{"id":40,"date":"2013-12-10T12:31:23","date_gmt":"2013-12-10T10:31:23","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=40"},"modified":"2014-04-21T09:40:10","modified_gmt":"2014-04-21T07:40:10","slug":"terry-eagleton-warum-marx-gegen-den-postmodernismus-recht-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=40","title":{"rendered":"Kommentar zu Terry Eagleton &#8211; Warum Marx gegen den Postmodernismus recht hat"},"content":{"rendered":"<p><b>Positionierung der Debatte<\/b><\/p>\n<p>In diesem Kapitel entgegnet TE Einw\u00e4nden der Postmodernisten und der Liberalen, die sich auf die sogenannten neuen sozialen Bewegungen berufen. <!--more-->Dabei wird argumentiert, dass diese Bewegungen zeigen w\u00fcrden, dass die theoretische und praktische Tradition des \u00abMarxismus\u00bb, insbesondere auch der Klassenkonflikt, fortan \u00abhinter sich gelassen\u00bb werden kann (242). Insbesondere geht es den Postmodernisten (neben vielen anderen) darum, die zentrale Rolle der Arbeiterklasse in der L\u00f6sung der grossen Probleme der Menschheit zu verneinen.<\/p>\n<p>Was versteht TE unter Marxismus? Siehe dazu z.B. Seiten 46f wo Marxismus mit Aussagen wie \u00abKlassenkonflikt als Motor der geschichtlichen Entwicklung\u00bb (48,50) und \u00abdie \u00d6konomie als entscheidendes Element des gesellschaftlichen Lebens\u00bb (46) in Zusammenhang gebracht wird. Unter 254f etwa ist der Marxismus sowohl eine \u00abeine politische Massenbewegung\u00bb wie auch \u00abein Glaubensbekenntnis\u00bb. Immer wieder gibt es Formulierungen, u.a. auch in den Einw\u00e4nden (242) ersichtlich, die den Marxismus mit den politisch-organisatorischen Manifestationen der Arbeiterbewegung und deren Abk\u00f6mmlingen in Zusammenhang bringen; dies scheint mir die Hauptbedeutung bei TE zu sein.<\/p>\n<p>Der Postmodernismus entwickelt demgegen\u00fcber einen Blick auf die gesellschaftliche und geschichtliche (Geschichte gibt es\u00a0 f\u00fcr die meisten Postmodernisten eigentlich gar nicht!) Wirklichkeit, der von getrennten \u00abkulturellen\u00bb Wirklichkeiten ausgeht und nicht von der \u00ab\u00d6konomie\u00bb und dem \u00abKlassenkonflikt\u00bb; siehe dazu den Abschnitt unter 253f, wobei anstelle \u00abPostkolonialismus\u00bb auch Postmodernismus gelesen werden kann.<\/p>\n<p><b>Argument<\/b><\/p>\n<p>TE geht eingehender ein auf den Feminismus (242ff) , den Antikolonialismus (247ff, den Einwand des Eurozentrismus (256f), die Umweltbewegung und dem Verh\u00e4ltnis der Menschen mit der Natur (258ff) bzw die innere Verschr\u00e4nkung des Kapitalismus mit Umweltzerst\u00f6rung und Kriegstreiberei (268ff). Alles, wie immer im Buch, mit interessanten Textbelegen aus dem Werk von Marx.<\/p>\n<p>Dabei verweist TE auf die im Marxismus wesentliche Tatsache, dass die menschliches Handeln immer mit der gesamten Wirklichkeit zu tun hat, insbesondere gerade im Kapitalismus, und dass wirkliche soziale Befreiungsbewegungen sich mit der gesamten Wirklichkeit auseinandersetzen m\u00fcssen. Der Marxismus ist die einzige Tradition, die dies leistet. \u00a0Z.B. (244) zu Feminismus: Die Unterdr\u00fcckungsformen \u00abdes Patriarchats und des Kapitalismus sind eng verwoben miteinander \u2026 Das kapitalistische System verh\u00e4lt sich relativ indifferent gegen\u00fcber Geschlecht, Ethnizit\u00e4t, sozialer Herkunft und so fort\u2026. Der Kapitalismus k\u00f6nnte auch \u00fcberleben, wenn er auf diese Formen der Unterdr\u00fcckung verzichten w\u00fcrde\u00bb.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich Antikolonialismus etwa: \u00abEinerseits wurde er [der Marxismus, we] zum F\u00fcrsprecher des Antikolonialismus und andererseits zum Kritiker nationalistischer Ideologie\u00bb (249). Lenin, Trotzki, Luxemburg werden als Pioniere des Internationalismus erw\u00e4hnt (249f). Dann: \u00abDer Konflikt zwischen den transnationalen Unternehmen und der schlecht bezahlten indigenen, h\u00e4ufig weiblichen Arbeiterschaft der s\u00fcdlichen Hemisph\u00e4re ist eine Klassenfrage in der exakten marxistischen Bedeutung des Begriffs \u2026. Die Klasse war immer ein internationales Ph\u00e4nomen \u2026 Die sogenannten neuen sozialen Bewegungen sind gr\u00f6sstenteils alles andere als neu. \u00bb (255)<\/p>\n<p>Oder bez\u00fcglich des Verh\u00e4ltnisses zur Natur und Produktivismus:\u00a0 \u00abWenn diese Wechselbeziehung zwischen Selbst und Natur zerbricht, bleibt uns nur noch die kapitalistische Welt bedeutungsloser Materie\u2026. Erst durch den Kommunismus w\u00fcrden wir wieder f\u00e4hig, unsere K\u00f6rper zu sp\u00fcren \u2026.. All das \u2013 Natur, Arbeit, Leiden, der produktive K\u00f6rper und seine Bed\u00fcrfnisse \u2013 bilden f\u00fcr Marx die dauerhafte Infrastruktur der menschlichen Geschichte\u00bb. Die Natur als \u00abunorganischer Leib des Menschen\u00bb(262f). In diesem Zusammenhang gibt TE einige einschl\u00e4gige Zitate aus den \u00f6konomisch-philosophischen Manuskripten (MEW 40).<\/p>\n<p>In diesen Zusammenhang geh\u00f6rt auch die Diskussion, die wir z.B. zum Kapitel f\u00fcnf (130ff) gef\u00fchrt haben: Die geschichtliche Aufgabe des Kapitalismus ist die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte, \u00abw\u00e4hrend der So\u00adzialismus sie nur in einem Bezugsrahmen moralischer und \u00e4sthetischer Werte gelten l\u00e4sst\u00bb (267, auch 268).<\/p>\n<p>Dann leitet TE \u00fcber zum inneren Zusammenhang von Naturzerst\u00f6rung und Krieg im Kapitalismus: \u00abDie beiden grossen Gefahren, die das \u00dcberleben der Menschheit heute bedrohen, sind milit\u00e4rischer und \u00f6kologischer Natur.\u00bb Und diese beiden Gefahren kombinieren sich immer st\u00e4rker, denn die \u00abAus\u00adeinandersetzungen um knappe Ressourcen\u00bb werden immer h\u00e4ufiger \u00abin bewaffnete Konflikte m\u00fcnden\u00bb (268). \u00abDas System mag es vielleicht schaffen, ethnische und Geschlechtergleichheit zu tolerieren, doch Bem\u00fchen um den Weltfrieden oder Erhaltung der materiellen Welt liefe seinem Wesen zuwider\u00bb (269). \u00abEs sieht ganz so aus, als w\u00fcrde der Kapitalismus, wenn wir jetzt nicht handeln, unser Tod sein\u00bb (270).<\/p>\n<p><b>Diskussion<\/b><\/p>\n<p>Es gab beim Thema Antikolonialismus eine Diskussion \u00fcber die Rolle bestimmter strategischer Orientierungen, z.B. \u00fcber \u00abSozialismus in einem Lande\u00bb oder \u00abpermanente Revolution\u00bb. Gibt es Umst\u00e4nde, die ein B\u00fcndnis mit der nationalen Bourgeoisie notwendig machen oder f\u00fchrt ein solches immer in eine Niederlage?<\/p>\n<p>Wurde nur ansatzweise diskutiert: Die Feindseligkeit bzw. Gleichg\u00fcltigkeit der KPs gegen\u00fcber der Jugendbewegung, den sog. neuen sozialen Bewegungen \u00fcberhaupt, dem Kampfwillen der Arbeiterklasse und deren Rolle in den Aufst\u00e4nden vom Ende der sechziger Jahre bis zum Ende der 70er Jahre bleiben unerw\u00e4hnt. Diese Rolle der KPs \u2013 von der Sozialdemokratie und den grossen Gewerkschaften ganz zu schweigen &#8211; ist entscheidend gewesen f\u00fcr die Niederlagen dieser K\u00e4mpfe und die Krise der KPs (Rossana Rossanda in ihrer Autobiografie: \u00abWarum nur hassen uns die Leute?\u00bb). Diese Niederlagen waren in der Folge auch ein wichtige Faktor f\u00fcr den Aufstieg des Postmodernismus (und damit des Liberalismus) zur hegemonialen Denkfigur ab den fr\u00fchen 80er Jahren. Leider geht TE nicht auf diese Zusammenh\u00e4nge ein.<\/p>\n<p>Nicht diskutiert, aber eine Einsch\u00e4tzung des Verfassers dieser Zeilen: Die Arbeiterk\u00e4mpfe, die v.a. in den letzten zwei Jahrzehnten eine neue Qualit\u00e4t angenommen haben, tauchen in den Einw\u00e4nden Seite 242, aber auch in der Argumentation von TE nicht auf. Wie auch nicht die Tatsache, dass die sogenannten neuen sozialen Bewegungen eigentlich Produkte \u2013 oder eher \u00abZerfallsprodukte\u00bb &#8211; der grossen Aufst\u00e4nde und Niederlagen der 60er und 70er Jahre sind.<\/p>\n<p>(3.12.2013)\/we<\/p>\n<p>Intervention in der PdA Lesegruppe zu<b>\u00a0 <\/b><b><i>Terry Eagleton \u2013 Warum Marx recht hat, <\/i><\/b>Kapitel zehn: Marxismus, neue soziale Bewegungen und Postmodernismus<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Positionierung der Debatte<br \/>\nIn diesem Kapitel entgegnet TE Einw\u00e4nden der Postmodernisten und der Liberalen, die sich auf die sogenannten neuen sozialen Bewegungen berufen. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[23,13,14],"class_list":["post-40","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-buecher","tag-marx","tag-postmodernismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":131,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40\/revisions\/131"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}