{"id":4090,"date":"2018-10-03T08:21:11","date_gmt":"2018-10-03T06:21:11","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4090"},"modified":"2018-10-03T08:21:11","modified_gmt":"2018-10-03T06:21:11","slug":"identitaetspolitik-spaltung-statt-inklusion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4090","title":{"rendered":"Identit\u00e4tspolitik \u2013 Spaltung statt Inklusion?"},"content":{"rendered":"<p><em>Anthea N., Sereina W.<\/em> <strong>\u00abSafe-Spaces\u00bb und politisch korrekte Sprache sind f\u00fcr die Identit\u00e4tspolitik unverhandelbar. Marco, Mitglied der kanadischen Organisation \u00ab<a href=\"https:\/\/www.marxist.ca\/\">Fightback<\/a>\u00bb (IMT), zeigt im Interview auf, warum<!--more--> solche Konzepte den Kampf gegen Unterdr\u00fcckung letzten Endes nicht f\u00f6rdern, sondern behindern.<\/strong><\/p>\n<p>\u00abDu bist keine Frau, also kannst du nicht wissen, wie ich unterdr\u00fcckt werde.\u00bb S\u00e4tze wie dieser geh\u00f6ren zum Standard-Repertoire der Identit\u00e4tspolitik, die seit den 60er- und 70er-Jahren zunehmenden Einfluss in der Linken erlangt. Ein Hauptmerkmal dieser Theorie liegt darin, dass eine bestimmte unterdr\u00fcckte Gruppe nur von jenen repr\u00e4sentiert werden k\u00f6nne, die \u00fcber dieselben Merkmale verf\u00fcgen und somit dieselbe Unterdr\u00fcckung am eigenen Leib erfahren. Die Erfahrungen von Fightback (IMT Kanada) zeigen, dass diese Ans\u00e4tze in der Praxis sch\u00e4dliche Konsequenzen f\u00fcr den effektiven Kampf gegen den Kapitalismus und alle Formen der Unterdr\u00fcckung haben. Sie spalten die Arbeiterklasse, indem sie zulassen oder sogar f\u00f6rdern, dass verschiedene Gruppierungen gegeneinander ausgespielt werden. \u00abAufgeteilt und zersplittert nach Ethnizit\u00e4t, Geschlecht etc. sind wir machtlos\u00bb, meint Marco und erz\u00e4hlt uns von zwei Bewegungen, denen die Identit\u00e4tspolitik direkt geschadet hat; eine davon eine Anti-Trump-Kundgebung. Er h\u00e4lt ihr eine marxistische Analyse entgegen und erkl\u00e4rt, dass nur der einheitliche Kampf der Arbeitenden alle Formen der Unterdr\u00fcckung endg\u00fcltig beenden kann.<\/p>\n<p><strong>Der Funke: Ihr habt nach den Wahlen in den USA bei der Organisation einer Anti-Trump-Kundgebung in Toronto mitgeholfen. Welche Erfahrungen habt ihr gemacht und auf welche Probleme seid ihr gestossen?<\/strong><\/p>\n<p>Marco: Im Vorfeld fingen VertreterInnen der Identit\u00e4tspolitik, damit an, auf der Veranstaltungsseite die Frauen anzugreifen, welche die Kundgebung organisierten. Weil keine schwarze Person im Organisationskomitee war, nannten sie die Organisatorinnen \u00abwhite supremacists\u00bb. Es ist sehr widerspr\u00fcchlich. Sie reden von \u00absafe spaces\u00bb und bestehen auf politisch korrekte Sprache, aber griffen gleichzeitig diese Frauen und die Bewegung selbst an. Am Ende traten alle drei Frauen aus dem Organisationskomitee zur\u00fcck. Es war die erste Anti-Trump-Demo in Toronto und die Identit\u00e4tspolitik-AktivistInnen rieten den Leuten, nicht zu kommen! Sie waren so weit von der Realit\u00e4t der Demonstrierenden entfernt.<\/p>\n<p><strong>Was meinst du damit, dass sie von der Realit\u00e4t der Demonstrierenden entfernt waren?<\/strong><\/p>\n<p>Die Forderungen der Identit\u00e4tspolitik haben nichts mit den tagt\u00e4glich erlebten Problemen von Unterdr\u00fcckten zu tun. Anstatt mit ihnen \u00fcber \u00absafe spaces\u00bb oder gendergerechte Sprache zu sprechen, muss man sich wirklich auf die Bewegung st\u00fctzen, um diese unterdr\u00fcckten Gemeinschaften vertreten zu k\u00f6nnen. Man muss unter ihnen sein, ihnen zuh\u00f6ren und Seite an Seite mit ihnen gehen, wenn sie demonstrieren oder streiken.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet \u00absich auf die Bewegung st\u00fctzen\u00bb? Und worauf st\u00fctzt sich die Identit\u00e4tspolitik?<\/strong><\/p>\n<p>Indem wir unsere Theorie auf reale Erfahrungen in der ArbeiterInnenbewegung basieren, verstehen wir, was an ihrer Realit\u00e4t ankn\u00fcpft. Sie fordern bessere Arbeitspl\u00e4tze, erschwingliche Miete, k\u00e4mpfen gegen Polizeibrutalit\u00e4t oder h\u00e4usliche Gewalt etc. Forderungen wie die der Identit\u00e4tspolitik, welche sich beispielsweise auf Sprache oder b\u00fcrgerliche Gesetze beschr\u00e4nken, sind f\u00fcr die herrschende Klasse v\u00f6llig in Ordnung, weil sie die Machtfrage nicht stellen. Damit wollen sie die Menschen \u00fcberzeugen, ihre Gewohnheiten und ihre Ideen zu \u00e4ndern und so soll die Unterdr\u00fcckung verschwinden.<\/p>\n<p>Identit\u00e4tspolitik k\u00e4mpft gegen Einstellungen und die Sprache der Menschen, anstatt die Quelle der Unterdr\u00fcckung anzugreifen, weil sie nicht verstehen, woher diese kommt.<\/p>\n<p><strong>Was ist also die Quelle der Unterdr\u00fcckung?<\/strong><\/p>\n<p>Als MarxistInnen sind wir MaterialistInnen. Wir erkl\u00e4ren Ideen und Einstellungen der Menschen anhand ihrer Lebensbedingungen, ihrer materiellen Basis. Um Ideen und Einstellungen zu ver\u00e4ndern, m\u00fcssen wir bei den Bedingungen, unter denen die Menschen leben, ansetzen. Die Revolution wird nicht automatisch alle Unterdr\u00fcckung abschaffen. Sie liefert aber die materielle Grundlage daf\u00fcr, indem sie den k\u00fcnstlichen Mangel, der unter dem Kapitalismus herrscht und die Leute gegeneinander aufbringt, beendet und so werden auch ihre Einstellungen sich ver\u00e4ndern. Bis dahin ist es unsere Aufgabe, aufzuzeigen, wie Sexismus und Rassismus mit Kapitalismus zusammenh\u00e4ngen, um so die Arbeitenden hinter einem Banner zu vereinen.<\/p>\n<p><strong>Menschen leiden unter verschiedenen Formen der Unterdr\u00fcckung, z.B. basierend auf Hautfarbe oder Geschlecht. Haben sie deshalb nicht auch unterschiedliche Interessen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich sage nicht, dass Hautfarbe oder Geschlecht keine Rolle spielen. Im Kapitalismus tun sie das \u2013 aber nicht in Bezug auf die Interessen der Menschen, sondern auf das Niveau ihrer erlebten Diskriminierung, das unterschiedlich sein kann.<br \/>\nEs w\u00e4re l\u00e4cherlich zu sagen, dass ein dunkelh\u00e4utiger Mann, der sein ganzes Leben lang in den Slums von Detroit verbracht hat, etwas mit jemandem wie Kanye West gemeinsam hat. Viel mehr l\u00e4sst sich sein Leben mit dem einer weissen Frau, die unter den gleichen Bedingungen lebt wie er, vergleichen. Entscheidend ist also in erster Linie Klassenzugeh\u00f6rigkeit, nicht Hautfarbe oder Geschlecht. Nat\u00fcrlich gibt es Probleme wie Polizeibrutalit\u00e4t, von denen Dunkelh\u00e4utige, oder h\u00e4usliche Gewalt, von denen Frauen mehr betroffen sind. Aber wie bek\u00e4mpfen wir die am besten? Indem wir die Unterdr\u00fcckten und Diskriminierten in einem gemeinsamen und geeinten Kampf, basierend auf ihrem Klasseninteresse mit anderen Arbeitenden zusammenbringen, um die Bedingungen f\u00fcr alle zu verbessern \u2013 anstatt die einen gegen die anderen auszuspielen.<\/p>\n<p><strong>Auch als Teil des Streiks der Lehrerpersonen und Studierenden an der York University hat Fightback Erfahrungen mit Identity Politics gemacht. Kannst du erkl\u00e4ren, was passierte?<\/strong><\/p>\n<p>Wir solidarisierten uns vom ersten Tag an mit den Streikenden. Unser einziges Interesse bestand darin, die Lehrerpersonen im Streik zu unterst\u00fctzen. Also riefen wir anhand einer Resolution, welche von der Versammlung angenommen wurde, zur Einheit im Streik auf. Der Kampf der Lehrerpersonen ist der Kampf der Studierenden: Es ist ein Kampf f\u00fcr unsere Zukunft und er muss mit der ArbeiterInnenklasse gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p><strong>Andere Fraktionen aber lenkten von der Diskussion ab, indem sie uns alles M\u00f6gliche vorwarfen, anstatt politisch auf uns zu antworten.<\/strong><\/p>\n<p>Sie beschuldigten uns der P\u00e4dophilie, patriarchaler Strukturen, des Rassismus\u2026 Eine unserer Genossinnen, eine dunkelh\u00e4utige Frau, stand auf und fragte sie h\u00f6flich nach Namen, weil wir die Anschuldigungen ernst nahmen. Aber allein indem sie dies tat, wurde sie ausgebuht und beschuldigt, eine Vergewaltigung zu verteidigen. Am Ende f\u00fchrten diese Gruppen den Kampf in eine Niederlage, indem sie mit falschen Vorw\u00fcrfen von den wichtigen Fragen ablenkten und die Bewegung spalteten.<\/p>\n<p><strong>Du hast die Wichtigkeit der Einheit im Kampf und die ArbeiterInnenklasse betont \u2013 was ist so besonders an ihr?<\/strong><\/p>\n<p>Die ArbeiterInnen haben eine Macht, welche Studierende oder Einzelpersonen nicht haben. Die Macht, die Produktion einzustellen oder Universit\u00e4ten zu blockieren. Es ist die ArbeiterInnenklasse, welche sich der Gesellschaft bem\u00e4chtigen und sie ver\u00e4ndern kann. Man kann starke Ideen haben, aber egal wie stark diese Ideen sind, ein Individuum hat nicht die gleiche Macht oder den gleichen Einfluss auf die KapitalistInnenklasse wie die vereinten ArbeiterInnen. Das ist also die Macht der ArbeiterInnenklasse: Es ist das kollektive Handeln.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/allgemein-de\/identitaetspolitik-spaltung-statt-inklusion\/\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 3. Oktober 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anthea N., Sereina W. \u00abSafe-Spaces\u00bb und politisch korrekte Sprache sind f\u00fcr die Identit\u00e4tspolitik unverhandelbar. Marco, Mitglied der kanadischen Organisation \u00abFightback\u00bb (IMT), zeigt im Interview auf, warum<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[25,32,45,14,4],"class_list":["post-4090","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-arbeiterbewegung","tag-frauenbewegung","tag-neoliberalismus","tag-postmodernismus","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4090","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4090"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4090\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4091,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4090\/revisions\/4091"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4090"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4090"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4090"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}