{"id":4060,"date":"2018-09-25T18:43:39","date_gmt":"2018-09-25T16:43:39","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4060"},"modified":"2018-09-25T18:45:42","modified_gmt":"2018-09-25T16:45:42","slug":"lukacs-geschichte-und-klassenbewusstsein-heute-1971","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4060","title":{"rendered":"Luk\u00e0cs\u2019 &#8222;Geschichte und Klassenbewusstsein&#8220; heute (1971)"},"content":{"rendered":"<p>Eine Diskussion zwischen Furio Cerutti, Detlev Claussen, Hans-J\u00fcrgen Krahl, Oskar Negt und Alfred Schmidt \u00fcber\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/archive\/lukacs\/works\/history\/index.htm\">Georg Lukacs&#8216; Werk.\u00a0<\/a>Zuerst ver\u00f6ffentlicht in: Schwarze Reihe Bd.12, Verlag de Munter, Amsterdam 1971.<!--more--><\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Dialektische Sachverhalte verf\u00fchren nicht selten dazu, \u00fcber alles zugleich reden zu wollen, und es kommt dabei wenig heraus. Ich schlage vor, wir schreiten vom Abstrakten zum Konkreten fort, nach alter Tradition, und sprechen zun\u00e4chst \u00fcber die philosophische und politische Bedeutung des Buches. Insbesondere \u00fcber die Frage der sachlichen Bedeutung Hegels f\u00fcr den Marxismus &#8211; sie hervorgehoben zu haben ist eines der Verdienste des fr\u00fchen Lukacs &#8211; und kommen dann auf das Problem der Erkenntnis der Gegenwart als zu gestaltender Geschichte.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Das bedeutet, da\u00df die Implikationen der Diskussion, die \u00fcber Lukacs selber gef\u00fchrt wurde <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, quer durch die Debatte gehen.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Ganz sicher. Wichtig am fr\u00fchen Lukacs ist der gegen den archivarischen, akademisch bleibenden Historismus gerichtete Impuls, Geschichte als unmittelbare Aufgabe zu begreifen. Im Sinne der Marxschen Erkl\u00e4rung der Anatomie des Affen aus der des Menschen und nicht umgekehrt interpretiert Lukacs die vergangenen Stufen der Menschheit im Licht der Gegenwart. Dieses ber\u00fchmte Prinzip ist das Positive. Fragw\u00fcrdig daran ist eine gewisse Affinit\u00e4t zur &#8211; selber ungeschichtlich werdenden &#8211; Katastrophentheorie der Geschichte, wie sie noch heute vorliegt bei Herbert Marcuse in seiner eschatologischen Idee einer \u201eKatastrophe der Befreiung&#8220;. Geschichte bleibt hier der abstrakte Raum zur Verwirklichung des immer schon M\u00f6glichen. Damit nimmt Lukacs Heideggers &#8222;Sein und Zeit&#8220; und \u00e4hnliche Konzeptionen vorweg.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Zentral ist ja auch der Primat von Emanzipationskategorien (Schmidt: der sich im Subjektivismus ausdr\u00fcckt!), der sich aus der Rekonstruktion des Verh\u00e4ltnisses des Marxismus zur Philosophie, wie das bei Lukacs und Korsch der Fall ist, ergibt. Und es ist die Frage der undurchschauten idealistischen Implikate, die gerade die Entfaltung dieser Emanzipationskategorien als Kategorien der Praxis betrifft.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Die ganze Problematik dessen, was man schlagw\u00f6rtlich den &#8222;Luxemburgismus&#8220; des Buches nennen kann, namentlich die Spontaneit\u00e4tstheorie, h\u00e4ngt mit dem neu aufgenommenen hegelianischen Moment zusammen, mit einem \u00fcberzogenen Subjektsbegriff. Aber das ist eine doppelschl\u00e4chtige Sache. Man kann historisch hinweisen auf den &#8222;absoluten Historismus&#8220; Gramscis, auf die Beziehung zu &#8222;Sein und Zeit&#8220;, vor allem darauf, da\u00df Lukacs versucht hat, jede Soziologie, alles streng Strukturanalytische, zugunsten einer reinen Prozessualit\u00e4t, die ihn nicht nur in Hegelsche, sondern sogar Fichtesche Gegenden bringt, beiseite zu lassen. Das hat wichtige politische Implikate. Wir freilich m\u00fcssen das F\u00fcr und Wider hinsichtlich des Subjektivismus jeweils genau gegeneinander abw\u00e4gen. &#8211; Ferner ist Lukacs&#8216; Begriff &#8222;marxistischer Orthodoxie&#8220; zu kritisieren. Hier zeigt sich ein gewisser Fetischdienst an der Methode. Neuerdings hat Lukacs selbst zugegeben, da\u00df sein Buch einen problematischen Gegensatz konstruiert zwischen der Erkl\u00e4rung der Geschichte aus der \u00d6konomie und der Totalit\u00e4tsbetrachtung. Denn Totalit\u00e4t wird bei Marx gerade inhaltlich bestimmt als durch die Gesamtheit der Produktionsverh\u00e4ltnisse gestiftet. Jenseits der \u00f6konomischen Erkl\u00e4rung der Geschichte gibt es f\u00fcr ihn keine Kategorie der Totalit\u00e4t. Jenen Gegensatz bei Lukacs m\u00fcssen wir entschieden kritisieren.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Ja, und da vor allen Dingen, da\u00df diese Totalit\u00e4tskategorie, wenn man so will, von der Empirie getrennt wird; da\u00df Lukacs keinen materialistischen Empiriebegrff hat, sondern implizit gerade in seinen psychologischen Fassungen des Empiriebegriffs einen schon szientivisch reduzierten.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Das eben h\u00e4ngt mit dem Begriff &#8222;reiner Geschichte&#8220;, eines reinen Geschehens zusammen. Die idealistischen Konsequenzen daraus sind v\u00f6llig klar: die Natur und deren Eigenstruktur verdunsten. Produktion wird &#8222;reines Erzeugen&#8220;. Das aber ist verkappter Fichteanismus &#8230; zugleich aber ist in diesem \u00fcberzogenen Begriff von Subjektivit\u00e4t ein gewisser Neuansatz der Marxschen Frage im Vorm\u00e4rz enthalten: Wie ist der vom Idealismus entwickelte Begriff welterzeugender Subjektivit\u00e4t materialistisch umzuarbeiten? Also das ist bei Lukacs mit zu bedenken, der Begriff einer &#8222;praktischen Subjektivit\u00e4t&#8220;. &#8211; Theoretisch wichtig ist die Universalit\u00e4t der Warenform. Lukacs hat die Problematik der Verdinglichung in ihrer grunds\u00e4tzlichen Bedeutung durchschaut und detailliert gezeigt, da\u00df sie s\u00e4mtliche Erfahrungsweisen im kapitalistischen Alltag beherrscht. Aber nicht nur das. Lukacs hat zugleich den ganzen deutschen Idealismus wirklich historisch-materialistisch aus der von ihm unbew\u00e4ltigten, ihn aber bedingenden Problematik der Fetischisierung abgeleitet, vor allem im Abschnitt \u00fcber die \u201eAntinomien des b\u00fcrgerlichen Denkens&#8220;, der sich mit dem Auseinandertreten von Form und Inhalt in der Kantischen Philosophie besch\u00e4ftigt. Das w\u00e4re das Philosophisch-Allgemeine, das ich mir notiert habe, es l\u00e4ge jetzt an Ihnen, eigene Betrachtungen beizusteuern, auch kritische.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Ich fand die Gliederung der ersten drei Punkte systematisch sehr gut.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Die allgemeine Bedeutung des Buches heute beruht darauf, da\u00df Lukacs zu damals brennend aktuellen Fragen Stellung genommen hat; das macht paradoxerweise die &#8222;\u00dcberzeitlichkeit&#8220; des Buches aus. Er hat nicht in blo\u00dfer Kontemplation geschrieben, sondern im engsten Kontakt mit den Klassenk\u00e4mpfen der zwanziger Jahre. Die Geschichte selbst hat sich in seinen \u00dcberlegungen verdichtet, und zwar die Periode von der Oktoberrevolution \u00fcber das Scheitern der westeurop\u00e4ischen Revolutionsversuche bis zur NEP. Da\u00df Lukacs damals zu sehr zeitbedingten Fragen Stellung genommen hat, das macht unter anderem sein Buch f\u00fcr uns heute so wichtig.<\/p>\n<p><strong>C e r u t t i:<\/strong>\u00a0&#8230;auch im Hinblick auf Theorie und Geschichte, der revolution\u00e4ren Partei. Nicht zuletzt ist das Buch auch im Zusammenhang mit dem B\u00fcrokratisierungs- bzw. Stalinisierungsprozess der kommunistischen Parteien zu begreifen.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Der erw\u00e4hnte Subjektivismus h\u00e4ngt nicht zuletzt mit dem aus der Zweiten Internationale \u00fcberkommenen und weitergeschleppten Fetischismus der Objektivit\u00e4t zusammen; er ist eine Art Gegenschlag gegen die alte Sozialdemokratie.<\/p>\n<p><strong>C e r u t t i:<\/strong>\u00a0&#8230; zugleich ein vorweggenommener Gegenschlag gegen die neue Gestalt des Objektivismus und B\u00fcrokratismus in der dritten Internationale, in der Komintern.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Ja. Aber eines f\u00e4llt, glaube ich, heraus, und zwar, da\u00df &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; doch wohl auch in dem Bezugsrahmen zu interpretieren ist, da\u00df es ein Versuch ist, strategische Fragen des Klassenbewu\u00dftseins und der Organisation im westlichen Kapitalismus, also f\u00fcr die hochindustrialisierten L\u00e4nder, auf philosophisch-spekulativer H\u00f6he zu diskutieren. Das bedeutet, da\u00df Lukacs Fragen aufnahm, die in der sozialdemokratischen Bewegung niemals in der Sch\u00e4rfe er\u00f6rtert werden konnten, in der sie Lenin f\u00fcr das zur\u00fcckgebliebene Ru\u00dfland gestellt hatte. Zu diskutieren w\u00e4re hier, da\u00df Lukacs die Organisations- und KIassenbewu\u00dftseinsfrage auf dem Hintergrund einer undurchschauten Ahistorisierung des Leninschen Parteityps anvisiert.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Das sagt sich im Nachhinein recht gut, lieber Krahl, damals war es nat\u00fcrlich eine enorme theoretische Leistung, auf die praktische Bedeutung Lenins aufmerksam zu machen. Man ma\u00df unterscheiden, was f\u00fcr uns aus der Retrospektive notwendig und was schon damals ein vermeidbarer Fehler gewesen ist, denn sonst r\u00e4sonieren wir blo\u00df am Geschichtsproze\u00df herum. Man mu\u00df sich jeweils genau \u00fcberlegen: Was hat schon damals eine echte Alternative gegen sich gehabt, was hat Lukacs nicht beachtet, und was stellt sich uns heute im Nachhinein so dar?<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Aber das ist schon eine inhaltliche Diskussion. Es hat gar keinen Sinn, hier weiterzumachen; das ist bei jeder Rundfunkdiskussion so, je l\u00e4nger die Vorgespr\u00e4che sind, desto schlechter wird die Diskussion. Es kommt jetzt wirklich nur auf eine Gliederung der zentralen Punkte an. Ich meine, man sollte vielleicht da ansetzen, wo Alfred Schmidt ansetzen wollte, also zun\u00e4chst die Bedeutung von Lukacs in der spekulativen Pr\u00e4zision einer Gegenwartsanalyse. Das ist ja auch ein allgemeinerer Aspekt einer historisch materialistischen Analyse \u00fcberhaupt, da\u00df sich ihre wichtigen Erkenntnisse genau nicht einer Abstraktion von historisch-spezifischen Situation verdanken, sondern sie sind Resultate von Versuchen, das begriffliche Sortimentarium der Theorie innerhalb der Bewegungsgesetze einer historischen Situation zu bew\u00e4hren. Ich schlage deshalb vor, folgende Stichpunkte zu behandeln: Emanzipationsanspruch der Oktoberrevolution, Reaktion auf das Faktum Oktoberrevolution, R\u00fcckschlag der westeurop\u00e4ischen Arbeiterbewegung, Stabilisierung der russischen Revolution in der NEP, nochmalige Reflexion der theoretischen Positionen des Sowjetmarxismus und der Zweiten Internationale, gerade weil sich ja Lenin als genuiner Erbe der Zweiten Internationale in ihrer Entwicklung bis 1919 f\u00fchlte.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Ganz recht, w\u00e4hrend Lukacs demgegen\u00fcber die Tendenz hat, zu zeigen, da\u00df Lenin der &#8222;\u00dcberwinder&#8220; von Fehlern der Zweiten Internationale ist. Freilich: was Lukacs damals versucht, was ihn von Deborin und diesen Leuten unterscheidet, etwa die Hervorhebung der theoretischen Bedeutung Lenins; sie erfolgt zu einer Zeit, wo der allgemeine Leninkult noch nicht bestand, wo das noch nicht jedem Schriftsteller automatisch zur Auflage gemacht wurde, wo das wirklich noch zur Debatte stand.<\/p>\n<p><strong>C l a u s s e n:<\/strong>\u00a0Man mu\u00df das auch diskutieren in Bezug auf die Tendenz der Internationalisierung der Oktoberrevolution, auch in den \u00dcbergangskonzeptionen von Lenin steht doch die Hoffnung auf den Sieg der Revolution in den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Und nun das Scheitern dieser Revolutionsbewegungen; ich glaube, man kann insgesamt sagen, da\u00df, verfolgt man die Diskussionen auf den Kongressen der Dritten Internationale, das Scheitern dieser Bewegung in gewisser Weise subjektivistisch auf Organisationsfragen reduziert worden ist.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Kann man das so schroff sagen?<\/p>\n<p><strong>C e r u t t i:<\/strong>\u00a0Ja, das zeigt sich selbst in der Reaktion auf die Niederlage der ungarischen Revolution, also der R\u00e4terepublik von 1919, an der M\u00e4rzaktion, die ja von Lukacs insgesamt positiv bewertet wurde, was sp\u00e4teren autobiographischen \u00c4u\u00dferungen zufolge das Bild seines &#8222;ultralinken Subjektivismus&#8220; abrundet <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Eine Subjektivismuskritik findet sich jedoch bei Lukacs selbst, sowohl im theoretischen Rahmen von &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; wie in den gleichzeitigen politischen Artikeln. Als Theoretiker der Landler-Fraktion, die sich in der KPU der ersten Exiljahre gebildet hatte, f\u00fchrte Lukacs einen st\u00e4ndigen Kampf gegen die sektiererische, nicht dialektisch durchdachte Linie der Parteif\u00fchrung um Bela Kun <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0An sich sind die ersten drei Punkte, Oktoberrevolution, R\u00fcckschlag der Arbeiterbewegung und NEP analytisch nicht trennbar.<\/p>\n<p><strong>C e r u t t i:<\/strong>\u00a0Noch ein Gesichtspunkt. Wenn wir uns auch in unserer Diskussion auf die systematisch relevanten Kategorien konzentrieren, und dabei &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; als organisches Werk betrachten &#8211; organisch im Hinblick auf seinen Erfahrungshintergrund: wir d\u00fcrfen immerhin seine unmittelbar politischen, und zwar kontrastreichen politischen Bez\u00fcge nicht ganz aus dem Auge verlieren. Vergesst bitte nicht, da\u00df &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; nicht aus einem Gu\u00df geschrieben wurde, sondern in einer Zeitspanne von drei Jahren <a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>; die entscheidende und ereignisvolle Jahre f\u00fcr die kommunistische Bewegung waren. In dieser Zeit macht sein Verfasser einen ganzen politischen Lernprozess durch, grob gesprochen: von der noch ethisierenden Revolutionstheorie von 1919 zur entfalteten Organisations- und Parteitheorie von 1922.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Ich glaube, wir sollten in unserer Diskussion auf die reiche Literatur \u00fcber und gegen Lukacs nicht zu \u00e4u\u00dferlich zu sprechen kommen, sondern das dem dokumentarischen Teil \u00fcberlassen.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Sie wird hineinkommen, diese Problematik, im Bezugsrahmen des Idealismusvorwurfs gegen Lukacs als Abwehr von Emanzipationsbestrebungen.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Ja, der ist aber auch wahr, was sogar Adorno anerkannt hat.<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Worin besteht eigentlich die Aktualit\u00e4t und die G\u00fcltigkeit einer solchen Diskussion?<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Wenn es sich in der Gegenwart lohnt, sich mit Lukacs&#8216; &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; zu besch\u00e4ftigen, so deshalb, weil dieses Buch nicht den Anspruch erhob, sich \u00fcber den Gang der Geschichte zu stellen, sondern weil es ausgeht von den damals aktuellen Problemen, weil es ausgeht von der Periode von 1919 &#8211; 1923, also der russischen Revolution, dem Scheitern der westeurop\u00e4ischen Versuche kommunistischer Parteien und der schlie\u00dflichen Stabilisierung der russischen Revolution durch die Neue \u00d6konomische Politik (N.E.P.).<\/p>\n<p>Es ist das Verdienst von Lukacs, gegen\u00fcber den szientistischen Verengungen der Marxschen Theorie w\u00e4hrend der Zweiten Internationale hervorgehoben zu haben, da\u00df die Marxsche Methode wesentlich historisch ist, was bedeutet, da\u00df sie fortw\u00e4hrend auch auf sich selbst angewandt werden mu\u00df: da\u00df die von ihr untersuchten Gegenst\u00e4nde der Vergangenheit zugleich die geschichtliche Selbstreflexion dessen, der die Vergangenheit befragt, mit einschlie\u00dfen mu\u00df. Das Hauptziel der Methode, wie sie von Lukacs rekonstruiert wurde, ist, die Gegenwart zu begreifen, und zwar als zu gestaltende Geschichte. Dadurch wurde der Marxismus abgel\u00f6st von rein archivarischen, akademisch bleibenden Interpretationen und bezogen auf wirkliche Tagesk\u00e4mpfe.<\/p>\n<p>Die vergangenen Stufen der Menschheit werden im Lichte der Gegenwart und ihrer Problematik erhellt im Anschlu\u00df an das methodische Prinzip von Marx, da\u00df wir die Anatomie des Affen aus der des Menschen erkl\u00e4ren und nicht umgekehrt.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Ich w\u00fcrde sagen, man mu\u00df daran anschlie\u00dfend noch einmal die Frage stellen, warum &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; spekulative Analyse der Gegenwartsgeschichte ist? D.h., welches sind die objektiven Erkenntnischancen, die diese spekulative Darstellung gleichsam aufdr\u00e4ngten? Und der objektive Erfahrungshintergrund, der diese spekulative Darstellung erm\u00f6glichte? Und da w\u00fcrde ich sagen: Zentral steht in &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; die Rekonstruktion der Gegenwartsgeschichte als Totalit\u00e4t. D.h., der Erfahrungshintergrund dieser Totalit\u00e4t ist die Oktoberrevolution und ihre falsche Totalisierung auf die Revolutionsgeschichte der westeurop\u00e4ischen Arbeiterbewegungen. Eine falsche Totalisierung, die zu einer Zerfaserung der Einheit einer revolution\u00e4ren Bewegung f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Lukacs betont immer wieder, gerade in seiner Lenin-Analyse, da\u00df der zentrale Bezugsrahmen, innerhalb dessen die Leninsche Revolutions- und Organisationstheorie sich ausbilden konnte, der Gedanke und die Realit\u00e4t der Aktualit\u00e4t der Revolution ist. Innerhalb dieser angenommenen Aktualit\u00e4t der Revolution hatten sich die revolution\u00e4ren Bewegungen in Westeuropa nach der Oktoberrevolution, wenn man so will, empirisch zerfasert. Das bedeutet: Aus diesem Bezugsrahmen der Aktualit\u00e4t der Revolution und der faktischen Zerfaserung der Einheit einer revolution\u00e4ren Bewegung und falschen Totalisierungsanspr\u00fcchen des Leninschen Parteitypus und der Oktoberrevolution hat sich wieder die erkenntniskritische Reflexion auf die Gesellschaft als konkrete Totalit\u00e4t, wie Lukacs es nennt, aufgedr\u00e4ngt, wobei dann zu ber\u00fccksichtigen ist, da\u00df solche falsche Totalisierungen und ahistorischen Momente der Oktoberrevolution in seine eigene Spekulation mit eingehen. Das zweite ist: Die philosophiekritische Spekulation, innerhalb derer die Restitution des Verh\u00e4ltnisses des Marxismus zur Philosophie, vor allem der Hegels, in &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; und analog in Korschs &#8222;Marxismus und Philosophie&#8220; wieder vorgenommen wurde, wird begr\u00fcndet gerade aus der spezifischen Revolutionssituation in hochindustrialisierter. kapitalistischen L\u00e4ndern. D. h., mit dem Totalisierungsbegriff wurden die Begriffe der kritischen Subjektivit\u00e4t gegen\u00fcber der Entwicklung der Arbeiterbewegung und ihrer Theorie in der Zweiten Internationale, die selbst wieder Naturw\u00fcchsigkeitspraktiken und -kategorien verfallen waren, wieder aufgenommen, d. h. Kategorien des Bewu\u00dftseins, der Verdinglichung, also die im Medium des Bewu\u00dftseins interpretierbaren Emanzipations- und Herrschaftskategorien.<\/p>\n<p>Also, Klassenbewu\u00dftsein wird rekonstruiert im Bezugsrahmen der Organisationsfrage als emanzipatives und parteiliches Totalit\u00e4tsbewu\u00dftsein. Das dr\u00e4ngt sich auf aus spezifischen Situationen hochindustrialisierter L\u00e4nder, die andere Qualit\u00e4ten von Unterdr\u00fcckung und ein anderes Verh\u00e4ltnis zu Strukturen materiellen Elends haben.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Theoretisch wirkt sich das dahin aus, da\u00df der von den Autoren der Zweiten Internationale zur wissenschaftlichen Norm erhobene Objektivismus wieder zur Kritik steht. An die Stelle eines sich dem objektiven Gang der Dinge passiven \u00dcberlassens tritt, und das scheint mir das Neue, das Lukacs auch gegen Engels ins Spiel gebracht hat, die Idee einer Subjekt-Objekt-Dialektik. Wobei freilich aus der polemischen Frontstellung zu verstehen ist, da\u00df bei Lukacs eine gewisse \u00dcberspitzung des Subjektfaktors der Geschichte unausbleiblich war. Bei Lukacs haben wir eine Affinit\u00e4t zum eschatologischen Geschichtsdenken, eine Affinit\u00e4t zu dem, was Lefebvre eine &#8222;Katastrophentheorie der Geschichte&#8220; genannt hat, die noch fortwirkt im &#8222;Eindimensionalen Menschen&#8220; Herbert Marcuses. Diese Idee reiner Geschichtlichkeit, reiner Prozessualit\u00e4t mu\u00df freilich, und darauf hat Krahl soeben hingewiesen, als er den Terminus &#8222;spekulativ&#8220; einf\u00fchrte, bewirken, da\u00df empirische Sachverhalte, die heute als allgemein-soziologische betrachtet werden, unter den Tisch fallen. Erkenntnistheoretisch, und dieser Aspekt hat sp\u00e4ter gro\u00dfe Bedeutung gehabt, tendiert die Idee reiner Machbarkeit der Geschichte &#8211; also dieser verkappte Fichteanismus &#8211; dazu, da\u00df die Natur in Subjekt und Objekt verdunstet; da\u00df innerhalb des historischen Materialismus der im weitesten Sinn naturalistische Materialismus als aufgehobenes Moment nicht mehr ernst genommen wird. Andererseits aber, und das ist auch hervorzuheben, hat das \u00dcberziehen des Subjektfaktors bei Lukacs den Vorzug, da\u00df die Problematik einer materialistisch gewendeten, jetzt praktisch gefa\u00dften Subjektivit\u00e4t wieder ins Spiel kommt und die Einsicht bereits des deutschen Idealismus &#8211; wie ideologisch sie auch formuliert gewesen sein mag, da\u00df die Menschen es mit einer empirischen Wirklichkeit zu tun haben, welche sie selber erzeugten &#8211; diese Einsicht politisch unmittelbar fruchtbar gemacht zu haben, ist das Verdienst von Lukacs bei allem, was erkenntnistheoretisch gegen diesen extremen Subjektivismus einzuwenden sein mag.<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Man sollte noch einmal auf jenen Zwangsmechanismus zu sprechen kommen, dem das marxistische Denken durch die falsche Totalisierung einer historisch-spezifischen Revolution, n\u00e4mlich der Oktoberrevolution, unterliegt. Ich meine, dieser Zwang, der praktisch erst durch die Herstellung herrschaftsfreier Verh\u00e4ltnisse, im theoretischen Vorgriff aber durch konsequente ideologiekritische Reflexion zu \u00fcberwinden ist, hat seinen gesellschaftlichen Grund darin, da\u00df nach Ma\u00dfst\u00e4ben der Marxschen Theorie, die lediglich die Entwicklungsbedingungen einer wesentlich proletarischen Revolution untersucht, die Oktoberrevolution durch innere Widerspr\u00fcchlichkeit und Zwiesp\u00e4ltigkeit charakterisiert ist. Im Leninschen Selbstverst\u00e4ndnis war die M\u00f6glichkeit der &#8222;Totalisierung&#8220; der Oktoberrevolution zun\u00e4chst an die Erwartung gebunden, da\u00df sie eine Kettenreaktion von revolution\u00e4ren Bewegungen auch innerhalb der industriell fortgeschrittenen L\u00e4nder ausl\u00f6sen werde. Diese Erwartung einer vom schw\u00e4chsten Glied des Imperialismus ausgehenden Ausbreitung revolution\u00e4rer Situation geh\u00f6rt &#8211; und Trotzki hat unter g\u00e4nzlich ver\u00e4nderten Bedingungen unbeirrt daran festgehalten &#8211; zur urspr\u00fcnglichen Fassung; denn in dem Ma\u00dfe, wie sich Anfang der zwanziger Jahre diese Erwartung allm\u00e4hlich als illusion\u00e4r herausstellte, setzte die einzige gelungene, aber mit dem Zwiespalt von Bauernrevolution und proletarischer Machtergreifung behaftete Revolution einen Legitimationszwang in Gang, der eine Neuinterpretation des gesamten Marxismus zur Folge hatte. Lenin hat in einer seiner letzten Arbeiten, den Notizen: &#8222;\u00dcber unsere Revolution &#8211; Aus Anla\u00df der Aufzeichnungen N. Suchanows&#8220; auf die ver\u00e4nderte Funktion der Oktoberrevolution bereits hingewiesen; er sprach ihr die Aufgabe zu, zwischen den westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern und den zu erwartenden Revolutionen des Ostens zu vermitteln, also den revolution\u00e4ren Gedanken in die L\u00e4nder der Dritten Welt zu tragen. Er sagt in diesen Notizen: &#8222;Wie aber, wenn Ru\u00dfland durch die Eigent\u00fcmlichkeit der Situation erstens in den imperialistischen Krieg gestellt wurde, in den alle einigerma\u00dfen einflu\u00dfreichen westeurop\u00e4ischen L\u00e4nder verwickelt waren, und Ru\u00dfland, durch diese Eigent\u00fcmlichkeit der Entwicklung an der Grenze der beginnenden und teilweise bereits begonnenen Revolutionen des Ostens, in Verh\u00e4ltnisse versetzt wurde, da wir gerade jene Verbindung des &#8222;Bauernkrieges&#8220; mit der Arbeiterbewegung verwirklichen konnten, von der, als einer der m\u00f6glichen Perspektiven, ein solcher &#8222;Marxist&#8220; wie Marx im Jahre 1856 in Bezug auf Preu\u00dfen geschrieben hat?&#8220;<\/p>\n<p>Wovon Lenin noch ein Bewu\u00dftsein hatte, ist im sp\u00e4teren Sowjetmarxismus durch theoretische Orthodoxie und durch praktische Gewalt g\u00e4nzlich verdr\u00e4ngt worden. Die Folgen dieser Ver\u00e4nderung der gesamten Denkstruktur zeigen sich in der Ontologisierung ebenso wie in der komplement\u00e4ren Subjektivierung der Marxschen Kategorien, die allm\u00e4hlich ihren kritisch-revolution\u00e4ren Gehalt g\u00e4nzlich verlieren und zu undialektischen Legitimationskategorien werden. Lukacs denkt im Bezugsrahmen dieses widerspr\u00fcchlichen Faktums der Oktoberrevolution; sein Versuch, die Dialektik zum Kriterium des marxistischen Denkens zu machen, ist als Reaktion auf eine historische Situation zu verstehen, die ihren objektiv \u00f6konomischen Bedingungen nach zweifellos als revolution\u00e4r angesehen werden konnte, ihren subjektiven Voraussetzungen jedoch keineswegs &#8222;reif&#8220; f\u00fcr revolution\u00e4re Umw\u00e4lzungen war. Indem er die revolution\u00e4re Dialektik und die Prinzipien des historischen Materialismus ins Zentrum der Theorie r\u00fcckte, wollte er offenbar der Komplexit\u00e4t der historischen Situation gerecht werden und jene Tendenzen hervorheben, die trotz der zeitweiligen Stabilisierung des kapitalistischen Systems langfristig auf dessen revolution\u00e4re Umgestaltung hindr\u00e4ngen. Aber der erkenntnistheoretische Objektivismus, den Lukacs etwa in seiner Kritik der Engelsschen Naturdialektik bek\u00e4mpft, setzt sich unbewu\u00dft und auf einer anderen Ebene auch in seinem Denken durch; die antizipierte Stalinismus-Kritik ist erkenntnistheoretisch beschr\u00e4nkt. Die Selbstanwendung des historischen Materialismus, wie sie zur gleichen Zeit Korsch forderte, hat bei Lukacs ihre eindeutige Grenze an der Leninschen Parteikonzeption, deren Absolutheitsanspruch von Lukacs in keinem Punkte in Frage gestellt wird. Die Einschr\u00e4nkung der Revolutionstheorie auf eine reine Parteitheorie, wie sie sp\u00e4ter f\u00fcr den Stalinismus charakteristisch ist, findet sich in Andeutungen schon bei Lukacs.<\/p>\n<p><strong>C l a u s s e n:<\/strong>\u00a0Ich glaube, &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; l\u00e4\u00dft sich \u00fcberhaupt nur im Zusammenhang der Auswirkungen der Oktoberrevolution auf die internationale Arbeiterbewegung begreifen. Die Ver\u00e4nderung der internationalen Situation durch die russische Revolution ist besonders dadurch gekennzeichnet, da\u00df in alle Fraktionsbildungen der Arbeiterbewegung Westeuropas die Stellung zu Sowjetrussland konstitutiv eingeht. Zur parteilichen Stellungnahme f\u00fcr die Oktoberrevolution geh\u00f6rt Lukacs\u00b4 theoretische Kritik des szientistischen Objektivismus in der Zweiten Internationale und bei ihren &#8222;Nachfolgern&#8220;, die das revolution\u00e4r-dialektische Moment aus der marxistischen Theorie ausschalten. Bei den westeurop\u00e4ischen Revolution\u00e4ren &#8211; und Lukacs ist ein hervorragender Vertreter dieser Richtung &#8211; schl\u00e4gt diese theoretische Kritik auf strategischer Ebene in einen Subjektivismus um, da die kommunistischen Parteien sich erst in der Revolution herausbilden &#8211; im Gegensatz zum vorrevolution\u00e4ren Russland. W\u00e4hrend die russische Revolution aus der Dialektik von b\u00fcrgerlicher und proletarischer Revolution, die organisatorisch zu antizipieren war, schlie\u00dflich den Bolschewiki die Massen zuf\u00fchrte, weil sie erkannt hatten, da\u00df Frieden, Land und Brot nicht in einer b\u00fcrgerlichen Demokratie in Russland zu erreichen waren, produzierte das Kriegsende in Westeuropa unterschiedliche Situationen, in denen es n\u00f6tig wurde, die Massen von den reformistischen Organisationen \u00fcberhaupt erst zu l\u00f6sen. Die vorhin ausgesprochene falsche Totalisierung der Oktoberrevolution bedingt bei Lukacs zugleich die Reaktivierung der subjektiv-emanzipatorischen Kategorien des Marxismus, ebenso wie in ihr die organisatorische Verdinglichung angelegt ist. Die Bolschewiki haben die revolution\u00e4r-dialektische Seite des Marxismus revolutionstheoretisch wie in der Praxis der Revolution gegen die Reformisten international wie gegen die Menschewiki behauptet <a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>.<\/p>\n<p>Lukacs hat versucht, dies auf allgemeinster theoretischer &#8211; er w\u00fcrde sagen &#8222;methodischer&#8220; &#8211; Ebene durchzuf\u00fchren. In der Organisationsfrage hat Lukacs die Leninschen Organisationsvorstellungen einerseits aus der Marxschen Theorie und den Erfahrungen der europ\u00e4ischen Arbeiterbewegungen noch einmal zu begr\u00fcnden, und sie zugleich mit den emanzipativen Gehalten der Marxschen Theorie zu synthetisieren versucht. Die Wiederkehr des Objektivismus auf dem neuen Niveau des nachrevolution\u00e4ren Russland, in dem zunehmend die Verteidigung der Sowjetunion das Primat \u00fcber die internationale revolution\u00e4re Bewegung gewinnt, sprengt auf theoretischer Ebene diese Synthese auf und begr\u00fcndet auch die radikale Kritik der offiziellen Theoretiker der Dritten Internationale an &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220;.<\/p>\n<p><strong>C e r u t t i:<\/strong>\u00a0Ich m\u00f6chte einige Punkte, die in den bisherigen Diskussionsbeitr\u00e4gen aufgetaucht sind, in b\u00fcndiger Formulierung aufgreifen und ein bi\u00dfchen weiterspinnen. Ich bin auch der Ansicht, da\u00df die aktuelle Bedeutung von &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; in der radikalen Historisierung der materialistischen Dialektik besteht &#8211; aktuell, meine ich, im Hinblick auf die Ontologisierung der Dialektik im Sowjetmarxismus und auf die prinzipielle &#8222;Geschichtslosigkeit&#8220; der herrschenden Sozialtheorien, nicht zuletzt des Strukturalismus. Wir k\u00f6nnen unsere Diskussion konkretisieren, wenn wir diese radikale Historisierung der Dialektik an drei zentralen Komplexen sichtbar machen:<\/p>\n<p>Erstens an der Aufl\u00f6sung der traditionellen erkenntnistheoretischen Fragestellungen; die im positivistisch oder neukantianisch gef\u00e4rbten Marxismus durchgehaltene Spaltung von Sein und Bewu\u00dftsein wird in einem dialektisch gefa\u00dften Verh\u00e4ltnis von Subjekt und Objekt aufgel\u00f6st. Diese nur methodisch abgrenzbare erkenntnistheoretische Frage lie\u00dfe sich vielleicht auf die in &#8222;Geschichte und KIassenbewu\u00dftsein&#8220; schon ansetzende Kritik der Abbildtheorie konzentrieren.<\/p>\n<p>Zweitens zeigt sich die Historisierung der Dialektik in der geschichtlichen und politischen Vermittlung von Theorie und Praxis, in der Relevanz der Organisationsfrage: das alles f\u00e4llt unter den Titel der gesellschaftlich-praktischen Bedeutung des Lukacsschen Totalit\u00e4tsbegriffs.<\/p>\n<p>Ein dritter Komplex w\u00e4re die &#8222;Natur&#8220; als gesellschaftliche Kategorie, also die Kritik der &#8222;Naturgesetzlichkeit&#8220;, die Einsicht in den Funktionswechsel des Begriffs von Naturgesetz <a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>. Hier liesse sich die Diskussion an der Frage der Naturdialektik festmachen.<\/p>\n<p>Und jetzt weiter: Was in Euren Beitr\u00e4gen an kritischen \u00c4usserungen laut geworden ist, etwa unter den Stichworten Eschatologismus, \u00dcberspitzung des subjektiven Faktors in der Geschichte, Totalisierung einer spezifischen Revolution, das l\u00e4sst sich &#8211; meine ich &#8211; unter ideologiekritischen Gesichtspunkten einheitlich begreifen. Ausgehen m\u00fcssen wir von der geschichtlichen Konstellation, die schon aufgezeigt wurde: Oktoberrevolution mit all ihren Totalisierungsanspr\u00fcchen bei Lenin und in der Komintern, R\u00fcckschlag der revolution\u00e4ren Bewegung im \u00fcbrigen Europa, Stabilisierungstendenzen in Sowjetrussland. Auf die Probleme, die sich aus diesem einsetzenden Stillstand der Weltrevolution ergeben, gibt der linkskommunistische Hegelianer Lukacs seine Antwort in der Theorie vom zugerechneten Klassenbewusstsein, die den Kern der Lukacsschen Revolutionstheorie bildet. Gerade an dieser Theorie sind die idealistischen und subjektivistischen Momente von &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; sichtbar zu machen. Denn in der spekulativen Konstruktion des zugerechneten Klassenbewu\u00dftseins, ich w\u00fcrde fast sagen, in dieser Flucht in die Spekulation, sucht Lukacs eine geschichtsphilosophische Garantie daf\u00fcr, da\u00df der Stillstand der Revolution eine tempor\u00e4re bewu\u00dftseinsm\u00e4ssige Erscheinung ist, da\u00df die Leninistische Partei als Tr\u00e4gerin des Klassenbewu\u00dftseins das Proletariat aus dieser &#8222;ideologischen Krise&#8220; herausf\u00fchren wird.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Ich m\u00f6chte noch einmal ankn\u00fcpften und beziehe mich dann auch auf das, was Genosse Cerutti gesagt hat, an den von Oskar Negt ausgef\u00fchrten Identit\u00e4tszwang, den die Oktoberrevolution gesetzt hat. Wenn wir kl\u00e4ren wollen, was eine falsche Verallgemeinerung einer besonderen Revolution ist, . . . Negt hat gesagt, da\u00df das sowohl zu Ontologisierung wie zum Subjektivismus gef\u00fchrt hat. Pr\u00e4zisiert man diesen Gesichtspunkt, so bedeutet das, da\u00df sich aus den Revolutionsnotwendigkeiten in hochindustrialisierten kapitalistischen L\u00e4ndern spezifische Subjektivit\u00e4tskategorien ergeben; weil n\u00e4mlich emanzipative Bildungsprozesse selbst unter starken wirtschaftlichen Krisensituationen auf dem Horizont hochzivilisierter Bed\u00fcrfnisbefriedigung einen ganz anderen Stellenwert haben als unter den Bedingungen unmittelbaren materiellen Elends und physischer Gewalt in einem Land, das aufgrund der Tatsache, da\u00df es die urspr\u00fcngliche Akkumulation noch nicht voll durchlaufen hat, eine absolutistische Zwangsgewalt institutionalisiert hat. Anders gesagt: Die Aktualit\u00e4t von Lukacs &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; auch f\u00fcr deren Rezeption in den politischen Protestbewegungen Westeuropas liegt in der Aufdeckung der durch die Zweite Internationale versch\u00fctteten emanzipativen Subjektivit\u00e4tsdimension des Marxismus. Der Identifikationszwang mit dem Bezugsrahmen der Oktoberrevolution wirkt sich nun so aus, da\u00df diese Subjektivit\u00e4tskategorien an sich selber ontologisiert werden. Das bezeichnet die oben genannte Widerspr\u00fcchlichkeit, und das m\u00f6chte ich ganz kurz noch konkretisieren an der Diskussion der Organisationsfrage, wie sie Lukacs versteht.<\/p>\n<p>Die Totalit\u00e4tskategorie entfaltet sich, wenn man so will, in drei Momenten: KIassenbewu\u00dftsein, Organisation und Warenform des Produkts auf der Basis der zweiten Natur, d.h. der Verdinglichung aller gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse und der Subjektivierung der objektiven Arbeitsbedingungen, der Produktionsmittel. In die Eigentums-, Distributions- und Produktionskategorien wird wieder dieses Marxsche Moment der Verdinglichung aller gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse und der Subjektivierung der Produktionsmittel in der Gesamtheit des Kapitals eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Nun kann man an der Organisationstheorie sehen, da\u00df Lukacs versucht, die Kritik der politischen \u00d6konomie als Lehre von den Naturgesetzen der kapitalistischen Entwicklung und das hei\u00dft immer: als Ideologienkritik der Verdinglichung auf die Organisationsdebatte selber anzuwenden. Ich meine aber, da\u00df mit demselben theoretischen Instrumentarium, mit dem er hier eine richtige Problemstellung entfaltet, die Explikation der Emanzipationskategorien als historisch-praktischer zugleich blockiert. Lukacs begreift Organisation auf zwei Vermittlungsebenen: Erstens auf einer erkenntnistheoretischen Ebene, n\u00e4mlich Organisation als Form der Vermittlung von Theorie und Praxis, was eine revolutionstheoretische Konkretisierung der zweiten Feuerbachthese bedeutet; zweitens auf geschichtsphilosophischer Ebene, Organisation als Antizipation des Reichs der Freiheit in der kommunistischen Partei des politischen Kampfes selber. In beide richtigen Vermittlungsprobleme gehen meiner Ansicht nach hier zwei entscheidende Ahistorisierungen ein. Organisation als Form der Vermittlung &#8211; und das f\u00fchrt auch zur\u00fcck auf den Zusammenhang von Klassenbewu\u00dftsein und juristischen Zurechnungsbegriffen &#8211; Organisation als Form der Vermittlung von Theorie und Praxis wird nicht im Rahmen des Totalit\u00e4tsbegriffes mehr behandelt, sondern f\u00e4llt zur\u00fcck in eine undurchschaute Transzendentalit\u00e4t. Anders gesagt: In der erkenntnistheoretischen Bestimmung hat Organisation als Form der Vermittlung von Theorie und Praxis e r s t e n s zu leisten, die im Bereich der subjektiven Doxa verbleibende Theorie zur Objektivit\u00e4t der politischen Wahrheit im Richtungskampf verbindlich zu pr\u00e4zisieren; z w e i t e n s die Organisation konstituiert die chaotische Mannigfaltikeit von nicht-organisierten Aktionen zur Einheit der politischen Praxis. Dabei gehen Momente ein, die es nahe legen, da\u00df in der Lukacsschen Bestimmung der Organisation als Vermittlungsform von Theorie und Praxis diese Vermittlung behandelt wird wie die urspr\u00fcnglich-synthetische Einheit der transzendentalen Apperzeption, anders gesagt: unterstellt wird eine reine Theorie und eine reine, unorganisierte chaotische Mannigfaltigkeit der Praxis, Lukacs zufolge gibt es immer nur eine richtige Organisation oder keine. Das widerspricht seinen eigenen empirischen Entfaltungen, in der Kritik der Organisation der Zweiten Internationale, die eben falsch war, weil etwa ihre Beschl\u00fcsse \u00fcber den Krieg, die er mehrfach zitiert, keine Verbindlichkeit gewinnen konnten. Es war also eine Organisationsform, in die schlechte Momente blo\u00df subjektiver Doxa immer noch eingehen. Das f\u00e4llt durch die Maschen der Lukacsschen theoretischen Bestimmung hindurch. Hier sieht es so aus, als ob Organisation, wenn man so will, eine reine, nicht-organisierte Theorie &#8211; wobei die Frage nach falscher und richtiger Organisation gar nicht mehr gestellt werden kann &#8211; und eine reine, nicht-organisierte Praxis sowohl zur objektiven Wahrheit des politischen Richtungskampfes als auch zur objektiven Einheit einer politischen Praxis zu konstituieren h\u00e4tte. Das zweite Moment &#8211; und daran wird sich das, was ich soeben gesagt habe, konkretisieren &#8211; ist dieses, da\u00df Lukacs sehr wohl sieht, wenigstens auf spekulativer Ebene, da\u00df die Organisation des politischen Kampfes das Reich der Freiheit zu antizipieren hat. Er sagt: &#8222;Sind die menschewistischen Parteien der organisatorische Ausdruck f\u00fcr diese ideologische Krise des Proletariats, so ist die Kommunistische Partei ihrerseits die organisatorische Form f\u00fcr den bewu\u00dften Ansatz zu diesem Sprung und auf diese Weise der erste bewu\u00dfte Schritt dem Reiche der Freiheit entgegen.&#8220; <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>\u00a0Er pr\u00e4zisiert, was er unter Antizipation des Reichs der Freiheit versteht, n\u00e4mlich die Aufhebung des kommunikationslosen Egoismus der atomisierten Individuen in der kapitalistischen Gesellschaft zu einem kommunistischen Verein k\u00e4mpfender und sich selbst befreiender Menschen. Das bedeutet eine antizipierende Aufhebung der isolierenden Konsequenzen des grundlegenden Produktionsverh\u00e4ltnisses der kapitalistischen Gesellschaftsformation, n\u00e4mlich der abstrakten Arbeit. Diese Problemstellung ist richtig. Lukacs, aufgrund des bezeichneten Identifikationszwanges mit der Oktoberrevolution, ger\u00e4t nun aber in die dilemmatische Position, die klassenspezifischen Identit\u00e4tskategorien des Leninschen Parteitypus: unbedingte Zentralisation und eiserne Disziplin, unter Abstraktion von deren historischen Formbestimmungen auf die Organisation in toto generalisieren zu m\u00fcssen. Das bedeutet: Er mu\u00df unbedingte Zentralisation und eiserne Disziplin ahistorisch als Antizipation des Reichs der Freiheit rechtfertigen und ger\u00e4t damit in eine latente Verb\u00fcrgerlichung des Leninschen Parteitypus hinein. Anders gesagt, ihm zufolge nimmt jedes Mitglied der kommunistischen Organisation als Gesamtpers\u00f6nlichkeit teil am zentralistischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess der verabsolutierten Zentrale. Diese Gesamtpers\u00f6nlichkeit ist kein empirisches Individuum, sondern ein intelligibles Subjekt. Als einzelnes empirisches Individuum kann Lukacs zufolge der einzelne Proletarier nur post festum die Entscheidungen der Zentrale nachvollziehen. Anders gesagt, das intelligible Subjekt der kommunistischen Gesamtpers\u00f6nlichkeit ist gleichsam ein kommunistischer Citoyen, der an den Entscheidungen der Zentrale, die ein kommunistischer volont\u00e9 g\u00e9n\u00e9ral ist, teilnimmt. Als empirisches Individuum ist er ein kommunistischer Bourgeois, der gleichsam immer diesen Entscheidungen unterworfen ist, und erst post festum zur Einsicht in die Notwendigkeit dieser Entscheidungen, psychologisch gleichsam, kommen kann.<\/p>\n<p>Der Zentrale wohnt gleichsam der Blochsche Geist der Utopie inne und was Lukacs an Rosa Luxemburg kritisiert, reproduziert sich bei ihm auf einer anderen Stufe. Er sagt: Rosa Luxemburgs Emanzipationskategorie der Spontaneit\u00e4t ist affiziert von den Momenten mechanistischer Naturw\u00fcchsigkeit, wie sie sich in Interpretationen und Praxis der Zweiten Internationale eingeschlichen haben. Anders gesagt, in Rosa Luxemburgs Spontaneit\u00e4tsbegriff der mechanistischen Entstehung des Klassenbewu\u00dftseins aus dem Klassenkampf geht noch nicht ein, da\u00df sich w\u00e4hrend des revolution\u00e4ren Klassenkampfs eine allm\u00e4hliche Aufhebung der sch\u00e4bigen materialistischen Doktrin der kapitalistischen Realit\u00e4t, da\u00df n\u00e4mlich das Sein das Bewu\u00dftsein bestimmt, nicht umgekehrt, da\u00df sich das w\u00e4hrend des Klassenkampfes allm\u00e4hlich herstellen mu\u00df; da\u00df also in die kommunistische Organisation immer Momente des Entrinnens aus dieser Naturw\u00fcchsigkeit eingehen m\u00fcssen, und mit Bewu\u00dftsein Geschichte machen, das wird bei Lukacs im Grunde genommen wiederum revoziert, letztinstanzlich, weil er die Rosa Luxemburgsche Spontaneit\u00e4tskategorie gleichsam verschmilzt und rationalisiert in den Kategorien der Leninschen Zentrale und Disziplin; so kommt es dazu, da\u00df er davon abstrahiert, da\u00df die historischen Formbestimmungen und Idendit\u00e4tskategorien der proletarischen Klasse in Russland &#8211; unbedingte Zentralisation und eiserne Disziplin -Kategorien aus dem Naturzustand des Kapitals sind, der urspr\u00fcngliche Akkumulation, Kategorien, in denen der demoralisierende Einbruch des die urspr\u00fcngliche Akkumulation repr\u00e4sentierenden und den unorganisierten B\u00fcrgerkrieg darstellenden warenproduzierenden Kleinb\u00fcrgertums gesichert werden soll. Es sind die Identit\u00e4tskategorien gegen das den Naturzustand des Kapitals repr\u00e4sentierende Kleinb\u00fcrgertum. Das geht bei Lukacs nicht ein, so da\u00df sich auch Momente einer Technifizierung der sozialisierenden Identit\u00e4tskategorien von unbedingter Zentralisation und eiserner Disziplin finden; diese sind bei Lenin, da er sich an der technischen Organisationsform der Fabrik orientieren mu\u00dfte, ohnehin vorhanden; denn die Organisations- und Verkehrsform der Warenproduktion war in Ru\u00dfland noch nicht ausgebildet, und die bestimmte Negation dieses Tauschverkehrs macht die Organisation des politischen Kampfes aus. Zusammenfassend meine ich: 1. da\u00df die Organisationstheorie noch auf dem Boden einer undurchschauten Transzendentalit\u00e4t steht, was das Konstitutionsverh\u00e4ltnis von Theorie und Praxis anbelangt, 2. auf dem Boden einer undurchschauten Transzendentalit\u00e4t, indem der kommunistische Proletarier in einen intelligiblen Citoyen und empirischen Bourgeois aufgespalten wird. 3. die Zentrale ist ein kommunistischer volont\u00e9 g\u00e9n\u00e9ral, der dem Weltgeist gleichsam innewohnt. Auf dem Hintergrund dieser Bestimmungen werden gewissermassen die Momente der Antizipation des Reichs der Freiheit und gerade der Emanzipation wieder unterschlagen. Lukacs liefert u.a. auch, und das ist die Dialektik in der Antizipation der Stalinismuskritik, eine spekulative Begr\u00fcndung des Satzes &#8222;Die Partei hat immer recht&#8220;, denn die volont\u00e9 g\u00e9n\u00e9rale der kommunistischen Zentrale kann sich nicht irren.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Vorhin hat Oskar Negt darauf hingewiesen, da\u00df die Betonung von Subjektivit\u00e4t bei Lukacs gleichsam antizipierend so etwas wie eine Kritik der stalinistischen Ontologie darstellt. Ebenso sehr aber &#8211; und das ist mir jetzt nach dem, was Herr Krahl gesagt hat, deutlich geworden &#8211; hat dieses Einwandern jener Spontaneit\u00e4t, die bei Rosa Luxemburg den Massen vorbehalten war, in die Struktur des Parteiapparats, also dieses Ontologisch-Werden von Subjektivit\u00e4t selber, doch weitgehend auch die nachrevolution\u00e4re offizielle Ideologie Sowjetru\u00dflands eingeleitet, die dem Inhalt nach stets \u00e4u\u00dferst objektiv gerichtet war; aber dadurch, da\u00df sie jeweils manipulativ mit der Betonung dieser oder jener Seite der Objektivit\u00e4t verbreitet wurde, dadurch war es jeweils einer kleinen Gruppe von Menschen oder gar nur einem vorbehalten, auszusprechen, was der Inhalt des jeweils als objektiv verbindlich Geltenden sei. Es ist also in diesem Vorgang des Einwanderns der Spontaneit\u00e4t in eine metaphysisch- geschichtstheologische Gr\u00f6\u00dfe: die kommunistische Partei, schon angelegt, das merkw\u00fcrdige Nebeneinander einer offiziellen, \u00e4u\u00dferst objektiv, wissenschaftlich sich gebenden Ideologie und ihrer h\u00f6chst subjektiven Handhabung. Die Objektivit\u00e4t der Inhalte, die die stalinistische Ideologie verk\u00fcndet hat, vertrug sich gut damit, da\u00df diese Objektivit\u00e4t selber von Fall zu Fall ganz anders beschaffen war, der Velleit\u00e4t(?) einiger Leute und deren Interessen vorbehalten blieb. Wir haben hier einen \u00dcbergang vom Objektivismus der Zweiten Internationale zu einem Subjektivismus und von dort wieder zu einem Objektivismus, der jetzt wiederum mit Subjektivit\u00e4t, aber der der Partei, angereichert ist. An diesem \u00dcbergang werden nicht nur kritische Elemente gegen den Stalinismus deutlich, sondern auch solche, die den Stalinismus vorwegnehmen in der Ideologie. Das ist insofern interessant, als die offiziellen Autoren der kommunistischen Partei Ru\u00dflands dieses Ma\u00df an Identit\u00e4t oder \u00c4hnlichkeit der Lukacsschen Konzeption mit dem, was sie selber damals ausarbeiteten &#8211; ich denke an Deborin und an das sp\u00e4tere Mitinsche System &#8211; gar nicht sahen.<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Wenn man von den konstitutiven Leistungen eines historischen Subjekts der Ver\u00e4nderung spricht, so ist es sicherlich nicht schwer, in der Geschichtsphilosophie von Lukacs transzendentale Elemente festzustellen; denn &#8222;Klasse&#8220;, &#8222;Klassenbewu\u00dftsein&#8220; und Partei haben ihre Funktion ja nicht nur darin, die historische Mission des Proletariats durch die politische Machtergreifung erfolgreich abzuschliessen, sondern sie sind gleichzeitig die praktisch entscheidenden Instanzen, durch die sich eine neue, die Verkehrungen des Warenfetischismus endg\u00fcltig \u00fcberwindende Gegenstandswelt konstituiert. Alfred Schmidt verwies in diesem Zusammenhang mit Recht auf den geheimen Fichteanismus von Lukacs. Was nun die Wirkungsgeschichte von &#8222;Geschichte und KIassenbewu\u00dftsein&#8220; betrifft, so ist es bezeichnend, da\u00df gerade die Neukantianer &#8211; ich denke dabei vor allem an die Rezension von Siegfried Marck &#8211; dieses Transzendentalit\u00e4tsmoment bei Lukacs \u00fcberhaupt nicht gesehen haben, obwohl ihnen doch die Konstitutionsproblematik von Kant her bekannt sein m\u00fcsste; sie konzentrieren ihre Argumente gegen &#8222;Geschichte und KIassenbewu\u00dftsein&#8220; im Gegenteil fast ausschlie\u00dflich auf die Wiederkehr des absoluten Idealismus Hegelscher Provenienz; dabei ignorieren sie vollst\u00e4ndig die intellektuelle Biographie von Lukacs, seine Herkunft aus dem Neukantianismus von Rickert und Lask, f\u00fcr die sich noch deutliche Spuren finden. Demgegen\u00fcber hat die Kritik der Marx-Orthodoxie, obwohl sie den absoluten Idealismus nicht vergi\u00dft, mit Nachdruck auf den impliziten Kantianismus, vor allem unter stereotyper Verwendung des Topos vom Agnostizismus, verwiesen; meines Wissens geht nur Rudas dar\u00fcber hinaus, indem er zeigt, dass f\u00fcr Lukacs Klassenbewu\u00dftsein im Grunde ein blo\u00dfes Zurechnungsproblem ist &#8211; erkenntnistheoretisch also ein Relikt aus der juristischen Denkweise Max Webers und der Wertphilosophie Rickerts.<\/p>\n<p>Aber diese gegens\u00e4tzlichen Ansatzpunkte der Kritik an &#8222;Geschichte und KIassenbewu\u00dftsein&#8220; bringen nur einen Widerspruch dieses Buches selber zum Ausdruck. Lukacs hat dieses Werk nachtr\u00e4glich als Stufe seiner individuellen Bildungsgeschichte verstanden, als seinen Weg zu Marx &#8211; aber das philosophisch ungekl\u00e4rte Verh\u00e4ltnis zwischen Kant und Hegel, das er auf einem vergleichbaren spekulativen Niveau auch sp\u00e4ter nicht mehr thematisiert hat, hat ihn offenbar daran gehindert, seine Marxinterpretation vollst\u00e4ndig vom Hegelianischen Objektivismus zu befreien; selbst was als kantianisch an seinem Buch gelten kann, hat sich zu einer blo\u00dfen Best\u00e4tigung dieses Objektivismus verkehrt; denn die von Hans J\u00fcrgen Krahl erw\u00e4hnte Transzendentalit\u00e4t zeigt sich theoretisch wie praktisch am folgenreichsten in einem Chorismos, in dem Bruch zwischen den wirklichen, empirischen Subjekten, ohne deren aktive Beteiligung auch geschichtlich relevantes Handeln unm\u00f6glich w\u00e4re, und jener nicht-empirischen, die Einheit des revolution\u00e4ren Prozesses stiftenden Subjektivit\u00e4t, die sich in einer Klasse oder Partei verk\u00f6rpert, der wirksamen Kontrolle der empirischen Individuen jedoch entzogen ist. F\u00fcr Lukacs sind deren Vorstellungen und Handlungen der empirischen Subjekte im Grunde kontingent, zuf\u00e4llig, beschr\u00e4nkt auf die zwei typischen Handlungsformen einer entfremdeten Spontaneit\u00e4t und des verdinglichten Fatalismus. Die Funktion der transzendentalen Subjektspaltung wird hier ganz deutlich; Lukacs kann nur dadurch, da\u00df er das Klassensubjekt von den empirischen Individuen abtrennt, eine zwingende Logik des Geschichtsprozesses konstruieren, die gegen Br\u00fcche, Katastrophen, sinnlose Vernichtung abgesichert ist. Wenn man hier also von einer transzendentalen Komponente in &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; spricht, so wird sie schlie\u00dflich doch von der Prozessualisierung der Geschichte erfa\u00dft und einem objektivistischen Geschichtsverlauf untergeordnet, den sie eigentlich aufsprengen sollte.<\/p>\n<p><strong>C l a u s s e n:<\/strong>\u00a0In diesen Zusammenhang geh\u00f6rt meines Erachtens Lukacs&#8216; Vorstellung, die bis heute in dem Streit verdinglicht wiederkehrt, welches die &#8222;wahre Avantgardeorganisation des Proletariats&#8220; sei, da\u00df es nur eine richtige Organisation geben kann, die als einzige der parteiliche Tr\u00e4ger der revolution\u00e4ren Theorie des Proletariats ist.<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Warum gibt es aber nur diesen einen Organisationstyp? Offenbar doch deshalb, weil Lukacs organisationspraktisch ausschlie\u00dflich in Kategorien des Erfolgs denkt. In gewisser Weise ist es f\u00fcr alle nachrevolution\u00e4ren marxistischen Theoretiker charakteristisch, da\u00df f\u00fcr sie die leninistische Parteiorganisation Modell jeder m\u00f6glichen revolution\u00e4ren Partei ist, weil sie sich als einzige durch revolution\u00e4ren Erfolg bew\u00e4hrte. Die leninistische Version des Marxismus ist geradezu dadurch gekennzeichnet, da\u00df die Reflexion auf die historische Bedingtheit dieser Parteiorganisation, die im \u00dcbrigen sehr bald eine grundlegende Wandlung von der Kaderpartei zur Massenpartei durchmachte, tabuiert ist.<\/p>\n<p><strong>C l a u s s e n:<\/strong>\u00a0Gehen wir zur\u00fcck zur Zweiten Internationale, innerhalb derer die russischen Marxisten gearbeitet haben. Lenins permanenter Kampf galt der &#8222;Wiederherstellung des Marxismus&#8220;: mit organisationspraktischen Konsequenzen wurde zun\u00e4chst der Kampf in der russischen Sozialdemokratie gef\u00fchrt, indem der Marxismus, in Herzens Formulierung als einer &#8222;Algebra der Revolution&#8220; auf die spezifischen Verh\u00e4ltnisse eines Landes angewandt wurde. Doch zugleich wurde diese Auseinandersetzung international ausgetragen, wenn man an die Organisationsdebatte <a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>\u00a0denkt, unter dem Postulat einer internationalen Einheit der marxistischen Theorie. Mir scheint, da\u00df Rosa Luxemburg, um die Erfahrungen der russischen Revolution von 1905 f\u00fcr die deutsche Sozialdemokratie auszuwerten <a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>, die spezifischen Probleme Ru\u00dflands \u00fcbergangen hat. Lenin ging zwar ebenso von der Annahme aus, da\u00df die Entwicklung des Kapitalismus in Ru\u00dfland unvermeidlich sei, aber seine besondere Leistung war es, die Unvermeidlichkeit des Kapitalismus zugleich in der Ungleichzeitigkeit der Entwicklung in einem gegen\u00fcber Westeuropa zur\u00fcckgebliebenen Land zu begreifen. Mir scheint, da\u00df Rosa Luxemburgs Vorstellung einer &#8222;rein proletarischen Revolution&#8220; bei Lukacs sich auf der Ebene von Klassenbewu\u00dftsein und Organisationsfrage wieder durchsetzt. Indem er darauf verzichtet, die Ungleichzeitigkeiten im Bewu\u00dftsein des Proletariats zu analysieren, Regressivit\u00e4t wie Progressivit\u00e4t im empirisch daseienden Arbeiterbewu\u00dftsein, entsteht ein abgetrenntes theoretisches Klassenbewu\u00dftsein als festgelegte Gr\u00f6\u00dfe, das durch die Praxis des Klassenkampfes nicht mehr korrigiert werden kann. Daraus ergeben sich dann garantierte Ableitungsverh\u00e4ltnisse von Entwicklung des Kapitalismus, revolution\u00e4rer Theorie, Klassenbewu\u00dftsein und proletarischer Organisation.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Ich m\u00f6chte noch einmal zur\u00fcckkommen auf das, was von Herrn Krahl \u00fcber den R\u00fcckfall in erkenntnistheoretischen Idealismus gesagt worden ist. Es ist so, da\u00df Lukacs gerade dadurch, da\u00df er die Universalit\u00e4t der G\u00fcltigkeit der Warenform f\u00fcr s\u00e4mtliche Weisen der Erfahrung von Gegenst\u00e4ndlichkeit in der kapitalistischen Epoche herausgearbeitet hat, gleichsam die Kant selber unbewu\u00dfte materialistische Wahrheit des Gedankens, da\u00df das von uns als empirischen Individuen unmittelbar Erfahrene immer schon pr\u00e4formiert ist durch ein Ganzes \u00fcberindividueller Funktionen; da\u00df er diese erkenntnistheoretisch und f\u00fcr die Empirie im weitesten Sinne g\u00fcltige Einsicht dann auf das Verh\u00e4ltnis von Masse und Partei extrapoliert hat. Das scheint mir mehr der Mangel zu sein, als da\u00df er in der Wiederaufnahme der Problematik subjektiver Pr\u00e4formiertheit des Objektiven gewisse Kantische Motive wieder ins Spiel bringt, die ja per se nicht falsch sind, nur eben unter den spezifisch ideologischen und materiellen Bedingungen des aufsteigenden B\u00fcrgertums formuliert worden waren &#8211; was unterm Titel der &#8222;Antinomien des b\u00fcrgerlichen Denkens&#8220; in &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; ausgesprochen ist. Immerhin ist Lukacs einer der ersten gewesen, der die Fragestellungen des deutschen Idealismus von Kant \u00fcber Fichte zu Hegel nicht rein immanent problemgeschichtlich interpretiert hat, sondern hier wesentliche Etappen des Bewu\u00dftseins der aufsteigenden B\u00fcrgerklasse selbst gesehen und aufgedeckt hat, da\u00df unter der Form h\u00f6chst abstrakter, transzendentallogischer Erw\u00e4gungen sehr reale Fragen ausgefochten wurden. Das sollten wir bei unserer Kritik nicht ganz unter den Tisch fallen lassen.<\/p>\n<p>Es ist eben ungemein schwer, wenn wir \u00fcber diesen R\u00fcckgriff auf Subjektivit\u00e4t bei Lukacs sprechen, von Fall zu Fall das Fragw\u00fcrdige und das Akzeptable daran gegeneinander abzuw\u00e4gen. Was mir beim damaligen Lukacs nicht geleistet scheint in der Neuformulierung von Subjektivit\u00e4t, ist dasjenige, was Marx bereits geleistet im Begriff der &#8222;gegenst\u00e4ndlichen T\u00e4tigkeit&#8220;: da\u00df der Mensch es als Naturgegenstand selber mit Gegenst\u00e4nden zu tun hat, die an sich existieren, deren An-sich aber erst in dem Ma\u00dfe wirklich formulierbar, aussprechbar wird, wie dieses An-sich zu einem F\u00fcr-uns geworden ist. Und hier war der junge Marx, der ja nicht zuletzt durch Lukacs ins Spiel gekommen ist &#8211; auch dieses historische Verdienst ist anzumerken &#8211; streckenweise schon weiter als der Versuch, unter den Bedingungen der fr\u00fchen zwanziger Jahre diese Fragen neu aufzurollen.<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Die Frage nach der Struktur des Klassenbewu\u00dftseins bei Lukacs bedarf noch in einem anderen Zusammenhang, n\u00e4mlich dem der Kategorie der objektiven M\u00f6glichkeit, einer weiterf\u00fchrenden Er\u00f6rterung. Objektive M\u00f6glichkeit ist eine geschichtsphilosophische, nicht-empirische Kategorie &#8211; empirisch allenfalls in dem Sinne, wie Marx die abstrakte Arbeit als Kategorie der Realit\u00e4t bezeichnet. Klassenbewu\u00dftsein bezeichnet jene Erkenntnis des Geschichtsprozesses, die man haben w\u00fcrde, wenn man die Klassenlage und die historische Mission des Proletariats ad\u00e4quat erkannt h\u00e4tte. In dem Ma\u00dfe aber, wie die empirischen Subjekte selber, die proletarischen Massen ebenso wie jedes einzelne, in den Klassenkampf verwickelte Individuum, in diesen Geschichtsprozess aktiv eingreifen, mu\u00df sich das in der Erkenntnis der objektiven M\u00f6glichkeit einer Gesellschaft begr\u00fcndete Klassenbewu\u00dftsein zwangsl\u00e4ufig materialisieren. Der einzelne wird historisch handelndes Subjekt, indem er seine gegen\u00fcber den Klasseninteressen blo\u00df zuf\u00e4llige Existenzweise aufgibt. Er ist wie Marx sagt, Klassenindividuum. Eine solche Vermittlung zwischen Allgemeinem und Individuellem h\u00e4tte weitreichende Folgen auch f\u00fcr den Organisationsbegriff, die Lukacs offenbar abzuwehren versucht. Wenn n\u00e4mlich empirische Subjekte nicht nur mehr oder weniger bewu\u00dfte Tr\u00e4ger des Klassenkampfes, sondern auch jenes Erkenntnisprozesses sind, in dem die geschichtlichen Entwicklungstendenzen reflektiert und Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr historisch bedeutsames und geschichtlich zuf\u00e4lliges Handeln festgelegt werden, so entspringt es einer dogmatischen und irrationalen Entscheidung, die Verdinglichungsproblematik nicht auch auf die Parteiorganisation anzuwenden. Lukacs f\u00fchrt, da in bezug auf das Proletariat nur die Individuen mit einbezogen werden, die Verdinglichungsproblematik nicht \u00fcber den Horizont der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft und des b\u00fcrgerlichen Bewu\u00dftseins hinaus. So immunisiert er &#8211; und das entspricht genau der bereits diskutierten transzendentalen Subjektspaltung &#8211; die historisch einzig legitimierte Instanz der Vermittlung von Theorie und Praxis, n\u00e4mlich die Parteiorganisation, gegen jede M\u00f6glichkeit von kollektiven Irrt\u00fcmern; diese k\u00f6nnen allenfalls Einzelpersonen zugeschrieben werden. Man sieht, wie gering hier der Schritt zu der durch die stalinistische Formel vom Personenkult gepr\u00e4gten Entstalinisierung ist. Indem Lukacs das Problem der B\u00fcrokratisierung unterschl\u00e4gt, begibt er sich aller ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Erkenntnismittel, die Bedingungen der Entfernung der geschichtlichen Instanz der Entscheidungen von den Bed\u00fcrfnissen der Massen historisch-materialistisch zu begreifen.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Die im Hegelschen Sinn als eine Art metaphysischen Proze\u00df genommen wird, wodurch dann auch das Proletariat einerseits \u00fcberhaupt nichts zu sagen hat &#8211; alle Weisheit kommt von den oberen Instanzen &#8211; andererseits aber zum absoluten Subjekt-Objekt der Weltgeschichte gemacht wird. Eine Wiederaufnahme Hegels, der ja sagt, da\u00df das Allgemeine blo\u00df im Besonderen, im Einzelnen sich verk\u00f6rpert, das dann aber gar nicht wirklich ber\u00fccksichtigt oder geehrt wird, insofern n\u00e4mlich nicht, als das Einzelne blo\u00df in seinem Untergang als dieses Einzelne den Fortgang des Allgemeinen garantiert. Es ist einerseits alles, andererseits nichts. Wir m\u00fcssen sehen: hier ist Hegel zu unbesehen dem Marxismus \u00fcbergest\u00fclpt worden, und die richtige Einsicht hinsichtlich der szientistischen Verzerrungen der Theorie w\u00e4hrend der Zweiten Internationale f\u00fchrt wieder zu einer &#8222;Verphilosophierung&#8220;, das hei\u00dft hinter Marx zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Ich habe da aber noch so ein bisschen Widerspruch. Das ist mir zu schnell gegangen, wie der Transzentalit\u00e4tsvorwurf behandelt wird. Da mu\u00df man, glaube ich, noch einmal darauf eingehen. Negt hat also richtig gesagt &#8211; so habe ich ihn verstanden &#8211; da\u00df die empirisch handelnden Subjekte im Verkehrszusammenhang der kommunistischen Organisation historisch handelnde Subjekte sind.<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Nur hier, nur hier, und zwar nur in dem Augenblick, wo sie den Entscheidungen der Organisationsinstanzen nicht widersprechen, sondern wo sie diese gewisserma\u00dfen in Gestalt der subjektiven Einsicht in die Notwendigkeit ad\u00e4quat zum Ausdruck bringen. Nur dadurch sind auch ihre Handlungen bewu\u00dft historische Handlungen &#8230; (Krahl: post festum begreifen?) Ja, post festum begreifen. Nehmen wir an, ein Beschlu\u00df der Partei wird als historischer Beschlu\u00df verstanden, und jeder Beschlu\u00df ist ein historischer Beschlu\u00df, dann gilt es f\u00fcr den einzelnen Proletarier nicht, zu r\u00e4sonnieren \u00fcber die historische Legitimation dieses Beschlusses, sondern er hat diesen Beschlu\u00df als einen historisch notwendigen einzusehen. Nur dann handelt er als geschichtsbewu\u00dftes Individuum. Lehnt er den Beschlu\u00df ab, handelt aber danach, dann ist er nach Lukacs &#8211; es gibt da sogar einige Stellen in &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; &#8211; im Grunde ein blind agierendes Subjekt.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Ja, nun m\u00f6chte ich noch einmal genau auf dieses Verh\u00e4ltnis von empirischen Subjekten und dem Totalit\u00e4tsbegriff eingehen. Man mu\u00df ja zun\u00e4chst einmal sagen, da\u00df, wenn wir den Idealismusvorwurf an Lukacs richten, das historisch eine geradezu umgekehrte Bedeutung hat wie der Idealismusvorwurf, den Deborin, Rudas usw. erhoben haben. Diese haben aufgrund des praktischen Industrialisierungsterrors nach der Oktoberrevolution in Ru\u00dfland und aufgrund der daraus folgenden theoretischen Ontologisierungszw\u00e4ngen den Idealismusvorwurf zur Abwehr von Emanzipationsargumenten vorgetragen, w\u00e4hrend wir umgekehrt sagen, da\u00df es auf dem Hintergrund einer richtigen Problemstellung, im Zentrum der Totalit\u00e4tskategorie stehend, idealistische Reduktionen bei Lukacs gibt, die die Entfaltung der Emanzipationskategorien als historisch-praktischer Kategorien verhindert haben. Und jetzt w\u00fcrde ich im Hinblick auf den Totalit\u00e4tsbegriff fragen: Wenn aus dem Totalit\u00e4tsbegriff in zum Teil schroffer Trennung die empirischen Momente herausfallen, dann begreift Lukacs &#8211; und das ist meiner Ansicht nach das zentrale dabei &#8211; Klassenbewu\u00dftsein nicht als parteiliches Totalit\u00e4tsbewu\u00dftsein. Anders gesagt: Materialistische Empirie ist gebunden, das macht ihren qualitativen Charakter aus, wenn Marx und Engels schreiben, da\u00df sie mit den empirischen Voraussetzungen des Geschichtsprozesses beginnen &#8211; Materialistische Empirie ist gebunden an den Produktionszusammenhang der konkreten Arbeit, n\u00e4mlich Gebrauchswerten, Bed\u00fcrfnissen und Interessen. Die Kategorien der Theorie konstituieren sich hingegen aus dem Produktionszusammenhang abstrakter Arbeit, n\u00e4mlich Warenform, Mehrwert und Akkumulation, Verdinglichung, Ausbeutung und Krise. Meiner Ansicht nach liegt in diesem materialistischen Empiriebegriff, der gebunden ist an die Produktion von Gebrauchswerten, die Reproduktion von Bed\u00fcrfnissen, und die Erzeugung von Interessen genau das Moment von Parteilichkeit. Das f\u00e4llt meiner Ansicht nach bei Lukacs heraus. Das bedeutet: hier wird dann bestimmte Negation \u00fcber abstrakte Negation zur\u00fcckgenommen. Totalit\u00e4t auch in der Kategorie der Warenform meint immer, da\u00df die Momente sowohl empirisch als auch transzendent sind. Transzendentalit\u00e4t meint immer, weder positiv empirisch noch positiv transzendent, Totalit\u00e4t und Transzendentalit\u00e4t verhalten sich erkenntnistheoretisch zueinander wie bestimmte zur abstrakten Negation. Die Warenform ist eine Totalit\u00e4tskategorie, weil die Ware sowohl empirisch, als auch transzendent ist, ein &#8222;sinnlich-\u00fcbersinnliches Ding&#8220;, wie Marx sagt. Und diese Momente der Empirie fallen bei Lukacs heraus. Es gibt undurchschaute Momente eines Standpunktes des b\u00fcrgerlichen Rechts bei Lukacs. Die Zurechnungskategorie ist die juristische Form der Pr\u00e4dikation einerseits, zum anderen w\u00fcrde ich allerdings sagen &#8211; und da hat Alfred Schmidt recht gehabt, ist es nicht so, da\u00df nicht schon bei ihm eine Ideologiekritik der Transzendentalit\u00e4t angelegt w\u00e4re, da\u00df er Transzendentalit\u00e4t als in der Warenform verschleierten Gesamtarbeiter begreift, wenn auch nicht explizit.<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Ja, nur dieses Moment von Transzendentalit\u00e4t, das Hans J\u00fcrgen Krahl jetzt meint, ist von dem entsprechenden Kantischen Begriff doch mit einiger Klarheit zu unterscheiden. Denn der \u00dcbergang von der subjektiven Transzendentalit\u00e4t Kants zur objektiven der Wertform im Marxschen Kapital, den Lukacs meines Wissens als erster philosophisch entwickelt (wobei er freilich die Kantische Terminologie vermeidet), ist selber schon ein durch Hegel vermittelter \u00dcbergang; die materiale Geschichte hat ihre kontingenten Momente bereits verloren; die Alternative von Sozialismus oder Barbarei keinen systematischen Stellenwert mehr. Kontingent in diesem Sinne sind ja nicht nur die unmittelbaren Bed\u00fcrfnisse des Proletariers, mithin insgesamt die Gebrauchswertproduktion, die nach den Erkenntnissen der Kritik der politischen \u00d6konomie blo\u00dfes Anh\u00e4ngsel der Warenproduktion ist, sondern auch die ganze praktisch-kommunikative Dimension, in der die Proletarier als durch die kapitalistische Gesellschaft gepr\u00e4gte Menschen zu arbeiten und zu handeln gezwungen sind; deren individuelle Lebensgeschichte ist, da sie von der kapitalistischen Gesellschaft abh\u00e4ngt, oder, wenn man so will, unter den &#8222;transzendentalen&#8220; Bedingungen der Warenproduktion steht, mit der Entwicklungsrichtung des Gesamtproletariats keineswegs gleichzusetzen. Der Wahrnehmungs- und Denkapparat des einzelnen Proletariers ist noch an den naturw\u00fcchsigen Kreislauf einer antagonistischen, warenproduzierenden Marktgesellschaft angeschlossen (Schmidt: an die kapitalistische Unmittelbarkeit). Aber das Gesamtproletariat kann nicht mehr in diesem gesellschaftlichen Naturzusammenhang eingeschlossen sein; es mu\u00df sich als ein kollektiv handelndes Subjekt konstituieren, um jene strukturelle Abh\u00e4ngigkeit des Wahrnehmungs- und Denkapparates des einzelnen Proletariers von den Gesetzen der kapitalistischen Warenproduktion selber noch durchschaubar zu machen und dem einzelnen Proletarier praktische Kriterien an die Hand zu geben, damit er in jedem einzelnen Fall systemsprengende von systemkonformen Verhaltensweisen unterscheiden kann. Demzufolge gibt es, wenn man den Krahlschen Gedanken aufgreift, zwei Formen von &#8222;transzendentaler&#8220; Konstitution der gesellschaftlichen Gegenstandswelt, die bei Lukacs nicht auseinandergehalten werden. Auf der einen Seite die Ebene des individuellen Proletariers, der in seinen Vorstellungen, seiner Sprache, ja seiner Spontaneit\u00e4t heteronomen Gesetzen der kapitalistischen Produktions- und Verkehrsform unterworfen ist. Auf der anderen Seite sind es die Konstitutionsleistungen einer Einheit stiftenden Organisation, die als Gesamtarbeiter die kommende Gesellschaft vorausnimmt und sie der Funktion eines kollektiven transzendentalen Subjekts bereits unter kapitalistischen Gesamtbedingungen die Gegenstandswelt so umstrukturiert, da\u00df die kontingenten Verhaltensweisen im Proletariat nach und nach eliminiert werden; das bedeutet aber nichts anderes als die Notwendigkeit einer grundlegenden Ver\u00e4nderung der Bed\u00fcrfnisstrukturen &#8211; eine Ver\u00e4nderung, auf welche die revolution\u00e4re Hoffnung der Theorie Marcuses gegr\u00fcndet ist.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Ich glaube, die Kontroverse von Herrn Krahl und Herrn Negt lie\u00dfe sich daran noch verdeutlichen, da\u00df wir darauf hinweisen, da\u00df das Ausfallen des im engeren Sinn Materiellen nicht nur ein innertheoretisches Versagen von Lukacs ist, sondern ein Wesensmerkmal der kapitalistischen Gesellschaft selber. Gerade Lukacs weist in dem von uns diskutierten Buch darauf hin, da\u00df in der Krisensituation mit einem Schlag der drau\u00dfen gehaltene Gebrauchswert, das Menschlich-Qualitative, f\u00fcr das Fortexistieren oder den Untergang des Systems essentiell wird. Wir haben zweierlei zu unterscheiden: Wo handelt es sich innertheoretisch bei Lukacs um ein Abr\u00fccken vom Materialismus: Gebrauchswertproduktion und deren menschliche Attribute, wo geht es um die Marxsche Einsicht, da\u00df der Kapitalismus das tats\u00e4chlich so macht. Die Schwierigkeiten sind gro\u00df, weil diese beiden Ebenen sich in unserer Diskussion notwendig stets durchdringen und nicht s\u00e4uberlich voneinander zu unterscheiden sind. In dem Ma\u00dfe, wie der Kapitalismus so verf\u00e4hrt, ist es richtig, wenn die \u00f6konomische Analyse seiner Totalit\u00e4t nicht besser ist als das, was den Leuten in ihr geschieht. Es mu\u00df aber im Nachhinein wieder deutlich werden, da\u00df es ohne die Akteure &#8211; und Negt will hier in Bezug auf das Verh\u00e4ltnis des Empirischen und des Transzendentalen darauf hinaus &#8211; ohne die empirischen, leibhaftigen Menschen, die unentwegt Gebrauchswerte erzeugen, zur Verdinglichung und Herrschaft der Form \u00fcber den Inhalt gar nicht k\u00e4me. Beides ist zu beachten, wobei es schwierig ist, auseinanderzuklauben, wo bei Lukacs ein innertheoretisches Versagen vorliegt und wo er der Marxschen Theorie folgt. Aber im Ganzen hat Krahl insofern recht, als gegen\u00fcber den Formbestimmtheiten der Waren die leibhaftigen, die ontischen Sachverhalte bei Lukacs zu blo\u00dfen Anh\u00e4ngseln werden, bei Heidegger wird das zur Norm selber: Ontologisches setzt Ontisches. Bei Lukacs ist immerhin das Bewu\u00dftsein davon noch vorhanden, da\u00df das Ontologische eigentlich sekund\u00e4r ist und da\u00df die ontischen Sachverhalte prim\u00e4r sind.<\/p>\n<p><strong>C e r u t t i:<\/strong>\u00a0Ich wollte nur kl\u00e4rend ein paar Worte zu dem sagen, was Oskar Negt gesagt hat. Ich meine, Kontingenz begreift Lukacs nur als Unmittelbarkeit, d, h, als naturgesetzliche Anarchie der kapitalistischen Warenproduktion (Schmidt: Erscheinungsform der Notwendigkeit). Das ist &#8211; in der Sprache der &#8222;Theorie des Romans&#8220; <a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>\u00a0&#8211; die Welt der &#8222;vollendeten S\u00fcndhaftigkeit&#8220;. Unmittelbarkeit ist nun, wie Lukacs an einer Stelle im Verdinglichungsaufsatz sagt <a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>, gemeinsamer Ausgangspunkt f\u00fcr den Proletarier sowie f\u00fcr den Kapitalisten. D, h, der empirische Einzelproletarier kann nur ein konterrevolution\u00e4res Bewu\u00dftsein haben, er bleibt seinem partikularen Interesse, also dem Opportunismus verfallen. Von der kapitalistischen Unmittelbarkeit kann sich nur das Proletariat in seinem Klassenbewu\u00dftsein, als transzendentales, konstruiertes Gesamtsubjekt absetzen. Nur der Standpunkt der Totalit\u00e4t ist revolution\u00e4r.<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0In diesem Zusammenhang noch einige Worte zu dem, was Hans J\u00fcrgen Krahl gesagt hat. Wichtig scheint mir auch Lukacs&#8216; Bestimmung des Verh\u00e4ltnisses zwischen dem Totalit\u00e4tsbegriff und dem Klassenbewu\u00dftsein zu sein. Klassenbewu\u00dftsein ist nicht als Bewu\u00dftsein einer einzelnen Klassenlage zu verstehen. Lukacs betont gerade &#8211; und ich meine, das ist eine sehr wichtige Charakterisierung des Klassenbewu\u00dftseins -, da\u00df sich Klassenbewu\u00dftsein nicht nur im praktischen Klassenkampf, sondern gleichzeitig im Begreifen der Totalit\u00e4t einer Gesellschaft bilde.<\/p>\n<p>So vermag zum Beispiel die b\u00fcrgerliche Klasse ein Klassenbewu\u00dftsein nur in jener Phase zu entwickeln, in der sie noch f\u00e4hig und bereit ist, die b\u00fcrgerliche Ordnung als eine von der vorausgehenden Gesellschaftsform sich emanzipierende Totalit\u00e4t zu begreifen. (Schmidt: Unterschied von klassischer und Vulg\u00e4r\u00f6konomie; Cerutti: Nur in der aufsteigenden Phase der b\u00fcrgerlichen Klasse, danach tritt in ihrem Klassenbewu\u00dftsein ein Funktionswechsel &#8211; von emanzipativ zu verschleiernd, totalit\u00e4tslos &#8211; ein.) Sobald jedoch die b\u00fcrgerliche Klasse auch zur politischen Herrschaft gelangt und damit in ihre apologetische Phase eintritt, f\u00e4llt der Totalit\u00e4tsaspekt aus dem b\u00fcrgerlichen Klassenbewu\u00dftsein heraus, gleichzeitig beginnt das Proletariat diesen Totalit\u00e4tsaspekt im Sinne der eigenen Emanzipation zu verwenden und sich zur einzigen Klasse zu entwickeln, deren Bewu\u00dftsein mit der objektiven Richtung der historischen Entwicklungstendenz \u00fcbereinstimmt.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Weil es kritisch bezogen ist auf die Naturschranke des Kapitals, die das Kapital selber ist und sich das b\u00fcrgerliche Klassenbewu\u00dftsein insofern nicht selbst aufheben kann, sondern auf Vereinzelungen und Isolierungen in der Bewu\u00dftseinswelt des B\u00fcrgertums durch die Naturschranke des Kapitals zur\u00fcckverwiesen wird.<\/p>\n<p><strong>C e r u t t i:<\/strong>\u00a0Was Genosse Krahl eben sagte, steht im Text auf S. 74 in der Fu\u00dfnote <a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a>. Da wird die Schranke in der Entwicklung des b\u00fcrgerlichen Klassenbewu\u00dftseins \u00f6konomisch begr\u00fcndet, in dem von Rosa Luxemburg analysierten &#8222;Selbstwiderspruch einer rein kapitalistischen Gesellschaft&#8220;.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Ich habe zwei Fragen dazu: Erstens, um diesen hochabstrakten Zusammenhang etwas zu verdeutlichen, in dem wir uns ja im Augenblick bewegen, das grundlegende Produktionsverh\u00e4ltnis der kapitalistischen Gesellschaftsformation, n\u00e4mlich das gegeneinander isolierter und vereinzelter Privatarbeiter, die Warenproduzenten deshalb sind, weil sie abstrakte Arbeit leisten, zerstreut und zerfasert zugleich auch die Wahrnehmungs- und Erfahrungswelt der einzelnen proletarischen Produzenten, vor allem durch Arbeitsteilung. Das bedeutet, sie k\u00f6nnen ihre materielle Bed\u00fcrfnisstruktur und ihr subjektives Interessenbewu\u00dftsein nicht im Hinblick auf die durch die Produktion gesetzte Herrschaftstotalit\u00e4t, also im Zusammenhang von \u00f6konomischer Ausbeutung und politischer Herrschaft durchschauen. Die Organisation des politischen Kampfes leistet jetzt Lukacs zufolge insofern eine antizipatorische Aufhebung der abstrakten Arbeit, als sie ja dieses Totalit\u00e4tsbewu\u00dftsein herstellt. Wie bildet sich jetzt im Proletariat dieses Totalit\u00e4tsbewusstsein? Wie affiziert dieses Totalit\u00e4tsbewu\u00dftsein schlie\u00dflich auch die Wahrnehmungswelt des einzelnen empirischen Proletariers?<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Das Totalit\u00e4tsbewu\u00dftsein als organisiertes Bewu\u00dftsein? (Krahl: als organisiertes). Ja. Nur insoweit, als der einzelne Lohnarbeiter imstande ist, seine eigene entfremdete Existenzweise als historisch bedingt und dadurch als verg\u00e4nglich im Zusammenhang einer revolution\u00e4ren Aufhebung der kapitalistischen Produktions- und Verkehrsformen zu begreifen. Sicherlich: Marx sagt und Lukacs wiederholt es: es sind die Existenzbedingungen selber, die den Proletarier, oder sagen wir besser: das Proletariat schlie\u00dflich zwingen, eine revolution\u00e4re L\u00f6sung der gesellschaftlichen Widerspr\u00fcche anzustreben. Wer k\u00f6nnte hier aber das idealistische Element der Aufkl\u00e4rung \u00fcbersehen, wenn es wahr sein soll, da\u00df ohne Begriff von der gesellschaftlichen Totalit\u00e4t Handeln nur blind sein kann? Denn was den einzelnen Proletarier anbetrifft, so kann er eben doch nur auf einer kognitiven, intellektuellen Ebene einsehen, da\u00df diese historisch l\u00f6sbaren Aufgaben auch seine Aufgaben sind, die er als einzelnes Individuum zu l\u00f6sen hat. Ich meine, sonst w\u00e4re es kaum zu verstehen, warum von gleichen oder doch \u00e4hnlichen Interessenlagen aus die einen revisionistischen Parteien nachlaufen, die anderen sich in &#8222;gelben Gewerkschaften&#8220; organisieren (zu denen man heute getrost einen nicht unbetr\u00e4chtlichen Teil der Gewerkschaften rechnen darf), die dritten sich dagegen der Kommunistischen Partei anschlie\u00dfen oder in irgendwelchen sektiererischen Splittergruppen ihr scheinpolitisches Dasein fristen. Mit anderen Worten: die Mannigfaltigkeit der Reaktionen auf eine vorgegebene Klassenlage w\u00e4re nicht zu erkl\u00e4ren, wenn in den dialektischen Beziehungen zwischen dem empirischen, oder &#8211; wie es bei Lukacs hei\u00dft: psychologischen &#8211; Bewu\u00dftsein der Proletarier und dem KIassenbewu\u00dftsein als einem Totalit\u00e4tsbewu\u00dftsein das Moment des Nicht-Identischen, das materiell-gesellschaftliche Substrat der individuellen Lebensgeschichten, der Familienorganisation, der kollektiven Lernprozesse usw. fehlt. Klassenlage und Klassenbewu\u00dftsein sind auseinander ebenso wenig logisch deduzierbar wie ohne konkrete Vermittlungsprozesse; in diesem entscheidenden Punkt erweist sich Lukacs als ein undialektischer, mechanistischer Denker.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Also bei Lukacs sieht es offenbar so aus: Der im idealtypischen Sinne klassenbewu\u00dfte Proletarier durchschl\u00e4gt die kapitalistische Unmittelbarkeit. Er sieht: sie ist vermittelt, sie ist historisch begrenzt.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Die kapitalistische Unmittelbarkeit ist ja analytisch untrennbar von dem reinen Vermittlungsbegriff, der abstrakte Arbeit ist.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Auf dem Weg \u00fcber die \u00f6konomische Analyse wird ihm die historische Begrenztheit und Ver\u00e4nderlichkeit des Systems klar. Aber wie das nun &#8211; das ist die sozialpsychologische Frage der Zwischeninstanzen &#8211; im Einzelnen wirklich zugeht, was eigentlich bedingt, da\u00df die Leute derart mannigfaltige Wege gehen, dazu \u00e4u\u00dfert sich die Lukacssche Theorie nicht; und das h\u00e4ngt wiederum mit dem Ausfallen des Materialismus in diesem elementaren Sinn zusammen. Lukacs belehrt uns nicht dar\u00fcber, weshalb die einen zum Klassenbewu\u00dftsein gelangen, die anderen nicht.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Meine zweite Frage &#8211; und ich glaube, die f\u00fchrt uns etwas aus dieser im Rahmen h\u00f6chst abstrakter Er\u00f6rterung liegenden Diskussion heraus &#8211; ist die nach dem Kontingenzbegriff, den Lukacs von Geschichte hat. Es ist nicht der Kontingenzbegriff, den Merleau-Ponty hat, zentral gesetzt hat (Schmidt: der ist geradezu gegen diesen ersonnen). Genau, und ich wollte folgendes fragen: Ich meine, es ist doch im Folgenden zu er\u00f6rtern: Lukacs&#8216; Theorie des Bewu\u00dftseins ist ja gerichtet gegen die revisionistischen und reformistischen Auffassungen der Zweiten Internationale, die die Naturgesetze der kapitalistischen Entwicklung nicht nach Ma\u00dfgabe einer zweiten, deshalb scheinhaften, sondern nach Ma\u00dfgabe der ersten Natur so behandelten, als ob die Naturgesetze der kapitalistischen Entwicklung mit Notwendigkeit die sozialistische Gesellschaft produzieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Eine andere, gleichsam objektiv dogmatische und auf stalinistische Interpretation gehende Auffassung w\u00e4re die, da\u00df zwar auf die Revolution nicht verzichtet werden kann, aber die Revolution mit der gleichen Notwendigkeit erzeugt wird wie die Krisen. Nun sagt Lukacs, da\u00df die Krise zwar nicht mit Notwendigkeit die revolution\u00e4re Subjektivit\u00e4t des Proletariats produziert, aber die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet, da\u00df das Proletariat die Naturw\u00fcchsigkeit der kapitalistischen Gesellschaft durchschauen kann. Anders gesagt, da\u00df es die Naturgesetze kapitalistischer Arbeits- und Mehrarbeitszeit durchschaut, einfach, da\u00df es Ausbeutung durchschaut. Das soll die Krise er\u00f6ffnen k\u00f6nnen. Gleichwohl meine ich, ist in dem, was Lukacs als Krisengeschichte &#8211; und hier komme ich auf das Kontingenzproblem &#8211; bezeichnet, etwas enthalten, was bei Rosa Luxemburg angelegt ist, n\u00e4mlich eine Mythologisierung der kapitalistischen Krisengeschichte. Das auf der einen Seite. Das zweite, das kommt meiner Ansicht nach bei Lukacs auf der Bewu\u00dftseinsebene zusammen &#8211; und da sind wir dann wieder doch an diesem einen Punkt, der auch mit Transzendentalit\u00e4t und b\u00fcrgerlichen Rechtskategorien aufs engste zusammenh\u00e4ngt &#8211; einer positiven Adaption des Max Weberschen Rationalit\u00e4tsbegriffs. Wenn er davon spricht, da\u00df die Rolle des B\u00fcrgertums gleichsam tragisch ist, da\u00df die Klassenbewu\u00dftseinsgeschichte des B\u00fcrgertums eine Trag\u00f6die ist, spielt Rationalit\u00e4t als Schicksal mit hinein. Das B\u00fcrgertum hat ja, ihm zufolge, ein durchkalkuliertes Rationalit\u00e4tsbewu\u00dftsein und kann es haben; hier spielt die von Max Weber vertretene These von der Rationalit\u00e4t als Schicksal mit hinein. Anders gesagt: Die naturgesetzliche Kontingenz in der Verlaufsform der kapitalistischen Gesellschaftsformation wird in Kategorien der Rationalit\u00e4t interpretiert (Negt: bei Lukacs?). Ja, Ja. Und das zweite: Gibt es eine Dialektik der Kontingenz bei Lukacs in der kommunistischen Organisation selber? Das glaube ich nicht. Er verf\u00e4llt dem Zwang, unbedingte Disziplin an sich selber als Antizipation des Reichs der Freiheit darzustellen. Dieser von der Oktoberrevolution ausgehende Identit\u00e4tszwang eliminiert die Dialektik der Kontingenz von Disziplin und Emanzipation in der Organisation des politischen Kampfes.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Sie kann gar nicht aufkommen, weil der &#8222;Sinn&#8220; der Geschichte metaphysisch verb\u00fcrgt ist. Und das ist ganz hegelianisch. Theorie wird zum Organ dessen, was sich ohnehin mit unwiderstehlicher Gewalt realisiert.<\/p>\n<p><strong>C l a u s s e n:<\/strong>\u00a0Mit dem Eintreten des Proletariats in die Weltgeschichte ist ein ganz bestimmter Rahmen f\u00fcr die marxistische Theorie im Kapitalismus gesetzt, der die objektive M\u00f6glichkeit der proletarischen Revolution anzeigt und innerhalb des Kapitalismus keine Ver\u00e4nderung mehr erfahren wird <a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a>. D. h. die Entwicklung der Klassenk\u00e4mpfe kann h\u00f6chstens auf strategischer und taktischer Ebene die Theorie tangieren.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Die Methodologie, die Methode nicht tangieren kann &#8230;<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Ja, und merkw\u00fcrdig ent\u00f6konomisiert ist &#8211; ich glaube, auf diesen Punkt m\u00fcssen wir noch zu sprechen kommen &#8211; (Claussen: &#8230; Er verschmilzt die Kritik der politischen \u00d6konomie und den historischen Materialismus als die Geschichte der Klassenk\u00e4mpfe, vorschnell) &#8230; Das geht so mit, da\u00df er im Aufsatz \u00fcber Rosa Luxemburg sagt, entscheidend f\u00fcr den historischen Materialismus sei nicht der Primat \u00f6konomischer Sachverhalte, sondern &#8222;die Herrschaft der Kategorie der Totalit\u00e4t&#8220;. Von ihr hei\u00dft es (S. 39), sie sei &#8222;der Tr\u00e4ger des revolution\u00e4ren Prinzips in der Wissenschaft&#8220;. Hier liegt ein \u00dcberbleibsel des neukantianischen Glaubens an die Kraft der Methode vor.<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Ja, er hat ja auch in einem Fernsehinterview mit Iring Fetscher noch einmal betont, da\u00df er, wenn er heute sagen m\u00fc\u00dfte, was denn nun an Erkenntnissen aus &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; geblieben sei, vor allem sich an seine Formulierung erinnern w\u00fcrde, da\u00df die marxistische Methode richtig und g\u00fcltig sei, selbst wenn sich alle einzelnen Erkenntnisse im Marxismus als falsch erweisen sollten.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Unmaterialistischer kann man nicht argumentieren; denn woraus anders soll die Methode erwachsen als aus dem Begreifen von Einzelsachverhalten?<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Ich w\u00fcrde mehr sagen, ein Moment der Lukacsschen Theoriebildung ist die Kritik am b\u00fcrgerlichen Historismus. Das f\u00fchrt aber zu analytischen Rationalisierungen, in dem Sinne, in dem sie Marx der klassischen b\u00fcrgerlichen \u00d6konomie vorwirft und zwar bei Marx innerhalb der Dialektik von Wert und Wertform. Anders gesagt, die Form ist identisch &#8211; was jedenfalls die Theorie anbelangt &#8211; und die Inhalte haben Geschichte. Das ist ein unmaterialistisches Moment bei ihm. Die Identit\u00e4t der Methode ist ja eine Identit\u00e4t der Form. Und der Formwandel, den Marx in den Geschichtsbegriff, gerade in der Dialektik von Wertform und Wert, hineinnimmt, bleibt unber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Wobei das nicht einfach falsch ist. Die Sache ist kompliziert. Sowie man eine Kritik mit dieser Sch\u00e4rfe ausspricht, merkt man, da\u00df sie nicht ganz sitzt. Denn in der Tat kann die Unterscheidung zwischen allgemeinen, besonderen und einzelnen Sachverhalten ihr relatives Recht behaupten. Allgemein gesprochen befinden wir uns immer noch im Kapitalismus, gehen wir aber ins Besondere und Einzelne, so m\u00fcssen wir sagen, da\u00df wir es mit dem Wirksam-Werden kapitalistischer Formbestimmtheiten unter neuen und anders gearteten inhaltlichen Voraussetzungen zu tun haben. Das Einander-\u00c4u\u00dferlich-Sein von Form und Inhalt ist innerhalb gewisser Grenzen nicht falsch. Insofern kann man sagen, da\u00df unbeschadet notwendiger strategischer und taktischer \u00c4nderungen gewisse allgemein-theoretische Konzepte \u00fcber l\u00e4ngere Zeitstrecken ihren Wert behalten. Aber auch hier kann es dazu kommen, da\u00df der Primat etwa innerhalb der Subjekt-Objekt-Relation anders angesetzt werden mu\u00df; da\u00df ein inhaltlicher Wandel in einen Formwandel umschl\u00e4gt, so da\u00df also auch vom Einzelnen und Besonderen her die allgemeine Theorie ebenso modifizierbar ist wie umgekehrt.<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Ich m\u00f6chte hier noch eine Frage stellen, die ich selber nicht beantworten kann, die mir aber f\u00fcr unsere Diskussion wichtig zu sein scheint; ich meine, es findet sich bei Lukacs ein Widerspruch, von dem ich schwerlich annehmen kann, da\u00df es sich um einen blo\u00dfen Denkfehler handelt. Auf der einen Seite ist &#8222;Geschichte und KIassenbewu\u00dftsein&#8220; die philosophisch reflektierte Reaktion auf das Ausbleiben der erwarteten revolution\u00e4ren Kettenreaktion in den hochindustrialisierten L\u00e4ndern, und zwar mit dem zentralen Argument, da\u00df f\u00fcr historisch wirksame, auf revolution\u00e4re Ver\u00e4nderung gerichtete Aktionen des Proletariats nicht nur die objektive Klassenlage, sondern auch das Klassenbewu\u00dftsein konstitutiv sei. Gegen\u00fcber allen objektivistischen Theorien, die einen \u00f6konomistischen und zum Teil naturalistischen Einschlag sowohl im Kautskyanismus als auch im traditionellen Revisionismus haben, hebt Lukacs die Bedeutung des subjektiven Faktors hervor, das hei\u00dft, die Notwendigkeit der revolution\u00e4ren Bewu\u00dftseinsver\u00e4nderung des Proletariats. Auf der anderen Seite erh\u00e4lt diese Argumentation ihren historischen Stellenwert erst dadurch, da\u00df in den Begriff des Klassenbewu\u00dftseins das Bewu\u00dftsein wirklicher, handelnder Subjekte eingeht. Und die Widerspr\u00fcchlichkeit der Argumentation von Lukacs besteht nun darin, da\u00df er die die Kritik am Objektivismus motivierenden geschichtlichen Erfahrungen enthistorisiert, soweit generalisiert, da\u00df der Eindruck einer geistesgeschichtlichen Kontinuit\u00e4t seiner Fragestellungen entsteht. Das Wesentliche, die Erfahrung des Bruchs in der Erfolgstradition der Arbeiterbewegung, wird nicht auf seine theoretischen Konsequenzen gebracht. (Krahl: und zwar Erfahrungen, die sich nicht im Leninschen Parteitypus sedimentieren, sondern aus den Industrialisierungszusammenh\u00e4ngen des entwickelten Kapitalismus stammen.) Ja, weil Lukacs n\u00e4mlich von einer Stufe des gesamtgesellschaftlichen Bewu\u00dftseins ausgeht, und der Verdinglichungsaufsatz ist g\u00e4nzlich auf sie beschr\u00e4nkt, auf der Bildung, Erziehung, Aufkl\u00e4rung einen Stand erreicht haben, die ihrer Struktur nach &#8211; Comte hat das im \u00dcbrigen sehr klar erkannt &#8211; zwiesp\u00e4ltige politische Folgen haben: h\u00f6heres Bildungsniveau der Massen, formale Rechtsgleichheit, angehobener Lebensstandard, politische Beteiligungsrechte usw. haben nat\u00fcrlich nicht nur eine revolution\u00e4re Funktion, sondern sind gleichzeitig die Grundlage, auf der unter anderem auch kapitalistische Denkweisen in das Bewu\u00dftsein der Proletarier in einem h\u00f6heren Ma\u00dfe eindringen k\u00f6nnen, als in L\u00e4ndern des massenhaften Analphabetismus, wo das Proletariat oder andere Klassen, wie die Bauern in Ru\u00dfland, unter dem objektiven Zwang stehen, sich aus elementarem Elend zu befreien.<\/p>\n<p><strong>C e r u t t i:<\/strong>\u00a0Ich habe zwei Hinweise, eigentlich sind es zwei Interpretationsthesen. Zun\u00e4chst zum Verh\u00e4ltnis von Klasse und KIassenbewu\u00dftsein: in den Lukacsschen Klassenbegriff geht, wie ich meine, das Klassenbewu\u00dftsein als konstitutives Element ein. Uneingestanden zwar, denn Lukacs \u00fcbernimmt ja zun\u00e4chst die Marxsche Definition, also die \u00f6konomisch fundierte Definition der Klasse <a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a>. Aber gerade in dem Aufsatz Klassenbewu\u00dftsein l\u00e4\u00dft sich zeigen, da\u00df das geschichtlich relevante Handeln der Klassen durch ihr (zugerechnetes) Bewu\u00dftsein bestimmt wird. Das ist ein Hinweis darauf, da\u00df in &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; die Klassentheorie, \u00fcberhaupt der historische Materialismus in der Lukacsschen Interpretation \u00fcberlagert ist von einer transzendentalen Geschichtsphilosophie &#8211; ein Stichwort, unter dem sich manche unserer \u00dcberlegungen zusammenfassen lassen, ein Begriff, der in der intellektuellen Biographie Lukacs &#8218; ihre alte und lange Geschichte hat.(Die Theorie des Romans will eine Geschichtsphilosophie der Formen sein.)<\/p>\n<p>Jetzt zu der Frage: wo nimmt das Klassenbewu\u00dftsein empirische Gestalt an? Oskar Negt verlangt von Lukacs eine Antwort auf diese Frage, als w\u00e4re Lukacs eben nicht der Lukacs von 1923, sondern der Wilhelm Reich von 1934 <a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a>. Allerdings k\u00f6nnte der Lukacs von 1923 doch eine &#8211; fingierte &#8211; Antwort geben. Empirische Gestalt nimmt das KIassenbewu\u00dftsein nicht in der Klasse, sondern in der Partei an. Versucht man nun, die L\u00fccke der herausgefallenen Empirie zu schliessen und zwar so, da\u00df man verstreute Elemente der Parteitheorie Lukacs&#8216; zusammentr\u00e4gt und zu Ende denkt, dann w\u00fcrde die Antwort schlie\u00dflich lauten: empirische, oder besser: leibhaftige Gestalt nimmt das Klassenbewu\u00dftsein im Parteif\u00fchrer neuen Typus an, also im philosophisch verkl\u00e4rten Lenin der Lenin-Studie von 1924 <a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a>.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Aber eben diese Gloriole, mit der dort Lenin bereits umgeben wird, lieber Cerutti, spricht doch eigentlich f\u00fcr unsere These, da\u00df ein Klassenbewu\u00dftsein, wenn es sich in einer solchen Gestalt manifestiert, der eigentlich alles Menschlich-Empirische genommen wird, im Grunde transzendentalphilosophisch ist.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Sind die F\u00fchrer \u00fcberhaupt in dem Lukacsschen Begriff der F\u00fchrung involviert? Ist es nicht vielmehr so, da\u00df die F\u00fchrung nahezu unter Jurisdiktionskategorien nach Ma\u00dfgabe der rechtlich-praktischen Vernunft behandelt werden?<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Was meinen sie damit genau?<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Da\u00df die politische Zentrale wirklich behandelt wird wie ein Gerichtshof, um es einmal so zu sagen, und da\u00df in dieser rechtlich-praktischen Behandlung der politischen Zentrale doch die einzelnen F\u00fchrer aus der Reflexion genauso herausfallen wie die empirischen Individuen dem Klassenbewu\u00dftsein nachgestellt werden.<\/p>\n<p><strong>C e r u t t i:<\/strong>\u00a0Wenn ich das schlagwortartig berichtigen darf: nicht als Gerichtshof tritt die Parteizentrale auf, sondern als Weltgericht, auf dem weltgeschichtliche Individuen (Lenin) agieren.<\/p>\n<p><strong>C l a u s s e n:<\/strong>\u00a0Ich glaube, da\u00df ist eine falsche Problemstellung, wenn man jetzt &#8222;Methodisches zur Organisationsfrage&#8220; mit dem &#8222;Lenin&#8220;-text <a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a>\u00a0synthetisieren will.<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Dieses Problem l\u00e4\u00dft sich nicht in der \u00fcblichen Weise auf die Tendenz zur Verselbst\u00e4ndigung von F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten beschr\u00e4nken. Lukacs begreift zweifellos das Parteipr\u00e4sidium oder das Zentralkomitee als diskutierendes Kollektiv, in dem Lenin zwar eine beherrschende, aber von den vor allen akzeptierten Entscheidungsmaximen keineswegs ausgenommene Figur ist. W\u00fcrde es Lukacs anders verstehen, so w\u00e4re das in der Tat ein R\u00fcckfall in die an gro\u00dfe Pers\u00f6nlichkeiten orientierte b\u00fcrgerliche Geschichtsauffassung.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Keine Theologisierung von Individuen, sondern eine Theologisierung der kommunistischen Partei.<\/p>\n<p><strong>C e r u t t i:<\/strong>\u00a0Das meine ich im Grunde auch. Durch den R\u00fcckgriff auf das Lenin-B\u00e4ndchen wollte ich nur &#8211; heuristisch, und ein wenig boshaft &#8211; diese L\u00fccke in der Systematik schlie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Sicherlich, ich wollte diesen Gesichtspunkt auch nur erw\u00e4hnen, um daran eine aktuelle Frage anzukn\u00fcpfen. Wenn der junge Lukacs mit besonderer Intensit\u00e4t von politisch bewu\u00dften Leuten wie Dutschke und anderen gelesen wurde, so ist diese politische Aktualisierung von &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; durch die studentische Protestbewegung wenigstens der der Bundesrepublik wesentlich wohl auf diese eher in impliziten Formalisierungen enthaltene subjektive Dimension des Lukacsschen Denkens zur\u00fcckzuf\u00fchren. In dieser Rezeption dr\u00fcckt sich nicht die zuf\u00e4llige Bildungsgeschichte einzelner, sondern das bestimmende Interesse der Neuen Linken aus, eine durch die Orthodoxie des Sowjetmarxismus versch\u00fcttete subversive Tradition im Marxismus wieder zu beleben.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Ich darf dem nur in Klammern hinzuf\u00fcgen, da\u00df Lukacs sich zu jener Zeit stark mit Sorel besch\u00e4ftigt hat, also mit syndikalistischen Problemen, mit den Erfahrungen einer Fraktion der Arbeiterbewegung, die nie durch die Disziplinierung des westeurop\u00e4ischen und dann russischen Marxismus hindurchgegangen war.<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Genau. Ich sagte bereits, da\u00df vor allem diese subjektive Dimension von Rosa Luxemburg Spontaneit\u00e4tsdenken bis hin zu Sorels Mythologisierung der action directe und des Generalstreiks (Krahl: diese syndikalistischen Momente sind bei ihm ja deutlich sp\u00fcrbar; Szabo, der sein erster praktisch-politischer Lehrer in Ungarn war, hat ihm Sorel vermittelt)<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a>\u00a0die gegenw\u00e4rtige Protestbewegung motivierte, den jungen Lukacs aufs neue, und zwar in politischen Zusammenh\u00e4ngen zu diskutieren. Aber die von den Studenten sichtbar gemachten Emanzipationskategorien im Denken von Lukacs sind, wie die der gesamten marxistischen Philosophie des Vorstalinismus, in sich gebrochen. Es finden sich bereits beim fr\u00fchen Lukacs &#8211; und das mag zur Erkl\u00e4rung der sp\u00e4teren Entwicklung seiner Philosophie beitragen &#8211; Momente des stalinistischen Objektivismus, wenn auch in idealistischer Form. Meine Frage lautet also: Gibt es innertheoretische Mechanismen bei Lukacs selber, die einen solchen Objektivismus produzieren?<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Lukacs verfolgt ein doppeltes Interesse. Einerseits geht es ihm auf der strategisch-taktischen Ebene um die Reaktivierung des Subjektiven gegen\u00fcber der passiven Erwartung, da\u00df die Evolution des Kapitals den richtigen Zustand schon herbeif\u00fchren werde, andererseits aber vertritt er einen Objektivismus, den er letztlich gemeinsam hat mit der stalinistischen Ideologie, und zwar in seiner Wendung zur politischen \u00d6konomie. In dieser kommt, wie gesagt, der Subjektfaktor eigentlich nur vor im Gedanken der geschichtlich- gesamtgesellschaftlichen Erzeugtheit aller unmittelbar gegebenen Tatbest\u00e4nde des Alltags. Lukacs wollte die metaphysische Logik Hegels mit politischer Subjektivit\u00e4t verbinden. Diese wiederum hat konstitutive Bedeutung f\u00fcr seine Konzeption der &#8222;Logik der Dinge&#8220;. Lukacs hat sie nicht einfach au\u00dfer Kurs setzen wollen, sondern sie sollte, durchschaut in ihrem Produkt-Charakter und von den Individuen gehandhabt, gerade eine h\u00f6here Wirksamkeit erhalten. Zugleich ist &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; ein politisch-\u00f6konomisches Buch, nicht nur ein unmittelbar aktionistisches. Es ist auch an einer strukturellen Analyse interessiert.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Ja, aber auf welcher Ebene? Vielleicht, da\u00df man die Fragen, die Negt gestellt hat, versucht folgenderma\u00dfen zu diskutieren: F\u00e4llt nicht &#8211; das h\u00e4ngt mit dem zusammen, was Cerutti als transzendentale Geschichtsphilosophie bezeichnet, die die Lukacsschen Interpretationen \u00fcberlagert &#8211; auch bei Lukacs auf einer ganz bestimmten Ebene die konkrete Geschichte aus dem Reflexionsprozess heraus? Das antiautorit\u00e4re Emanzipationsbewu\u00dftsein der studentischen Protestbewegung in Westdeutschland zum Beispiel, das ja diese Aktualit\u00e4t von Emanzipations- und Verdinglichungsbegriffen ideologiekritisch erkannt hat, hat diese immer &#8211; wie abstrakt und in kleinb\u00fcrgerlichen Erscheinungsformen sie auch auftreten m\u00f6chten &#8211; auch immer bezogen auf die ver\u00e4nderte historische Objektivit\u00e4t der kapitalistischen Produktionsweise, auf den ver\u00e4nderten Zusammenhang von \u00f6konomischer Ausbeutung und politischer Herrschaft (an Marcuse ankn\u00fcpfend), und auf die ver\u00e4nderten Bewu\u00dftseinsverfassungen und objektiven Stellungen im Produktionsproze\u00df des Proletariats. Anders gesagt: Die Transformation des Konkurrenzkapitalismus in den Monopolkapitalismus f\u00e4llt aus der Reflexionsweise von Georg Lukacs heraus.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Kann man das sagen? Ist nicht die Imperialismustheorie Lenins auch im Spiel?<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Ja, aber ist es nicht so, da\u00df es in &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; eine unver\u00e4nderte Stabilit\u00e4t des Proletariats und der kapitalistischen Krisengeschichte gibt?<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Die Imperialistischen Weltkriege kommen nur als politische Tatbest\u00e4nde rein, nicht so sehr als \u00f6konomische.<\/p>\n<p><strong>C e r u t t i:<\/strong>\u00a0Richtig. In der Konstruktion des zugerechneten Klassenbewu\u00dftseins wird jede Artikulation, jede Klassenschichtung zum Makel der Empirie degradiert. Das ist gerade heute eine unbrauchbare Schematisierung der Klassenstruktur.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Das ist noch affiziert von der schlechten naturgesetzlichen Identit\u00e4t des kapitalistischen Geschichtsverlaufs, die die Ideologien der Zweiten Internationale konstruiert haben und auf einer ganz bestimmten Ebene auch methodologisch begr\u00fcndet haben. Alfred Schmidt sagt richtig, es ist auch ein politisch-\u00f6konomisches Buch. D. h. Lukacs durchschaut den Produktionsprozess, die Frage ist jetzt, wie. Es gibt bei Lukacs keine vermittlungskritische Reflexion auf den wirklichen Zusammenhang von Produktion und Zirkulation. Das scheint mir das Schlechtanalytische zu sein. Alle Zirkulationskategorien stellen sich prim\u00e4r dar in den Kategorien der Rechtsformen. Von daher kommt er meiner Ansicht nach auch in die ambivalente Dialektik des Marxismus als Legitimationswissenschaft hinein und von daher gibt es meiner Ansicht nach auch undurchschaute Naturrechtsmomente in &#8222;Geschichte und KIassenbewu\u00dftsein&#8220;, die sich &#8211; und das wiederum auf die aktuelle Situation bezogen &#8211; bei Bewegungen in hochindustrialisierten kapitalistischen L\u00e4ndern einstellen m\u00fcssen. Denn die Organisation des politischen Kampfes ist bestimmte Negation des kapitalistischen Tauschverkehrs. Wenn es stimmt, was Marx gesagt hat, da\u00df das &#8222;k\u00fcnftige Jerusalem&#8220; gegen die Anarchisten nicht einfach in der Organisation des politischen Kampfes zu realisieren ist, sondern da\u00df es Sozialisierungs- und Disziplinierungskategorien gibt nach Ma\u00dfgabe der Erfordernisse des politischen Kampfes, dann hat im Grunde genommen die kommunistische Organisation des politischen Kampfes das ideologische Versprechen des b\u00fcrgerlichen Tauschverkehrs erst einzul\u00f6sen; denn dieses ideologische Versprechen lautet: da\u00df jeder sich um der Freiheit des anderen willen die repressive Wertabstraktion auferlegt. Marx hat nachgewiesen: das ist Ideologie. In Wirklichkeit konstituiert sich das partikularisierte Allgemeininteresse hinter dem R\u00fccken und \u00fcber den K\u00f6pfen der Individuen aufgrund einer Verabsolutierung der Einzelegoismen. Die Kommunistische Organisation h\u00e4tte \u00fcberhaupt erst diese repressive Abstraktion von den eigenen Bed\u00fcrfnissen zugunsten der Emanzipation des anderen nach Gesetzen des politischen Kampfes zu erf\u00fcllen. Das ist historisch enorm schwierig zu konkretisieren und Lukacs hat das auch nicht geleistet; hier f\u00e4llt man auch immer wieder in die mit allen Verdinglichungsmechanismen verbundenen Legitimationskategorien des b\u00fcrgerlichen Denkens zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>C e r u t t i:<\/strong>\u00a0Mir leuchtet der Objektivismusvorwurf gegen Lukacs nicht ganz ein. Und es f\u00e4llt mir schwer, in &#8222;Geschichte und KIassenbewu\u00dftsein&#8220; die Momente aufzufinden, die einen zu Ende gedachten Lukacs in die N\u00e4he des Stalinismus bringen sollten. Das f\u00e4llt mir schwer zun\u00e4chst angesichts der Politik Lukacs&#8216; in dieser Zeit, wo er im Kampf gegen das Sektierertum der Bela Kun-Fraktion, gegen die B\u00fcrokratisierung der KPU stand; in seinem Beitrag zu dem von Rudas herausgegebenen Band gegen Bela Kun hat er schon 1922 so etwas wie eine Ph\u00e4nomenologie des stalinistischen Parteitypus geliefert <a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a>. Auch die sp\u00e4teren Blum-Thesen stehen in dieser Linie. Dann aber w\u00fcrde ich auch in systematischer Hinsicht nur mit gro\u00dfem Vorbehalt von Objektivismus reden. Lukacs wendet sich gegen den Objektivismus der Zweiten Internationale, gegen das Bernsteinsche &#8222;friedliche Hineinwachsen in den Sozialismus&#8220;, zugleich gegen die opportunistische, menschewisierende R\u00fccksichtsnahme auf &#8222;objektive Tatsachen&#8220;, gegen die Hinnahme der Tatsache, da\u00df der revolution\u00e4re Prozess zum Stillstand gekommen ist (dieselbe &#8222;Tatsache&#8220;, von der das Konzept zum &#8222;Aufbau des Sozialismus in einem Lande&#8220; ausgeht). An diesem Punkt setzt in Lukacs&#8216; Strategie der Subjektivismus in Gestalt der Klassenbewu\u00dftseinstheorie ein, und zwar in eigenartiger Koppelung mit einem \u00f6konomischen Luxemburgismus: der wirtschaftliche Zusammenbruch des Kapitalismus ist da, jetzt zerbricht die Naturgesetzlichkeit der &#8222;Vorgeschichte&#8220;, Geschichte kann endlich, im Marxschen Verstande, als bewu\u00dftes Produkt von den emanzipierten Menschen gemacht werden. Blo\u00df ist es mit dem Marxschen Ansatz nicht sehr weit her, denn wer die Geschichte bewu\u00dft macht, sind ja nicht leibhaftige Menschen, sondern die Partei als Gestalt des idealtypisch konstruierten Klassenbewu\u00dftseins. Zwar soll die Revolution freie Tathandlung des Proletariats sein, aber sie ist letzten Endes unausweichliches Resultat der geschichtsphilosophischen Dialektik des Klassenbewu\u00dftseins. Denn die Alternative zur Revolution, die Barbarei, ist in &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; kaum etwas mehr als rhetorisches Abschreckungsmittel. Von Objektivismus w\u00fcrde ich also nur reden in dem Sinne, da\u00df Kontingenz aus der Geschichte ausgemerzt ist, da\u00df &#8211; wie Habermas <a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> erkannt hat &#8211; objektive M\u00f6glichkeit so viel bedeutet wie historische Notwendigkeit.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Und zwar hier und jetzt. Nicht etwa in der Perspektive, sondern in dieser Unmittelbarkeit.<\/p>\n<p><strong>C l a u s s e n:<\/strong>\u00a0Man kann diese Frage aktualisieren, indem man sich das unterschiedliche Verh\u00e4ltnis der Rolle der Avantgardeorganisation in der Emanzipation des Proletariats vergegenw\u00e4rtigt. Die Rolle der bolschewistischen Partei ist von Lenin klar bestimmt durch den objektiven Geschichtsverlauf in Ru\u00dfland: Die Entwicklung des Kapitalismus in Ru\u00dfland mu\u00df zwangsl\u00e4ufig in Konflikt geraten mit den zur\u00fcckgebliebenen Verkehrs- und Herrschaftsformen der Autokratie: da die b\u00fcrgerliche Klasse zu schwach ist, die b\u00fcrgerliche Revolution durchzuf\u00fchren, mu\u00df man die b\u00fcrgerliche Revolution, die zum Sturz des Zarismus f\u00fchrt, in eine proletarische transformieren, wenn auch nur die unmittelbaren Bed\u00fcrfnisse der revolution\u00e4ren Massen befriedigt werden sollen <a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a>. Die Avantgardeorganisation, die revolution\u00e4re Partei, hat die Aufgabe, die Arbeiterklasse \u00fcber ihre Rolle aufzukl\u00e4ren, ihre Aktionen zu unterst\u00fctzen und zu f\u00fchren, damit sie bef\u00e4higt wird, die b\u00fcrgerliche Demokratie in den Sozialismus zu transformieren. Bei Rosa Luxemburg steht nicht mehr die Dialektik von b\u00fcrgerlicher und proletarischer Revolution im Vordergrund, sondern eher die von Reform und Revolution. Zweifellos ist f\u00fcr Luxemburg die \u00f6konomische Entwicklung des Kapitalismus objektiv bestimmt, die politische Entwicklungstendenz ist weitaus unbestimmter geworden. Nicht die organisatorische Spaltung in zwei Organisationen mit verschiedenen revolution\u00e4ren Strategien, sondern das Verh\u00e4ltnis der Massen zu ihren Organisationen hat Priorit\u00e4t f\u00fcr Rosa Luxemburg. Spontaneit\u00e4t bedeutet f\u00fcr Luxemburg ein emanzipatives Moment nicht nur gegen\u00fcber der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, sondern auch gegen die Verdinglichung der Organisation. Die Erziehung der Massen liegt f\u00fcr Rosa Luxemburg haupts\u00e4chlich im Kampf, in den Niederlagen und der Aus\u00fcbung revolution\u00e4rer Herrschaft <a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a>. Die Situation von 1917 bis 1923, gegen deren Ende Lukacs&#8216; &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; erschien, wurde nach seinen eigenen Worten durch die &#8222;Aktualit\u00e4t der Revolution&#8220; und die &#8222;ideologische Krise des Proletariats&#8220; gekennzeichnet. Da aber zu diesem Zeitpunkt objektiv eine scharfe politische Spaltung der Arbeiterklasse in kommunistische und sozialdemokratische Partei bestand, blieb Lukacs in &#8222;Methodisches zur Organisationsfrage&#8220; keine andere M\u00f6glichkeit, die Frage von Selbsterziehung und Emanzipation in die f\u00fcr ihn einzig revolution\u00e4re Organisation hineinzuzwingen. Dadurch entsteht das Bed\u00fcrfnis, einen ebensolchen Begriff der objektiven Notwendigkeit des Geschichtsverlaufs zu bekommen, wie ihn die russische Revolution gehabt hat. Und damit besteht auch wiederum die R\u00fccknahme dieser subjektiv-emanzipatorischen Elemente in einen Objektivismus, der sozusagen die Einheit des Kapitalismus als Weltsystem, von der Begr\u00fcndung des Kapitalismus als System bis heute unver\u00e4ndert unterstellen mu\u00df.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Ja, das w\u00e4re eine Antwort auf die Zweifel von Herrn Cerutti, ob wir hier zu Recht von einer gewissen Affinit\u00e4t selbst des Lukacsschen Buches zum Objektivismus sprechen k\u00f6nnen, obwohl wir zun\u00e4chst mit gro\u00dfem Nachdruck hervorgehoben hatten, da\u00df das Verdienst von Lukacs gerade darin bestand, gegen die verschiedenen Spielarten des Objektivismus Subjektivit\u00e4t zu pointieren.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Ja, aber ich meine, da mu\u00df man doch noch einmal auf das hinweisen, was Oskar Negt gesagt hat. Die geschichtlichen Motivationen, aus denen heraus sich Protestbewegungen in den sp\u00e4tkapitalistischen Industriemetropolen die Emanzipations- und Bewu\u00dftseinskategorien aufdr\u00e4ngen, sind ja doch andere als jene geschichtlichen Motivationen, die sich Lukacs in &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; aufdr\u00e4ngten. Diese bildeten sich doch bei Lukacs heraus im kontinuierlichen Zusammenhang der Revisionismusauseinandersetzung, wie sie in der Zweiten Internationale aufgebrochen ist, und geht gegen den Verdinglichungsprozess in der Zweiten Internationale, der, wenn man so will, die kapitalistische Geschichte nicht als zweite Natur begreifen konnte. W\u00e4hrend es sich bei uns daraus motiviert, da\u00df aus der Zerschlagung der Arbeiterbewegung im Faschismus, gerade in Deutschland, und aus der Erfahrung der staatsinterventionistischen F\u00e4higkeiten des Kapitalismus und den Ver\u00e4nderungen, die sich dadurch &#8211; wie akzidentell und substantiell auch immer &#8211; in der Krisengeschichte des Kapitals ergeben haben, folgendes Problem auftritt: da\u00df auf einer hochentfalteten zivilisierten Bed\u00fcrfnisbefriedigung nach wie vor dadurch, da\u00df die Lohnarbeit gezwungen ist, ihre lebenst\u00e4tige Eigenschaft der Arbeitskraft als Ware von sich abzuspalten, das Bewu\u00dftsein der Massen in den Bannkreis der Befriedigung unmittelbarer Bed\u00fcrfnisse fixiert bleibt. Da\u00df also mit erh\u00f6hter Bed\u00fcrfnisbefriedigung keineswegs das Bewu\u00dftsein politischer Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber Herrschafts- und Ausbeutungsprozessen zugenommen hat. Diese Fragestellung, wie sie etwa, wenn auch mit kinderkranken Erscheinungsformen &#8211; Marcuse aufgenommen hat, bis hin zu biologisch- individuellen Triebtheorien in der Bed\u00fcrfnisstruktur, verweist auf einen Wandel in der Bed\u00fcrfnisstruktur und der Bed\u00fcrfnisbefriedigung. All das sind doch Momente, die in die Emanzipationskategorien von &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; noch nicht eingehen konnten. Sie sind aber zentral f\u00fcr eine Antwort auf die Organisationsgeschichte der Zweiten Internationale einerseits und &#8211; worauf Negt auch hingewiesen hat &#8211; auf den Erfolgscharakter des Leninschen Parteitypus, der mit der einzigen gelungenen Revolution identifiziert wurde, n\u00e4mlich der Oktoberrevolution. Sie sind nicht prim\u00e4r Reaktionen auf eine ver\u00e4nderte Struktur sowohl in der Bed\u00fcrfnisbefriedigung wie in der Produktionsweise, wie sie sich in der Transformation des Konkurrenz- zum Monopolkapital begeben hat, und wie sich uns aus den Erfahrungen des Faschismus heraus aufgedr\u00e4ngt haben.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Was ich vorhin so formulierte, da\u00df bei Lukacs der imperialistische Weltkrieg und einige neue Ph\u00e4nomene des Kapitalismus mehr in ihrer politischen Dimension als in ihrer spezifisch \u00f6konomischen in den Blick kommen. Es ist kein Zufall, da\u00df er den ersten Band des &#8222;Kapitals&#8220;, das &#8222;Marxsche System&#8220;, wie sozialdemokratische Theoretiker sich ausgedr\u00fcckt haben, einfach als solches stehen l\u00e4\u00dft. Und das ist ein Leiden auch der Frankfurter Schule gewesen. Adorno hat nicht selten die \u00f6konomische Theorie repetiert und hinzugef\u00fcgt, da\u00df sie heute nicht mehr stimmt. Die Theorie wurde von uns allen als g\u00fcltig unterstellt, stets haben wir gesagt: es ist nicht mehr so, aber was das an Modifikationen des Gesamtansatzes einschlie\u00dfen w\u00fcrde, das ist bis heute &#8211; trotz Mandel &#8211; noch immer nicht klar. Deshalb habe ich unl\u00e4ngst auch Mandel nicht beipflichten k\u00f6nnen, als er sagte: das System haben wir ja, jetzt kommt es auf die Anwendung an. Ich k\u00f6nnte mir den Fall seiner &#8222;Anwendung&#8220; denken, die es in Wahrheit selbst in Frage stellt. Wahrscheinlich m\u00fcssen wir auch \u00f6konomisch neue Kategorien entwickeln, die \u00fcber das blo\u00df Sozialpsychologische, wie es bei Marcuse entwickelt wird, hinausreichen. Daher unser Versuch, \u00d6konomie neu zu begr\u00fcnden.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Durch diese Ver\u00e4nderung im objektiv \u00f6konomischen Krisenprozess durch Staatsinterventionismus wie durch den kapitalistischen Fortschritt in der Bed\u00fcrfnisbefriedigung, bei gleichzeitiger Elimination von emanzipativen Bed\u00fcrfnissen, dr\u00e4ngt sich nat\u00fcrlich von vornherein die Umsetzungsproblematik auf: n\u00e4mlich das Problem der Bildung von revolution\u00e4rem KIassenbewu\u00dftsein, die politische Erziehung der Arbeiterklasse. Da gibt es bei Lukacs keine Ansatz-punkte. Man mu\u00df beinahe sagen, die Umsetzungsproblematik taucht \u00fcberhaupt nicht als Problem auf. (Schmidt: Das Subjekt der Geschichte ist ihm verb\u00fcrgt.) Es ist vorausgesetzt, genau. (Schmidt: Und das macht den Objektivit\u00e4tscharakter aus!) (Cerutti: Genau!)<\/p>\n<p><strong>C l a u s s e n:<\/strong>\u00a0Ich wollte nur darauf hinweisen, da\u00df die Eliminierung gerade der emanzipatorisch eingef\u00fchrten Begriffe bei Lukacs besonders im Begriff der Methode vollzogen wird, nat\u00fcrlich auch in seinem Verst\u00e4ndnis von Theorie. Die emanzipatorischen Momente werden wirklich zu blo\u00dfen Momenten dadurch, da\u00df die kapitalistische Gesellschaft immer schon als kritisiert vorausgesetzt wird. Der Emanzipationsgehalt der &#8222;Kritik der politischen \u00d6konomie&#8220; l\u00e4\u00dft sich nicht mehr aktualisieren.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Die &#8222;Kritik der politischen \u00d6konomie&#8220; ist geschrieben und das Proletariat steht, . . . das ist apriori &#8230; (Schmidt: Gewehr bei Fu\u00df.)<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Furio Cerutti hat, als er Wilhelm Reich erw\u00e4hnte, auf das hingewiesen, was bei Lukacs g\u00e4nzlich fehlt: n\u00e4mlich eine Reflexion auf die Ver\u00e4nderung der realen Bed\u00fcrfnisstrukturen und der politischen Interessen der Proletarier. Das ist nicht zuf\u00e4llig. Untersucht man den Begriff der Bed\u00fcrfnisse bei Lukacs genauer, so wird man feststellen k\u00f6nnen, da\u00df es sich um einen unhistorischen, naturalistischen Bed\u00fcrfnisbegriff handelt. Lukacs hat auf Grund der Einschr\u00e4nkung seines Kategorienapparates nichts zu der Erkenntnis beizutragen, da\u00df der Kapitalismus imstande sein kann, nicht nur einen erheblichen Teil der revolution\u00e4ren Energien des Proletariats in faschistische Entwicklungen abzudr\u00e4ngen und dadurch zu deformieren, sondern auch, was vor allem nach dem Zusammenbruch der faschistischen Gesellschaftsordnungen von Bedeutung war, die Arbeiter auf einem Niveau der Bed\u00fcrfnisbefriedigung zu halten, das die Bildung von Klassenbewu\u00dftsein zus\u00e4tzlich erschwert. Lukacs ist nicht der Vorwurf zu machen, da\u00df er die M\u00f6glichkeit faschistischer Tendenzen im Innern der proletarischen Massen nicht gesehen hat, sondern da\u00df sich in seiner Theorie keine Kategorien f\u00fcr die kritische Verarbeitung dieser Erfahrungszusammenh\u00e4nge finden. Es war nun gerade Wilhelm Reich, der bereits Ende der zwanziger Jahre in dem substanzialisierten Begriff von Klassenbewu\u00dftsein und historischer Mission des Proletariats theoretisch aufdeckte, was in den katastrophalen Niederlagen der Arbeiterbewegung (schon der Sieg Mussolinis ist vom offiziellen Marxismus-Leninismus nicht ernst genommen worden, jedenfalls hatte er keine Konsequenzen f\u00fcr die Gesellschaftstheorie) blutige Realit\u00e4t wurde. Reich sah sehr deutlich den illusion\u00e4ren und politisch folgenreichen Zusammenhang zwischen dem Klassenbewu\u00dftsein, das die Parteien, die kommunistischen ebenso wie die sozialdemokratischen, zu verk\u00f6rpern beanspruchten, und dem tats\u00e4chlichen Verhalten der Proletarier. Die Hilflosigkeit dieser Parteien und Massenorganisationen gegen\u00fcber dem Ph\u00e4nomen des Faschismus hat die von Reich gegebene kritische Analyse der ambivalenten Bed\u00fcrfnisstrukturen der Proletarier vollkommen best\u00e4tigt.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Eine materiell-empirische subjektive Dimension, die bei Lukacs ausf\u00e4llt, allerdings bei Reich zum Teil in der vulg\u00e4rmarxistisch begriffenen Sexual\u00f6konomie bei ihm selber wiederum empiristisch auch reduziert ist.<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Diese empiristische Verengung trifft zweifellos zu. Ich beziehe mich hier nur auf die fr\u00fchen Arbeiten, insbesondere auf die &#8222;Massenpsychologie des Faschismus&#8220; und &#8222;Was ist Klassenbewu\u00dftsein&#8220;. Es mag heute notwendig sein, den Reichschen Ansatz einer methodologischen Kritik zu unterziehen, aber es bleibt sein gro\u00dfes Verdienst, als erster die komplexen Bed\u00fcrfnisstrukturen des Proletariats aufgedeckt und ihre Folgen f\u00fcr den politischen Klassenkampf zur Diskussion gestellt zu haben. Denn wer von den Marxisten, die sich mit ihrer Orthodoxie nicht genug tun konnten, hat schon gesehen, da\u00df Sexualhemmungen Angst erzeugen, Angst auch vor revolution\u00e4ren Ver\u00e4nderungen? Da\u00df die b\u00fcrgerliche Familienstruktur im Proletariat in bestimmter Weise fortexistierte und autorit\u00e4re Einstellungen erzeugte, die in der Regel der Anpassung an die bestehenden Verh\u00e4ltnisse zugutekamen? W\u00e4hrend Lukacs darin im Grunde nur das Problem sieht, da\u00df die Proletarier eben ihre Klassenlage noch nicht ad\u00e4quat erfa\u00dft haben, weist Reich nach, da\u00df das tragende Element ihres Handelns keineswegs lediglich eine unklare, undurchschaute Antizipation des Klassenbewu\u00dftseins ist, sondern da\u00df in der Struktur ihres Bewu\u00dftseins wie ihrer psychischen Energien die M\u00f6glichkeit einer reaktion\u00e4ren Umfunktionierung der revolution\u00e4ren Interessen und Bed\u00fcrfnissen schon mitenthalten ist. Was Wilhelm Reich &#8211; um das abk\u00fcrzend zu sagen &#8211; in der Analyse des Faschismus wie in der Kritik der Vernachl\u00e4ssigung der Politisierung der Alltagsinteressen und Bed\u00fcrfnissen geleistet hat &#8211; man denke etwa auch an die recht provokative These, da\u00df einzelne Fraktionen innerhalb der faschistischen Bewegung, wie zum Beispiel die SA, urspr\u00fcnglich ein stark proletarisches Element repr\u00e4sentierten und revolution\u00e4re Energien, wenn auch nur in einer linksfaschistisch deformierten Form, binden konnten &#8211; alle diese Einsichten sind f\u00fcr eine Theorie der Arbeiterbewegung unter den Bedingungen sp\u00e4tkapitalistischer Herrschaftssysteme von gro\u00dfer Bedeutung. Das konkrete, historisch wechselnde Verh\u00e4ltnis zwischen dem Klassenbewu\u00dftsein, wie es Lukacs als Totalit\u00e4tsbewu\u00dftsein und als objektive M\u00f6glichkeit begreift, und jener materiell konkretisierten subjektiven Dimension der Bed\u00fcrfnisse und Interessen handelnder Subjekte, von der Reich spricht, ist meines Erachtens ein Zentralproblem der politischen \u00d6konomie als Theorie der Revolution. Die systematische Neubestimmung dieses dialektischen Verh\u00e4ltnisses ist eine aktuelle Forderung an die Theorie der Neuen Linken.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Die materielle, naturale Bindung des Bed\u00fcrfnisbegriffs haben Marx und Engels nicht aufgegeben.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Ja, aber sie haben sie doch relativ gering veranschlagt in ihrer geschichtsbildenden Bedeutung. Der Schritt \u00fcber Feuerbach hinaus ist zu rasch erfolgt. In diesem Punkt ist wirklich etwas nachzutragen.<\/p>\n<p><strong>N e g t:<\/strong>\u00a0Was sich auf der empirisch-analytischen Ebene in der Abwehr Feuerbachs und anderer zeigte, ist auf der politischen Ebene die Auseinandersetzung mit dem Anarchismus. (Krahl: eben!) Der Anarchismus repr\u00e4sentiert auch eine bestimmte Dimension von subjektiven Anspr\u00fcchen an die Gesellschaft, auch Bed\u00fcrfnisanspr\u00fcchen. Das bedeutet: Die Abwehr dieser materiell-naturalen Sinnlichkeitsmomente im Bed\u00fcrfnisbegriff l\u00e4uft nat\u00fcrlich darauf hinaus, da\u00df die Bewu\u00dftseins- und Organisationsbegriffe auf theoretischer und politisch-praktischer Ebene &#8211; und das h\u00e4ngt dann zusammen mit b\u00fcrgerlichen Momenten im Wissenscharakterbegriff &#8211; von rechtsformalen Ideologisierungen der abstrakten Arbeit affiziert werden. Das ist auch bei Lukacs auf einer bestimmten Ebene der Fall. Wir haben nat\u00fcrlich einen Punkt noch nicht gen\u00fcgend behandelt. Ich meine, ob die sp\u00e4tere Entwicklung von Lukacs ein Bruch ist, ein Pers\u00f6nlichkeitsbruch und ein theoretischer Bruch. Es sieht ja so aus, da\u00df es eben kein wirklicher Bruch in seiner Entwicklung zur stalinistischen Phase ist.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Man kann sagen, da\u00df mit den Kategorien der Psychoanalyse eine Konkretion des Bed\u00fcrfnisbegriffs und der Emanzipations- und Reproduktionspotenzen, die Marx in diese Begriffe hineingelegt hat, im Sinne einer materiellen Subjektivit\u00e4t m\u00f6glich ist, die Lukacs&#8216; Totalit\u00e4tsbegriff, so wie wir ihn hier diskutiert haben, nat\u00fcrlich ausschlie\u00dft; man kann beinahe sagen: es sind noch idealistische Momente einer psychologia rationalis in seinem Bewusstseinsbegriff enthalten.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Was sich ja schon auf einer fr\u00fchen Stufe des Marxismus darin abzeichnet, da\u00df Marx und Engels dem Feuerbachschen Sensualismus mit seinem triebdynamischen Element allzu rasch den R\u00fccken gekehrt haben, zugunsten einer \u00f6konomisch-historischen Analyse. Mit dem berechtigten Hinweis auf die Abstraktheit dessen, was bei Feuerbach &#8222;Mensch&#8220; hei\u00dft, wurden zugleich naturale Best\u00e4nde der menschlichen Wirklichkeit zu sehr, zu voreilig vielleicht soziologisiert. Was sich in den letzten Arbeiten von Marcuse als &#8222;nat\u00fcrliches&#8220; Bed\u00fcrfnis anmeldet in zun\u00e4chst befremdlichen Formulierungen wie &#8222;biologische&#8220; Grundlage des Sozialismus, &#8222;neue Sensibilit\u00e4t&#8220;, spielt darauf an. Die Untersch\u00e4tzung des Naturalen datiert schon weit zur\u00fcck, und es ist kein Zufall, da\u00df auf einer sp\u00e4teren Stufe des Kapitalismus wie der marxistischen Bewegung dieses psychisch-materielle Element wieder durchbrechen mu\u00dfte. Es konnte praktisch und theoretisch nicht l\u00e4nger drunten gehalten werden.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Das kann man an seiner Kunsttheorie nat\u00fcrlich besser nachweisen, worin er eigentlich immer einem klassizistischen Sch\u00f6nheitsideal verhaftet blieb, was sich ja gut mit den Anspr\u00fcchen einer stalinistischen Kunstpolitik vers\u00f6hnen lie\u00df. Auf diesem Gebiet ist die Kontinuit\u00e4t viel deutlicher als etwa auf dem der Philosophie.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Das aber im Anfang (Claussen: von der Zweiten Internationale zur Dritten, das ist eine Einheit) ja, diese Fixierung an den bildungsb\u00fcrgerlichen Neuhumanismus und Klassizismus ist bei Lukacs ab ovo angelegt gewesen. Er hat zum Beispiel &#8211; das kann diesen Zusammenhang anekdotisch sehr gut illustrieren &#8211; als er Volksbeauftragter f\u00fcr Kultur in der ungarischen R\u00e4teregierung war, w\u00e4hrend der Hungersnot und Revolutionsperiode gro\u00dfe Plakate anschlagen lassen, auf denen dem Sinn nach stand: auf den Theatern sind sozialistische St\u00fccke zu spielen, falls das Repertoire daran ersch\u00f6pft ist, ist auf klassische zur\u00fcckzugreifen. Das zeigt, karikaturistisch verzerrt, den ganzen bildungsb\u00fcrgerlichen Lukacs.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Ich dachte an tragende \u00e4sthetische Kategorien wie &#8222;das Typische&#8220;, &#8222;Einheit des Besonderen und Allgemeinen&#8220;, die bei Lukacs auf die deutsche Klassik, Goethe zumal, zur\u00fcckgehen. Es handelt sich hier mehr um einen terminologischen Wandel als um einen sachlichen. Auch die &#8222;Sinnesimmanenz&#8220; aus der fr\u00fchen Romantheorie: die These, da\u00df die objektive Welt in sich sinnvoll ist, klingt traditionell metaphysisch. Nihilistisch angekr\u00e4nkelt war Herr Lukacs zeit seines Lebens nicht. Wen die b\u00fcrgerliche Kultur, auch in ihren besten Resultaten, nicht einmal angewidert hat, der wei\u00df freilich auch nicht, was sie ist. Die spezifische Moderne hat Lukacs geistig kaum erfahren.<\/p>\n<p><strong>K r a h l:<\/strong>\u00a0Aber das k\u00f6nnte man doch auch systematischer sagen. Wir haben am Anfang gesagt, da\u00df Lukacs&#8216; &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; eine kritisch-spekulative Verarbeitung der revolution\u00e4ren Gegenwartsgeschichte darstellt. Dieses spekulative Begreifen der revolution\u00e4ren Gegenwartsgeschichte ist aber zugleich mit der Ambivalenz behaftet, da\u00df in diesem spekulativen Abstraktionsprozess die konkrete Geschichte auch zum Teil verdunstet. Es ist die schlechte Apriorit\u00e4t, mit der die Kategorien der Organisation und des Klassenbewu\u00dftseins ausgezeichnet sind. Und ich glaube, da\u00df sich dieses spekulative Begreifen auch beim sp\u00e4ten Lukacs, auf einer bestimmten Ebene, dort n\u00e4mlich, wo es um das Begreifen der konkreten Geschichte geht, findet. Die Kategorie des Alltagslebens, die er ph\u00e4nomenologisch in seine \u00c4sthetik eingef\u00fchrt hat, ist eine ontologische Kategorie und auch die Kategorie von Geschichte, so wie er sie jetzt diskutiert (geradezu mittels Nicolai Hartmannscher Kategorien), ist eine Kategorie, die dispensiert von einer konkreten Kritik an der gesellschaftlichen Realit\u00e4t in den von der Sowjetunion repr\u00e4sentierten sozialistischen L\u00e4ndern. Es wird die Frage von Entfremdung und Alltagsleben unter Abstraktion von den verschiedenen Gesellschaftsformationen, die heute miteinander koexistieren, abgelenkt.<\/p>\n<p><strong>S c h m i d t:<\/strong>\u00a0Da\u00df eine solche Diskussion den Reichtum des Lukacsschen Werkes nicht ersetzen kann, bedarf keiner Erw\u00e4hnung. Lukacs selbst und einige der wichtigsten Dokumente werden in den Band aufgenommen. Dieser enth\u00e4lt Stellungnahmen zu &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220;, die sowohl politisch als auch f\u00fcr seinen jetzigen philosophischen Standort wichtig sind. Zu verweisen w\u00e4re auch darauf, da\u00df Lukacs inzwischen versucht hat, einige der hier aufgetretenen kritischen Ans\u00e4tze zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p><strong>C e r u t t i:<\/strong>\u00a0Das 1967 geschriebene Vorwort zur Neuausgabe von &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; w\u00e4re ein brauchbarer Ansatzpunkt, um das Verh\u00e4ltnis des sp\u00e4ten zum fr\u00fchen Lukacs zu diskutieren. Es kommt darauf an, die richtige Einsicht des heutigen Lukacs in die idealistischen R\u00fcckf\u00e4lle von &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; zu scheiden vom orthodox-leninistischen Ausgang, den seine Selbstkritik seit den dreissiger Jahren genommen hat. Man m\u00fcsste also zeigen, wie der dialektische Ansatz der materialistischen Theorie in &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; unterdr\u00fcckt wird in der sp\u00e4teren Entwicklung zu einem real-ontologischen System; eine Entwicklung, die mit der \u00dcbernahme der Leninschen Widerspiegelungstheorie beginnt. Das braucht uns aber nicht dazu zu zwingen, das pauschale Verdammungsurteil zu teilen, das etwa Adorno \u00fcber den &#8222;orthodoxen Lukacs&#8220; gef\u00e4llt hat. Da w\u00fcrde ich noch die Frage stellen, ob die literatur- und philosophiehistorischen Schriften, in denen Lukacs die Widerspiegelungstheorie angewandt zu haben meint, tats\u00e4chlich in deren Rahmen bleiben. Ich glaube, es klafft einfach ein Mi\u00dfverh\u00e4ltnis zwischen der historisch-soziologischen Arbeit, die Lukacs geleistet hat, und seiner unentwickelten Erkenntnistheorie, die sich von der \u00fcbernommenen Abbildtheorie Lenins durch keinen kritischen Beitrag abhebt. Wo Lukacs die Widerspiegelungstheorie, als erster in der Geschichte des Marxismus, nun nicht, wie in &#8222;Materialismus und Empiriokritizismus&#8220;, an der Naturerkenntnis, sondern am historischen Material entfaltet, ist das Resultat viel dialektischer als Lukacs&#8216; eigenes Selbstverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.krahl-briefe.de\/geukl.html\">krahl-briefe.de&#8230;<\/a> vom 25. September 2018 mit grammatikalischen Korrekturen durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>Georg Lukacs, Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein, Berlin 1923, S.122 ff, Neudruck 1967, Verlag de Munter, Amsterdam, S.122ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Zur M\u00e4rzaktion s. vor allem &#8222;Spontaneit\u00e4t der Massen, Aktivit\u00e4t der Partei&#8220;, in &#8222;Die Internationale&#8220;, Nr. 6, 3. Jg. (1921), nachgedruckt in Lukacs, &#8222;Schriften zur Ideologie und Politik&#8220;, Luchterhand-Verlag, Berlin und Neuwied 1967, S. 149. Die sp\u00e4teren Stellungnahmen sind in &#8222;Mein Weg zu Marx&#8220;, geschrieben 1933, in den zit. Schriften zur Ideologie etc., S. 327, sowie im Vorwort zu Neuausgabe (1967) von &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220;, Band 2, der von Luchterhand herausgegebenen Werke, S. 16, enthalten.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Jeno (Eugen) Landler (1875 &#8211; 1928), linker Sozialdemokrat, nach 1918 Kommunist, setzte sich f\u00fcr die Verbindung von legaler und illegaler Arbeit im konterrevolution\u00e4rem Ungarn der zwanziger Jahre und die Gr\u00fcndung einer linken Arbeiterpartei (MSZMP) unter Kontrolle der illegalen KPU, ein. Die von ihm gepr\u00e4gte Parole der &#8222;Republik&#8220; setzt sich fort in der Strategie der &#8222;demokratischen Diktatur&#8220;, die in den Lukacsschen Blum-Thesen von 1928 entwickelt wird. Zu der von ihm gef\u00fchrten Fraktion geh\u00f6rten au\u00dfer Lukacs, der in Landler seinen politischen Lehrmeister gesehen hat, noch zwei Rezensenten von &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220;: Jozsef Revai und Ladislaus Rudas. Einem Brief von Rudas an Sinowjew zufolge trat er jedoch aus der Landler-Fraktion aus, weil ihm diese verboten haben soll, gegen den &#8222;Revisionismus&#8220; von &#8222;Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein&#8220; offen aufzutreten: was Rudas dann in seinen beiden Rezensionen tat. S. Sinowjews Bericht vor dem V. Komintern-Kongress (1924) im Anhang zu Lukacs &#8222;Schriften zur Ideologie zit., S. 720-21. Zu seiner T\u00e4tigkeit in der Landler-Fraktion hat sich Lukacs ausf\u00fchrlich ge\u00e4ussert in der Diskussion (1956) \u00fcber die Blum-Thesen, ebda., S. 763-4.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> &#8222;Was ist orthodoxer Marxismus?&#8220; und &#8222;Der Funktionswechsel des historischen Materialismus&#8220; wurden w\u00e4hrend der ungarischen R\u00e4terepublik 1919 verfa\u00dft, alle anderen Aufs\u00e4tze im Wiener Exil: &#8222;Klassenbewu\u00dftsein und Legalit\u00e4t und Illegalit\u00e4t&#8220; im Jahre 1920, die Aufs\u00e4tze \u00fcber Rosa Luxemburg im Januar 1921 (&#8222;Rosa Luxemburg als Marxist&#8220;) bzw. im Januar 1922 (&#8222;Kritische Bemerkungen \u00fcber Rosa Luxemburgs &#8218;Kritik der russischen Revolution'&#8220;). Die beiden theoretisch zentralen Aufs\u00e4tze (Die Verdinglichung und das Bewu\u00dftsein des Proletariats und Methodisches zur Organisationsfrage) wurden eigens f\u00fcr die Buchver\u00f6ffentlichung im Jahre 1922 geschrieben. Diese Zeittafel m\u00fcsste im Zusammenhang gesehen werden, sowohl mit den f\u00fcr die revolution\u00e4re Arbeiterbewegung wichtigen Daten als auch mit den politischen Artikeln, die Lukacs als Kommentar zu einzelnen Ereignissen schrieb.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Ich m\u00f6chte darauf hinweisen, da\u00df zwischen Reformisten und Menschewiki zu differenzieren ist. Die Reformisten beschr\u00e4nken sich auf Reformen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, w\u00e4hrend die Menschewiki als Revolution\u00e4re sich zentral in der Frage des Zeitpunkts der proletarischen Revolution im nicht-kapitalistischen Ru\u00dfland von den Bolschewiki unterschieden. Sie wurden deshalb auf eine scheinbar gleiche Position wie die Sozialdemokraten gedr\u00e4ngt, als die proletarische Revolution in Russland auf der Tagesordnung stand, die aber nicht die realen geschichtlichen Differenzen verwischen sollte.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. hierzu auch &#8222;Zur Frage der Bildungsarbeit&#8220; in &#8222;Jugend-Internationale&#8220;, 2. Jg., Heft 7 (1921), nachgedruckt in Lukacs, Schriften zur Ideologie etc., zit., S. 144.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Georg Lukacs, Geschichte und KIassenbewu\u00dftsein, S. 317.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Lenin, Ein Schritt vorw\u00e4rts, zwei Schritte zur\u00fcck, Werke, Bd. 7, S. 197-430; Luxemburg, Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie, Politische Schriften III, Ffm., 1968, S. 83-105; Lenin, Ein Schritt vorw\u00e4rts, zwei Schritte zur\u00fcck, Eine Antwort N. Lenins an Rosa Luxemburg, Werke, Bd. 7, S.480-491.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Rosa Luxemburg, Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, Politische Schriften, Bd.I, Ffm. 1966, S. 135-228.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> &#8222;Der Roman ist die Form der Epoche der vollendeten S\u00fcndhaftigkeit, nach Fichtes Worten &#8230; &#8220; (Die Theorie des Romans, Luchterhand-Verlag, 1963, S. 157).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein, S. 165; &#8222;Konkreter gesagt: die objektive Wirklichkeit des gesellschaftlichen Seins ist in ihrer Unmittelbarkeit f\u00fcr Proletariat und Bourgeoisie dieselbe.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Vgl. Lukacs, Geschichte und KIassenbewu\u00dftsein, S. 14-15.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Vgl. Georg Lukacs, Geschichte und KIassenbewu\u00dftsein, S. 74 15) Vgl. Lukacs, Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein, S. 57.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Vgl. Lukacs, Geschichte und KIassenbewu\u00dftsein, S. 57.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Gemeint ist der Aufsatz &#8222;Was ist Klassenbewu\u00dftsein? &#8222;, den Reich 1934 unter dem Pseudonym Ernst Parell im Verlag f\u00fcr Sexualpolitik ver\u00f6ffentlichte. Nachdruck 1968, Verlag de Munter, Amsterdam, Schwarze Reihe Nr. 4.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Georg Lukacs, Lenin, Studie \u00fcber den Zusammenhang seiner Gedanken, Wien 1924, Neuausgabe 1967, Luchterhand-Verlag Neuwied-Berlin.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> siehe Anmerkung 2.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Krahls Behauptung, Szabo sei der praktisch-politische Lehrer von Lukacs gewesen, stimmt nicht.\u00a0Erwin Szabo (1877 &#8211; 1919), Bibliothek-Direktor in Budapest, erster ungarischer Herausgeber von Marx und Engels, Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Ungarns, in der er &#8211; als abseits stehender Intellektueller &#8211; syndikalistische Positionen vertrat; &#8222;Welchem Umstand k\u00f6nnen die Gewerkschaften die wenigen Resultate, die sie erreichen, verdanken? Ihrer wirtschaftlichen Kraft. Und wem verdankt die Partei das bi\u00dfchen Autorit\u00e4t? Ebenfalls der wirtschaftlichen Kraft der Gewerkschaften. Nicht umgekehrt, nicht die Gewerkschaften der Partei!.. Niemand soll sie bevormunden. Auch die eigene Partei der Arbeiter nicht!&#8220; (zitiert aus Zoltan Horvath, Die Jahrhundertwende in Ungarn, Luchterhand-Verlag, 1966). Auf Szabos Humanismus und Sozialidealismus gr\u00fcndet auch seine scharfe Kritik gegen zentralistische Disziplin und Opportunismus in der deutschen und ungarischen Sozialdemokratie. Ihm verdankt Lukacs nicht nur die Vermittlung von Sorel (vgl. das neue Vorwort zu Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein in Werke, Bd. 2, zit., S. 12), sondern die Aufmerksamkeit auf die problematische Beziehung von Partei und Klasse (vgl. Taktik und Ethik, ebenda, S. 71) und \u00fcberhaupt auf die ethische Relevanz des Sozialismus. 1917 beteiligte sich Szabo an der von Lukacs betriebenen Gr\u00fcndung der &#8222;Freischule der Geisteswissenschaften&#8220;, die &#8222;die Weltanschauung des neuen Spiritualismus und Idealismus&#8220; und &#8222;das Pathos der normativen Ethik&#8220; verbreiten wollte (vgl. die zit. Arbeit von Horvath, S. 50G). (Anmerkung von Cerutti).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Ladislaus Rudas, Abenteuer- und Liquidatorentum. Die Politik Bela Kuns und die Krise der KPU, Wien 1922. Lukacs Beitrag, Noch einmal Illusionspolitik, ist jetzt (1971) in den zit. Schriften zur Ideologie etc., S. 161-68, zu lesen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Vgl. J\u00fcrgen Habermas, Theorie und Praxis, Luchterhand-Verlag, 1963, S. 323.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Vgl. u, a. Lenin, Werke, Bd. 25: &#8222;Vorw\u00e4rtsschreiten im Ru\u00dfland des 20. Jahrhunderts, das die Republik und den Demokratismus auf revolution\u00e4rem Weg erobert hat, ist unm\u00f6glich ohne zum Sozialismus zu schreiten &#8230; &#8220; (Die drohende Katastrophe und wie man sie bek\u00e4mpfen soll, S. 369.)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> &#8222;Die proletarischen Massen sozialistisch schulen, das hei\u00dft: ihnen Vortr\u00e4ge halten und Flugbl\u00e4tter und Brosch\u00fcren verbreiten. Nein, die sozialistische Proletarierschule braucht das alles nicht. Sie werden geschult, indem sie zur Tat greifen. &#8220; (Rosa Luxemburg, Unser Programm und die politische Situation, Politische Schriften, Bd. II, Ffm. 1966, S. 200 und vgl. Ordnung herrscht in Berlin,a. a. 0.,S.204 ff.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Diskussion zwischen Furio Cerutti, Detlev Claussen, Hans-J\u00fcrgen Krahl, Oskar Negt und Alfred Schmidt \u00fcber\u00a0 Georg Lukacs&#8216; Werk.\u00a0Zuerst ver\u00f6ffentlicht in: Schwarze Reihe Bd.12, Verlag de Munter, Amsterdam 1971.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[23,65,34,79,12,13,38,4,21],"class_list":["post-4060","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-buecher","tag-ernest-mandel","tag-faschismus","tag-georg-lukacs","tag-lenin","tag-marx","tag-russische-revolution","tag-strategie","tag-trotzki"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4060","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4060"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4060\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4062,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4060\/revisions\/4062"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4060"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4060"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4060"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}