{"id":4018,"date":"2018-09-07T10:02:18","date_gmt":"2018-09-07T08:02:18","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4018"},"modified":"2018-09-07T10:02:18","modified_gmt":"2018-09-07T08:02:18","slug":"schweizer-kapitalismus-und-lohndiskriminierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4018","title":{"rendered":"Schweizer Kapitalismus und Lohndiskriminierung"},"content":{"rendered":"<p><em>Dersu Heri. <\/em><strong>Noch nie waren so viele Frauen auf dem Arbeitsmarkt t\u00e4tig wie heute. Trotzdem wird das Rollenbild der Hausfrau am Herd weiter zementiert. Der Kampf f\u00fcr<!--more--> die Lohngleichheit muss auch diese geschlechtliche Rollenverteilung angreifen.<\/strong><\/p>\n<p>Die Frau k\u00fcmmert sich ums Haus, der Mann geht arbeiten. Das klassische Familienbild ist allbekannt, doch es entspricht weniger denn je der Realit\u00e4t. Heute gehen 70% der Frauen in der Schweiz einer Lohnarbeit nach \u2013 mehr als je zuvor. Dennoch sind Frauen weiterhin mehrheitlich f\u00fcr den Haushalt zust\u00e4ndig. Gem\u00e4ss dem Bundesamt f\u00fcr Statistik erledigt nur in 5% aller Schweizer Familien der Mann haupts\u00e4chlich die Hausarbeit. Bei Haushalten mit mehr als zwei Kindern f\u00e4llt die Hausarbeit in 80% der F\u00e4lle mehrheitlich den Frauen zu. Wir stellen also eine Doppelbelastung f\u00fcr die Frau fest: Sie geht einer Lohnarbeit nach und muss gleichzeitig den Grossteil der Hausarbeit (Kochen, Putzen, Erziehung, etc) leisten.<\/p>\n<p><strong>Traditionelle Rollenbilder weiterhin intakt<\/strong><\/p>\n<p>Doch dies ist insbesondere in der Schweiz keine \u00abfreie Entscheidung der Familien\u00bb. Die Schweiz ist das letztplatzierte Land in Europa bez\u00fcglich der Anzahl Wochen Elternurlaub; wobei die M\u00e4nner bekanntlich keinerlei Recht auf Vaterschaftsurlaub haben. Zudem belegt die Schweiz den letzten Platz in West- und Nordeuropa betreffend den \u00f6ffentlichen Ausgaben f\u00fcr die Betreuung von Kleinkindern. Und schliesslich die bekannten horrenden Kosten f\u00fcr Kinderkrippen: sie sind f\u00fcr die allermeisten Familien nicht bezahlbar. Kurz: Die Frauen werden von der b\u00fcrgerlichen Ordnung zur Hausarbeit gezwungen!<\/p>\n<p>Die traditionelle Rollenverteilung (Hauptern\u00e4hrer\/Hausfrau) wird also gef\u00f6rdert \u2013 obwohl die meisten Frauen einer Lohnarbeit nachgehen. Diese Rollenverteilung beginnt bereits mit der Erziehung in der Schule und in der Familie. Zahlreiche Studien belegen, dass von fr\u00fch auf bei Knaben andere Eigenschaften gef\u00f6rdert werden als bei M\u00e4dchen. Noch heute wird bei Knaben insgesamt vor allem Wert auf die Durchsetzungsf\u00e4higkeit gelegt, w\u00e4hrend bei den M\u00e4dchen die F\u00fcrsorglichkeit im Zentrum steht. Von Kindesbeinen an werden Frauen so erzogen, als w\u00e4ren Mutter und Hausfrau ihre einzigen Aufgaben. Obwohl Frauen heute keinesfalls reine Hausfrauen sind, wird ihnen weiterhin diese Rolle zugeschrieben.<\/p>\n<p><strong>Doppelbelastung und L\u00f6hne<\/strong><\/p>\n<p>Diese\u00a0<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/die-drei-leben-einer-frau-erschoepfung-zwischen-familie-job-und-herd\/\">Doppelrolle<\/a>\u00a0spiegelt genau den doppelten Anspruch wider, den das kapitalistische System an die Frauen stellt: Einerseits sollen sie \u2013 wie fast alle anderen Menschen \u2013 ihre Arbeitskraft an die KapitalistInnen verkaufen und so deren Profite garantieren. Andererseits sollen sie Zuhause die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/familie-herd-und-kind-quelle-der-unterdrueckung\/\">Hausarbeit<\/a>\u00a0erledigen. Diese Arbeit ist f\u00fcr die Kapitalisten genauso wichtig: Denn damit stellen sie sicher, dass die ArbeiterInnen tagt\u00e4glich von Neuem ausgeruht und satt wieder am Arbeitsplatz erscheinen. Nat\u00fcrlich soll diese riesige Arbeitslast im privaten Haushalt gebuckelt werden: G\u00e4nzlich ohne Kosten f\u00fcr die KapitalistInnen.<\/p>\n<p>Diese Rollenzuweisung ist der zentrale Faktor, um die Diskriminierung der Frau auf dem Arbeitsmarkt zu verstehen; so zum Beispiel auch die tieferen Frauenl\u00f6hne. Frauen verdienen in der Schweiz 18% weniger als M\u00e4nner. Allein dadurch entgehen den Frauen in der Schweiz j\u00e4hrlich sieben Milliarden Franken \u2013 welche direkt in die Kassen der KapitalistInnen fliessen. Ein beachtlicher Teil dieser Lohndifferenz ist eine direkte Konsequenz der sexistischen Rollenbilder im Kapitalismus.<\/p>\n<p>Dass trotz Lohnarbeit dennoch den Frauen mehrheitlich die Hausarbeit, die Erziehung von Kleinkindern und die Pflege der Alten zuf\u00e4llt, ist nicht \u00abnat\u00fcrlich\u00bb und schon lange keine objektive Notwendigkeit mehr. Die Ungleichheit und Unterdr\u00fcckung wird k\u00fcnstlich durch den Kapitalismus und seine Art, die sozialen Beziehungen zu organisieren, aufrechterhalten. \u00c4ndern wir die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, so k\u00f6nnen auch die Geschlechterbeziehungen und -rollen neugestaltet werden. Die tieferen L\u00f6hne, der fehlende Vaterschaftsurlaub oder die M\u00f6glichkeit zur Teilzeitarbeit in \u00abFrauenberufen\u00bb zementieren aber die \u00abtraditionelle\u00bb Rollenverteilung in den Arbeiterfamilien.<\/p>\n<p><strong>\u00abFrauen sollen nicht aufmucken!\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Selbst bei gleicher Qualifikation und gleicher Stelle verdienen Frauen h\u00e4ufig weniger. Der h\u00f6here Lohn erkl\u00e4rt, weshalb M\u00e4nner nach wie vor in den meisten Familien \u00abHauptern\u00e4hrer\u00bb sind. Das Rollenbild f\u00fchrt dazu, dass UnternehmerInnen es nicht als notwendig ansehen, den Frauen einen Lohn zu zahlen, der ihnen eine selbst\u00e4ndige Existenz erm\u00f6glichen w\u00fcrde. Zu dieser offenen Diskriminierung durch die KapitalistInnen kommt noch das Argument der fehlenden Durchschlagskraft der Frauen bei Lohnverhandlungen und Besetzungen von Kaderpositionen. Mit diesem Argument wollen die B\u00fcrgerlichen die Schuld f\u00fcr die Lohnungleichheit den Frauen selbst in die Schuhe schieben!<\/p>\n<p>Auch hierbei handelt es sich um ein strukturelles Problem. Denn das tendenziell zur\u00fcckhaltende Verhalten von Frauen f\u00e4llt weder vom Himmel noch liegt es in \u00abihrer Natur\u00bb. Die Zur\u00fcckhaltung von Frauen erkl\u00e4rt sich zu einem grossen Teil durch die Rolle, welche der Kapitalismus f\u00fcr die Frau vorsieht. Dazu kommt, dass die Doppelbelastung, Teilzeitarbeit und prek\u00e4rere Arbeitsbedingungen, denen Frauen h\u00e4ufig ausgesetzt sind, eine \u00a0verwundbarere Position auf dem Arbeitsmarkt bedeuten. Hier zeigt sich die ausbeuterische und sexistische Funktionsweise des Kapitalismus in ihrer ganzen Pracht: Frauen sollen einer Lohnarbeit nachgehen \u2013 aber diese gef\u00e4lligst f\u00fcr wenig Lohn, ohne aufzumucken und vor allem ohne dabei die Hausarbeit zu vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus stellt also doppelte und zugleich widerspr\u00fcchliche Anforderungen an die arbeitenden Frauen, welche diese gar nicht alle gleichzeitig erf\u00fcllen k\u00f6nnen. Bezahlen sollen die Frauen daf\u00fcr gleich selbst: Sie verdienen einen F\u00fcnftel weniger als die M\u00e4nner! Doch der Widerstand dagegen w\u00e4chst rasant. Es ist genau diese Widerspr\u00fcchlichkeit, welche aktuell Millionen von Frauen (und M\u00e4nnern) \u00fcberall auf der Welt gegen die Frauenunterdr\u00fcckung radikalisiert und auf die Strassen treibt.<\/p>\n<p><strong>Kampf gegen Ideologie und System<\/strong><\/p>\n<p>Auch in der Schweiz werden am 22. September tausende Sch\u00fclerInnen, Studierende und ArbeiterInnen gegen Lohnungleichheit demonstrieren. Sie stellen den Status Quo in Frage und suchen nach Alternativen. Der Kampf gegen Ausbeutung und Lohnungleichheit ist ein radikaler Kampf, denn er f\u00fchrt direkt in den Konflikt mit den KapitalistInnen und ihren Profitinteressen.<\/p>\n<p>Dieser Kampf stellt sich zwingendermassen gegen das kapitalistische System als Ganzes. Denn die arbeitende Frau von ihrer Doppelbelastung zu befreien wird erst m\u00f6glich, wenn die Hausarbeit gesellschaftlich organisiert wird. Es m\u00fcsste ein fl\u00e4chendeckendes Netz von Kitas und Kantinen eingerichtet werden. Die n\u00f6tigen Gelder daf\u00fcr sind durchaus vorhanden, sie m\u00fcssten aber den KapitalistInnen entrissen werden. So wird ebenfalls deutlich, dass auch die diskriminierenden Rollenbilder schliesslich im Interesse der Herrschenden aufrechterhalten werden. Dies bedeutet, dass wir uns unbedingt jetzt und hier gegen jegliche sexistischen Ideologien und gegen die geschlechtliche Arbeitsteilung stellen! Und zwar indem und w\u00e4hrend wir gemeinsam den allgemeinen Kampf gegen den Kapitalismus und seine Unterdr\u00fcckungsmechanismen er\u00f6ffnen:<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr gute L\u00f6hne! F\u00fcr kostenlose Krippen und Tagesstrukturen! Gegen Lohnungleichheit! Gegen sexistische Rollenbilder! Gegen den Kapitalismus!<\/strong><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/schweizer-kapitalismus-und-lohndiskriminierung\/#more-8865\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 7. September 2018 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dersu Heri. Noch nie waren so viele Frauen auf dem Arbeitsmarkt t\u00e4tig wie heute. Trotzdem wird das Rollenbild der Hausfrau am Herd weiter zementiert. 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