{"id":4075,"date":"2018-09-30T15:26:13","date_gmt":"2018-09-30T13:26:13","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4075"},"modified":"2018-09-30T15:26:13","modified_gmt":"2018-09-30T13:26:13","slug":"gemeinsamer-ryanair-streik-in-sechs-laendern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4075","title":{"rendered":"Gemeinsamer Ryanair-Streik in sechs L\u00e4ndern"},"content":{"rendered":"<p>An dem bisher gr\u00f6\u00dften Streik gegen die Billiglohnpolitik von Ryanair beteiligten sich am gestrigen Freitag gleichzeitig Kabinenpersonal und Piloten aus sechs europ\u00e4ischen L\u00e4ndern: In Belgien, Italien, den Niederlanden, <!--more-->Portugal, Spanien und Deutschland ruhte 24 Stunden lang die Arbeit.<\/p>\n<p><strong>Streikende Ryanair-Besch\u00e4ftigte in Berlin<\/strong><\/p>\n<p>Europaweit wurden \u00fcber 240 Fl\u00fcge gestrichen, deutlich mehr als das Ryanair-Management erwartet hatte. Von und nach Deutschland fielen 140 Ryanair-Fl\u00fcge oder 40 Prozent der Fl\u00fcge aus. Am Berliner Flughafen Sch\u00f6nefeld wurden 52 von 90 Starts und Landungen gestrichen, in Hamburg waren es 15, in K\u00f6ln\/Bonn 19 und in Frankfurt 21 Fl\u00fcge. Die Ryanair-Fl\u00fcge, die stattfinden konnten, hatten zumeist stundenlange Versp\u00e4tung.<\/p>\n<p>\u201eLow Fares, No Cares\u201c (Niedrige Preise, keine F\u00fcrsorge), und \u201eNo Rights \u2013 No Flights!\u201c (Keine Rechte \u2013 keine Fl\u00fcge!) \u2013 unter solchen und \u00e4hnlichen Slogans demonstrierten in Berlin und Frankfurt mehrere hundert zumeist junge Stewardessen und Stewards.<\/p>\n<p>Erst am Donnerstagabend hatte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi auch die in Deutschland stationierten Crews zum Streik aufgerufen. Mit gro\u00dfer Nervosit\u00e4t achteten sie jedoch darauf, die Kontrolle zu bewahren. In Frankfurt mischten sich Verdi-Funktion\u00e4re mehrmals in die Gespr\u00e4che ein, die Ryanair-Besch\u00e4ftigte mit der\u00a0<em>World Socialist Web Site\u00a0<\/em>f\u00fchrten, und bestanden darauf, dass keinerlei Interviews gegeben werden d\u00fcrften, nicht einmal ohne Namensnennung.<\/p>\n<p>Allerdings waren die jungen Flugbegleiter begierig, \u00fcber ihre Bedingungen zu berichten, die wirklich menschenverachtend sind.<\/p>\n<p><strong>Laura<\/strong><\/p>\n<p>In Berlin trat eine Stewardess namens Laura, die an den Verhandlungen teilgenommen hatte, ans Mikrophon und schilderte die N\u00f6te des Kabinenpersonals. \u201eWir sind Menschen mit Rechten, die f\u00fcr dieses Unternehmen und f\u00fcr alle Passagiere jeden Tag in ganz Europa arbeiten. Wir kommen aus verschiedenen L\u00e4ndern, sprechen verschiedene Sprachen, haben unterschiedliche kulturelle Hintergr\u00fcnde und arbeiten jeden Tag als Team zusammen.\u201c<\/p>\n<p>Unter starkem Beifall beschrieb Laura, dass es f\u00fcr die Crews unm\u00f6glich sei, sich an Bord auf Verkaufsziele der Waren zu konzentrieren. Schlie\u00dflich seien sie ausgebildet, um die Passagiere zu betreuen und im Notfall zu sichern. \u201eAber unsere Firma erkennt das nicht an\u201c, erkl\u00e4rte Laura.<\/p>\n<p>In Frankfurt versammelten sich am Terminal 2 Flugbegleiter und Piloten aus Griechenland, Italien, Bulgarien, Frankreich und Deutschland. Im Gespr\u00e4ch mit der\u00a0<em>WSWS<\/em>\u00a0sagte ein Steward aus Italien: \u201eWir m\u00fcssen einfach zu viel arbeiten f\u00fcr zu wenig Geld. Wir sind oft stundenlang am Flughafen in Bereitschaft, ohne dass wir daf\u00fcr bezahlt werden. Die Bezahlung setzt erst ein, wenn der Flieger abhebt. Das ist total ungerecht.\u201c<\/p>\n<p>Eine Flugbegleiterin aus Griechenland best\u00e4tigte die schlechten Arbeitsbedingungen, den \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Druck und fehlende Krankenversicherungen. Dann sagte sie, sie finde vor allem die Unsicherheit der befristet eingestellten Kollegen schlimm. Ein gro\u00dfer Teil des Personals sei nur \u00fcber Zeitfirmen, nicht aber fest bei Ryanair besch\u00e4ftigt. \u201eDie meisten von ihnen trauen sich gar nicht, mit uns zu streiken. Sie haben Angst, ihre Arbeit zu verlieren.\u201c<\/p>\n<p>Ryanair-Vorstandschef Michael O\u2019Leary hatte wiederholt damit gedroht, Flugzeuge von den Standorten abzuziehen, an denen die Belegschaften streiken. Das Management des Billigfliegers, der mit seinen Maschinen mehr als 215 Flugh\u00e4fen in 37 L\u00e4ndern anfliegt und von 86 Basen in Europa und Nordafrika operiert, drohte den Streikenden mit Lohnk\u00fcrzungen, Abmahnungen, Versetzungen an andere Standorte oder gar K\u00fcndigung.<\/p>\n<p>Umso mehr stellte der Streik, der Ryanair am Freitag in sechs L\u00e4ndern gleichzeitig lahmlegte, das enorme Potential unter Beweis, das in einem international gemeinsam gef\u00fchrten Arbeitskampfs liegen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Allerdings sind die Gewerkschaften nicht bereit, internationale Streiks zu organisieren. Sie bestehen im Gegenteil darauf, dass die Gewerkschaften unter allen Umst\u00e4nden an jedem nationalen Standort eigene Verhandlungen, getrennt von allen andern, mit der Gesch\u00e4ftsleitung f\u00fchren. Zum Teil spalten sie die Belegschaften noch zus\u00e4tzlich nach unterschiedlicher Gewerkschaftszugeh\u00f6rigkeit auf, wie in Deutschland, wo die Gewerkschaft Ufo sich weigerte, am gestrigen Streik teilzunehmen, weil sie noch am Donnerstagnachmittag Verhandlungen mit dem Ryanair-Management f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Die Vereinigung Cockpit und Verdi boten am Freitag eine Reihe prominenter Politiker der SPD, der Gr\u00fcnen und der Linken auf, um von der B\u00fchne zu den Streikenden zu sprechen. In Berlin traten neben dem Verdi-Chef Frank Bsirske auch Hubertus Heil (SPD), Bundesminister f\u00fcr Arbeit und Soziales, Michael Kellner, Bundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Gr\u00fcnen, sowie die Landesvorsitzende der Linken, Katina Schubert, auf. In Frankfurt waren es die Spitzenkandidaten Thorsten Sch\u00e4fer-G\u00fcmbel (SPD) und Janine Wissler (Linke), welche die Gelegenheit f\u00fcr ihren Wahlkampf zur Hessenwahl in vier Wochen nutzten.<\/p>\n<p>Diese Politiker sind samt und sonders f\u00fcr den rechten Kurs der Bundesregierung mitverantwortlich, entweder als Minister oder als \u201eloyale\u201c Opposition im Bundestag und in den Landtagen. Ihre Parteien haben massive Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen und extrem arbeiterfeindliche Ma\u00dfnahmen durchgesetzt, von der Agenda 2010 und Hartz IV \u00fcber das Tarifeinheitsgesetz bis hin zur Ausbreitung von Leiharbeit, um nur einige Beispiele zu nennen. Bei der Pleite von Air Berlin haben sie mit den Gewerkschaften einen \u00fcblen Ausverkauf organisiert.<\/p>\n<p>An dem Streik gegen Ryanair haben die Politiker aus zwei Gr\u00fcnden ein besonderes Interesse: Zun\u00e4chst nehmen sie dabei implizit f\u00fcr Lufthansa Partei, den gr\u00f6\u00dften deutschen Luftkonzern, der Ryanair als bedrohlichen Konkurrenten betrachtet. Vertreter von Verdi, Ufo und Cockpit sitzen im Aufsichtsrat von Lufthansa; Verdi-Chef Frank Bsirske war jahrelang stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, und seinen Platz nimmt heute das Verdi-Vorstandsmitglied Christine Behle ein.<\/p>\n<p>Der zweite Grund besteht darin, dass sie Angst haben, die brutalen und konfrontativen Ausbeutungsmethoden von Ryanair k\u00f6nnten das korporatistische Modell in Deutschland untergraben, mit dem alle sozialen Angriffe \u201esozialpartnerschaftlich\u201c, das hei\u00dft in enger Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften, durchgesetzt werden.<\/p>\n<p>Buchst\u00e4blich bis zur letzten Minute hatten Verdi und die Vereinigung Cockpit versucht, von O\u2019Leary die Zustimmung zu einem Separatabschluss oder einer Schlichtung zu erhalten. Bedauernd schreibt die Vereinigung Cockpit auf ihrer Website, O\u2019Leary habe \u201eseit dem letzten Arbeitskampf am 12. September 2018 kein verbessertes Angebot gemacht. Zudem konnte bislang keine Schlichtungsvereinbarung zwischen Ryanair und VC erzielt werden.\u201c<\/p>\n<p>Diese nationalistische und kapitalistische Politik der Gewerkschaften wird nat\u00fcrlich auch von den Vertretern von SPD, Gr\u00fcnen und Linkspartei geteilt. Doch diese Politik st\u00f6\u00dft mehr und mehr auf Ablehnung und Widerstand.<\/p>\n<p>Bezeichnend war ein Gespr\u00e4ch in Frankfurt mit griechischen Flugbegleitern. Als die Rede am Freitag auf Syriza kam, die Verb\u00fcndete der Linkspartei in Griechenland, erkl\u00e4rte eine Flugbegleiterin entschieden: \u201eVon Syriza halte ich nichts. Seitdem sie an der Regierung sind, haben sie f\u00fcr die Arbeiter keinen Finger ger\u00fchrt. In Griechenland sind heute viel mehr Leute arbeitslos als zuvor.\u201c<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/09\/29\/ryan-s29.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. September 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An dem bisher gr\u00f6\u00dften Streik gegen die Billiglohnpolitik von Ryanair beteiligten sich am gestrigen Freitag gleichzeitig Kabinenpersonal und Piloten aus sechs europ\u00e4ischen L\u00e4ndern: In Belgien, Italien, den Niederlanden, <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,5],"tags":[25,29,87,41,26,45,17],"class_list":["post-4075","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitskaempfe","tag-arbeitswelt","tag-europa","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4075","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4075"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4075\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4076,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4075\/revisions\/4076"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4075"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4075"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4075"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}