarn-1956\/\">1956 in Ungarn<\/a>\u00a0tat. Sie setzte die Armee ein.<\/p>\n<p><strong>Einmarsch des Warschauer Pakt<\/strong><\/p>\n<p>In der Nacht vom 20. zum 21. August wurden die B\u00fcrger der Tschechoslowakei vom Dr\u00f6hnen der Panzer des Warschauer Pakt aus dem Schlaf gerissen. Innerhalb von vier Stunden besetzten Tausende Panzer und Hunderttausende von Soldaten Russlands und anderer Warschauer Pakt-Staaten alle wichtigen Flugh\u00e4fen, Grenzposten und St\u00e4dte des Landes. Doch trotz der 50 bis 100 Toten gelang es den russischen Truppen nicht, den Widerstandswillen im Keim zu ersticken.<\/p>\n<p>Die russische F\u00fchrung hatte den Einmarsch nicht politisch vorbereitet und konnte sich daher auf kein Netzwerk tschechoslowakischer Kollaborateure st\u00fctzen. Stattdessen stie\u00df das Besatzungsregime auf Massenverweigerung. Die freien Medien arbeiteten weiter und verurteilten den Einmarsch. Der Widerstand blieb aber unter der F\u00fchrung derjenigen B\u00fcrokraten, die nach wie vor die Reformbewegung anf\u00fchrten. Dubcek vermochte es sogar einen geheimen Parteikongress abzuhalten, der die Invasion verurteilte.<\/p>\n<p>Dubcek wollte keinen bewaffneten Widerstand, keinen Streik, nicht einmal Demonstrationen. Er hoffte, Breschnew \u00fcberzeugen zu k\u00f6nnen, dass unter den gegebenen Umst\u00e4nden nur er die \u00bbStabilit\u00e4t\u00ab in der Tschechoslowakei garantierte. Als Dubcek nach seiner eigenen Verhaftung sechs Tage sp\u00e4ter aus Moskau zur\u00fcckkehrte, blieb er Parteivorsitzender und sprach sich f\u00fcr die \u00bbNormalisierung\u00ab aus.<\/p>\n<p><strong>Massenwiderstand der Arbeiterklasse und Studierenden<\/strong><\/p>\n<p>40.000 Skoda-Arbeiter verurteilten die Verhandlungen Dubceks in Moskau als \u00bbschm\u00e4hlichen Verrat\u00ab. Das Magazin Student sprach von \u00bbvollst\u00e4ndiger Kapitulation\u00ab. Der Widerstand wuchs noch, wandte sich nun aber zunehmend gegen Dubcek selbst. Im November schlie\u00dflich gingen die Studenten landesweit zu Besetzungen der Universit\u00e4ten \u00fcber. Die studentische Aktion fand eine unerwartet breite Unterst\u00fctzung durch gro\u00dfe Teile der Arbeiterklasse. In vielen Betrieben wurden symbolische Arbeitsniederlegungen bis zu 30 Minuten durchgezogen oder die Sirenen in Solidarit\u00e4t zum Heulen gebracht. Ein Studentenf\u00fchrer berichtete, \u00bbwir sprechen t\u00e4glich auf Versammlungen in Fabriken mit bis zu tausend Arbeitern.\u00ab<\/p>\n<p>Das Land stand an der Schwelle einer frontalen Konfrontation mit den Besatzungstruppen. Doch die Masse der Studenten f\u00fchlte sich f\u00fcr einen derartigen Konflikt noch nicht stark genug. Nach drei Tagen wurde die Aktion beendet.<\/p>\n<p>In der Folge explodierte noch mehrfach der Widerstand gegen Angriffe von oben. Im Dezember drohte die tschechische Metallarbeitergewerkschaft mit Streik. Im Januar 1969 demonstrierten 800.000, nachdem sich der Student Jan Palach aus Protest gegen die R\u00fccknahme der Reformen verbrannte. Unruhen brachen erneut im M\u00e4rz und dann im August in den gro\u00dfen St\u00e4dten aus.<\/p>\n<p><strong>Die Folgen des Prager Fr\u00fchling<\/strong><\/p>\n<p>Die Wirkung der Niederwalzung des Prager Fr\u00fchling durch russische Panzer war enorm.\u00a0Ein Poster, dass nach der Niederschlagung des Prager Fr\u00fch\u00fclings an vielen H\u00e4userw\u00e4nden in Prag hing, bringt diese Erkenntnis auf den Punkt: Der Einmarsch sowjetischer Panzer l\u00e4sst Lenin weinen. Denn das ist klar: Lenin h\u00e4tte auf der Seite der Protestierenden gestanden. F\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der 1968 in Westeuropa neu entstandenen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/wer-war-rudi-dutschke\/\">\u00bbAu\u00dferparlamentarischen Opposition\u00ab<\/a>wurde offensichtlich, dass die Staaten des Ostblocks\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/war-die-ddr-sozialistisch\/\">nicht \u00bbsozialistisch<\/a>\u00ab sind.<\/p>\n<p>Der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/ddr-1989-als-die-macht-auf-der-strasse-lag\/\">Zusammenbruch der stalinistischen Regime im Jahr 1989<\/a>, als unter dem Druck von Massenbewegungen auch die tschechoslowakische KP weggefegt wurde, hat diese Perspektive best\u00e4tigt. Dies, obgleich f\u00fcr einen kurzen Augenblick die Anh\u00e4nger der Marktwirtschaft ob ihres vermeintlichen Sieges jubelten. Doch Jahrzehnte nach der \u00bbsamtenen Revolution\u00ab von Prag sind die marktwirtschaftlichen Illusionen l\u00e4ngst\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/08-09-2009-interview\/\">tiefer Verbitterung<\/a>\u00a0gewichen. Die positive Erinnerung an die K\u00e4mpfe von 1968 und 1989 ist allerdings geblieben.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/aufbruch-1968-der-prager-fruehling\/\"><em>marx21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. August 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 1968 ersch\u00fctterte eine gewaltige Revolte die Gesellschaft der damaligen Tschechoslowakei und von dort aus ganz Europa. Am 21. 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