{"id":4108,"date":"2018-10-05T13:53:00","date_gmt":"2018-10-05T11:53:00","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4108"},"modified":"2018-10-05T13:53:00","modified_gmt":"2018-10-05T11:53:00","slug":"revolte-der-abgehaengten-neue-rechte-und-soziale-ungleichheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4108","title":{"rendered":"Revolte der Abgeh\u00e4ngten? Neue Rechte und soziale Ungleichheit"},"content":{"rendered":"<p><em>Thomas Lux.<\/em> <strong>Neuere Studien zeigen, dass Angeh\u00f6rige unterer Statuslagen besonders stark zur AfD neigen und dass sich diese Neigung unter anderem aus materiellen und symbolischen Abwertungserfahrungen<!--more--> ergibt. Kann eine progressivere und glaubhaftere Sozial- und Verteilungspolitik helfen, AfD-W\u00e4hler\/innen zur\u00fcckzugewinnen<\/strong>?<\/p>\n<p>Wir befinden uns gegenw\u00e4rtig in einer Situation, die f\u00fcr die meisten Menschen bis vor wenigen Jahren eigentlich unvorstellbar schien, weil viele dachten, dass die Geschichte \u2013 zumindest in dieser Hinsicht \u2013 an ein Ende gekommen sei: Wir erleben, dass in Deutschland eine rechtspopulistische Partei sehr viele W\u00e4hler hinter sich vereinen kann und dass deren Zahl ganz offensichtlich weiter anw\u00e4chst. In der Folge dieser Entwicklung ist eine hitzige Diskussion dar\u00fcber entbrannt, welche Menschen eigentlich diese Partei unterst\u00fctzen. Hitzig ist die Diskussion deshalb, weil mit unterschiedlichen Antworten auf diese Frage auch unterschiedliche Erkl\u00e4rungen f\u00fcr dieses Wahlverhalten einhergehen und damit letztlich auch unterschiedliche Rezepte daf\u00fcr, wie diese Menschen zu einer anderen Wahl bewegt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bis vor wenigen Monaten dominierte in dieser Diskussion die Sichtweise, dass eher die arrivierten Mittelschichtmilieus zur AfD neigen und die Abgeh\u00e4ngten und Prek\u00e4ren seltener ihr Kreuz bei dieser Partei machen. Bildgewaltig wurde dann vom \u201eAufstand der Etablierten\u201c und vom \u201eKlassenkampf der Mitte\u201c gesprochen und darauf hingewiesen, dass die Wahl der AfD nur wenig mit \u00f6konomischer Deprivation zu tun h\u00e4tte und folglich sozialpolitische Mittel g\u00e4nzlich ungeeignet w\u00e4ren, um AfD-W\u00e4hler\/innen zur\u00fcckzugewinnen. Weitgehend ausgeblendet blieb dabei, dass die entsprechenden Befunde mitunter auf wenig belastbaren empirischen F\u00fc\u00dfen standen: Die herangezogenen empirischen Studien waren oft veraltet und bezogen sich auf die Zeit vor dem Sommer 2015, als die AfD noch als liberal-konservative Professorenpartei galt und wenig \u00c4hnlichkeit mit jener Partei hatte, die wir heute erleben. Dar\u00fcber hinaus war auch die Datenbasis einiger Studien zu klein, um valide Aussagen \u00fcber die AfD-W\u00e4hler\/innen zu treffen.<\/p>\n<p><strong>AfD: Partei mit dem gr\u00f6\u00dften Anteil von W\u00e4hler\/innen aus der Unterschicht<\/strong><\/p>\n<p>Neuere Studien, die auf besser geeigneten Daten beruhen, weisen nun darauf hin, dass die AfD gerade in den unteren Statuslagen der Gesellschaft besonders h\u00e4ufig gew\u00e4hlt wird. In meiner eigenen Forschung (Lux 2018) konnte ich zeigen, dass im Jahr 2016 der Anteil der AfD-W\u00e4hler\/innen in der Unterschicht (Personen, die weniger als 70% des medianen Einkommens erhalten) bei 15 Prozent lag, w\u00e4hrend dieser Anteil in der Mittel- und Oberschicht (70-150% bzw. mehr als 150% des medianen Einkommens) jeweils nur 9 Prozent erreichte. Zudem war die AfD unter den gr\u00f6\u00dferen deutschen Parteien diejenige, in deren Anh\u00e4ngerschaft sich anteilsm\u00e4\u00dfig die meisten Unterschichtsangeh\u00f6rigen befanden (AfD: 28%, Linke: 21%, SPD: 20%, CDU\/CSU: 17%, Gr\u00fcne: 15%, FDP: 10%). Damit neigte also genau jene Gruppe besonders stark zur AfD, die von der positiven Einkommensentwicklung der letzten 25 Jahre weitgehend abgekoppelt war (Grabka und Goebel 2018) und deren Meinung im politischen Entscheidungsprozess der letzten Jahre kaum eine Rolle gespielt hat (Els\u00e4sser et al. 2017).<\/p>\n<p>Zu behaupten, dass all dies nichts mit materiellen und symbolischen Deprivationserfahrungen zu tun hat, erscheint angesichts dieser Befunde fragw\u00fcrdig. Zumindest zeigen hier meine eigenen Ergebnisse (Lux 2018), dass etwa die H\u00e4lfte des Unterschieds in der AfD-Pr\u00e4ferenz zwischen Unterschicht und Oberschicht schon allein dadurch erkl\u00e4rt werden kann, dass Unterschichtangeh\u00f6rige der (nicht ganz unberechtigten) Meinung sind, sie w\u00fcrden weniger als ihren gerechten Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand erhalten. Ganz sicher spielen bei der Entscheidung, die AfD zu w\u00e4hlen, auch kulturelle Motive, wie der Wunsch nach nationaler Schlie\u00dfung und ethnischer Homogenit\u00e4t, eine wichtige Rolle. Doch auch hier scheint in den unteren sozialen Lagen eine \u00f6konomische Einf\u00e4rbung dieser kulturellen Motive mitzuschwingen \u2013 etwa dann, wenn Migranten als Konkurrenz um Arbeitspl\u00e4tze, um Wohnraum oder um als knapp gedachte Sozialleistungen wahrgenommen werden. Es spricht also einiges daf\u00fcr, dass der wachsende Zuspruch f\u00fcr die AfD auch damit zu tun hat, dass die sozio-\u00f6konomische Polarisierung der vergangenen Jahre Verlierergruppen hervorbrachte, die besonders ansprechbar f\u00fcr rechtspopulistische Angebote wurden.<\/p>\n<p><strong>Breites Verlangen nach progressiver Sozial- und Verteilungspolitik<\/strong><\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig wird die Einsicht, dass Menschen aus den unteren Statuslagen besonders stark zur AfD neigen, auch von Forscher\/innen geteilt, die bisher Gegenteiliges behauptet haben. Allerdings \u00e4ndert sich dabei nicht deren Einsch\u00e4tzung, dass eine progressivere Verteilungs- und verbesserte Sozialpolitik ungeeignet seien, um Menschen von der AfD zur\u00fcckzugewinnen, weil ethnisch-kulturelle Motive bei der Wahl der AfD letztlich wichtiger seien als materiell-\u00f6konomische Motive (in eine derartige Richtung argumentiert Lengfeld 2018). Aus meiner Sicht sind solche politischen Handlungsempfehlungen aus zwei Gr\u00fcnden problematisch: Erstens, scheint es \u2013 angesichts der \u00f6konomischen Einf\u00e4rbung der kulturellen Motive \u2013 kaum m\u00f6glich, die beiden Motivlagen so eindeutig voneinander zu trennen, dass sich aus entsprechenden Ergebnissen auch eindeutige Aussagen zur Wirkungslosigkeit von Verteilungs- und Sozialpolitik ableiten lie\u00dfen. Und zweitens werden bei diesen anwendungsorientierten Schlussfolgerungen die befriedenden und entpolarisierenden Potentiale von Sozial- und Umverteilungspolitik stark untersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Durch einen st\u00e4rkeren Fokus auf sozialpolitische Themen kann man vielleicht nicht die Mehrheit der AfD-W\u00e4hler zur\u00fcckgewinnen. Aber zumindest ein Teil des AfD-Elektorats (insbesondere die \u00f6konomisch bedrohten und abgeh\u00e4ngten Segmente) k\u00f6nnte diesbez\u00fcglich ansprech- und bewegbar sein \u2013 gerade auch angesichts der Tatsache, dass etwa die H\u00e4lfte der AfD-W\u00e4hler\/innen als Protestw\u00e4hler gelten kann (Bieber et al. 2018). Zudem k\u00f6nnte eine solche Schwerpunktsetzung verhindern, dass eine auf v\u00f6lkische Sozialpolitik zielende AfD (Wiening 2018) zuk\u00fcnftig weitere W\u00e4hlerstimmen in den unteren Lagen der Gesellschaft und am prek\u00e4ren Rand der Mitte hinzugewinnt. Und schlie\u00dflich besteht die nicht unrealistische Chance, dass die Betonung sozial- und verteilungspolitischer Themen auch die massenmediale Salienz dieser Themen erh\u00f6ht und damit das Thema \u201eMigration\u201c \u2013 auch angesichts sinkender Zuwanderungszahlen \u2013 an Bedeutung verliert.<\/p>\n<p>Wenn allerdings auf sozial- und verteilungspolitische Themen gesetzt wird, ist es wichtig, dass dies in einer glaubw\u00fcrdigen Art und Weise geschieht \u2013 sowohl in Bezug auf die Ausgestaltung des Wahlprogramms als auch hinsichtlich der Auswahl des politischen F\u00fchrungspersonals. Die SPD, die auf Grund ihrer Tradition und l\u00e4ngerfristigen W\u00e4hlerbindungen am ehesten in der Lage w\u00e4re, mit diesen Themen eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von W\u00e4hler\/innen hinter sich zu vereinen, gab in der j\u00fcngeren Vergangenheit diesbez\u00fcglich kein besonders positives Bild ab. Dass es auch anders geht, zeigt bspw. die Britische Labour Partei unter Jeremy Corbin, deren programmatische und personelle Neuausrichtung als glaubw\u00fcrdig wahrgenommen und im W\u00e4hlervotum entsprechend honoriert wurde. Auch wenn dieses Beispiel sicher nicht eins zu eins auf Deutschland \u00fcbertragen werden kann (unter anderem wegen der institutionellen Unterschiede im Wahlsystem), so zeigt es doch, dass in weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung ein grunds\u00e4tzliches Verlangen nach einer glaubw\u00fcrdigeren und progressiveren Sozial- und Verteilungspolitik zu bestehen scheint.<\/p>\n<p><strong><u>Literatur:<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Bieber, Ina, Sigrid Ro\u00dfteutscher und Philipp Scherer (2018): Die Metamorphosen der AfD-W\u00e4hlerschaft: Von einer euroskeptischen Protestpartei zu einer (r)echten Alternative?\u00a0<em>Politische Vierteljahresschrift<\/em>\u00a059: 433-461.<\/p>\n<p>Els\u00e4sser, Lea, Svenja Hense und Armin Sch\u00e4fer (2017): \u201eDem Deutschen Volke \u201c? Die ungleiche Responsivit\u00e4t des Bundestags.\u00a0<em>Zeitschrift f\u00fcr Politikwissenschaft<\/em>\u00a027: 161-180.<\/p>\n<p>Grabka, Markus M. und Jan Goebel (2018): Einkommensverteilung in Deutschland: Realeinkommen sind seit 1991 gestiegen, aber mehr Menschen beziehen Niedrigkeinkommen.<em>DIW Wochenbericht<\/em>\u00a021\/2018: 449-459.<\/p>\n<p>Lengfeld, Holger (2018): Der \u201ekleine Mann\u201c und die AfD: Was steckt dahinter? Antwort an meine Kritiker.\u00a0<em>K\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie<\/em>\u00a070: 295-310.<\/p>\n<p>Lux, Thomas (2018):\u00a0<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s11577-018-0521-2\">Die AfD und die unteren Statuslagen.<\/a>\u00a0Eine Forschungsnotiz zu Holger Lengfelds Studie \u201eDie \u201aAlternative f\u00fcr Deutschland\u2018: eine Partei f\u00fcr Modernisierungsverlierer?\u201c<em>K\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie<\/em>\u00a070: 255-273.<\/p>\n<p>Wiening, Jens (2018): Die AfD entdeckt die \u201ekleinen Leute\u201c.\u00a0<em>Tagesschau.de<\/em>\u00a0vom 28.06.2018.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/afd-487.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/afd-487.html<\/a>\u00a0(abgerufen: 20.09.2018).<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/wsi_blog_116016.htm\"><em>boeckler.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 5. Oktober 2018 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Lux. 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