{"id":4110,"date":"2018-10-06T08:17:45","date_gmt":"2018-10-06T06:17:45","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4110"},"modified":"2018-10-06T08:17:45","modified_gmt":"2018-10-06T06:17:45","slug":"lenin-und-die-bolschewiki-prinzipienfest-aber-flexibel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4110","title":{"rendered":"Lenin und die Bolschewiki: Prinzipienfest, aber flexibel"},"content":{"rendered":"<p><em>Stefan Bornost. <\/em><strong>In der b\u00fcrgerlichen Geschichtsschreibung gilt Lenin als geistiger Vater der monolithischen Partei stalinistischen Typs. Doch dieses Bild hat mit seinen Gedanken und mit seiner Praxis in der Organisationsfrage<!--more--> herzlich wenig zu tun.<\/strong><\/p>\n<p>Kurz nach dem Tod des russischen Revolution\u00e4rs Wladimir Lenin 1924 hielt der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/1917-stalin-stalinismus-aufstieg-macht\/\">Generalsekret\u00e4r der Kommunistischen Partei Josef Stalin<\/a>\u00a0eine Reihe von Vorlesungen an der Swerdlow-Universit\u00e4t in Moskau. Sie erschienen sp\u00e4ter unter dem Titel \u201eGrundlagen des Leninismus\u201c und schufen einen m\u00e4chtigen Mythos: dass es mit dem \u201eLeninismus\u201c eine reine Lehre des gro\u00dfen Revolutionsf\u00fchrers g\u00e4be, die zu befolgen f\u00fcr alle Kommunistinnen und Kommunisten der sichere Weg zum Erfolg sei. Essenzieller Bestandteil: Die leninistische Partei. Nur gibt es in Wirklichkeit gar kein einheitliches Parteikonzept von Lenin. Er entwickelte seine Ideen anhand des Klassenkampfes weiter und brach dabei auch mit alten Vorstellungen.<\/p>\n<p><strong>Die Organisationsfrage bei Marx und Engels<\/strong><\/p>\n<p>Schon bei Marx und Engels spielte die Frage der Partei eine gro\u00dfe Rolle \u2013 schlie\u00dflich beteiligten sich beide neben ihren theoretischen Studien auch f\u00fchrend an der Gr\u00fcndung der Ersten Internationalen und begleiteten auch die Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie in der Fr\u00fchphase ab 1870. In ihren Vorstellungen schwangen Optimismus und Fortschrittsgl\u00e4ubigkeit mit. Marx und Engels gingen davon aus, dass der Klassenwiderspruch\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/die-frauen-von-1917\/\">Arbeiterinnen<\/a>und Arbeiter zum Kampf gegen das Kapital n\u00f6tigt. In diesem Kampf gewinnen sie dann Einsichten in die Natur des kapitalistischen Staats und die Notwendigkeit des Sozialismus.<\/p>\n<p>Diese Reifung spiegelt sich dann in der steigenden Qualit\u00e4t der Arbeiterorganisationen wieder, die in dem Ma\u00dfe besser, also kampff\u00e4higer und inhaltlich klarer werden, wie die Klasse sich ihrer Lage, aber auch ihrer potenziellen Macht bewusster wird. Marx und Engels sahen und kritisierten, dass sich im Rahmen der breit aufgestellten revolution\u00e4ren Sozialdemokratie auch Individuen und Str\u00f6mungen sammelten, die eher auf Akzeptanz durch und Vers\u00f6hnung mit den Herrschenden schielten. Dennoch war ihre Grundannahme, dass eine wachsende Arbeiterbewegung solche Str\u00f6mungen an den Rand dr\u00fccken w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Russische Sozialdemokratie und Bolschewiki<\/strong><\/p>\n<p>In der sich Ende des 19. Jahrhunderts entwickelnden russischen Sozialdemokratie sah man die Dinge anders. Der Grund daf\u00fcr war nicht, wie es sp\u00e4ter die stalinistische Mythenbildung darstellte, dass der geniale Lenin ein neues revolution\u00e4res Parteikonzept aus dem Hut zauberte und jesusgleich immer mehr J\u00fcnger dazu bekehrte. Vielmehr war die Entwicklung der Bolschewiki in Theorie und Praxis ein sich langsam und in Br\u00fcchen vortastender Lernprozess, der in den besonderen Bedingungen Russlands und seiner Arbeiterbewegung wurzelte.<\/p>\n<p>Der Zar beherrschte Russland als brutaler Diktator. Arbeiterparteien, Gewerkschaften, Streiks \u2013 alles verboten. Aber Russland hatte auch eine Tradition des Widerstands gegen die Zarendiktatur. F\u00fchrend hierbei waren die als verschw\u00f6rerischer Geheimbund organisierten \u201eNarodniki\u201c (Volksfreunde), die wahlweise als Erzieher und Lehrer \u201ezum Volk gingen\u201c oder als eine Art russische RAF Terroranschl\u00e4ge auf zaristische W\u00fcrdentr\u00e4ger ver\u00fcbten. Die russischen Revolution\u00e4re bewunderten zwar den Mut der Narodniki, lehnten aber deren Methoden ab. Sie folgten dem Kernsatz des Marxismus, wonach die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiterklasse selbst sein m\u00fcsse.<\/p>\n<p><strong>Besondere Bedingungen in Russland<\/strong><\/p>\n<p>Allerdings war unter den Bedingungen des russischen Polizeistaats der Aufbau einer breiten Sammlungspartei der gesamten Arbeiterklasse nach dem Vorbild der westlichen Sozialdemokratie v\u00f6llig ausgeschlossen. Der Staat h\u00e4tte so eine Organisation mit Agenten unterwandert und sie binnen kurzem von innen heraus zerst\u00f6rt. In dieser Situation entstand innerhalb der russischen revolution\u00e4ren Sozialdemokratie ein Mittelweg zwischen der Geheimb\u00fcndelei der Narodniki und den breiten sozialdemokratischen Massenparteien des Westens, den Lenin in seiner bekannten Brosch\u00fcre \u201eWas tun?\u201c aus dem Jahre 1902 theoretisch formulierte.<\/p>\n<p>Politisch sollte die revolution\u00e4re Organisation auf die gesamte Arbeiterklasse ausgerichtet sein: Hilfe zur Selbsthilfe leisten, K\u00e4mpfe unterst\u00fctzen und aufbauen, den Kampf behindernde Barrieren wie die Spaltungen nach Geschlecht, Religion, Hautfarbe, Nationalit\u00e4t einrei\u00dfen und theoretische Arbeit in der Klasse leisten. Organisatorisch aber sollte die Partei allerdings nicht alle Teile der Klasse umfassen, sondern nur die politisch bewusstesten und fortschrittlichsten Arbeiterinnen und Arbeiter \u2013 was Lenin die \u201eAvantgarde\u201c, also Vorhut nannte. Aus diesem Gedanken machte Stalin sp\u00e4ter ein eisernes Gesetz, andere brandmarkten ihn als elit\u00e4res Parteikonzept.<\/p>\n<p><strong>Klassenbewusstsein und Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Allerdings waren es die praktischen Notwendigkeiten, die damals eine politische Vorsortierung der Mitgliedschaft sinnvoll machten. Ein Beispiel: Antisemitismus war in Russland ein gro\u00dfes Problem \u2013 vor allem in der zaristischen B\u00fcrokratie und im Milit\u00e4r, aber er wirkte auch bis in die Arbeiterschaft hinein und spaltete sie. Eine revolution\u00e4re Organisation, welche die Klasse im Kampf vereinen wollte, musste einen scharfen Kampf dagegen f\u00fchren. Der w\u00e4re schlecht m\u00f6glich gewesen mit einer Mitgliedschaft, die selbst antisemitische Vorurteile hat. Lenin schrieb daher, dass Arbeiter, wenn sie f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne streiken, einfach Gewerkschafter seien. Erst wenn sie aus Protest gegen Angriffe auf Juden streiken, seien sie Sozialisten.<\/p>\n<p>Das war nicht nur ein deutlicher Bruch mit den Auffassungen von Marx und Engels, sondern auch mit den sogenannten \u00f6konomistischen Str\u00f6mungen in der russischen Sozialdemokratie, welche die Arbeit der Revolution\u00e4re auf soziale Forderungen beschr\u00e4nken wollten. Nach der von Lenin 1902 vertretenen Theorie bildet sich sozialistisches Bewusstsein in der Klasse nicht automatisch, sondern ist Produkt des bewussten Einwirkens einer organisierten revolution\u00e4ren Minderheit auf die Mehrheit. In Lenins Zuspitzung klingt das so: \u201eDas politische Klassenbewusstsein kann dem Arbeiter nur von au\u00dfen gebracht werden.\u201c<\/p>\n<p><strong>Lenin lernte anhand des Klassenkampfs<\/strong><\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf seiner Polemik benennt Lenin, wer das Bewusstsein von au\u00dfen bringt: \u201eDie Lehre des Sozialismus ist aus den philosophischen, historischen und \u00f6konomischen Theorien hervorgegangen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz ausgearbeitet worden sind.\u201c Diese Gegen\u00fcberstellung von bewusstseinsgehemmten Arbeitern und erleuchteter Intelligenz ist falsch. Vielmehr entdeckte die Arbeiterklasse wesentliche Bausteine des Sozialismus im Kampf. Intellektuelle arbeiteten sie theoretisch auf. So folgerte Marx anhand der Pariser Kommune 1871, dass die Arbeiterklasse den bestehenden Staat nicht \u00fcbernehmen kann, sondern zerschlagen muss.<\/p>\n<p>Lenin wollte unbedingt eine feste, klar umrissene, politisch klare Organisation haben und hat daf\u00fcr in \u201eWas tun?\u201c allerhand Argumente angef\u00fchrt: richtige, wie die Notwendigkeit der Zusammenf\u00fchrung fortschrittlicher Arbeiterinnen und Arbeiter, um aufgrund klarer Prinzipien um die Mehrheit zu k\u00e4mpfen. Und falsche, wie die Gegen\u00fcberstellung des vermeintlich nur gewerkschaftlichen Arbeiterbewusstseins gegen die fortschrittliche Intelligenz. Allerdings \u00fcberlebte diese falsche Auffassung die n\u00e4chste gro\u00dfe Ersch\u00fctterung nicht \u2013 die russische Revolution von 1905. Wieder lernte Lenin selbst anhand des Klassenkampfs.<\/p>\n<p><strong>Lenins Kehrtwende von 1905<\/strong><\/p>\n<p>Im Januar 1905 ermordeten zaristische Soldaten mehr als 1000 Menschen vor dem Winterpalast in Sankt Petersburg. Es folgte eine gigantische Erhebung in ganz Russland, die erst 1907 vollst\u00e4ndig niedergeschlagen wurde. Der Prozess radikalisierte ganz neue Schichten, die Lenin unbedingt in seiner Organisation sammeln wollte. Dem entgegen stand der durchgreifende Erfolg seiner Vorstellungen von 1902. Nach diversen Konflikten und Spaltungen hatten Lenin und seine Leute unter dem Namen Bolschewiki tats\u00e4chlich eine sehr harte, zuverl\u00e4ssige und straff organisierte Truppe um sich gesammelt, die auch erste bescheidene Erfolge im Organisationsaufbau hatte.<\/p>\n<p>Es stellte sich aber heraus, dass diese Truppe unflexibel im Umgang mit der neuen Situation war. Viele der leitenden Revolution\u00e4re f\u00fcrchteten den Zustrom von \u201eUnerfahrenen\u201c, die nicht gen\u00fcgend theoretisch ausgebildet seien. Um diese Haltung zu brechen, machte Lenin 1905 eine Kehrtwende: \u201eEs unterliegt keinem Zweifel, dass die Revolution den Arbeitermassen in Russland den Sozialdemokratismus beibringen wird (\u2026).\u00a0 In einem solchen Augenblick dr\u00e4ngt die Arbeiterklasse instinktiv zur offenen revolution\u00e4ren Aktion (\u2026) Die Arbeiterklasse ist instinktiv und spontan sozialdemokratisch (\u2026)\u201c \u2013 wobei sozialdemokratisch bei Lenin gleichbedeutend mit revolution\u00e4r ist.<\/p>\n<p><strong>\u201eDie Wahrheit ist immer konkret.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Nun wird auch bei Lenin das revolution\u00e4re Bewusstsein nicht mehr von au\u00dfen herangetragen, sondern entsteht spontan und mit solcher Wucht, dass die Bolschewiki aufpassen m\u00fcssen, damit der Zug der Bewegung nicht an ihnen vorbeirauscht und sie keine Bindung zu den neu radikalisierten Arbeiterinnen und Arbeitern finden. B\u00f6swillige k\u00f6nnten behaupten, dass ein Theoretiker, der einmal dies behauptet und drei Jahre sp\u00e4ter das Gegenteil, ein Problem mit der Koh\u00e4renz seiner Gedanken hat. In Wirklichkeit zeigt diese Episode nur, dass Lenin f\u00e4hig war, auf eine ver\u00e4nderte Lage auch zu reagieren, denn, wie er selbst sagte: \u201eDie Wahrheit ist immer konkret.\u201c<\/p>\n<p>Eine Beschr\u00e4nkung auf die altgedienten Parteimitglieder h\u00e4tte die Bolschewiki von der gro\u00dfen Bewegung abgeschnitten und dadurch das Ziel des Aufbaus einer revolution\u00e4ren Partei der Arbeiterklasse untergraben. Also forderte Lenin: \u201e\u00d6ffnet die Tore der Partei\u201c, ohne allerdings die programmatischen Grunds\u00e4tze und Prinzipien \u00fcber Bord zu werfen. Der Verlauf der Revolution machte zudem neu radikalisierten Schichten bestimmte Dinge klar, weil sie offensichtlich waren: Die Brutalit\u00e4t und Unreformierbarkeit des Zarenregimes, die \u00e4ngstliche Haltung der B\u00fcrgerlichen, die die Revolte mehr f\u00fcrchteten als den Zaren, aber auch die potenzielle eigene Macht.<\/p>\n<p><strong>Leninistische Partei und stalinistische Karikatur<\/strong><\/p>\n<p>Nach Auseinandersetzungen in den eigenen Reihen \u00fcber Mitgliedschaftskriterien und Fragen des Parteiaufbaus machten die Bolschewiki im Verlauf des Jahres 1905 enorme Fortschritte; vor allem, nachdem Lenin im November aus dem Exil zur\u00fcckkehren konnte. Zu diesem Zeitpunkt z\u00e4hlten sie 8400 Mitglieder. Im April 1906 waren es 13.000 Mitglieder und 1907, als die Revolution endg\u00fcltig niedergeschlagen wurde, waren die Bolschewiki mit 46.000 Mitgliedern der st\u00e4rkste Fl\u00fcgel der russischen Sozialdemokratie. Es folgten dann wieder diverse R\u00fcckschl\u00e4ge. Dennoch verf\u00fcgten die Bolschewiki bei\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/roter-oktober-was-wirklich-geschah\/\">Ausbruch der Revolution 1917<\/a>\u00a0\u00fcber eine in der Arbeiterklasse verankerte und handlungsf\u00e4hige Partei.<\/p>\n<p>Und was ist nun eine leninistische Partei? Die beiden Spr\u00fcnge in der Organisationstheorie 1902 und im Verlaufe der Revolution 1905 lassen sich formelhaft als \u201eFest in den Prinzipien, flexibel in der Taktik\u201c zusammenfassen. Die Umst\u00e4nde m\u00f6gen sich seitdem ge\u00e4ndert haben. Trotzdem ist jeder, der sich heute mit den Fragen des Aufbaus von Organisationen zum Kampf gegen den Kapitalismus befasst, gut beraten, sich mit den grunds\u00e4tzlichen Ideen Lenins zum Parteiaufbau auseinanderzusetzen \u2013 aber nicht mit der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/russische-revolution-1917-grosser-aufbruch-und-tiefer-fall\/\">stalinistischen Karikatur<\/a>\u00a0namens \u201eLeninismus\u201c.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/lenin-partei-organisationsfrage-bolschewiki-leninismus\/\"><em>marx21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. Oktober 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan Bornost. In der b\u00fcrgerlichen Geschichtsschreibung gilt Lenin als geistiger Vater der monolithischen Partei stalinistischen Typs. 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