{"id":4008,"date":"2018-09-06T07:57:23","date_gmt":"2018-09-06T05:57:23","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4008"},"modified":"2018-09-06T07:57:23","modified_gmt":"2018-09-06T05:57:23","slug":"italiens-banken-im-sog-der-tuerkischen-lira-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4008","title":{"rendered":"Italiens Banken im Sog der t\u00fcrkischen Lira-Krise"},"content":{"rendered":"<p><em>Allison Smith. <\/em>Mitte August verlor die t\u00fcrkische Lira fast 40 Prozent ihres Wertes, nachdem US-Pr\u00e4sident Donald Trump eine Verdoppelung der Stahl- und Aluminiumz\u00f6lle gegen die T\u00fcrkei <!--more-->ank\u00fcndigt hatte. Die t\u00fcrkische Regierung hatte ihrerseits mit Z\u00f6llen auf amerikanische Importe reagiert.<\/p>\n<p>Durch die Abwertung der t\u00fcrkischen Lira droht der Wirtschaft der T\u00fcrkei eine Hyperinflation. Dies sch\u00fcrt einmal mehr die Sorge um die anhaltende Wirtschafts- und Finanzkrise Italiens. Die gro\u00dfen italienischen Banken halten T\u00fcrkei-Kredite (in Euro und t\u00fcrkischer Lira) \u00fcber fast 20 Milliarden Euro, wovon ein gro\u00dfer Teil gef\u00e4hrdet ist. Sollten die Kreditausf\u00e4lle anhalten, k\u00f6nnte dies zu einer ausgewachsenen Krise des italienischen Kreditsystems f\u00fchren und m\u00f6glicherweise einen Zusammenbruch der Eurozone ausl\u00f6sen, die mehr als 135 Milliarden Euro an t\u00fcrkischen Schulden h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Das Gespenst eines drohenden italienischen Zusammenbruchs zog auch die italienische Bank Unicredit in Mitleidenschaft, und sie verlor Ende August \u00fcber f\u00fcnf Prozent ihres Aktienkurses.<\/p>\n<p>Erst vor kurzem ist in Genua die Morandi-Autobahnbr\u00fccke eingest\u00fcrzt. Das Ereignis hat schlagartig den morschen Zustand der italienischen Infrastruktur aufgezeigt, die seit Jahrzehnten vernachl\u00e4ssigt und von Privatinteressenten ausgepl\u00fcndert wird.<\/p>\n<p>Aber laut Wirtschaftsanalysten ist das eigentliche Problem in Italien nicht der Wertverlust der t\u00fcrkischen Lira. Es ist der Werteverfall der italienischen Staatsanleihen, die zur Deckung des Haushaltsdefizits ben\u00f6tigt werden. Ihre Zinsen sind sprunghaft angestiegen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist das Wirtschaftswachstum r\u00fcckl\u00e4ufig. Es fiel im zweiten Quartal 2018 von 1,8 Prozent des BIP auf 1,2 Prozent des BIP zur\u00fcck. Italiens Schuldenquote liegt bei mehr als 131 Prozent, was bedeutet, dass das Land kaum in der Lage ist, die Zinsen zu bedienen, geschweige denn, seine Schulden zu verringern.<\/p>\n<p>Das schwache Wirtschaftswachstum f\u00fchrt zu einem geringeren Steuereinkommen, w\u00e4hrend gleichzeitig die Nachfrage nach Sozialausgaben steigt. Italiens Gl\u00e4ubiger fordern, dass die Regierung das Bankensystem saniert, indem sie tiefere Einschnitte im sozialen Haushalt vornimmt und die Renten-\u201eReform\u201c zu Ende bringt.<\/p>\n<p>Die Koalitionsregierung aus Lega und Movimento 5 Stelle (M5S), die in K\u00fcrze den Haushalt f\u00fcr das n\u00e4chste Jahr vorstellen muss, wird von den europ\u00e4ischen Beh\u00f6rden kritisch \u00fcberwacht. Was noch wichtiger ist: die Finanzm\u00e4rkte werden es nicht zulassen, dass die Inlandsausgaben weiter steigen.<\/p>\n<p>Schon seit dem globalen B\u00f6rsensturz von 2008 sind einschneidende K\u00fcrzungen gegen Rentner und Arbeiter durchgesetzt worden. Dies hat zu einer massiven sozialen Polarisierung und wachsenden gesellschaftlichen Spannungen gef\u00fchrt. Die starke Heraufsetzung des Rentenalters hat Millionen von Senioren in die Armut getrieben. Zwar haben die neoliberalen \u201eReformen\u201c des Arbeitsmarktes seit einigen Jahren zu einem leichten R\u00fcckgang der Arbeitslosenzahlen gef\u00fchrt. Allerdings sind heute zwei von drei neu geschaffenen Arbeitspl\u00e4tzen befristet und prek\u00e4r, es sind kurzfristige Vertr\u00e4ge oder schlecht bezahlte Stellen.<\/p>\n<p>Nach dem j\u00fcngsten Bericht des italienischen Statistikamtes (Istat) sind 30 Prozent der Menschen in Italien \u2013 mehr als 18 Millionen \u2013 von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht.<\/p>\n<p>Die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 10 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit bei \u00fcber 40 Prozent, das ist die dritth\u00f6chste in Europa (nach Griechenland und Spanien). In Wirklichkeit ist die Arbeitslosigkeit viel h\u00f6her als offiziell angegeben, da mehr als 30 Prozent aller Italiener im erwerbsf\u00e4higen Alter gar nicht mitgez\u00e4hlt werden. Sie gelten der Statistik als \u201einaktiv\u201c, weil sie nicht nachweisen k\u00f6nnen, dass sie sich aktiv um Arbeit bewerben. Das bedeutet, dass besonders unter den Jugendlichen in Wahrheit ein viel h\u00f6herer Prozentsatz keine Arbeit oder Ausbildung hat.<\/p>\n<p>Der j\u00fcngste Bericht der Caritas dokumentiert, dass die am st\u00e4rksten von Armut betroffene Gruppe die 18- bis 34-J\u00e4hrigen sind. Demnach lebt jeder zehnte Italiener im Alter von 18 bis 34 Jahren in extremer Armut, und die Zahl der Jugendlichen, die f\u00fcr Nahrung, Unterkunft und Kleidung auf die Einrichtungen der Caritas angewiesen sind, hat stark zugenommen.<\/p>\n<p>Etwa gleich viele M\u00e4nner wie Frauen haben sich an die katholische Hilfsorganisation um Unterst\u00fctzung gewandt, und 60,8 Prozent von ihnen waren arbeitslos. Au\u00dferdem stellte die Caritas fest, dass auch immer mehr Menschen, die Arbeit haben, auf zus\u00e4tzliche Hilfe angewiesen sind.<\/p>\n<p>Traditionell ist die Armut in den s\u00fcdlichen Regionen Italiens am h\u00f6chsten. In den letzten Jahren wurde jedoch auch ein deutlicher Anstieg der Hilferufe aus Nord- und Mittelitalien verzeichnet.<\/p>\n<p>Die trockene Statistik verh\u00fcllt eine Entwicklung mit explosiven sozialen Konsequenzen. W\u00e4hrend die italienische Wirtschaft einem m\u00f6glichen Kollaps entgegentrudelt, und die Jugendarbeitslosigkeit weiter steigt, wenden sich immer mehr Jugendliche von der offiziell etablierten Politik ab.<\/p>\n<p>Eine letztes Jahr durchgef\u00fchrte europaweite\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2017\/05\/11\/juge-m11.html\"><strong>Umfrage<\/strong><\/a>\u00a0unter Jugendlichen ergab, dass sich \u00fcber die H\u00e4lfte der Jugendlichen Europas an einem \u201egro\u00dfen Aufstand gegen die M\u00e4chtigen\u201c beteiligen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Weil die soziale Wut sich zusehends dem Siedepunkt n\u00e4hert, konzentrieren sich die italienischen Politiker auf\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/08\/29\/ital-a29.html\"><strong>Fl\u00fcchtlingshetze<\/strong><\/a>\u00a0und ausl\u00e4nderfeindliche Propaganda. Sie hoffen, so die Arbeiterklasse zu spalten und die Wut der Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten gegen die Schw\u00e4chsten der Gesellschaft zu richten.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/09\/06\/ital-s06.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. September 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allison Smith. 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