{"id":4012,"date":"2018-09-06T07:52:26","date_gmt":"2018-09-06T05:52:26","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4012"},"modified":"2018-09-06T08:14:33","modified_gmt":"2018-09-06T06:14:33","slug":"das-scheitern-der-kpdoe-in-der-oesterreichischen-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4012","title":{"rendered":"Das Scheitern der KPD\u00d6 in der \u00f6sterreichischen Revolution"},"content":{"rendered":"<p><em>David Reisinger. <\/em>Eine revolution\u00e4re Situation ergibt sich nach den Erfahrungen des russischen Revolution\u00e4rs Lenin, \u201ewenn die oben nicht mehr k\u00f6nnen und die unten nicht mehr wollen&#8220;. Beide Bedingungen<!--more--> trafen auf \u00d6sterreich in den Jahren 1918-1919 zu; trotzdem kam es nicht zu einer sozialistischen Revolution wie in Russland 1917. Es gelang der Sozialdemokratie (SDAP) den Kapitalismus zu retten, weil die Kommunisten (KPD\u00d6) daran scheiterten, die Arbeiter_innenklasse f\u00fcr einen revolution\u00e4ren Umsturz zu organisieren.<\/p>\n<p>Die sozialdemokratischen Parteien unterst\u00fctzten in ganz Europa den Ersten Weltkrieg. Alle Sozialist_innen, die den Idealen eines internationalen Sozialismus treu blieben, gerieten in Widerspruch mit der Parteilinie. Ein erster Versuch der Organisierung dieser Revolution\u00e4r_innen war die \u201eZimmerwalder Linke\u201c um Lenin.<\/p>\n<p>Er forderte, den imperialistischen Krieg in einen B\u00fcrgerkrieg umzuwandeln. Der \u00f6sterreichische Sozialdemokrat Franz Koritschoner war in der \u201eZimmerwalder Linken\u201c aktiv. Er organisierte gemeinsam mit dem gem\u00e4\u00dfigten Sozialdemokraten Friedrich Adler den Bildungsverein \u201eKarl Marx\u201c. Dieser Verein war das Zentrum der radikalen Linken in den ersten Kriegsjahren.<\/p>\n<p><strong>Erstes Lebenszeichen<\/strong><\/p>\n<p>Am 12. J\u00e4nner 1918 ver\u00f6ffentlichte Franz Koritschoner gemeinsam mit dem Anarchosyndikalisten Leo Rothziegel das Flugblatt\u00a0<em>Arbeitendes Volk<\/em>, welches zum Streik gegen den Krieg aufrief. Am 14. J\u00e4nner kam es mit dem J\u00e4nnerstreik zur gr\u00f6\u00dften Streikwelle der \u00f6sterreichischen Geschichte.<\/p>\n<p>Der Streik wurde nicht von den Linksradikalen ausgel\u00f6st, sondern war eine spontane Bewegung. Trotzdem hatte die linksradikale Agitation eine Auswirkung auf die Arbeiter_innenklasse. Eine kleine Gruppe kann mit den richtigen Forderungen zum richtigen Zeitpunkt Masseneinfluss gewinnen. Es gelang der SDAP eine Radikalisierung des Streiks zu verhindern.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens jetzt w\u00e4re der Aufbau einer von der Sozialdemokratie unabh\u00e4ngigen Arbeiter_innenpartei notwendig gewesen. Nach dem J\u00e4nnerstreik wurden reihenweise Linksradikale verhaftet und an die Front beordert. Darum und aufgrund interner Differenzen gelang die Gr\u00fcndung einer kommunistischen Partei erst Monate sp\u00e4ter am 3. November 1918. Die entscheidenden Personen hinter der Gr\u00fcndung waren Elfriede Friedl\u00e4nder (Ruth Fischer) und etwas sp\u00e4ter Franz Koritschoner.<\/p>\n<p>Als Vorsitzenden der KPD\u00d6 (<em>Kommunistische Partei Deutsch-\u00d6sterreichs<\/em>) wollte Friedl\u00e4nder urspr\u00fcnglich Friedrich Adler. Dieser war seit seinem Attentat auf den Ministerpr\u00e4sidenten St\u00fcrgkh die F\u00fchrungsfigur des linken Fl\u00fcgels der SDAP. Doch der lehnte ab. Der Sozialdemokrat Julius Deutsch vermutete in seiner Schrift\u00a0<em>\u00d6sterreichische Revolution<\/em>: w\u00e4re Adler zur KPD\u00d6 \u00fcbergetreten, w\u00e4re der linke Fl\u00fcgel ihm gefolgt und der Massenr\u00fcckhalt der SDAP w\u00e4re zerbrochen.<\/p>\n<p><strong>Revolution\u00e4re Situation<\/strong><\/p>\n<p>Am 12. November 1918 wurde \u00d6sterreich zur Republik. Die Gr\u00fcndung der KPD\u00d6 fand in einer revolution\u00e4ren Situation, in welcher der Kampf um die Macht auf der Tagesordnung stand, statt. Die KPD\u00d6 war vor das Problem gestellt, dass sie sowohl die Partei organisieren musste \u2013 das bedeutete sich \u00fcber ein Programm verst\u00e4ndigen, Mitglieder gewinnen, die Herausgabe einer Zeitung organisieren \u2013 und gleichzeitig noch den Kampf um die Macht f\u00fchren.<\/p>\n<p>Es grenzt an Unm\u00f6glichkeit, diese F\u00fclle von Aufgaben zu bew\u00e4ltigen, ohne in eine Richtung abzugleiten. Als die Revolution in Russland losging, verf\u00fcgte Lenin mit den Bolschewiki \u00fcber eine Partei, die sich seit einem Jahrzehnt auf den revolution\u00e4ren Kampf vorbereitet hatte \u2013 ein entscheidender Vorteil.<\/p>\n<p>Die KPD\u00d6 war w\u00e4hrend ihrer Gr\u00fcndung keine einheitliche Partei; es gab Einigkeit \u00fcber das Ziel Revolution und Sozialismus, der Weg dahin aber war umstritten. Die Parteif\u00fchrung entschied sich f\u00fcr eine putschistische Taktik. Direkt w\u00e4hrend der Gr\u00fcndung der Republik unternahm die KPD\u00d6 den ersten Aufstandsversuch.<\/p>\n<p><strong>Alle Macht den R\u00e4ten<\/strong><\/p>\n<p>Paul Friedl\u00e4nder, f\u00fchrendes Mitglied der KPD\u00d6, erkl\u00e4rte am ersten Parteitag am 9. Februar 1919, dass die KPD\u00d6 \u201enicht eine Partei auf Jahre hinaus sei, sondern das Proletariat mit raschen Worten zu raschen Handlungen herausrufen\u201c wollte. Das Proletariat jedoch stand zu diesem Zeitpunkt nicht hinter der KPD\u00d6, sondern hinter der SDAP.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wurde am Parteitag ein Boykott der parlamentarischen Wahlen im Februar 1919 beschlossen. Es ist absolut richtig, die R\u00e4te als Organ der Arbeiter_innenklasse \u00fcber das b\u00fcrgerliche Parlament zu stellen; ob sich daraus allerdings folgern l\u00e4sst, demokratischen Wahlen grunds\u00e4tzlich zu boykottieren, ist fraglich.<\/p>\n<p>Lenin kritisierte die KPD\u00d6 f\u00fcr ihren Wahlboykott: \u201eSolange wir noch nicht die Kraft haben, dieses b\u00fcrgerliche Parlament auseinanderzujagen, m\u00fcssen wir von innen wie von au\u00dfen dagegen arbeiten.\u201c Der Boykott nahm der KPD\u00d6 eine M\u00f6glichkeit, sich in Diskussionen als revolution\u00e4re Alternative zur SDAP darzustellen. Bei den R\u00e4tewahlen im April schnitt die KPD\u00d6 nur mittelm\u00e4\u00dfig ab, sie erhielt insgesamt 5% der Stimmen.<\/p>\n<p><strong>Ungarn<\/strong><\/p>\n<p>Am 21. April 1919 wurde unter der F\u00fchrung von Bela Kun die ungarische R\u00e4terepublik ausgerufen. Das ungarische Beispiel inspirierte die \u00f6sterreichische Arbeiter_innenklasse, eine Hungersnot radikalisierte die Situation. Die SDAP versuchte die aufgeheizte Stimmung mittels Sozialgesetzgebung zu beruhigen. Diese war nicht Ausdruck einer Linksentwicklung der SDAP, sondern \u201ediente einzig und allein dem Kampf gegen den Bolschewismus\u201c, so die Historikerin Eszter Brader.<\/p>\n<p>Die Beruhigung der Massen gelang nur stellenweise; am 30. April drohten die Arbeiter_innenr\u00e4te dem Parlament mit einer \u201eernsten Warnung\u201c. Falls die Gesetze zur Sozialisierung nicht durchgesetzt w\u00fcrden, k\u00f6nnte sich die Arbeiter_innenklasse zum selbst\u00e4ndigen Handeln entschlie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Jetzt oder nie<\/strong><\/p>\n<p>Die ungarische KP schickte den Aufstandsspezialisten Ernst Bettelheim nach Wien. Dieser setzte selbst\u00e4ndig das Zentralkomitee um Elfriede Friedl\u00e4nder ab. Der Fl\u00fcgel um Bettelheim wollte den Aufstand, die Partei stand aber nicht geschlossen hinter diesem Programm. Darum wurden die Pl\u00e4ne f\u00fcr den Aufstand bei den folgenden Massendemonstrationen am 17. April, 17. Mai und 15. Juni 1919 nicht umgesetzt.<\/p>\n<p>Am 15. Juni versprach Bettelheim Kriegsheimkehrern 5.000 Kronen im Falle eines gelungenen Putsches, trotzdem kamen gerade einmal 10.000 Menschen zu der Demonstration \u2013 dabei hatte die KPD\u00d6 alleine in Wien \u00fcber 20.000 Mitglieder. Obwohl es trotz viel Gerede nie einen echten Aufstandsversuch der KPD\u00d6 gab, wurde sie den Ruf als Putschpartei, welche sich nicht um die Meinung der einfachen Arbeiter_innen schert, lange Zeit nicht mehr los.<\/p>\n<p>Am 2. \u00f6sterreichischen R\u00e4tekongress am 3. Juli 1919 versprach die KPD\u00d6, keine weiteren Aufstandsversuche ohne Zustimmung der R\u00e4te zu unternehmen. Sie wollte sich v\u00f6llig richtig auf die Agitation f\u00fcr eine R\u00e4terepublik beschr\u00e4nken. Am 20. Juli zeigte sich, dass diese Strategie erfolgreich sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Gegen den Willen der SDAP, auf Initiative der KPD\u00d6, entschieden sich die Arbeiter_innenr\u00e4te zu einem Solidarit\u00e4tsstreik mit Ungarn. Der Generalstreik wurde l\u00fcckenlos durchgef\u00fchrt. Leider nahm die revolution\u00e4re Stimmung nach der Niederschlagung der ungarischen R\u00e4terepublik am 1. August wieder ab.<\/p>\n<p><strong>W\u00e4re es m\u00f6glich gewesen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage, ob ein Putsch h\u00e4tte gelingen k\u00f6nnen, ist schwer zu beantworten. Wahrscheinlich h\u00e4tte eine geschlossene und durchorganisierte Kommunistische Partei, die alles auf eine Karte setzt, die Macht \u00fcbernehmen k\u00f6nnen. Angesichts der Schrecken, die der Kapitalismus damals wie heute tagt\u00e4glich produziert (20 Millionen Tote im Ersten Weltkrieg, 815 Millionen Hungernde 2017), ist der Gedanke, die Revolution einfach herbeizuschie\u00dfen, verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Doch wer Revolutionen als rein milit\u00e4rtechnische Angelegenheit betrachtet, vergisst alle Grunds\u00e4tze des Marxismus. Lenin betont in seiner brillanten Schrift\u00a0<em>Marxismus und Aufstand<\/em>\u00a0wieder und wieder, dass der Aufstand eine Kunst ist, deren Erfolg davon abh\u00e4ngt, dass er keine Verschw\u00f6rung einer Minderheit ist.<\/p>\n<p>Das entscheidende politische Argument ist: Marxismus ist die Lehre der bewussten \u201eSelbstbefreiung der Arbeiter_innenklasse\u201c; eine kleine Minderheit kann sich also nicht anma\u00dfen, im selbsternannten Auftrag der Arbeiter_innenklasse zu handeln. Die Oktoberrevolution wurde innerhalb der R\u00e4te diskutiert und fand erst statt, als die Bolschewiki eine Mehrheit davon \u00fcberzeugt hatten!<\/p>\n<p><strong>Zwei Lehren<\/strong><\/p>\n<p>Eine erste Lehre aus dem Versagen der KPD\u00d6 \u2013 eine Partei erst in einer revolution\u00e4ren Situation aufzubauen, ist viel zu sp\u00e4t. Zweitens \u2013 die herrschende Klasse kennt keine Dankbarkeit. Im Februar 1934 putschten die Rechten gegen das Parlament. Das B\u00fcrgertum bedankte sich bei der SDAP f\u00fcr die Rettung vor der Revolution mit dem Verbot der Partei und der Ermordung hunderter Arbeiter_innen!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/linkswende.org\/das-scheitern-der-kpdoe-in-der-oesterreichischen-revolution\/\"><em>linkswende.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. September 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Reisinger. Eine revolution\u00e4re Situation ergibt sich nach den Erfahrungen des russischen Revolution\u00e4rs Lenin, \u201ewenn die oben nicht mehr k\u00f6nnen und die unten nicht mehr wollen&#8220;. 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