{"id":4081,"date":"2018-09-30T16:15:02","date_gmt":"2018-09-30T14:15:02","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4081"},"modified":"2018-11-09T12:14:09","modified_gmt":"2018-11-09T10:14:09","slug":"marxnomarx-ueber-marx-hinaus-oder-hinter-ihn-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4081","title":{"rendered":"MarxnoMarx \u2014 \u00fcber Marx hinaus oder hinter ihn zur\u00fcck?"},"content":{"rendered":"<p><em>Jannick Hayoz.<\/em> I<strong>ntellektuelle vom Denknetz, SPlerInnen, Gr\u00fcne, Gewerkschafts- und JUSO-Pr\u00e4sidentinnen \u2014 die halbe Linke schreibt dazu, wie Marx\u2019 Werk \u00abheute wieder fruchtbar\u00bb gemacht<!--more--> werden k\u00f6nne. Im Sommer gaben Ringger und Wermuth ein Buch zu Marx zu dessen 200-Jahre-Jubil\u00e4um heraus. Eine Kritik.<\/strong><\/p>\n<p>\u00abMarxnoMarx\u00bb, der Titel trifft ins Schwarze: Das Leitmotiv des Buchs ist \u00abmit Marx \u00fcber Marx hinaus\u00bb. Ein Beispiel: JUSO-Pr\u00e4sidentin Funiciello will \u00abreflektieren, wo heute weitergedacht wird als nur bis Marx\u00bb. Dieses Motiv ist mehr als hundert Jahre alt. Man m\u00fcsse \u00fcber Marx hinausgehen, meinte bereits Eduard Bernstein Ende 19. Jahrhundert: Der Sozialismus werde durch ein lineares Fortschreiten mittels Sozialreformen innerhalb des Kapitalismus erreicht. Nicht durch Revolution, wie Marx dachte. Bernstein gab erstmals der reformistischen Str\u00f6mung in der deutschen Sozialdemokratie einen theoretischen Ausdruck. Rosa Luxemburg erkannte sofort, was hinter dieser vermeintlichen theoretischen Weiterentwicklung steckte: \u00abKein einziger Gedanke, der nicht schon vor Jahrzehnten von dem Marxismus niedergetreten, zerstampft, ausgelacht, in nichts verwandelt worden w\u00e4re.\u00bb Indem wir einige wesentliche, gemeinsame Kerne heraussch\u00e4len, wollen wir zeigen, dass\u00a0<em>MarxnoMarx<\/em>\u00a0in dieser reformistischen Tradition steht: vermeintlich \u00fcber Marx hinaus, in Wahrheit weit hinter ihn zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Mit Marx in den Kampf?<\/strong><\/p>\n<p>Der Marx-Satz, auf den am meisten Bezug genommen wird, ist die elfte Feuerbachthese: \u00abDie Philosophen haben die Welt nur verschieden\u00a0<em>interpretiert<\/em>; es k\u00f6mmt drauf an, sie zu\u00a0<em>ver\u00e4ndern<\/em>.\u00bb Ja, insofern sind wir MarxistInnen, so die meisten AutorInnen.<\/p>\n<p>Man m\u00fcsste also meinen, der Zweck eines solchen Buches sei, eine Waffe im Kampf gegen den Kapitalismus zu sein. Doch nein: es soll bloss \u00abNeugierde wecken\u00bb, \u00abzur Diskussion herausfordern\u00bb. Man h\u00f6rt bereits die Einw\u00e4nde: diese theoretische Auseinandersetzung sei doch selbst schon eine Form von Praxis; auch Engels habe doch vom \u00abtheoretischen Kampf\u00bb gesprochen. Doch Engels verstand den \u00abtheoretischen Kampf\u00bb als\u00a0<em>eine Seite<\/em>\u00a0des Klassenkampfs: er ersetzt nicht den \u00f6konomischen und politischen Kampf f\u00fcr den Sozialismus. Der ideologische Kampf gewinnt seine wirkliche revolution\u00e4re Bedeutung nur als Moment des ganzen Klassenkampfs f\u00fcr den Sozialismus.<\/p>\n<p>Die Versicherung, man kn\u00fcpfe an der marxistischen Einheit von Theorie und Praxis an, entpuppt sich als deren Gegenteil. Rytz z.B., Nationalr\u00e4tin und Pr\u00e4sidentin der Gr\u00fcnen, pickt sich ein bisschen \u00abmarxistische Systemkritik\u00bb heraus. Von dieser \u00abSystemkritik\u00bb ist aber die Lehre vom Klassenkampf untrennbar: Es ist die arbeitende Klasse, die im Kampf mit der sie ausbeutenden kapitalistischen Klasse die Macht erringen muss, um eine freie (und auch \u00f6kologisch nachhaltige) Gesellschaft erschaffen zu k\u00f6nnen. Die Einheit von Theorie und Praxis gebietet, diese \u00abmarxistische Systemkritik\u00bb in die Praxis umzusetzen und eine revolution\u00e4re Partei der Arbeiterklasse aufzubauen. Die Politik der Gr\u00fcnen ist davon meilenweit entfernt. Was f\u00fcr Rytz, gilt ausnahmslos auch f\u00fcr die VerfasserInnen der anderen Beitr\u00e4ge: Wer sich mit Marxschen Federn schm\u00fcckt,\u00a0<em>muss\u00a0<\/em>revolution\u00e4re Politik machen \u2014 alles andere ist Wortradikalismus. Doch auch der Radikalismus in Worten packt die Sache nur vordergr\u00fcndig an der Wurzel\u2026<\/p>\n<p><strong>Eine \u00abLeerstelle\u00bb bei Marx<\/strong><\/p>\n<p>In diversen Aufs\u00e4tzen wird eine \u00abLeerstelle\u00bb, ein \u00abblinder Fleck\u00bb bei Marx markiert: unbezahlte, vor allem von Frauen ausgef\u00fchrte Hausarbeit. W\u00e4hrend die JUSO-Pr\u00e4sidentin sich damit begn\u00fcgt, einfach zu behaupten,\u00a0<em>dass\u00a0<\/em>eine Leerstelle vorhanden sei, wollen wir sie benennen.<\/p>\n<p>Marx hat erkannt, dass Kapital nur dadurch akkumuliert werden kann, dass Arbeitende ausgebeutet werden. Damit aber fortlaufend ausgebeutet werden kann, muss die arbeitende Klasse reproduziert werden. Diese Reproduktion ist, so Marx, \u00abdas sine qua non der kapitalistischen Produktion\u00bb. Es ist richtig, dass er dabei die Rolle der unbezahlten, gr\u00f6sstenteils von Frauen erledigten Hausarbeit (ein Teil der Reproduktion) nicht eindringlich behandelt hat. Wie wird versucht, hier \u00ab\u00fcber Marx hinaus\u00bb zu gehen?<\/p>\n<p><strong>Neue Wertlehre?<\/strong><\/p>\n<p>Sowohl Herzog\/Sch\u00e4ppi, als auch Rytz meinen, mit dieser \u00abLeerstelle\u00bb falle die ganze Wertlehre. Weil Marx die unbezahlte Hausarbeit vernachl\u00e4ssigt habe, habe er auch \u00fcbersehen, dass sie auch \u00abproduktiv und wertsch\u00f6pfend\u00bb sei. Was bedeuten \u00abproduktiv\u00bb und \u00abwertsch\u00f6pfend\u00bb bei Marx? Tauschwert haben diejenigen Produkte, welche f\u00fcr den Tausch produziert und auf dem Markt gehandelt werden \u2014 also Waren. \u00abWertsch\u00f6pfend\u00bb bezeichnet solche Arbeit, die Waren produziert. Und produktiv ist diejenige Arbeit, die Mehrwert abwirft. Beides gilt in keinster Weise f\u00fcr die unbezahlte Hausarbeit. Das heisst nicht und hiess auch bei Marx nicht, dass wir unbezahlte Hausarbeit als weniger wertvoll in einem\u00a0<em>moralischen<\/em>\u00a0Sinn ansehen.<\/p>\n<p>Ist das blosses Herumwursteln in Details? Keineswegs. Wenn wir annehmen, dass die unbezahlte Hausarbeit Wert schafft und vor allem Mehrwert abwirft \u2014 wer eignet sich diesen dann an? Die Antwort kann nur sein: die M\u00e4nner. Der theoretische Fehler hat gewaltige politische Konsequenzen: Hausarbeitende Frauen m\u00fcssten konsequenterweise gegen lohnarbeitende M\u00e4nner einen Klassenkampf f\u00fchren. Das hat nichts anderes zur Folge als die Spaltung der ArbeiterInnenklasse. Das allerdings ist nichts anderes als konterrevolution\u00e4r.<\/p>\n<p><strong>Spalten oder verbinden?<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Herzog\/Sch\u00e4ppi und Rytz meinen, die Leerstelle m\u00fcsse mit einer ver\u00e4nderten Wertlehre gef\u00fcllt werden, \u00abf\u00fcllt\u00bb sie Funiciello mit Feminismus: \u00abWenn Marx die Bedeutung der Reproduktionsarbeit noch viel zu wenig im Blick hatte, so muss die feministische Kritik von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen heute zentraler Bestandteil linker Politik sein.\u00bb<\/p>\n<p>Ihr Feminismus beansprucht einerseits, \u00aballe Machtstrukturen \u2026 zusammen denken\u00bb zu k\u00f6nnen; andererseits, \u00abdas verbindende Element aller dieser K\u00e4mpfe\u00bb zu sein. In Wirklichkeit macht Funiciello das genaue Gegenteil. Ihre Vorstellung, die Klasse k\u00f6nne sich \u00ab\u2018nur\u2019 als Klasse\u00bb befreien, setzt das Missverst\u00e4ndnis voraus, als ob Klassen und Unterdr\u00fcckung der Frauen rein gar nichts miteinander zu tun h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Zugegeben: Marx fokussiert auf die Produktion und abstrahiert weitgehend von der Hausarbeit. Aber es ist und bleibt die marxistische Methode, die die Verkn\u00fcpfung \u00aballer Machtstrukturen\u00bb aufzeigt: Aus der Weise, wie eine Gesellschaft sich in der Gesamtarbeit selbst erzeugt, gehen in letzter Instanz die Formen von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung hervor. Dieser Blick offenbart die widerspr\u00fcchliche Beziehung der Reproduktions- bzw. Hausarbeit, in welche \u00fcberm\u00e4ssig Frauen eingespannt werden, zur kapitalistischen Produktion. Das ist die Grundlage der Unterdr\u00fcckung der Frau im Kapitalismus \u2014 innig verwachsen mit der kapitalistischen Produktionsweise selbst.<\/p>\n<p>Daraus folgt, dass der Kampf f\u00fcr die \u00dcberwindung des Kapitalismus steht und f\u00e4llt mit dem Kampf gegen die Unterdr\u00fcckung der arbeitenden Frauen \u2014 und umgekehrt. Funiciello f\u00e4llt hinter Marx zur\u00fcck: Nur wer mit Marx erkennt, wie die verschiedenen Unterdr\u00fcckungen wesentlich zusammenh\u00e4ngen, kann in der Praxis die K\u00e4mpfe dagegen wirklich verbinden unter einem sozialistischen Programm.<\/p>\n<p><strong>Reformismus oder Revolution?<\/strong><\/p>\n<p>Auch in der Frage der Revolution, die Leben und Werk von Marx wie einen roten Faden durchzieht, soll\u2019s \u00ab\u00fcber Marx hinaus\u00bb gehen. Die einfachste Variante liefern diesbez\u00fcglich Gl\u00e4ttli\/Marti und Rytz. Bei beiden heisst \u00ab\u00fcber Marx hinaus\u00bb nichts anderes, als Marx plump reformistisch zu verw\u00e4ssern. Beide geben sich zun\u00e4chst marxistisch. Rytz: Umweltprobleme seien gekoppelt an den \u00abWachstumszwang\u00bb \u2014 d.h. die Notwendigkeit, Kapital anzuh\u00e4ufen \u2014 und darum \u00abohne grundlegende Umstrukturierung der gegenw\u00e4rtigen Produktions- und Distributionsstrukturen\u00bb nicht l\u00f6sbar. Auch Gl\u00e4ttli\/Marti holen sich \u00abImpulse\u00bb, wie sie es nennen. Ganz richtig sagen sie, dass Maschinen nicht\u00a0<em>als solche<\/em>\u00a0die Menschen knechten. Die\u00a0<em>gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse<\/em>\u00a0sind es, in denen Maschinen eingesetzt werden, welche diese zu Mitteln der Ausbeutung machen. Die Konsequenz bei Marx: es sind die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, die revolutioniert werden m\u00fcssen. Die \u00abKonsequenz\u00bb bei den gr\u00fcnen ReformistInnen: Forderungen, die \u00abweder neu noch revolution\u00e4r\u00bb sind (Gl\u00e4ttli\/Marti); Alternativen, die \u00abauch ohne \u2018revolution\u00e4re\u2019 Umbr\u00fcche\u00bb m\u00f6glich sind (Rytz).<\/p>\n<p><strong>\u00abTransformation\u00bb \u2014 Aufhebung von Revolution vs. Reformismus?<\/strong><\/p>\n<p>Zwicky liefert die vernebelndste Variante namens \u00abtransformatorischer Wandel\u00bb. Er gaukelt uns vor, er f\u00fchre einen Zweifrontenkrieg \u2014 sowohl gegen Reformismus also auch gegen \u00abdie klassische Revolutionsidee\u00bb.<\/p>\n<p>Letzterer setzt Zwicky entgegen: \u00abEin Reich der Freiheit entsteht nur durch Freiheit\u00bb, nicht durch Gewalt oder \u00abMachterringung\u00bb. Dahinter verbirgt sich eine alte, mit Marx hart zu kritisierende Idee, die Anarchismus und Reformismus gleichermassen verbindet. \u00abFreiheit kann nur durch Freiheit geschaffen werden\u00bb, schrieb schon Bakunin. Marx stand dieser Freiheitsmystik diametral gegen\u00fcber: die \u00abDiktatur des Proletariats\u00bb, also Beschneidung von Freiheit, ist ein notwendiges (aber von anderen Klassendiktaturen fundamental verschiedenes) Stadium auf dem Weg zum \u00abReich der Freiheit\u00bb \u2014 notwendig v.a. weil keine herrschende Klasse sich freiwillig die Herrschaft abnehmen l\u00e4sst. Wer nicht bereit ist, den Herrschenden die Macht zu entreissen, sie selber zu ergreifen und sie diesen entgegenzustellen, muss sich ihnen unterordnen (vgl. \u00ab<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/allgemein-de\/zur-verteidigung-der-diktatur-des-proletariats\/\">Zur Verteidigung der Diktatur des Proletariats<\/a>\u00bb).<\/p>\n<p>Konsequenterweise wirft Zwicky die \u00abMachterringung\u00bb \u00fcber Bord: kein \u00ababrupter Bruch mit dem Bestehenden\u00bb soll es sein. Also? Ein linearer Prozess, der sanft in eine andere Gesellschaftsform \u00fcberlaufen soll: kein Zerschlagen des b\u00fcrgerlichen Staats, keine Machtergreifung durch die Arbeiterklasse. Vordergr\u00fcndig dagegen gewandt, versteckt sich hinter der \u00abTransformation\u00bb Reformismus \u2014 codiert als \u00abTransformationsprozess \u2026 in dessen Zentrum nicht die Destruktion der herrschenden Gesellschaft steht\u00bb.<\/p>\n<p><strong>MarxyesMarx<\/strong><\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass Revolution\u00e4re wie Lenin, Trotzki oder Luxemburg, als sie den Marxismus weiterentwickelten, nicht eine Sekunde gross ausposaunten, sie w\u00fcrden jetzt \u00ab\u00fcber Marx hinaus\u00bb gehen. Wieso nicht? Die marxistische Methode den sich ver\u00e4ndernden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen anzupassen und zu erweitern wo n\u00f6tig, und ver\u00e4nderte gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse immer von Neuem marxistisch zu analysieren \u2014 das\u00a0<em>ist<\/em>\u00a0nichts anderes als Marxismus.<\/p>\n<p>Aber nicht nur das: Die Theorie ist nach Marx nicht Selbstzweck, sondern sie ist der \u00abKopf\u00bb der Praxis. Nicht jeder Praxis: derjenigen Praxis, die sich daran macht, den Kapitalismus zu st\u00fcrzen. Darum bedeutet heute, \u00abmit Marx\u00bb zu gehen, seine Ideen zu denjenigen des wirklichen \u00abSubjekts f\u00fcr den Kampf\u00bb, die arbeitende Klasse, zu machen. Dazu braucht es eine revolution\u00e4re, marxistische Organisation. \u00abDas Werk von Marx heute wieder fruchtbar\u00bb machen, heisst, diese Organisation aufzubauen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/marxnomarx-ueber-marx-hinaus-oder-hinter-ihn-zurueck\/#more-8993\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. September 2018 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jannick Hayoz. 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