{"id":4028,"date":"2018-09-21T11:57:10","date_gmt":"2018-09-21T09:57:10","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4028"},"modified":"2018-09-21T11:57:10","modified_gmt":"2018-09-21T09:57:10","slug":"die-globale-arbeiterklasse-ist-weiblich-und-kaempferisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4028","title":{"rendered":"Die globale Arbeiterklasse ist weiblich &#8211; und k\u00e4mpferisch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Noch nie in der Geschichte des Kapitalismus war die Arbeiter*innenklasse so feminisiert wie heute. Wenn wir die Zahlen<!--more--> <a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2018\/feminismus-die-globale-arbeiterinnenklasse-ist-weiblich-und-kaempferisch\/#_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0f\u00fcr nicht angemeldete Erwerbst\u00e4tigkeit und so genannte Hausarbeit zur globalen Erwerbsbev\u00f6lkerung addieren, k\u00f6nnen wir sagen, dass die Mehrheit der Erwerbst\u00e4tigen heute Frauen sind \u2013 und diese k\u00e4mpfen weltweit in den ersten Reihen f\u00fcr die Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen. (Redaktion sozialismus.ch)<\/strong><\/p>\n<p><em>Josefina L. Mart\u00ednez.<\/em> \u201eWenn wir stillstehen, steht die Welt still\u201c: Der globale Frauenstreik am 8. M\u00e4rz 2018 hat diese tiefgreifende Transformation sowie das Potenzial einer weltweiten Frauenbewegung deutlich gemacht, die als Katalysator im Kampf gegen patriarchale Gewalt, kapitalistische Prekarit\u00e4t sowie rassische und sexuelle Unterdr\u00fcckung fungiert.<\/p>\n<p>Nach Sch\u00e4tzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) machen Frauen heute bis zu 40% der weltweiten Erwerbsbev\u00f6lkerung aus. Darin enthalten sind erhebliche regionale Ungleichheiten: W\u00e4hrend der Anteil weiblicher Arbeitskr\u00e4fte in der Eurozone und in Nordamerika bei rund 46% liegt, sind es in S\u00fcdamerika, der Karibik und L\u00e4ndern wie China \u00fcber 41%. In Regionen wie dem Nahen Osten und Nordafrika sinkt der Anteil jedoch auf 20%, steigt allerdings auf \u00fcber 50% in den afrikanischen L\u00e4ndern s\u00fcdlich der Sahara.<\/p>\n<p>Diese Daten beziehen sich jedoch nur auf Personen, die gegen Entgelt arbeiten oder aktiv auf der Suche nach Arbeit sind. Sie beinhalten nicht die gro\u00dfe Menge an \u201eunsichtbarer\u201c Arbeit von Frauen zu Hause [und in der landwirtschaftlichen Familienarbeit usw.]: Betreuung von Kindern, Kranken und Abh\u00e4ngigen, Nahrungszubereitung, Lagerung von W\u00e4sche und Kleidung, Reinigung usw.<\/p>\n<p>Insgesamt zeigt das 20. Jahrhundert einen Aufw\u00e4rtstrend bei der Erwerbsbeteiligung von Frauen. Aber dieser Trend hat sich seit 1970 deutlich erh\u00f6ht und die Kurve auf den bisher h\u00f6chsten Stand gebracht. In den Vereinigten Staaten machten Frauen 1910 22,8% der Belegschaften aus. 1960 hatte sich diese Zahl fast verdoppelt und 2016 waren es 56,8%. In Spanien war dieser Anstieg langsamer, wobei die weibliche Erwerbsbev\u00f6lkerung zwischen 1910 und 1970 unter 15% blieb. Danach stieg sie rasch an und erreichte 2017 \u00fcber 46%. [In der Schweiz verlief die Entwicklung \u00e4hnlich und der heutige Anteil der Frauen an den Lohnabh\u00e4ngigen liegt bei knapp 46 %; Anmerkung Redaktion maulwuerfe.ch].<\/p>\n<p><strong>Die doppelte Arbeit von Frauen<\/strong><\/p>\n<p>Die wirtschaftliche Globalisierung \u2013 in ihrer neoliberalen Form \u2013 hat zur Ausweitung der Industrie- und Dienstleistungsarbeit in neuen, bisher \u00fcberwiegend l\u00e4ndlichen Teilen der Welt gef\u00fchrt. Sie impliziert auch die Vervielfachung von Formen der Zulieferung, der Teilzeitarbeit, des Outsourcings und der unsicheren Arbeit, die alle weitgehend Frauen betreffen. In den \u00e4rmsten L\u00e4ndern ist die Feminisierung der Arbeit besonders hoch, wobei die Mehrheit der Frauen informell arbeitet: in Indien z.B. sind es 86% und in L\u00e4ndern wie Bolivien, Peru, Pakistan oder Indonesien mehr als 70%.<\/p>\n<p>Die Aufgaben, die Frauen in Millionen von Haushalten erf\u00fcllen, sind in der Arbeitsstatistik unsichtbar. Wie Feministinnen in der Theorie der sozialen Reproduktion allerdings erkl\u00e4ren, ist das Kapital auf die Reproduktion der Arbeitskraft angewiesen: Damit die Arbeiterinnen und Arbeiter jeden Tag in die Fabrik oder ins B\u00fcro zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie essen, sich anziehen und ausruhen. Budgetk\u00fcrzungen und neoliberale Privatisierungen in den Bereichen Bildung, Soziales und Gesundheitswesen erh\u00f6hen die doppelte Arbeitszeit von Frauen weiter. Die Zeit, die Frauen f\u00fcr die Pflege von Familienangeh\u00f6rigen aufwenden, ist viel l\u00e4nger als die der M\u00e4nner. In Frankreich verbringen Frauen doppelt so viel Zeit mit unbezahlten Haushaltsaktivit\u00e4ten wie M\u00e4nner; in L\u00e4ndern wie Spanien und Argentinien sind es dreimal so viel. In L\u00e4ndern wie Indien liegt das Verh\u00e4ltnis bei 10 zu 1.<\/p>\n<p><strong>Wenn Frauen aufmucken<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Jahren haben Frauenkollektive eine f\u00fchrende Rolle in gewerkschaftlichen K\u00e4mpfen gespielt. \u201eJa, es ist m\u00f6glich, ja, es ist m\u00f6glich, ja, es ist m\u00f6glich, ja, es ist m\u00f6glich, wenn eine Frau voranschreitet, zieht sich kein Mann zur\u00fcck\u201c: Das ist das Motto der Arbeiter*innen von Coca-Cola [der Abf\u00fcllbetrieb in Fuenlabrada, etwa 20 km von Madrid entfernt, wurde am 22. Januar 2014 geschlossen, und seither leisten Frauen Widerstand aller Art]. Die \u201eEspartanas\u201c sind ein Symbol f\u00fcr die Arbeiter*innenk\u00e4mpfe in Spanien. Sie sind Arbeiterinnen, M\u00fctter, T\u00f6chter und Ehefrauen von Arbeitern, die gegen einen transnationalen Konzern antreten.<\/p>\n<p>\u201eFrauen sind weiblich und pluralistisch: Wir leiden unter allen Aspekten von Gewalt am Arbeitsplatz\u201c: Das sagten die Reinigungskr\u00e4fte der Vereinigung Las Kellys bei einem Treffen am 8. M\u00e4rz 2018. Frauen im Logistikzentrum Hennes &amp; Mauritz streikten in Madrid unbefristet und in den Seniorenresidenzen in Biskaya k\u00e4mpften Frauen 370 Tage f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen. [\u2026] Dies sind Ph\u00e4nomene, die sich international wiederholen, z.B. mit den gro\u00dfen Streiks von Lehrer*innen in West Virginia und anderen US-Bundesstaaten; den Streiks der Arbeiter*innen in den Stamford Hilton Hotels in den Vereinigten Staaten [sowie dem aktuellen Streik \u2013 initiiert am 7. September 2018 \u2013 in rund 26 High-End-Hotels in Chicago], den k\u00e4mpfenden Reinigungskr\u00e4ften der Pariser Bahnh\u00f6fe oder den streikenden Krankenschwestern in indischen Spit\u00e4lern.<\/p>\n<p><strong>Eine internationale Frauenbewegung<\/strong><\/p>\n<p>Die Dynamik der internationalen feministischen Bewegung scheint Arbeiter*innen, die prek\u00e4r angestellt und schlecht bezahlt sind, anzuspornen sowie ihr Selbstvertrauen zu st\u00e4rken und es erm\u00f6glicht ihnen, an der Spitze von Arbeiter*innenk\u00e4mpfen zu stehen. Die Vorstellung, dass es m\u00f6glich ist, gegen Bedingungen der Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung von Arbeiter*innen zu rebellieren, breitet sich bei Frauen aus. Es ist wichtig, diese Dynamik zu erkennen, um einen doppelten Fehler zu vermeiden: Auf der einen Seite geht es darum zu vermeiden, die Arbeiter*innenklasse als abstraktes, geschlechtsloses Subjekt zu betrachten \u2013 was das m\u00e4nnliche Geschlecht \u201euniversell\u201c und die Forderungen der Frauen unsichtbar macht. Aber auch der umgekehrte Fehler muss vermieden werden: die Konstruktion eines unbestimmten weiblichen Subjekts ohne Klassenzugeh\u00f6rigkeit; das heisst ohne die Tatsache zu ber\u00fccksichtigen, dass die Mehrheit der Frauen Arbeiterinnen sind, oftmals prek\u00e4r angestellt, mit migrantischem Hintergrund und arm.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung und leichte \u00dcberarbeitung durch die Redaktion sozialismus.ch.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2018\/feminismus-die-globale-arbeiterinnenklasse-ist-weiblich-und-kaempferisch\/#_ftnref1\">[1]<\/a>\u00a0Statistische Quellen: Internationale Arbeitsorganisation, ILOSTAT-Datenbank. November 2017; \u201eWorking women: Key facts and trends in female labour force participation\u201c, in Our World in Data, 2017.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2018\/feminismus-die-globale-arbeiterinnenklasse-ist-weiblich-und-kaempferisch\/\"><em>sozialismus.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21. September 2018 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch nie in der Geschichte des Kapitalismus war die Arbeiter*innenklasse so feminisiert wie heute. 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