{"id":4085,"date":"2018-10-01T15:35:51","date_gmt":"2018-10-01T13:35:51","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4085"},"modified":"2018-10-01T15:35:51","modified_gmt":"2018-10-01T13:35:51","slug":"rentenplaene-russland-ist-nicht-der-westen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4085","title":{"rendered":"Rentenpl\u00e4ne \u2013 Russland ist nicht der Westen"},"content":{"rendered":"<p><em>Kai Ehlers.<\/em> Russlands F\u00fchrung ist dabei, das letzte Tabu aus der Sowjetzeit brechen zu wollen. Sie will das Rentenalter, das seit den Tagen der Oktoberrevolution f\u00fcr Frauen bei 55, f\u00fcr M\u00e4nner bei 60 Jahren lag,<!--more--> in Zukunft auf 60 Jahre f\u00fcr Frauen und 65 f\u00fcr M\u00e4nner anheben. Ist Russland f\u00fcr eine solche Entwicklung bereit?<\/p>\n<p><strong>Putins Begr\u00fcndung<\/strong><\/p>\n<p>Wladimir Putin begr\u00fcndete die Reform in seiner Fernsehansprache mit einer \u201edemografischen L\u00fccke\u201c und einem \u201eLoch in der Rentenkasse\u201c. Es gebe nach den Krisen der Transformationszeit\u00a0 zu wenig junge Menschen im Verh\u00e4ltnis zur alternden Bev\u00f6lkerung. Eine Erh\u00f6hung des Rentenalters sei daher unausweichlich. Zugleich versprach er, um die Menschen zu beruhigen, dass die\u00a0 \u201eLgoti\u201c, also die sozialen Verg\u00fcnstigungen f\u00fcr Rentner, Bed\u00fcrftige und Behinderte beibehalten werden sollen. Auch solle eine neue Kategorie von \u201eB\u00fcrgern im Vorruhestandsalter\u201c eingef\u00fchrt werden, um Vorruhestandsk\u00fcndigungen gesetzlich zu erschweren.<\/p>\n<p>Im Pro und Kontra, das zur Zeit in Russland um die Reform tobt, werden seitdem die unterschiedlichsten Berechnungen vorgetragen, was die Rentenkasse hergebe und was nicht, wie die Bev\u00f6lkerungsstruktur sich in den n\u00e4chsten Jahren entwickeln werde, wann wer zuerst von den neuen Regelungen betroffen werde usw. Bef\u00fcrworter des liberalen Lagers begr\u00fc\u00dfen die Reform als notwendigen Impuls der Modernisierung des Landes und verweisen auf die heute durch den technischen Fortschritt allgemein in der Welt steigende Lebenserwartung, die nach den Krisenjahren jetzt auch in Russland erwartet werden k\u00f6nne. Die konservativen und neo-sozialistischen Kritiker des Reformentwurfes, unterst\u00fctzt von landesweiten Massenprotesten, lehnen die Pl\u00e4ne als Angriff auf die Lebensgrundlage der Bev\u00f6lkerung ab. Eine lager\u00fcbergreifende Koalition der oppositionellen Partien der Duma einschlie\u00dflich der an sich regierungstreuen Gewerkschaften hat sich gebildet. Eine besondere Stellung nimmt, wie immer, Korruptionsj\u00e4ger Alexei Nawalny ein, der als \u201eLiberaler\u201c gegen die von Liberalen\u00a0 entwickelte Reform ebenfalls zu Protesten aufruft.<\/p>\n<p>Es stellt sich die Frage, ob die Reform unter solchen Umst\u00e4nden \u00fcberhaupt durchgef\u00fchrt werden kann. Es w\u00e4re nicht der erste Reformansatz, welcher von der russischen Wirklichkeit geschluckt w\u00fcrde wie die Matrjoschka von der Matrjoschka.<\/p>\n<p>Betrachten wir deshalb einige der wichtigsten Aspekte dieses Vorganges, ohne uns in den Zahlenspielen zu verlieren, die gegenw\u00e4rtig gespielt werden.<\/p>\n<p><strong>Der schwarze Arbeitsmarkt<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem aktuellen Vorsto\u00df zur Erh\u00f6hung des Rentenalters geht die russische Regierung in die zweite Runde des Abbaus der aus der Sowjetzeit stammenden Strukturen der sozialen Sicherung, nachdem ein fr\u00fcherer Versuch zu einer solchen zweiten Runde, mit dem die \u2013 ebenso wie die Rentenaltersgrenzen \u2013 aus sowjetischen Zeiten \u00fcberkommenen \u201eLgoti\u201c in antragsgebundene Geldzuwendungen \u00fcberf\u00fchrt\u00a0 werden sollten, im Jahr 2005 am Widerstand der Rentner und Studenten gescheitert war. Der Versuch musste zur\u00fcckgenommen werden. Damals hatte Putin eine Anhebung des Rentenalters ausdr\u00fccklich als mit ihm nicht machbar ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Am 27. Oktober 2005 erkl\u00e4rte Putin im Fernsehen: \u201eSolange ich Pr\u00e4sident bin, wird eine solche Entscheidung nicht fallen.\u201c Medwedew folgte in seiner Zeit als Pr\u00e4sident am 26.04.2012 mit der Erkl\u00e4rung, dass man eine Rentenreform auch ohne\u00a0 Erh\u00f6hung des Renteneintrittsalters vornehmen k\u00f6nne. (<a href=\"http:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\/\">www.zeitschrift-luxemburg.de<\/a>)<\/p>\n<p>Die erste Phase des fundamentalen Sozialabbaues im nachsowjetischen Russland \u2013 um an das zu erinnern, woran\u00a0 sich die russl\u00e4ndische Bev\u00f6lkerung, vor allem die \u00e4ltere, die jetzt als n\u00e4chste von der Rentenreform betroffen sein soll, sehr gut erinnert \u2013 war die Zerschlagung der betriebsbasierten sozialen Sicherungsstrukturen aus der Sowjetzeit durch die Gaidarsche und die Jelzinsche Schock-Privatisierung 1991\/2 und in den darauf folgenden Jahren. Diese Reform st\u00fcrzte die gro\u00dfe Mehrheit der russl\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung ins soziale Nichts, w\u00e4hrend eine Handvoll Krisengengewinnler das privatisierte Gemeinschaftseigentum an sich riss.<\/p>\n<p>Neue Strukturen, welche die sozialen Organe der Sowjetzeit auf privatwirtschaftlicher\u00a0 Basis nach dem Muster der westlichen kapitalistischen Gesellschaften\u00a0 h\u00e4tten auffangen sollen, konnten nur sehr langsam und bis heute sehr unvollkommenen aufgebaut werden. Genauer gesagt, der Aufbau f\u00fchrte zu scharfen sozialen Differenzierungen. Diese Entwicklung betrifft s\u00e4mtliche sozialen Strukturen \u2013 vom Gesundheitswesen \u00fcber die Wohnungswirtschaft, das Bildungswesen bis in die Kultur. In allen diesen Bereichen wurde die soziale Sicherung marktwirtschaftlichen Kriterien unterworfen. Es bildete sich eine neue Zwei-, bzw. Dreiklassenwirklichkeit heraus. Sie gliedert sich in Reiche und Privilegierte, in neue, mehrheitlich st\u00e4dtische\u00a0 Mittelschichten und in eine Bev\u00f6lkerungsmehrheit, die \u00a0auf den Resten der aus der sowjetischen Zeit \u00fcbriggeblieben Versorgungsstrukturen sitzen blieb. Das gilt vor allem f\u00fcr das Leben auf dem Lande, in den D\u00f6rfern, in stadtfernen Regionen.<\/p>\n<p>Als ein Beispiel sei nur auf die kostenlose medizinische Versorgung verwiesen, die es zwar nach wie vor gibt, die aber als \u201eerste Hilfe\u201c ein k\u00fcmmerliches Dasein f\u00fchrt. Wer dar\u00fcber hinaus \u00e4rztliche Hilfe braucht \u2013 muss zahlen oder \u201ablat\u2018, Beziehungen haben, wenn er oder sie es nicht vorzieht sich gleich im Westen versorgen zu lassen.<\/p>\n<p>Die folgenreichste Ver\u00e4nderung aber liegt in der Verwandlung der sowjetischen betriebsbasierten nach Plan betriebenen Arbeitsplatzverwaltung in einen offenen, sich selbst regulierenden Arbeitsmarkt. Diese Entwicklung f\u00fchrte zur Realit\u00e4t eines geteilten Arbeitsmarktes. Nur ein Teil der L\u00f6hne wird vertragsgem\u00e4\u00df abgerechnet und bezahlt. Ein zweiter Teil wird schwarz in stillschweigendem Einvernehmen zwischen Unternehmern und Besch\u00e4ftigten \u201eper Briefumschlag\u201c an s\u00e4mtlichen mit der Arbeit zusammenh\u00e4ngenden Steuern und Sozialabgaben vorbei ausgeh\u00e4ndigt. Es geht so, einfach gesprochen, nur ein Teil der potentiell m\u00f6glichen Abgaben aus dem Arbeitsgeschehen des Landes in die Rentenkasse ein.<\/p>\n<p>Genaue Angaben zum schwarzen Arbeitsmarkt sind statistisch, versteht sich, nicht erfassbar. Diese L\u00fccke ist durch die anderen beiden \u201eS\u00e4ulen\u201c, welche die Rentenkasse f\u00fcllen sollen \u2013 das ist die staatliche Grundrente, sowie ein freiwilliger privater Beitrag \u2013 nicht zu schlie\u00dfen, zumal die M\u00f6glichkeit freiwilliger Beitr\u00e4ge trotz staatlicher Co-finanzierung, in der von staatlicher Seite zu jedem eingezahlten Rubel ein Rubel dazugegeben wird, von der Bev\u00f6lkerung nur wenig genutzt wird.<\/p>\n<p>Solange dieser schwarze Arbeitsmarkt, einschlie\u00dflich der damit untrennbar verbundenen Hinterziehungen von Sozialabgaben und Steuern durch die Unternehmer und neuen Oligarchen existiert, sind alle Angaben zum \u201eLoch in der Rentenkasse\u201c freundlich gesagt bodenlos. Mit Sicherheit ist eine Anhebung des Rentenalters nicht dazu geeignet, diese Situation zu \u00e4ndern, sondern wird sie, falls beschlossen, auf weitere f\u00fcnf Jahre ausdehnen.<\/p>\n<p><strong>Modernisierung?<\/strong><\/p>\n<p>Damit stellen sich Fragen zum Thema der Modernisierung. Wenn die Anhebung des Rentenalters mit der Modernisierung begr\u00fcndet wird, stellt sich dem arbeitenden Menschen, insbesondere in Russland und dort vor allem jenen, die noch aus der Tradition der Sowjetzeit kommen, die einfache Grundfrage: Warum sollen wir l\u00e4nger arbeiten, wenn sich die Produktivit\u00e4t der Arbeit durch die Modernisierung erh\u00f6ht hat, die Putin erreicht zu haben f\u00fcr sich in Anspruch nimmt? M\u00fcsste nicht h\u00f6here Produktivit\u00e4t der Arbeit dazu f\u00fchren, dass mehr Freizeit entsteht, in der wir uns erholen, uns um unsere Familien k\u00fcmmern, uns kulturell bet\u00e4tigen k\u00f6nnen \u2013 ganz zu schweigen von einem wachsenden wirtschaftlichen Anteil f\u00fcr alle, nicht nur f\u00fcr einzelne privilegierte Menschen an dem produzierten allgemeinen Wohlstand?<\/p>\n<p>Solche Fragen stellen sich selbstverst\u00e4ndlich nicht nur in Russland und nicht erst heute. Sie stellten sich bereits mit dem Beginn der Industrialisierung an der Schwelle zur Entstehung der kapitalistischen Gesellschaften. Karl Marx war es, der diesen Fragen erstmals eine pr\u00e4zise Form gab, als er von dem Paradoxon sprach, dass das \u201egewaltigste Mittel\u00a0 zur Verk\u00fcrzung der Arbeitszeit\u201c, die moderne Industrie, \u201ein das unfehlbare Mittel umschl\u00e4gt, alle Lebenszeit des Arbeiters\u00a0 und seiner Familie in disponible Arbeitszeit f\u00fcr die Verwertung des Kapitals zu verwandeln.\u201c (Karl Marx, MEW, Kapital Band I, S. 430)<\/p>\n<p>Was damals galt, gilt auch heute. Es gilt offenbar umso mehr im heutigen Russland, in dem Putin eine Modernisierung, d.h. eben die Industrialisierung, noch genauer die Kapitalisierung forcieren will, um die Abh\u00e4ngigkeit Russlands als Ressourcenlieferant der Welt zu \u00fcberwinden. Aber ist die Bev\u00f6lkerung bereit, diesen Weg mitzugehen und mit einer Verl\u00e4ngerung der Lebensarbeitszeit um gut f\u00fcnf Jahre zu bezahlen? Schlie\u00dflich liefe die Erh\u00f6hung des Renteneintrittsalters angesichts der relativ zu anderen L\u00e4ndern, etwa Deutschland, niedrigen Lebenserwartungen in Russland f\u00fcr eine Mehrheit der Menschen darauf hinaus, dass sie vor ihrem Tod in vielen F\u00e4llen nicht mehr oder kaum noch\u00a0 in den Genuss einer Rente k\u00e4me \u2013 und sei sie auch gering. Das tr\u00e4fe vor allem M\u00e4nner, deren statistische Lebenserwartung zurzeit bei 66,5 liegt.<\/p>\n<p>Eine solche Aussicht ist vielen Menschen angesichts der Tatsache, dass sich auch mit geringerer Produktivit\u00e4t bei anderer Umverteilung des Volksverm\u00f6gens von den nat\u00fcrlichen Ressourcen des Landes ertr\u00e4glich leben lie\u00dfe, selbstverst\u00e4ndlich nicht als erstrebenswert zu vermitteln \u2013 solange sie zudem auf dem schwarzen Arbeitsmarkt Zusatzertr\u00e4ge zur jetzt bestehenden Rente ergattern k\u00f6nnen und \u2013 dies ein zweiter wichtiger Faktor \u2013 solange sie sich in der Parallel\u00f6konomie der famili\u00e4ren Zusatzwirtschaft, also in der Datschenkultur, eine Zusatzversorgung organisieren und davon in Notzeiten \u00fcberleben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hier sind es nat\u00fcrlicherweise vor allem die Alten, die Rentner und Rentnerinnen, die in den Datschen t\u00e4tig sind. Sie erg\u00e4nzen damit nicht nur ihre eigenen schmalen Renten; dar\u00fcber hinaus entlasten sie mit den Gartenertr\u00e4gnissen auch die Familienbudgets durch Versorgung mit Grundnahrungsmitteln.<\/p>\n<p>Aufs Ganze gesehen ist die famili\u00e4re Zusatzwirtschaft zudem auch ein volkswirtschaftlicher Puffer. Die Krisen auf dem Weg des neu entstehenden heutigen Russland \u2013 1991\/92, 1998\/9, 2008, 2015 \u2013 haben deutlich gezeigt, dass die Datschenkultur, auch wenn es manchem so scheint, als sei sie vom Supermarkt inzwischen verdr\u00e4ngt, im Fall neuer Krisen jederzeit als Nothilfe reaktivierbar ist. (dazu mehr in: Kai Ehlers, Kartoffeln haben wir immer, Vlg. Horlemann)<\/p>\n<p>Eine Erh\u00f6hung des Renteneintrittsalters in der vorgesehen H\u00f6he k\u00e4me einem massiven Angriff auf diese Notstandsreserve gleich. Auch das ist der Bev\u00f6lkerung selbstverst\u00e4ndlich nicht als Fortschritt zu vermitteln.<\/p>\n<p>Der schwarze Arbeitsmarkt und die famili\u00e4re Zusatzwirtschaft verschmelzen im russl\u00e4ndischen Alltag, vor allem, aber keineswegs nur auf dem Lande, miteinander zu einem untrennbaren Kn\u00e4uel. Wer sich anschickt dieses Kn\u00e4uel aufzul\u00f6sen, wie es aus der geplanten Rentenreform notwendig folgen m\u00fcsste, muss mehr \u00fcberwinden als nur das sowjetische Erbe. Er bekommt es zu tun mit einem \u00fcber Generationen gewachsenen sozialen Organismus, der sich \u00fcber seine verschlissenen sowjetischen Teile hinaus aus ethnischen Clans, aus traditionellen Gemeinschaftsstrukturen und aus den in Russland nach wie vor engen Familienbindungen zusammensetzt. Diesen Organismus aufzul\u00f6sen wird kaum m\u00f6glich sein \u2013 es sei denn auf sehr lange Sicht oder mit Gewalt.<\/p>\n<p>\u00dcber m\u00f6gliche Formen solcher Gewalt soll hier zurzeit nicht nachgedacht werden. Zu erwarten ist eher eine stille Verweigerung der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber den jetzt vorgelegten Reformpl\u00e4nen, aus der sich im Zusammenspiel mit den traditionellen, kollektiven und selbstversorgerischen Formen der sozialen Sicherung ein Kompromiss herausbilden wird.<\/p>\n<p>Davon k\u00f6nnten \u00fcbrigens auch westliche Gesellschaften lernen, wenn es darum geht neben der staatlichen eine private Generationen-Sicherung zu betreiben.<\/p>\n<p><strong>Die \u201edemografische L\u00fccke\u201c<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4re noch dar\u00fcber nachzudenken, welche Beweiskraft der Hinweis auf die \u201edemografische L\u00fccke\u201c f\u00fcr die Notwendigkeit der Erh\u00f6hung des Rentenalters h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Stimmt, Russland befindet sich in einer demographischen Klemme. Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg von 64, 4 Jahren 1994 auf \u00a072,4 im Jahr \u00a02017. Dabei blieben die Unterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen bestehen: M\u00e4nner, wie schon erw\u00e4hnt, bei 66,5 Jahren, Frauen bei 77 Jahren. Den geburtenschwachen Jahrg\u00e4ngen nach dem Zusammenbruch Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, die heute im Arbeitsalltag stehen, steht damit eine alternde Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Putin sprach von einem Verh\u00e4ltnis der arbeitenden Bev\u00f6lkerung zu Rentenempf\u00e4ngern von 1,7 zu 1. Das ist in der Tat ein Problem f\u00fcr die Rentenkasse, das durch Gelder kompensiert werden muss. Die k\u00f6nnten selbst dann nicht aus den laufenden Beitr\u00e4gen kommen, wenn es das Problem des schwarzen Arbeitsmarktes nicht g\u00e4be. Gelder f\u00fcr eine solche Kompensation l\u00e4gen jedoch, wie die Kritiker der Rentenreform reih um unmissverst\u00e4ndlich anmerken, mit 45 Milliarden des \u201enationalen Wohlstandsfonds\u201c, mit einem Plus des russischen Haushaltes von 18 Milliarden und mit offshore ausgelagerten Geldern der gro\u00dfen Kapitale vor, die zur\u00fcckgeholt werden k\u00f6nnten \u2013 wenn der politische Wille dazu best\u00fcnde. (siehe dazu u.a. U. Heyden, Telepolis, 30.09.2018,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/\">www.heise.de<\/a>)<\/p>\n<p>Putin erkl\u00e4rt, dies sei m\u00f6glich, k\u00f6nne aber das Problem auf Dauer nicht l\u00f6sen. Hier stellt sich allerdings eine grunds\u00e4tzliche Frage zu dergleichen Berechnungen: Welche belastbaren demografischen wie auch \u00f6konomischen Daten liegen vor, eine solche Prognose zu treffen?\u00a0 Klar gesagt \u2013 keine, jedenfalls keine belastbaren, die l\u00e4nger als bis zur n\u00e4chsten Krise reichen.<\/p>\n<p>So wurde die demografische Kurve Russlands 2014\/15 durch Zustrom von mehr als einer Million Fl\u00fcchtlingen aus der Ukraine kurzfristig nach oben verbogen. So hat sich der Kapitalabfluss auf Grund der versch\u00e4rften Sanktionen gegen Russland in den zur\u00fcckliegenden anderthalb Jahren umgekehrt; Kapital beginnt ins Land zur\u00fcckzukehren. So ist die Migration aus den eurasischen Randstaaten nicht stabil kalkulierbar. So sind die demografischen Entwicklungen der verschiedenen Regionen Russlands nicht genau steuerbar. Nicht kalkulierbar ist auch, ob die von der russischen Regierung angeschobene Familienpolitik den gew\u00fcnschten Erfolg von mehr Geburten bringt oder nicht usw. usf., ganz zu schweigen noch von m\u00f6glichen internationalen Krisenentwicklungen.<\/p>\n<p>Jede einfache Hochrechnung der gegenw\u00e4rtigen demographischen Situation kann diese und weitere Unw\u00e4gbarkeiten nur verschleiern und f\u00fchrt nur dahin, deutlicher gesagt, dient letztlich allein dem Zweck, die vorhandenen, aktuell greifbaren Gelder der Gesellschaft nicht in die Rentenkasse zu leiten, sondern f\u00fcr andere Zwecke zu verwenden oder gar nicht erst f\u00fcr \u00f6ffentliche Aufgaben heranzuziehen. Dar\u00fcber w\u00e4re weiter zu reden, bevor den Menschen l\u00e4ngere Lebensarbeitszeiten verordnet w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Putin als Opfer?<\/strong><\/p>\n<p>Aber vielleicht ist dies, einen \u00f6ffentlichen Dialog zu erzwingen, sogar das Ziel der ganzen Kampagne? Unfreiwillig stellen sich solche Gedanken ein, wenn man den bisherigen Vorgang, soweit \u00f6ffentlich erkennbar, auf sich wirken l\u00e4sst: Ein im Volk beliebter Pr\u00e4sident \u00fcbernimmt als \u201eguter Zar\u201c die Verantwortung f\u00fcr die Vorschl\u00e4ge einer unbeliebten Regierung, die provokativer nicht handeln konnte, als Medwedew es mit seiner Vorstellung der Reform ausgerechnet am Tag der WM-Er\u00f6ffnung getan hatte, noch dazu mit der Forderung, Frauen sollten bis zum Alter von 63 arbeiten, statt wie Putin ihn korrigierte bis 60.<\/p>\n<p>Glaubt dieser Pr\u00e4sident selbst an den Erfolg dieser Reform? Klug wie er ist, strategisch wie er denkt, vertraut mit der Mentalit\u00e4t der Menschen seines Landes, ist ihm doch sicherlich klar, dass die Menschen diese Reform nicht ohne Weiteres und vermutlich selbst auf lange Sicht nicht in der vorgeschlagenen Weise annehmen werden. Russland ist schlie\u00dflich nicht der Westen, trotz aller Modernisierungen und begonnenen Kapitalisierungen nicht \u2013 und wird auch kein Westen werden. In Russland gelten andere Bedingungen, selbst wenn der reale Sozialismus f\u00fcr \u00fcberholt gilt und kaum jemand das System zur\u00fcckw\u00fcnscht. Ein zweites Mal wollen die Menschen sich einen westlichen Hut nicht aufsetzen lassen. Das wei\u00df Putin, in diesem Wissen h\u00e4lt er seit seinem Amtsantritt zwischen autorit\u00e4rer Modernisierung und Einbindung der unterschiedlichen traditionellen Kr\u00e4fte des Landes den Konsens. Darin hat er sich als Meister erwiesen.<\/p>\n<p>Worauf also zielt diese Kampagne? Will er sich opfern? Will er den Konsens k\u00fcndigen? Will er den Weg frei machen f\u00fcr einen Nachfolger, um ihm ein ger\u00e4umtes, ein vorbereitetes Feld \u00fcbergeben zu k\u00f6nnen? Dass seine eigenen Beliebtheitswerte nach seinem Fernsehauftritt, nachdem er den Reformvorsto\u00df sanktioniert hat, sinken w\u00fcrden, musste Putin klar sein. Oder ist er, trotz aller strategischen Raffinesse, doch einfach vor allem Russe, der wei\u00df, dass seine Landsleute auch heute noch nach dem alten russischen Sprichwort leben: \u201cDer russische Bauer spannt lange an, aber wenn er einmal angespannt hat, dann geht\u2018s im Karacho\u201c? Die n\u00e4chsten Monate werden es zeigen. Nur eines ist schon jetzt klar: Eine eins zu eins Umsetzung dieser Reform wird es nicht geben. Da muss noch lange angespannt werden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/kai-ehlers.de\/2018\/09\/rentenplaene-russland-ist-nicht-der-westen\/\"><em>kai-ehlers.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 1. Oktober 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kai Ehlers. Russlands F\u00fchrung ist dabei, das letzte Tabu aus der Sowjetzeit brechen zu wollen. 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