{"id":4056,"date":"2018-09-25T10:42:35","date_gmt":"2018-09-25T08:42:35","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4056"},"modified":"2018-09-25T10:43:56","modified_gmt":"2018-09-25T08:43:56","slug":"frauen-streiken-gegen-patriarchat-und-kapital-2019-auch-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4056","title":{"rendered":"Frauen streiken gegen Patriarchat und Kapital \u2013 2019 auch in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><em>Eleonora Rold\u00e1n Mend\u00edvil. <\/em>Am 7. M\u00e4rz 2018\u00a0schrieb Jessica Sommer\u00a0<a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2018\/03\/militanter-frauenstreik-fuer-einen-feminismus-der-99\/\">an dieser Stelle einen wichtigen Beitrag<\/a>, der unter\u00a0Frauen\u00a0der au\u00dferparlamentarischen Linken f\u00fcr\u00a0fruchtbare\u00a0Diskussionen sorgte. Treffend<!--more--> fasste\u00a0die Autorin\u00a0zusammen, welche verschiedenen feministischen Streikb\u00fcndnisse auf der ganzen Welt am\u00a0Entstehen waren. Die historische Herleitung des traditionellen Kampfmittels\u00a0der Arbeiter*innenklasse als kein reines \u201eM\u00e4nnerinstrument\u201d\u00a0war dabei genauso \u00fcberzeugend wie das Aufzeigen, dass ein klassenk\u00e4mpferischer, proletarischer Feminismus weltweit am\u00a0Aufflammen ist und es schafft Millionen Menschen zu mobilisieren.<\/p>\n<p>In Argentinien\u00a0haben die k\u00e4mpfenden Frauen 2016 vor allem dar\u00fcber auf sich aufmerksam gemacht, dass\u00a0sie\u00a0in zentralen Sektoren wie\u00a0<a href=\"http:\/\/laizquierdadiario.com\/Las-trabajadoras-del-subte-el-19-de-octubre-salimos-a-las-calles\">dem \u00d6ffentlichen Nahverkehr in Buenos Aires<\/a>\u00a0die Arbeit niederlegten. In diesem Jahr streikten in\u00a0Spanien 5,3 Millionen Frauen.\u00a0Viele hunderte M\u00e4nner unterst\u00fctzten personell die Mobilisierung, traten ebenfalls solidarisch in den Ausstand und verteidigten ihre Kolleginnen vor den Bossen.<\/p>\n<p><strong>Frauenstreik in Deutschland<\/strong><\/p>\n<p>In Anbetracht der unerm\u00fcdlichen feministischen Mobilisierung in mehr als 50 L\u00e4ndern haben sich nun auch in Deutschland lokale\u00a0<a href=\"https:\/\/frauenstreik.org\/\">Komitees zur Koordinierung eines bundesweiten Frauenstreiks am 8. M\u00e4rz 2019<\/a>\u00a0gegr\u00fcndet. Dabei liegt der Fokus auf die breite Zusammenarbeit verschiedener Gruppen, Organisationen und Einzelpersonen. Die dem losen Netzwerk f\u00fcr einen Frauenstreik 2019 zugrunde liegende politische Pr\u00e4misse ist die \u00dcberzeugung, dass Arbeit nicht nur Lohnarbeit umfasst.<\/p>\n<p>Frauen verrichten nicht nur den \u00fcberwiegenden Teil an nicht bezahlter Sorgearbeit \u2013 darunter f\u00e4llt die Pflege und Erziehung von Kindern, das K\u00fcmmern um \u00e4ltere Menschen und die allgemeine emotionale Sorgearbeit in Form von Kochen, Putzen, Aufr\u00e4umen sowie der \u00dcberblick \u00fcber diese T\u00e4tigkeiten in der eigenen Wohnung oder WG. Frauen sind auch \u00fcberproportional in den schlecht entlohnten und wenig anerkannten Sorge- und Pflegeberufen vertreten: als Erzieherinnen, Krankenpflegerinnen, Altenpflegerinnen und Reinigungskr\u00e4fte zum Beispiel.<\/p>\n<p>Typische \u201eFrauenberufe\u201c \u2013 wie Friseurin, Kosmetikerin oder Verk\u00e4uferin \u2013 sind nach wie vor von unsicheren Arbeitsverh\u00e4ltnissen bestimmt und d\u00fcmpeln oft gerade mal um den gesetzlich festgelegten Mindestlohn von 8,84 Euro die Stunde herum. Die direkten materiellen Konsequenzen einer patriarchal strukturierten Gesellschaft lassen sich jedoch nicht allein vom Gehaltscheck ablesen. Frauen und M\u00e4dchen lernen fr\u00fch, sich f\u00fcr ihre K\u00f6rper zu sch\u00e4men und sie nach oft gef\u00e4hrlichen Sch\u00f6nheitsstands und bin\u00e4ren Geschlechterlogiken, welche nur das Existieren von m\u00e4nnlichen M\u00e4nnern oder weiblichen Frauen zul\u00e4sst, zu formen. Langzeitsch\u00e4den an physischer und psychischer Gesundheit sind so programmiert. Das Selbstwertgef\u00fchl von Frauen wird au\u00dferdem systematisch entfremdet, indem bis heute Frauen oft gegeneinander um die Aufmerksamkeit und Anerkennung von V\u00e4tern, Br\u00fcdern, Partnern, Kollegen oder Genossen konkurrieren.<\/p>\n<p>Objektifizierung weiblicher K\u00f6rper manifestiert sich nicht nur \u00fcber sexistische Werbung und Mainstream-Pornos. Frauen und M\u00e4dchen m\u00fcssen sich auch in Berlin, Hamburg, K\u00f6ln oder M\u00fcnchen 2018 fragen, wie stark sie an dem jeweiligen Tag sind, um welche Kleidung zu tragen. Ist der Rock \u201ezu kurz\u201c, der Ausschnitt \u201ezu tief\u201c oder das Make-Up \u201ezu stark\u201c gelten s\u00e4mtliche Normen des Respekts nicht mehr f\u00fcr sie. Politisch werden sie dann ohnehin nicht mehr ernst genommen. Von den allt\u00e4glichen Ger\u00e4uschen die Frauen und M\u00e4dchen von M\u00e4nnern hinterher gerufen werden bis hin zu physischen \u00dcbergriffen ist auf der Stra\u00dfe, in den \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Arbeit alles m\u00f6glich. Dabei gelten die K\u00f6rper nicht-wei\u00dfer Frauen und\/oder von Transfrauen und\/oder von Sexarbeiterinnen als besondere Projektionsfl\u00e4che patriarchaler Fantasien von st\u00e4ndiger Verf\u00fcgbarkeit und \u00dcber-Sexualisierung, welche letztlich sexualisierte Gewalt inkl. Vergewaltigung und sogar T\u00f6tung legitimiert. In Deutschland wird alle drei Tage eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner get\u00f6tet. Und trotzdem weigern sich b\u00fcrgerliche Medien und Politik von Feminiziden zu sprechen, also von Morden an Frauen, weil sie Frauen sind.<\/p>\n<p><strong>Streiken f\u00fcr Solidarit\u00e4t unter Frauen<\/strong><\/p>\n<p>Der Frauenstreik ist auch ein Ort der Aushandlung von Klassenpolitik und Solidarit\u00e4t unter Frauen. Der liberal-b\u00fcrgerliche Feminismus hat Widerspr\u00fcche zur Arbeiterbewegung auf gemacht, die so f\u00fcr viele lohnabh\u00e4ngige Frauen gar nicht existieren. Denn jede Errungenschaft der hiesigen Arbeiter*innenklasse ist auch ein Fortschritt f\u00fcr alle lohnabh\u00e4ngigen Frauen. Im internationalem Vergleich gilt nat\u00fcrlich das gleiche. Und dennoch werden Arbeiterinnen in gro\u00dfen Streikbewegungen oft unsichtbar gemacht und sie f\u00fchlen sich oft von Kollegen und der Gewerkschaftsf\u00fchrung nicht darin best\u00e4rkt, Forderungen als Arbeiterinnen an den Verhandlungstisch zu bringen. Deswegen stehen die verschiedenen lokalen Komitees mit progressiven Gewerkschaftssekret\u00e4rinnen und Gewerkschaftler\/innen der Basis aus DGB und Nicht-DGB-Gewerkschaften in Verbindung. Denn der Frauenstreik 2019 ist kein rein symbolischer.<\/p>\n<p>Er strebt an, die wirtschaftliche Kraft, die Frauen entlang der (Re-)Produktionskette inne haben sicht- und h\u00f6rbar zu machen, und damit neue Formen des Streiks auf die politische Agenda zu setzen. Denn: eine neue Klassenpolitik muss zentral Frauen als Subjekte von Klassenk\u00e4mpfen ansprechen. Der Frauenstreik 2019 versucht genau dies: die Erm\u00f6glichung von Arbeitsniederlegungen im Bereich der Produktion des Lebens und der Produktion der Lebensmittel. Ob entlohnt oder nicht entlohnt. Dabei wird die St\u00e4rke und Tragkraft des Frauenstreiks 2019 von der Solidarit\u00e4t unter den direkt \u2013 Arbeiterinnen \u2013 und indirekt \u2013 Hartz IV Bezieherinnen, Hausfrauen etc. \u2013 lohnabh\u00e4ngigen Frauen bestimmt werden. Reine Lippenbekenntnisse zu einem antirassistischem Feminismus m\u00fcssen abgel\u00f6st werden von real zusammengef\u00fchrten K\u00e4mpfen gegen Prekarisierung, Wohnungsnot, Abschiebungen und imperialistische Kriege \u2013 oft genug mit deutscher Beteiligung. Die unmittelbare materielle Verbesserung der Lebensverh\u00e4ltnisse der Frauen muss dabei in Bezug zu weiterf\u00fchrenden, langfristigen Forderungen gesetzt werden. Die Frauen vom\u00a0<em>Women Strike UK<\/em>\u00a0haben f\u00fcr 2018 die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5tsHdfgpDts\">verschiedensten Themen, gegen die Frauen streiken k\u00f6nnen, gut in einem kurzem Video zusammen<\/a>\u00a0gefasst.<\/p>\n<p><strong>Aufbauen gesellschaftlicher Relevanz<\/strong><\/p>\n<p>Die hei\u00dfe Phase der Mobilisierung beginnt dabei schon jetzt. Am 10 und 11. November organisieren die Vorbereitungskomitees ein bundesweites Vernetzungstreffen in G\u00f6ttingen, um tiefer gehende politische Diskussionen zu f\u00fchren und sich \u00fcber die zentralen und dezentralen Aktionen zum 8. M\u00e4rz 2019 auszutauschen. F\u00fcr den Aufbau gesellschaftlicher Relevanz brauchen wir jedoch nicht nur die Frauen. M\u00e4nner haben eigene Forderungen im Kampf gegen Patriarchat und Kapital und m\u00fcssen diese auch politisch formulieren lernen. Neben Zuarbeit wie Drucken und Verbreiten von Flyern und Postern k\u00f6nnen M\u00e4nner, in Absprache mit den lokalen Komitees, auch eigene Aktionen planen und durchf\u00fchren. Von Arbeitsniederlegungen bis zu kreativen anti-patriarchalen Protestformen am 8. M\u00e4rz, braucht der Frauenstreik die Beteiligung von lohnabh\u00e4ngigen M\u00e4nnern um das gesamte Potenzial der Klasse auszusch\u00f6pfen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2018\/09\/und-alle-raeder-stehen-still\/#more-5836\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 25. September 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eleonora Rold\u00e1n Mend\u00edvil. Am 7. M\u00e4rz 2018\u00a0schrieb Jessica Sommer\u00a0an dieser Stelle einen wichtigen Beitrag, der unter\u00a0Frauen\u00a0der au\u00dferparlamentarischen Linken f\u00fcr\u00a0fruchtbare\u00a0Diskussionen sorgte. 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