{"id":4063,"date":"2018-09-26T08:18:04","date_gmt":"2018-09-26T06:18:04","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4063"},"modified":"2018-09-26T08:18:04","modified_gmt":"2018-09-26T06:18:04","slug":"fachfluechtlinge-gesucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4063","title":{"rendered":"Fachfl\u00fcchtlinge gesucht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit dem sogenannten \u00bbFl\u00fcchtlingsproblem\u00ab werden zwei Jahre nach dem \u00bbSommer der Migration\u00ab politische Mehrheiten organisiert bzw. verloren. Sind die erbitterten Debatten \u00fcber<!--more--> den Familiennachzug f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge mit subsidi\u00e4rem Schutz nur Schauk\u00e4mpfe? Wie passt dies alles zusammen mit dem Gejammer von Unternehmen \u00fcber Fachkr\u00e4ftemangel? Inwieweit ist es der Fl\u00fcchtlingsverwaltung gelungen, die hier Angekommenen in den Arbeitsmarkt zu integrieren?<\/strong><\/p>\n<p><em>Wir haben versucht, offizielle Zahlen zusammenzutragen, was nicht ganz einfach ist \u2013 zu viele politische Interessen sind hier im Spiel. Parallel dazu haben wir Interviews mit Gefl\u00fcchteten zu ihrer Arbeitssituation gesammelt. Einen Teil davon findet Ihr in gek\u00fcrzter Form im Anschluss.<\/em><\/p>\n<p>Im Sommer 2015 haben hunderttausende Fl\u00fcchtlinge sich einen Weg nach Europa gebahnt. Sie schmuggelten sich nicht versteckt und nachts \u00fcber die Grenzen, sondern sie konnten so hohen politischen Druck aufbauen, dass die deutsche Regierung die Grenze \u00f6ffnete.<\/p>\n<p>F\u00fcr kurze Zeit waren sie eine Kampfgemeinschaft, als es darum ging, Z\u00e4une zu \u00fcberrennen. In der BRD und anderen L\u00e4ndern angekommen, konnte diese Offensive nicht bestehen bleiben. Gegen\u00fcber den Beh\u00f6rden, auf dem Arbeitsmarkt, im Alltag bist du ein Einzelner. Dies gilt insbesondere f\u00fcr diejenigen, die sich auf ein Asylverfahren einlassen, um als politischer Fl\u00fcchtling oder Kriegsfl\u00fcchtling ein spezielles Antragsverfahren zu durchlaufen. Die Rolle als Bittsteller erschwert ein gemeinsames und k\u00e4mpferisches Auftreten. Manch eine\/r muss Geschichten erfinden, um hierbleiben zu d\u00fcrfen; damit durchzukommen ist mehr oder weniger Gl\u00fcckssache. Beispielsweise treten viele Iraner und Afghanen zum Christentum \u00fcber. Das f\u00fchrt in die Abh\u00e4ngigkeit von Kirchengemeinden und schr\u00e4nkt die eigenen Handlungsm\u00f6glichkeiten erheblich ein \u2013 die falsche Lebensgeschichte muss m\u00f6glicherweise jahrelang aufrecht erhalten werden.<\/p>\n<p>Es ist unwahrscheinlich, dass Fl\u00fcchtlinge \u00bbals Fl\u00fcchtlinge\u00ab in gr\u00f6\u00dferem Ausma\u00df k\u00e4mpfen werden. Fl\u00fcchtlingsk\u00e4mpfe in der Vergangenheit waren meist kollektive K\u00e4mpfe in Lagern gegen Lebensmittelpakete. Das Arbeitsverbot f\u00fchrte dazu, dass sie jahrelang unter diesem Status lebten. Au\u00dferdem waren viele Fl\u00fcchtlinge schon in ihrem Herkunftsland politisch organisiert gewesen und setzten dies hier fort. Das ist heute anders.<\/p>\n<p><strong>\u00bbIntegration \u00fcber Arbeit\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Aufnahme von Gefl\u00fcchteten im Sommer und Herbst 2015 wollte die Regierung den Gegnern dieser Politik von vornherein den Wind aus den Segeln nehmen und behauptete, diese Menschen w\u00fcrden den leergefegten Arbeitsmarkt entlasten und dass man alles tun wolle, um sie sobald wie m\u00f6glich in Arbeit zu bringen. Arbeitserlaubnisse sollte es nun auch f\u00fcr Geduldete geben; auch Leiharbeit sollte k\u00fcnftig f\u00fcr Gefl\u00fcchtete m\u00f6glich sein. D.h. viele der als Fl\u00fcchtlinge Eingereisten werden arbeiten gehen und in Betrieben mit anderen zusammen arbeiten. Wie werden sie dort aufgenommen? Gibt es eine Abwehrhaltung einheimischer Kollegen? Werden Fl\u00fcchtlinge auf Arbeit schlechter gestellt? Wird es zu einer \u00bbUnterschichtung\u00ab kommen, die die Kampfbedingungen generell verschlechtert? Werden gemeinsame K\u00e4mpfe m\u00f6glich sein?<\/p>\n<p><strong>Gegen das Gegeneinander<\/strong><\/p>\n<p>Die Zugewanderten kommen heute in einen sehr viel st\u00e4rker deregulierten Arbeitsmarkt als beispielsweise die \u00bbGastarbeiter\u00ab in den 1960er Jahren. Die Situation, auf die sie in deutschen Betrieben treffen, ist ziemlich desolat. Belegschaften haben sich nach Strich und Faden auseinanderdividieren lassen. Eine Vielzahl von Erpressungen und Zumutungen wurde kampflos hingenommen. Aus dieser Position eigener Schw\u00e4che und Defensive neigen Teile der ans\u00e4ssigen Arbeiterklasse dazu, die damit verbundenen Probleme auf andere zu schieben, vor allem auf MigrantInnen und Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>Es ist notwendig, dass die ArbeiterInnen damit aufh\u00f6ren, die Tatsachen zu verdrehen und auf staatlichen Protektionismus zu setzen. Das geht nur, wenn sie durch eigenes Handeln und K\u00e4mpfen die Bedingungen f\u00fcr alle verbessern und die Eingewanderten als Teil der Klasse sehen. Im direkten Umgang miteinander im Betrieb ist das m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Genau darauf m\u00fcssen Linke ihre volle Kraft richten, Antirassismus und Sozialarbeit reichen nicht aus. Nur eine k\u00e4mpfende Klasse kann verhindern, dass sich einzelne Gruppen gegeneinander wenden.<\/p>\n<p><strong>Massenflucht oder geordnete Zuwanderung<\/strong><\/p>\n<p>Als immer mehr Gefl\u00fcchtete in die BRD kamen, platzten Unternehmerverbandsvertreter, Handwerkskammerpr\u00e4sidenten und Unternehmensvorst\u00e4nde vor Freude \u00fcber dieses potentielle Humankapital, das neuen Schwung in den Arbeitsmarkt bringen werde. Manche Linken vermuteten angesichts der jubelnden Kapitalisten, dass die \u00d6ffnung der Grenzen im Sommer 2015 eine geplante Ma\u00dfnahme war, um die BRD mit billigen Arbeitskr\u00e4ften zu versorgen und die hiesige Arbeiterklasse unter Druck zu setzen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war die Grenz\u00f6ffnung ein Moment des Kontrollverlusts: Wie auch immer es genau abgelaufen ist, es war eine Zeitlang unm\u00f6glich, die Fl\u00fcchtlinge an der Grenze stehen zu lassen.<\/p>\n<p>Aber das Zeitfenster war kurz, die Grenzkontrollen wurden drastisch versch\u00e4rft, die Balkanroute ist dicht, bei der Flucht \u00fcbers Mittelmeer kamen letztes Jahr mindestens 3000 Menschen ums Leben.<\/p>\n<p><strong>Reproduktionskrise des Kapitalismus<\/strong><\/p>\n<p>Parallel zur Einwanderung von Gefl\u00fcchteten aus Asien und Afrika sind seit dem Kriseneinbruch 2008 viele Leute aus S\u00fcd- und Osteuropa eingewandert. Die \u00d6ffnung des Arbeitsmarktes in der EU hat wie ein weiterer Schritt der Globalisierung gewirkt. Wir haben es momentan mit der dritten gro\u00dfen Einwanderungswelle in die BRD zu tun \u2013 nach den \u00bbGastarbeitern\u00ab der 60er und den Jugoslawien-Fl\u00fcchtlingen und anderen Osteurop\u00e4ern der 90er Jahre.<\/p>\n<p>\u00dcber das politisch motivierte Hin und Her bei der Diskussion um Einwanderung hinaus lassen sich weitl\u00e4ufigere historische Muster erkennen. Moderne Gesellschaften reproduzieren sich nicht aus sich selbst heraus, sondern sind auf Zuwanderung angewiesen. Das BRD-Kapital wird seit 150 Jahren \u00fcber Immigration mit Arbeitskraft versorgt; diese wurde entweder durch Kriege ausgel\u00f6st oder \u00fcber Anwerbeabkommen organisiert. Seit einigen Jahrzehnten nimmt sie die Form von Zuwanderungs- oder Fl\u00fcchtlings<em>wellen<\/em>\u00a0an. So wird die Arbeiterklasse \u00fcberfordert und in der Defensive gehalten.<\/p>\n<p>Die Politik ist eingeklemmt zwischen den Forderungen der Wirtschaft nach einer Liberalisierung der Migration und der politischen Weltlage, die die Zahl der Fl\u00fcchtlinge zu einer unberechenbaren Gr\u00f6\u00dfe macht. Bundes- und Landesregierungen fahren einen Schlingerkurs: auf der einen Seite werden immer neue Ma\u00dfnahmen erfunden, um die Gefl\u00fcchteten zu verwalten und in Arbeit zu bringen; auf der anderen Seite werden mit Schielen auf die letzten Meinungsumfragen publikumswirksam Leute in Kriegsgebiete abgeschoben, darunter auch mal bestens integrierte Arbeiter. AfghanInnen, die sich zu h\u00e4nderingend gesuchten PflegehelferInnen haben ausbilden lassen und sich als solche bew\u00e4hrt haben, erhalten negative Asylbescheide. Ehrenamtliche verlieren den Glauben an den Staat, weil sie sich an das Wort der Regierung gehalten haben, dass es vor allem um \u00bbIntegration\u00ab gehe.<\/p>\n<p>Die offizielle Rhetorik lautet \u00bbKriegsfl\u00fcchtlinge ja, Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge nein\u00ab. Allerdings sind diese beiden Gruppen oft schwer zu unterscheiden. Sie werden zurzeit mit allen Mitteln drau\u00dfen gehalten, um keine \u00bbSogwirkung\u00ab zu erzielen \u2013 zumindest so weit das in der \u00d6ffentlichkeit akzeptiert wird.<\/p>\n<p>Dabei halten die meisten PolitikerInnen Einwanderung f\u00fcr notwendig, sie soll aber in geordneten Bahnen verlaufen, mit\u00a0<em>Blue Card<\/em>\u00a0oder \u00fcber Werkvertragsfirmen beispielsweise.<\/p>\n<p><strong>\u00bbFachkr\u00e4ftemangel\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Die deutsche Wirtschaft boomt, und auch wenn das ein Tanz am Abgrund der Weltwirtschaftskrise ist und niemand wei\u00df, wie lange er dauern wird, braucht sie erst einmal Arbeitskraft. Die Einheimischen werden immer \u00e4lter, es wachsen viel weniger ArbeiterInnen nach als in der Vergangenheit. Die seit Jahrzehnten wiederkehrende Propaganda um einen Fachkr\u00e4ftemangel hat sich angesichts der sinkenden Arbeitslosigkeit gerade wieder hochgeschaukelt. Die Arbeitgeber fordern mit dieser Begr\u00fcndung seit 20 Jahren mehr Zuwanderung. Am besten sollen qualifizierte Leute herkommen, und wer von den Fl\u00fcchtlingen keine Ausbildung hat, soll gleich eine machen. Je mehr gut ausgebildete Leute es gibt, umso weniger m\u00fcssen die Unternehmen ihnen bieten und zahlen.<\/p>\n<p>Die Arbeitgeber-Lobby ruft immer nach Leuten mit Ausbildung. Oft ist gar nicht wichtig, welche Ausbildung das ist, es geht nur darum, dass die Leute mal drei Jahre durch die M\u00fchle gegangen sind, Industrieabl\u00e4ufe kennen und bewiesen haben, dass sie diszipliniert genug sind. Und das sollen die Gefl\u00fcchteten jetzt auch erstmal zeigen.<\/p>\n<p>Es werden n\u00e4mlich gar nicht nur \u00bbFachkr\u00e4fte\u00ab gesucht (tats\u00e4chlich werden im Moment sogar viele Fachkr\u00e4fte entlassen, z.B. bei Banken und Versicherungen). Im Gegenteil fehlt es zurzeit haupts\u00e4chlich an einfacher Arbeitskraft und an Leuten, die harte k\u00f6rperliche Arbeit machen. Hinter dem Bild von der BRD als dem \u00bbLand der Ingenieure\u00ab versteckt sich ein gro\u00dfer Niedriglohnsektor, der f\u00fcr die Exportwirtschaft produziert: schlecht bezahlte Montage-Arbeiterinnen, Lagerarbeiter und LKW-Fahrer. Genau f\u00fcr diese Jobs werden dringend Leute gesucht. Dazu kommen noch Bau, Handwerk, Dienstleistungen und Pflegearbeiten, die parallel zu den Industriejobs immer \u00bbg\u00fcnstiger\u00ab werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Zahl der Arbeitsstellen, f\u00fcr die man keine formelle Qualifikation braucht, ist in letzter Zeit weit st\u00e4rker als alle anderen Arten von Jobs gewachsen: In den letzten drei Jahren sind 1,6 Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs entstanden, f\u00fcr 45 Prozent davon braucht man keine formelle Ausbildung, obwohl diese Art von Jobs insgesamt nur 13 Prozent ausmachen. Viele Deutsche wollen solche harten Jobs zu den gegebenen Bedingungen nicht machen. Der Betreiber einer gro\u00dfen Spedition sagt beispielsweise: \u00bbF\u00fcr die Nachtschicht kriegen Sie keinen Deutschen\u00ab. Dem Institut der deutschen Wirtschaft zufolge gibt es allein f\u00fcr LKW-Fahrer 15\u00a0000 offene Stellen. Die Zuwanderung aus Osteuropa ist bereits r\u00fcckl\u00e4ufig. Viele gehen in ihre Herkunftsl\u00e4nder zur\u00fcck bzw. bleiben gleich dort, weil die L\u00f6hne gestiegen sind und die Lebensbedingungen sich verbessert haben. Die Arbeitgeber auf dem Bau und in der Gastronomie jammern.<\/p>\n<p>Da der Konkurrenzdruck in diesen Bereichen hoch ist und die einzelnen Kapitalisten die Arbeitsbedingungen kaum verbessern k\u00f6nnen, suchen sie eben Zuwanderer und Fl\u00fcchtlinge, die bereit sind, f\u00fcr wenig Lohn flexibel zu arbeiten \u2013 zumindest als Einstieg. VertreterInnen der Institutionen merken das immer mal wieder offen an: \u00bbOffenbar haben wir einen gro\u00dfen Bedarf an einfachen Dienstleistungen. Daher profitieren wir von dieser Art Zuwanderung, vorausgesetzt, diese Menschen kommen am Arbeitsmarkt an.\u00ab (Prof. Br\u00fccker, IAB)<\/p>\n<p><strong>Vollbesch\u00e4ftigung bei stagnierenden L\u00f6hnen. Wie wirkt sich die Zuwanderung aus?<\/strong><\/p>\n<p>In der BRD herrscht im Moment die paradoxe Situation, dass die Arbeitslosigkeit relativ niedrig ist und die Wirtschaft w\u00e4chst, die L\u00f6hne aber kaum steigen.<\/p>\n<p>Mit der Einf\u00fchrung des Mindestlohns 2015 hat die Politik eine Lohnuntergrenze gezogen. Damit konnte das Lohnniveau der Ans\u00e4ssigen nicht weiter nach unten absacken und das \u00bbLohnabstandsgebot\u00ab zur Sozialhilfe besser gewahrt werden.<\/p>\n<p>Forderungen von Unternehmerseite, die Lohnuntergrenze f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge aufzuheben, wurden bisher nicht erf\u00fcllt. Es war sogar eine Forderung der AfD im Wahlkampf, dass der Mindestlohn auch f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge gelten soll.<\/p>\n<p>Ausnahmen davon gibt es trotzdem, z.B. im Zweiten Arbeitsmarkt; es gibt auch immer die M\u00f6glichkeit der Schwarzarbeit. Aber es ist offensichtlich nicht politischer Wille, dass dieser Lohn von der Zuwanderung unterlaufen, sondern dass von unten aufgef\u00fcllt wird.<\/p>\n<p>Die Gefahr des Mindestlohns besteht eher darin, dass diese Lohnh\u00f6he als legitim angesehen und akzeptiert wird und immer mehr Leute nur den Mindestlohn bekommen, wie die Entwicklung in anderen EU-L\u00e4ndern (z.B. Frankreich) zeigt.<\/p>\n<p><strong>Wie erkl\u00e4ren sich die b\u00fcrokratischen H\u00fcrden f\u00fcr die Besch\u00e4ftigung von Fl\u00fcchtlingen?<\/strong><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist es f\u00fcr noch nicht anerkannte Fl\u00fcchtlinge ziemlich kompliziert, legal zu arbeiten. Umziehen zum Beispiel darf man erst mit der Anerkennung, und auch dann k\u00f6nnen noch Wohnsitzauflagen gelten. Es sind immer mehrere Beh\u00f6rden f\u00fcr einen Fall zust\u00e4ndig, die nicht unbedingt gut vernetzt sind, oft h\u00e4ngt alles von Ermessensspielr\u00e4umen ab. Die Bearbeitung der Antr\u00e4ge dauert ziemlich lange, und es ist sehr schwer, eine Arbeit zu finden, wenn jederzeit die Abschiebung droht.<\/p>\n<p>Der DIHK fordert zur verbesserten Einstellbarkeit von Fl\u00fcchtlingen einen Abschiebeschutz w\u00e4hrend der Einstiegsqualifizierung, die Wartezeiten f\u00fcr Sprachkurse m\u00fcssten k\u00fcrzer und das Wirrwarr von Zertifikaten beseitigt werden. Eine Ausbildungsduldung sollte sechs Monate vor Beginn der Ausbildung erteilt werden \u2013 denn Ausbildungsvertr\u00e4ge werden fr\u00fchzeitig abgeschlossen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Unternehmer w\u00e4re es am besten, dass Fl\u00fcchtlinge einfach herkommen und anfangen zu arbeiten, ohne \u00bbb\u00fcrokratische Hemmnisse\u00ab. Am besten auch ohne dass sie staatliche Unterst\u00fctzung bekommen, damit sie sich f\u00fcr jede Arbeit hergeben m\u00fcssen. Einige \u00bbHemmnisse\u00ab wurden rasch beseitigt, so dass es im Vergleich zu fr\u00fcher\u00a0<em>theoretisch<\/em>\u00a0leichter geworden, als Fl\u00fcchtling in der BRD zu arbeiten, selbst wenn noch unklar ist, ob und wie lange man bleiben kann.<\/p>\n<p><strong>Arbeitserlaubnis<\/strong><\/p>\n<p>Wer Asyl oder Schutz als Fl\u00fcchtling nach der Genfer Konvention beantragt, muss seinen Ausweis abgeben und bekommt eine Aufenthaltsgestattung. Wird dem Antrag stattgegeben, bekommt man eine Aufenthaltserlaubnis f\u00fcr drei Jahre, oder f\u00fcr ein Jahr, wenn nur subsidi\u00e4rer Schutz zuerkannt wird \u2013 was die Arbeitssuche sehr viel schwerer macht. Das ist mittlerweile bei vielen Syrern der Fall. Wird der Antrag abgelehnt, aber eine Abschiebung ist nicht m\u00f6glich, bekommt man eine Duldung.<\/p>\n<p>Uneingeschr\u00e4nkt arbeiten d\u00fcrfen anerkannte Fl\u00fcchtlinge und Asylberechtigte. Menschen aus \u00bbsicheren Drittstaaten\u00ab d\u00fcrfen in vielen F\u00e4llen gar keine Arbeitserlaubnis bekommen.<\/p>\n<p>Wer noch im Antragsverfahren steckt oder eine Duldung hat, braucht eine Arbeitserlaubnis. Die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde muss dann jede Arbeitsaufnahme konkret genehmigen und daf\u00fcr die Zustimmung der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit einholen. Die BA pr\u00fcft unter anderem, ob die gefl\u00fcchtete Person zu schlechteren Bedingungen eingestellt werden soll als deutsche Mitarbeiter.<\/p>\n<p>Die Vorrangpr\u00fcfung in den ersten 15 Monaten des Aufenthalts, bei der die Zustimmung nur dann erteilt wird, wenn die Arbeitsstelle nicht mit einem \u00bbInl\u00e4nder\u00ab besetzt werden kann, wurde mit dem Integrationsgesetz vom Sommer 2016 in den meisten Regionen f\u00fcr drei Jahre ausgesetzt (ausgenommen sind Mecklenburg-Vorpommern sowie einige Orte in Bayern und NRW). Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr Leiharbeit wurden bereits im Herbst 2015 aufgehoben.<\/p>\n<p><strong>Integrationsgesetz?<\/strong><\/p>\n<p>Auf dieses Integrationsgesetz geht auch die \u00bbAusbildungsduldung\u00ab zur\u00fcck. Die Erteilung einer Duldung f\u00fcr die Zeit der Ausbildung ist heute ein Rechtsanspruch und liegt nicht mehr im Ermessen der Beh\u00f6rde, die Altersgrenze von 21 Jahren wurde abgeschafft. Es d\u00fcrfen allerdings noch keine Schritte zur Abschiebung eingeleitet worden sein \u2013 eine von mehreren Bundesl\u00e4ndern sehr weitl\u00e4ufig interpretierte Vorschrift.<\/p>\n<p>Das Gesetz erh\u00f6ht den Druck, arbeiten zu gehen, was zulasten der Arbeitsbedingungen gehen d\u00fcrfte. Nur Fl\u00fcchtlinge, die einen Arbeitsplatz haben, d\u00fcrfen ihren Wohnort frei w\u00e4hlen; die L\u00e4nder k\u00f6nnen sonst Regelungen erlassen, nach denen der Wohnort bestimmt oder zumindest bestimmte Orte ausgeschlossen werden. Das schon bekannte Prinzip der Agenda 2010 \u00bbF\u00f6rdern und Fordern\u00ab wird nun auch auf Fl\u00fcchtlinge angewendet: Wird ein Integrationskurs verweigert, k\u00f6nnen Leistungen gestrichen werden. Das ist ein Hohn angesichts der Tatsache, dass Tausende von Fl\u00fcchtlingen lange Zeit darauf waren, an Integrations- und Sprachkursen teilnehmen zu k\u00f6nnen. Zudem sind Fl\u00fcchtlinge verpflichtet, sogenannte \u00bbFl\u00fcchtlingsintegrationsma\u00dfnahmen\u00ab anzunehmen, also \u00bbEin-Euro-Jobs\u00ab. Der \u00fcppige Zuverdienst wird f\u00fcr sie allerdings auf 80 Cent die Stunde gek\u00fcrzt.<\/p>\n<p><strong>Die Zuwanderer sollen arbeiten und keine Anspr\u00fcche stellen.<\/strong><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte fast schon von einer Strategie sprechen: Ein Arbeitsplatz wird versprochen und darf dann doch nicht angenommen werden. Antr\u00e4ge reihen sich an lange Wartezeiten, Ausk\u00fcnfte widersprechen sich. Diese Prozeduren reiben die Leute auf und sind ein Mittel der Vereinzelung. Die nicht v\u00f6llig unberechtigte Hoffnung auf Aufenthaltsstatus, Unterst\u00fctzung und eine neue Existenz wird wachgehalten, auch \u00fcber viele Hindernisse hinweg. So bleiben viele potentiell entt\u00e4uschte und verzweifelte Menschen unter Kontrolle, Aufstandssituationen wie in italienischen Fl\u00fcchtlingslagern werden verhindert.<\/p>\n<p><strong>Wo arbeiten die Fl\u00fcchtlinge?<\/strong><\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Mehrheit der Gefl\u00fcchteten, die arbeiten d\u00fcrfen oder zumindest nach Genehmigung arbeiten d\u00fcrfen, steckt in Sprachkursen, Praktika oder anderen Ma\u00dfnahmen. Die Jugendlichen ohnehin: von ihnen besuchen viele noch die Schule oder spezielle Integrationsklassen. Wer 2015 gekommen ist, wird diese fr\u00fchestens 2018 verlassen. In Bayern schlossen im Sommer 2017 etwa 5500 Fl\u00fcchtlinge eine Berufsintegrationsklasse ab, sie sind alle vor 2015 gekommen. 2018 werden es wohl mehr als doppelt so viele sein.<\/p>\n<p>Aber auch wer fr\u00fcher gekommen ist und schon zwei Jahre hinter sich hat, hat nicht unbedingt einen klaren Weg vor sich. Bei manchen dauert die Schule l\u00e4nger, weil sie noch alphabetisiert werden mussten. Viele werden nicht zur Hauptschulabschluss-Pr\u00fcfung zugelassen oder bestehen sie nicht.<\/p>\n<p><strong>Ausbildung<\/strong><\/p>\n<p>Nur die wenigsten fangen jetzt eine Ausbildung an, in Darmstadt z.B. sind es von 67 Integrationsklassen-Sch\u00fclern nur 12. Zu der Schwierigkeit, einen Arbeitgeber zu finden, der die b\u00fcrokratischen H\u00fcrden auf sich nehmen und sie ausbilden will, kommen noch zahlreiche Vorschriften hinzu, mit denen eine erfolgreiche Ausbildung und gelungene Integration sichergestellt werden soll. Viele erf\u00fcllen die Voraussetzungen nicht: Um die Genehmigung f\u00fcr eine Ausbildung zu erhalten, m\u00fcssen Gefl\u00fcchtete Sprachkenntnisse auf B2-Niveau nachweisen. Damit haben viele Probleme, die wenige Kontakte zu Deutschen haben. Einige haben sogar die Zusage f\u00fcr einen Ausbildungsplatz in der Tasche, k\u00e4mpfen aber noch mit dem Spracherwerb.<\/p>\n<p>Viele junge Leute wollen aber gar keine Ausbildung machen: viele kennen das Konzept einer mehrj\u00e4hrigen Ausbildung und die vielen Ausbildungsberufe gar nicht, die es in der BRD gibt, nicht. Manchen behagt auch der angebotene Beruf nicht. Und viele wollen oder m\u00fcssen gleich mehr Geld verdienen und nehmen schnell einen Helferjob an.<\/p>\n<p>Wie viele Gefl\u00fcchtete bisher tats\u00e4chlich eine Berufsausbildung begonnen haben, ist nicht genau zu sagen. In der Statistik der Bundesagentur tauchen f\u00fcr 2017 6000 auf, die damit ihre Arbeitslosigkeit beendet haben. Dazu kommen aber noch alle, die vorher beispielsweise zur Schule gegangen sind oder andere Kurse besucht haben. In Baden-W\u00fcrttemberg haben 2017 2300 Gefl\u00fcchtete eine Ausbildung angefangen, ungef\u00e4hr doppelt so viele wie 2016.<\/p>\n<p><strong>Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>Auch bei den (etwas) \u00c4lteren scheinen die Beh\u00f6rden besorgt zu sein, sie zu fr\u00fch auf die reale Arbeitswelt loszulassen \u2013 oder auf starke Schwierigkeiten zu sto\u00dfen, was Festeinstellungen angeht. Die Leute werden zun\u00e4chst in Kurse und Praktika geschickt. Viele haben schon mehrere Praktika absolviert, diese dauern ein bis vier Wochen, und wenn nicht schon eine bestimmte Qualifikation vorhanden ist, finden sie zumindest in Berlin und Brandenburg oft in Bereichen wie Gastronomie und Verkauf statt. Jobs werden daraus meistens nicht, es gibt nur die Hoffnung, dass das Zeugnis bei der n\u00e4chsten Bewerbung hilft. Auch in der st\u00e4rker industriell gepr\u00e4gten Stuttgarter Region gibt es viele Praktikanten.<\/p>\n<p>Manche versuchen, durch eine Ausbildung in einem Mangelberuf wie Altenpflegerin ihren Aufenthalt zu legalisieren. Andere versuchen, der Abschiebung durch einen Job im zweiten Arbeitsmarkt zu entgehen.<\/p>\n<p>Das ist allerdings keine Perspektive f\u00fcr Leute, die ihre Familie herholen wollen oder dies bereits getan haben: wer einen f\u00fcnfk\u00f6pfigen Haushalt versorgen will, braucht sofort einen Job und die M\u00f6glichkeit, mit \u00dcberstunden und Nebenjobs wie schwarz putzen gehen, den Lohn zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Die Zahlen des BAMF und des IAB (Institut f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit) entsprechen in etwa diesen Erfahrungen. Als Ann\u00e4herung an die Zahl der Gefl\u00fcchteten ziehen sie die Zahl der \u00bbPersonen aus den acht wichtigsten au\u00dfereurop\u00e4ischen Herkunftsl\u00e4ndern\u00ab heran (Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien).<\/p>\n<p>Wie viele Gefl\u00fcchtete zumindest offiziell auf Jobsuche sind, kann man den Statistiken grob entnehmen. Die Bundesagentur hat f\u00fcr Dezember 2017 181\u00a0000 Arbeitslose aus diesen L\u00e4ndern als arbeitslos registriert, das sind 7000 mehr als vor einem Jahr. Immer mehr Gefl\u00fcchtete werden von den Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden an die Jobcenter \u00bb\u00fcbergeben\u00ab, aber nur ein Teil von ihnen taucht in der Arbeitslosenstatistik auf. Die Zahl derer, die als \u00bbUnterbesch\u00e4ftigte\u00ab bezeichnet werden, ist im Jahr bis zum Oktober 2017 von 320\u00a0000 auf 420\u00a0000 gewachsen. Dahinter verbergen sich diejenigen, die gerade Kurse, Praktika und andere Ma\u00dfnahmen absolvieren.<\/p>\n<p>Viele Gefl\u00fcchtete haben geringf\u00fcgige Jobs, insgesamt sind es 61\u00a0000. Von Oktober 2016 bis Oktober 2017 haben 56\u00a0000 Gefl\u00fcchtete, die vorher arbeitslos waren, eine sozialversicherungspflichtige Arbeit am ersten Arbeitsmarkt aufgenommen, 7000 eine geringf\u00fcgige Besch\u00e4ftigung, weitere 9000 eine am zweiten Arbeitsmarkt. Im Oktober 2017 haben etwas mehr als 200\u00a0000 Menschen aus den acht genannten L\u00e4ndern sozialversicherungspflichtig gearbeitet.<\/p>\n<p>Die Besch\u00e4ftigungsquote (die geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigte einschlie\u00dft) stieg damit im Verlauf des Jahres von 16 auf 25 Prozent an. Das bedeutet, dass ein Viertel der erwerbsf\u00e4higen Gefl\u00fcchteten bereits offiziell arbeitet, bei den Ausl\u00e4ndern insgesamt sind es 47 Prozent und bei den Deutschen 67 Prozent.<\/p>\n<p>Ein Viertel der arbeitenden Fl\u00fcchtlinge ist \u00fcber Leiharbeit besch\u00e4ftigt, gefolgt von Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen in Unternehmen, die \u00bbwirtschaftliche Dienstleistungen\u00ab erbringen, und dem Gastgewerbe. Fast die H\u00e4lfte der sozialversicherungspflichtig Besch\u00e4ftigten arbeitet als Helfer.<\/p>\n<p>Die Zugewanderten verfolgen unterschiedliche Strategien. Anders als die \u00bbGastarbeiter\u00ab sind viele Fl\u00fcchtlinge nicht hierher gekommen, um in m\u00f6glichst kurzer Zeit m\u00f6glichst viel Geld zu verdienen und dann wieder in ihr Herkunftsland zu gehen.Sie wollen ein besseres Leben, nicht in beschissenen Jobs ackern bis zum Umfallen. Das zeigen auch die folgenden Interviews.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/wildcat\/101\/w101_fachfluechtlinge.html\">Wildcat\u00a0101&#8230;<\/a> vom 26. September 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem sogenannten \u00bbFl\u00fcchtlingsproblem\u00ab werden zwei Jahre nach dem \u00bbSommer der Migration\u00ab politische Mehrheiten organisiert bzw. verloren. 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