{"id":4105,"date":"2018-10-05T08:56:37","date_gmt":"2018-10-05T06:56:37","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4105"},"modified":"2018-10-05T08:56:37","modified_gmt":"2018-10-05T06:56:37","slug":"ueber-die-demuetigung-ostdeutscher-und-andere-nachwendeungereimtheiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4105","title":{"rendered":"\u00dcber die Dem\u00fctigung Ostdeutscher und andere Nachwendeungereimtheiten"},"content":{"rendered":"<p><em>Ulrich Busch. <\/em>Am 3. Oktober 2018 feierte die Republik das 28. Jubil\u00e4um der deutschen Wiedervereinigung. Im Osten wird die Feier jedoch von ausl\u00e4nderfeindlichen Ausschreitungen, rechtsextremistischer Randale, Pegida-Demonstrationen<!--more--> und Wahlerfolgen der AfD \u00fcberschattet. Wie passt das zusammen? Nach offizieller Lesart \u00fcberhaupt nicht. Aber vielleicht ist das falsch und ist der Schl\u00fcssel f\u00fcr die Erkl\u00e4rung der politischen Protesthaltung im Osten gerade auch in den Erfahrungen der Menschen seit 1989\/90 zu suchen? Petra K\u00f6pping, Integrations- und Gleichstellungsministerin in Sachsen, hat 2016 in Leipzig eine viel beachtete Rede \u00fcber Politikverdrossenheit, Ausl\u00e4nderfeindlichkeit und Rechtspopulismus in Ostdeutschland gehalten. Sie vertrat die Meinung, dass diese Ph\u00e4nomene nur die \u201eProjektionsfl\u00e4che f\u00fcr eine tiefer liegende Wut und Kritik\u201c seien, insbesondere f\u00fcr die mannigfachen Dem\u00fctigungen, Kr\u00e4nkungen und Ungerechtigkeiten, die die Menschen im Osten in der Nachwendezeit erfahren haben. Damit hat sie eine Debatte angesto\u00dfen, die bis heute anh\u00e4lt \u2013 und das nicht nur in Sachsen.<\/p>\n<p>Die Reaktionen auf ihre Rede und die sich seitdem weiter zuspitzenden Auseinandersetzungen auf der Stra\u00dfe und in den Plenars\u00e4len haben sie veranlasst, ein Buch dar\u00fcber zu schreiben, \u00fcber die Ungerechtigkeiten, Benachteiligungen und Kr\u00e4nkungen Ostdeutscher in der Nachwendezeit, ihre aufgestaute Wut und den daraus erwachsenden Hass auf Westdeutsche, Fremde und die Politik \u00fcberhaupt. Vor allem aber \u00fcber die Notwendigkeit, das alles aufzuarbeiten und zur Sprache zu bringen, damit es endlich \u00fcberwunden werden kann. Das auf diese Weise entstandene Buch ist ein\u00a0<em>politisches<\/em>, kein wissenschaftliches. Zudem ist es sehr\u00a0<em>pers\u00f6nlich<\/em>\u00a0gehalten, indem es sich haupts\u00e4chlich an subjektiven Wahrnehmungen und Eindr\u00fccken orientiert und objektive Sachverhalte eher punktuell als systematisch heranzieht.<\/p>\n<p>Einige sehen in der Initiative von Petra K\u00f6pping ein unterst\u00fctzungswertes Anliegen. Andere glauben, dass damit die B\u00fcchse der Pandora ge\u00f6ffnet werde. Tatsache aber ist, dass es \u00fcber die angesprochenen Probleme bislang\u00a0<em>keinen<\/em>\u00a0sachlich ausgewogenen Ost-West-Dialog gibt, sondern lediglich eine einseitig an westlichen Interessen orientierte und inhaltlich wie personell von westdeutscher Seite dominierte und daher an Vorurteilen und Tabus reiche Darstellung. Die soll nun durch die ostdeutsche Sicht der Betroffenen erg\u00e4nzt oder durch die unvoreingenommene Aufarbeitung der Fakten ersetzt werden. F\u00fcr letzteres Anliegen bietet die jetzt begonnene Aufbereitung und \u00d6ffnung der Akten der Treuhandanstalt eine gute Gelegenheit. Als etwas problematisch erweist sich jedoch, dass bei der Forderung nach schonungsloser Aufarbeitung zwischen der gef\u00fchlsbetonten und teilweise \u201evernebelten Erinnerungskultur\u201c ostdeutscher Zeitzeugen einerseits und wissenschaftlichen Recherchen andererseits nicht gen\u00fcgend unterschieden wird. \u00dcberhaupt entsteht bei der Lekt\u00fcre der \u201eStreitschrift\u201c der Eindruck, dass hier vor allem \u201eBalsam\u201c f\u00fcr die verletzten ostdeutschen Seelen verabreicht werden soll.<\/p>\n<p>Aber gen\u00fcgt das, um die von der deutschen Einheit entt\u00e4uschten und aufgebrachten Gem\u00fcter zu beruhigen und zu heilen? Wohl kaum! Wenn schon Aufarbeitung, dann sollte sie sachgerecht und absolut faktenorientiert erfolgen. Nur auf dieser Grundlage lie\u00dfen sich die Einheitsmythen und die Legenden \u00fcber die DDR und die BRD widerlegen und k\u00f6nnte man zu einer Geschichtsdarstellung gelangen, die ann\u00e4hernd der historischen Wahrheit entspricht. Davon ist dieser Vorsto\u00df aber noch weit entfernt.<\/p>\n<p>Das zeigt sich in vielen Einzelfragen, beispielsweise bei der Behandlung der Transferzahlungen f\u00fcr Ostdeutschland, die im Westen gern als \u201eEinheits-Opfer\u201c oder als uneigenn\u00fctzige Solidarit\u00e4tsleistungen apostrophiert werden. Dem h\u00e4lt die Autorin entgegen, dass die Transfers vor allem dem Absatz\u00a0<em>westdeutscher <\/em>Produkte dienen und in den alten Bundesl\u00e4ndern einen Konjunkturschub ausgel\u00f6st haben. Zweitens betont sie, dass die in die Sanierung der St\u00e4dte und den Neubau mit staatlicher F\u00f6rderung investierten Mittel zu einer Zunahme vor allem\u00a0<em>westdeutschen<\/em>\u00a0Eigentums gef\u00fchrt haben, w\u00e4hrend die ostdeutsche Bev\u00f6lkerung Pacht und Mieten zahlt. Drittens gilt es zu ber\u00fccksichtigen, dass der Gewinntransfer aus dem Osten inzwischen den Finanztransfer \u00fcbersteigt, so dass die Nettogewinner im Westen sitzen.<\/p>\n<p>Richtig ist auch, dass der Leistungsumfang der in den Westen abwanderten Ostdeutschen die Summe der Transferzahlungen bei Weitem \u00fcbertrifft. Und nicht zuletzt ist daran zu erinnern, dass es im Zusammenhang mit der Privatisierung des ostdeutschen Produktiv- und Immobilienverm\u00f6gens einen \u201eenormen Verm\u00f6genstransfer von Ost- nach Westdeutschland\u201c gab, der nie quantifiziert worden ist, \u00fcber den man aber auch einmal reden m\u00fcsste. Im Buch finden sich sogar Belege daf\u00fcr, beispielsweise das nach 1990 gestiegene und inzwischen mehr als zwanzigmal so hohe Erbschaftsteueraufkommen pro Kopf in Hamburg gegen\u00fcber dem in Sachsen oder die Tatsache, dass das reichste eine Prozent der Bev\u00f6lkerung in Sachsen immer noch so \u201earm\u201c ist, dass es keine Reichensteuer zu zahlen braucht, w\u00e4hrend in D\u00fcsseldorf, Hamburg oder M\u00fcnchen die Anzahl der Million\u00e4re explodiert. Die Tatsachen sprechen f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Trotzdem gibt Frau K\u00f6pping zu bedenken, ob die Ostdeutschen nicht \u201eundankbar gegen\u00fcber den Transferleistungen\u201c gewesen seien? \u2013 Nun ja, da fragt man sich schon: Ist dies blo\u00dfe Naivit\u00e4t oder fehlt es hier vielleicht doch an \u00f6konomischem Sachverstand?<\/p>\n<p>Die gebrochenen Biografien vieler Ostdeutscher, deren Dem\u00fctigung und Kr\u00e4nkung in der Nachwendezeit sind eine Tatsache. Die verschwindet nicht, auch nicht nach drei Jahrzehnten, sondern wird als \u201eGef\u00fchl\u201c von Minderwertigkeit, Schmach und Verlust an die n\u00e4chste Generation weitergegeben. Dass sich dieses Gef\u00fchl bis heute reproduziert und dass es mitunter v\u00f6llig unangemessen in politischen Aktionen artikuliert wird, ist aber vor allem dem Tatbestand geschuldet, dass nach 1990, im Zuge der Neustrukturierung von Wirtschaft und Gesellschaft, des Elitenaustauschs und der Abwanderung Hunderttausender Ostdeutscher, Fakten geschaffen wurden,\u00a0<em>materielle Fakten<\/em>, die bis heute das Leben der Menschen bestimmen. Und diese Fakten lassen sich durch keine noch so gelungene \u201eAufarbeitung\u201c in Gespr\u00e4chskreisen und politischen Veranstaltungen wieder aus der Welt schaffen. \u2013 Das Unm\u00f6gliche trotzdem angesprochen zu haben ist mutig und anerkennenswert. Es l\u00e4sst diese Streitschrift und die darin enthaltenen Vorschl\u00e4ge zur Aufarbeitung des Nachwendeunrechts aber auch illusion\u00e4r erscheinen. Deshalb ist sie aber keineswegs \u00fcberfl\u00fcssig. Ganz im Gegenteil: Es ist gut, dass es sie gibt und dass sie viele Leser finden wird, im Osten und hoffentlich auch im Westen der Republik.<\/p>\n<p><em>Petra K\u00f6pping: Integriert doch erst mal uns! Eine Streitschrift f\u00fcr den Osten, Ch. Links Verlag, Berlin 2018, 204 Seiten, 18,00 Euro.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/das-blaettchen.de\/2018\/09\/ueber-die-demuetigung-ostdeutscherund-andere-nachwendeungereimtheiten-45721.html\">das-blaettchen.de&#8230;<\/a> vom 5. Oktober 2018<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrich Busch. Am 3. Oktober 2018 feierte die Republik das 28. Jubil\u00e4um der deutschen Wiedervereinigung. 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